Neues Buch von Anna Rosmus: Kriegsende 1945 – nie gesehene Bilder

Die Amis sind da, der Krieg ist vorbei – es ist ein magischer Moment im Frühjahr 1945. Eingefangen ist er auf Bildern, die bisher in den USA schlummerten. Ein imposanter Bildband von Anna Rosmus holt sie ans Licht. So hat das Kriegsende noch keiner gesehen.

Kindersoldat: Der Gefreite Leonard C. Wegner (r.) durchsucht am 26. April 1945 einen 14-jährigen Hitlerjungen.
Kindersoldat: Der Gefreite Leonard C. Wegner (r.) durchsucht am 26. April 1945 einen 14-jährigen Hitlerjungen.

München/Passau – Es ist der 26. April 1945, als jemand das Foto schießt, ein paar Tage vor Kriegsende. Zu sehen ist US-Soldat Leonard C. Wegner aus dem US-Bundesstaat Indiana, er filzt ein Kind, genauer: einen Hitlerjungen. Was für ein Foto! Es zeigt einen verschreckten Buben von 14 Jahren, der beide Hände weit von sich streckt. So viel ist klar: Der Krieg, der nie seiner war, ist für ihn zu Ende. Doch was mag der Junge gedacht haben? Hatte er Angst? War er erleichtert? Wie ging es mit ihm weiter?

Zu solchen Fragen regt ein neuer Band mit Bildern an, die Anna Rosmus zusammengesammelt hat. Die 49-Jährige ist keine Unbekannte: Rosmus bohrt schon länger in der deutschen Vergangenheit, genauer seit 1980 (siehe Kasten). Damals hatte sie als Schülerin dunkle Winkel in der NS-Vergangenheit ihrer Heimatstadt Passau durchleuchtet. Das beschauliche Passau war außer sich. Rosmus wurde als „Nestbeschmutzerin“ beschimpft, es gab sogar Morddrohungen. 1994 ging sie in die USA. Jetzt meldet sie sich mit dem Bildband zurück – und wie!

Rosmus hat in Privatalben früherer US-Soldaten gestöbert, auch in US-Archiven. Sie spürte Fotos der 3. US-Armee von General George Patton jun. auf, der 1945 Südost-Bayern eroberte und dann als Militärgouverneur von Bayern in Bad Tölz residierte. Über Patton, einen robusten Südstaaten-General, dessen latenter Antisemitismus bekannt war, verliert Rosmus im Buch kein kritisches Wort. Mit vielen seiner Untergebenen, schreibt sie, sei sie heute eng befreundet. Das Vertrauen zahlte sich aus: Sie haben ihr Fotos gezeigt, wie es sie noch nicht zu sehen gab.

Die Bilder sind oft unmittelbar nach Ende der Kämpfe in Südostbayern entstanden. Sie zeigen das Kriegsende als einzigartigen Augenblick – ein Augenblick der Befreiung, gewiss, aber auch ein Augenblick, in dem die Unterlegenen noch nicht wussten, was geschehen würde.

Siegerschlaf im Feindbett: Am 21. April 1945 ruht sich ein US-Soldat auf Hermann Görings Bett im Schloss Veldenstein bei Nürnberg aus. FOTOS: VERLAG
Siegerschlaf im Feindbett: Am 21. April 1945 ruht sich ein US-Soldat auf Hermann Görings Bett im Schloss Veldenstein bei Nürnberg aus.
FOTOS: VERLAG

Zum Beispiel dieses Foto: Ein US-Soldat schläft in voller Montur im Luxus-Bett eines Schlosses – einst nächtigte darin Ober-Nazi Hermann Göring.

Jugendarrest: Diese Hitlerjungen zwischen 13 und 16 Jahren gerieten im April 1945 bei Moosburg in Gefangenschaft.
Jugendarrest: Diese Hitlerjungen zwischen 13 und 16 Jahren gerieten im April 1945 bei Moosburg in Gefangenschaft.

Oder dieses Foto: Auf einer Wiese lagert eine Gruppe Hitlerjungen, das Foto entstand bei Moosburg (Kreis Freising), es sieht ein bisschen aus wie im Abenteuer-Camp.

Oder jenes Bild: SS-Männer bei einer Gegenüberstellung, mit Erschöpfung und Angst in ihren Gesichtern. Wer ist der Täter, auf den der Wehrmachtssoldat gleich zeigen wird?

Rosmus zeigt ein Foto von Ferdinand Schörner (ein bei Hitler hochangesehener, später in Garmisch-Partenkirchen beerdigter Wehrmachts-General), der in kurzen Hosen in einem US-Jeep zu einer Vernehmung gefahren wird. Wir begegnen Nazi-Hetzer Julius Streicher bei der Gefangennahme sowie Ehefrau und Tochter Himmler bei der Internierung im Mai 1945 in Bozen.

Mörderisch: Ärztin Erika Flocken vom KZ Mühldorf
Mörderisch: Ärztin Erika Flocken vom KZ Mühldorf

Im Bildband findet sich ein Foto der Ärztin Erika Flocken, sie trägt eine Rot-Kreuz-Binde am linken Oberarm und lächelt. Flocken war eine mörderische Medizinerin, die die Häftlinge im KZ Mühldorf quälte. Sie wurde zum Tode verurteilt, später begnadigt.

