Alte Kameraden und Kurzhaarjugend als „Hitler“-Fans

"Wallfahrtsziel", Braunau diskutiert den Umgang mit dem unerwünschten Erbe

BRAUNAU. Das verschlafene Innviertler Städtchen Braunau am Inn erwacht einmal im Jahr zu einer seltsamen Art von Leben. Um den 20. April herum, also weit entfernt von der Tourismus-Saison, streifen auffallend viele Besucher durch die Stadt. Meist ältere bis sehr alte Herren mit Ehefrauen, deren Aufmerksamkeit weniger dem romantischen Stadtplatz gilt, sondern dem Stadtteil „Salzburger Vorstadt“. Am 20. April, zu „Führers Geburtstag“, interessiert sie Hitlers Geburtshaus: Stramm nehmen die alten Kameraden so Aufstellung, daß sie den Mahn- und Gedenkstein verdecken, während die Frau ein Photo schießt. Dies hat nun im Verein mit der Diskussion um „braune Flecken“ im Land ob der Enns (Stichwort: Wels) eine, private Gruppe in Hitlers Geburtsstadt animiert, die Vergangenheit der Stadt in den Brennpunkt öffentlichen Interesses zu rücken. Unterstützt von der Stadt und geleitet vom Innsbrucker Politikwissenschaftler Andreas Maislinger werden von 25. bis 27. September die „l. Braunauer Zeitgeschichtstage“ stattfinden, Titel: „Unerwünschtes Erbe“. Nicht die Stellung Braunaus im Dritten Reich wird Gegenstand der September-Tagung sein und auch nicht Verhalten und Taten der Bürger der Stadt am Inn. Thema soll die Zeit ab Mai 1945 sein, die Frage, wie eine Stadt damit umgeht, „braune Flecken“ in ihren Grenzen zu haben und eine Art Wallfahrtsziel zu sein.

Stiefelträger mit Nazisprüchen

Während sich vor drei Jahren, zu „Führers 100. Geburtstag“, noch Massen durch Braunau wälzten, waren es heuer nur ein paar Dutzend Neugierige. Mit dem Zug nach rechts haben – aus biologischen Gründen – nur noch wenige aus der älteren Generation zu tun. Um so stärker greift rechtsradikale Propaganda bei Jugendlichen Das beweist nicht nur eine Jugendstudie des Landes Oberösterreich, es ist auch in den Schlagzeilen lokaler Medien nachzulesen. In Braunau und Umgebung tauchen immer mehr Jugendliche mit Kürzesthaarschnitt, Ballonjacken, klobigen Stiefeln und Baseball-Schlägern auf, heißt es da, die ihre Mitbürger mit Nazi-Sprüchen und manchmal auch mit physischen Attacken terrorisieren. Die Antworten sollen von Lokalpolitikern und Wissenschaftlern aus Orten kommen, die mit einem ähnlichen Schicksal behaftet sind. So wurden Vertreter eingeladen aus Mauthausen, Buchenwald, Dachau (Konzentrationslager), Wöllersdorf (Anhaltelager), Bautzen (DDR-Gefängnis) oder Stalins Geburtsstadt Gori. Wobei man in Braunau nicht alle diese Orte als Vorbild nehmen wird. Gori etwa mit seinem unbekümmerten Umgang mit der Geschichte, der einen Zug zur Verherrlichung hat, wird in Braunau als Negativbeispiel präsentiert. In ähnlicher Funktion soll ein Vertreter aus dem italienischen Predappio auftreten: Die Geburtsstadt Mussolinis vermarktet mit Zustimmung aller politischen Fraktionen ihr „Erbe“ touristisch. Maislingers Ziel: „Braunau sollte in einigen Jahren nicht nur mit Hitler, sondern mit neuen Anregungen im Bereich der Zeitgeschichtsforschung in Verbindung gebracht werden.“ Ähnlich im „Presse“-Gespräch der Braunauer SP-Bürgermeister Gerhard Skiba: „Wer in Zukunft Braunau besucht, soll merken, die Stadt verschweigt nichts. Er soll auch merken, daß sich die Stadt mit ihrem Erbe auseinandersetzt.“ Skiba wie Maislinger setzen sich dafür ein, daß die Zeitgeschichtstage eine ständige Einrichtung werden. Die Stadt, die das Hitler-Geburtshaus derzeit als Untermieter beansprucht (für die Lebenshilfe), wird das Gebäude der derzeitigen Inhaberin, die nichts mit der Familie Hitler zu tun hat, abkaufen. Darin soll eine Außenstelle des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes eingerichtet werden.

„Auf keinen Fall ein Hitler-Museum“

„Auf keinen Fall soll es ein ,Hitler-Museum‘ werden“, meint Skiba, der Mißverständnisse vermeiden möchte. Maislinger hat bereits inhaltliche Pläne über künftige Themenstellungen. 1993 sollen ehemalige ukrainische und polnische Fremdarbeiter eingeladen werden. Ein weiteres Wunsch-Thema des Innsbrucker Historikers: Warum wird an Franz Jägerstätter, aber kaum an andere Wehrdienstverweigerer erinnert? Auch das absolute Tabu-Thema Vertreibung von Deutschen aus Österreich nach dem Krieg will Maislinger aufgreifen.

Walter Kohl
Die Presse
http://diepresse.com

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