Familienbande: Ein US-Soldat verhört im April 1945 Hans Goebbels (r.), Bruder des Nazi-Ministers Joseph Goebbels.
Familienbande: Ein US-Soldat verhört im April 1945 Hans Goebbels (r.), Bruder des Nazi-Ministers Joseph Goebbels.

Ein Foto zeigt Hans Goebbels, Bruder des Propagandaministers Joseph Goebbels, bei einem Verhör – auch das ein sensationeller Fund.

Zentral ist das Kapitel über die Befreiung der Lager Mauthausen und Flossenbürg und über die Verbrechen, auf die die Amerikaner bei ihrem Vorstoß ins Innere Bayerns stießen. „Verbrechen entdeckt“, so hat Rosmus das Kapitel kurz und präzise getitelt. Erschütternde, grauenhafte Fotos, auch von Leichen. Eine Bilderserie zeigt die Exhumierung von ermordeten Häftlingen und Kriegsgefangenen in einem Wald bei Passau.

Es zeichnet das Buch aus, dass es auch die kleinen Orte der Vernichtung nicht ausspart. Kaum bekannt ist, dass gegen Kriegsende auch abseits der großen Lager Massen-Erschießungen stattfanden, in Orten wie Wiesenfelden, Hals, Tiefenbach oder Kirchham. Rosmus holt diese Vernichtungsstätten ins Gedächtnis zurück. Fürwahr: Es war für alle – Opfer und Täter, Befreier und Befreite – ein „Walhalla Finale“. Das ist auch der Titel des 350 Seiten starken Bandes – nach einer Wortschöpfung von US-Soldaten, die den Kampf in der Donauregion „Valhalla Finale“ nannten.

Viel Platz nimmt das Aufeinandertreffen von gefangenen deutschen und US-Soldaten ein. Spätestens im Frühjahr 1945 erreichte der Krieg auch das letzte Dorf, ja den abgelegensten Weiler. Wir sehen tausende deutscher Kriegsgefangener, wie sie in einer vierreihigen, unendlich langen Kolonne durch das Dorf Fürstenzell bei Passau marschieren. Es war eine gewaltige logistische Leistung der US-Armee, diese Massen von Gefangenen im Frühjahr 1945 zu versorgen.

Rosmus charakterisiert sich selbst als jemand, der „nie eine andere Waffe trug als den Kampfgeist, mich absichtlicher Unterjochung und Ungerechtigkeit zu widersetzen, wo immer ich darauf stieß“. Dieses Pathos mindert den Wert des Buches nicht. Die Pionierleistung der 49-Jährigen liegt in der Bilder-Rekonstruktion und der präzisen Beschreibung von dem, was darauf zu sehen ist. Sie will keine Zweifel aufkommen lassen. Viele Bilder waren „verbogen, gerissen, verblasst oder verkratzt“, schreibt sie. Schon ist die Rede von einem Veteranenmuseum, das Rosmus errichten will in Passau – oder in Hitlers Geburtsstadt Braunau am Inn.

Das Buch

Anna Rosmus: Valhalla Finale. Das Ende des II. Weltkrieges – von der Normandie nach Linz und Prag, 350 Seiten, rund 650 Schwarz-Weiß-Bilder, 39 Euro, ISBN 3-9810084-7-2.

Das „schreckliche Mädchen“ Anna Rosmus

Anna Rosmus, 49, ist so etwas wie eine Geschichts-Detektivin. 1980 wurde sie bundesweit bekannt: Als Gymnasiastin hatte sie in ihrer Heimatstadt Passau über die NS-Zeit recherchiert und herausgefunden, dass viele führende Passauer aktive Nazis gewesen waren. Sie wurde bedroht, mehrere Molotow-Cocktails flogen in ihr Wohnzimmer. Sie schrieb trotzdem ein Buch („Widerstand und Verfolgung am Beispiel Passaus 1933-1939“), dann noch eins, und noch eins. Sie bekam den Geschwister-Scholl-Preis, Michael Verhoeven drehte einen mehrfach ausgezeichneten Film über sie, er hieß „Das schreckliche Mädchen“ (1990, mit Lena Stolze als Anna Rosmus), der Streifen wurde sogar für den Oscar nominiert. 1994 wanderte Rosmus in die USA aus.

Allein auf der Welt: Ein heimatloses Waisenkind steht am Grab seines Vaters, der im KZ Mauthausen starb.
Allein auf der Welt: Ein heimatloses Waisenkind steht am Grab seines Vaters, der im KZ Mauthausen starb.

Spielgefährte: US-Soldat in Wels mit einem Mädchen. Foto: Rosmus/Wallhalla Finale
Spielgefährte: US-Soldat in Wels mit einem Mädchen. Foto: Rosmus/Wallhalla Finale

Dirk Walter
Münchner Merkur Nr. 290
http://www.merkur.de/

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