Braunau am Inn und die “Braunen”

Widerlicher Neo-Nazi-Anschluss an eine demokratische Kundgebung geplant…

Ach, wär´s doch die Wahrheit und nicht die Dummheit des deutschen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg gewesen: Als er Adolf Hitler zum Reichskanzler ernennen sollte, sträubte er sich einige Zeit: Den „böhmischen Gefreiten“, der es gewagt hatte, einen Wahlkampf gegen ihn, seinen einstigen Generalfeldmarschall, um das Präsidentenamt zu führen, wollte er nicht unwidersprochen in Deutschlands höchste Machtposition heben. Hindenburg glaubte an Hitlers Herkunft aus der tatsächlich böhmischen Gemeinde Braunau nahe Prag, während der spätere Reichskanzler und „Führer“ und millionenfache Völkermörder Hitler in Braunau am Inn in Oberösterreich geboren worden war. Nach vielen Jahrzehnten deutlicher Distanzierung gehen Stadt und Bürger Braunaus neuerdings recht zwiespältig, genau genommen: peinlich und unverzeihlich mit dieser Wahrheit um. Neo-Nazis wittern Morgenluft und planen, die traditionelle demokratische Anti-Hitler-Kundgebung am 16. April 2011 zu unterwandern.

Das immer noch mittelalterlich-gotisch und barock geprägte Städtchen Braunau am Inn und seine Bürger konnten ja nichts dafür, dass Adolf Hitler am 20. April 1889 hier geboren wurde: Vater Alois, der bis 1877 Schicklgruber geheißen hatte, war als Zollbeamter an der Grenzbrücke zum gegenüberliegenden Bayern dienstlich tätig. Schon bald wechselte der junge Hitler auf die Realschule in der Maschinen- und Motorenbaustadt Steyr. Die verließ er mit 16 Jahren ohne Abschluss. Als Kunststudent an der Wiener Akademie abgewiesen und seither obdachloser Faulenzer wechselte er ins bayerische München, um dem Wehrdienst in der österreichisch-ungarischen Armee zu entgehen. Neuere Forschungen belegen überdies, dass er seine vorgeblich „lebensgefährliche“ und darum „tapfere“ Soldatenzeit im Ersten Weltkrieg frech zusammenlog: Auch da nämlich war er in Wahrheit ein Drückeberger hinter der Front!

Braunau indessen musste mit seiner Vergangenheit leben, obwohl die Hitlers hier nur wenige Jahre gelebt und als eher verachtete Zöllner auch kaum gesellschaftlichen Umgang gehabt hatten. Dass ihm an seiner Heimatstadt gelegen wäre, ließ der junge Politiker nicht erkennen. Fanatische Anhänger Hitlers und seiner NSDAP freilich, allen voran der Passauer Ortsgruppenleiter Max Moosbauer, begannen bald mit einem wahren Kreuzzug der Verehrung bis zur Massenhysterie: Moosbauer baute in Passau eine „Nibelungenhalle“ für Naziaufmärsche und Großversammlungen. Ungeachtet dieser historischen Belastung war sie bis zu ihrem endlichen Abriss vor einem Jahrzehnt alljährlicher Schauplatz der CSU-Massenveranstaltung „Politischer Aschermittwoch“. Dabei exekutierte vor allem der umstrittene CSU-Chef, Ex-Atom- und Ex-Verteidigungsminister und bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß seine partei-, bundes- und weltpolitischen Grobheiten.

Weil die Nazis in Österreich aber noch verboten waren, als Hitler in Deutschland bereits alle seine demokratischen Gegner ausgeschaltet, die ersten KZ eröffnet, persönliche Feinde und Ex-Freunde hatte ermorden lassen, machte Moosbauer den Diktator und seine engsten Mit-Verbrecher zu Ehrenbürgern der altehrwürdigen, bischöflichen Stadt Passau am Zusammenlauf von Donau, Inn und Ilz. Und er widmete Hitler und dessen Schwester die Straßen, an denen die einst kurzzeitig gewohnt hatten. An der Grenzbrücke in Simbach am Inn mit Blick auf das von 1934 bis 1938 rigoros versperrte Braunau postierten sich Moosbauer und seine Getreuen zu Jubelkundgebungen für Hitler. Mit dem „Anschluss Österreichs“ im Jahre 1938 gewannen Moosbauer und seine österreichischen Bundesgenossen auch Zugriff auf Hitler-Festlichkeiten in Braunau: Der „Führer“ hatte „meine Heimat ins Deutsche Reich heimgeführt!“

Unzweifelhaft hat Braunau von seinen kurzzeitigen Bürgern Hitler profitiert. Das Geburtshaus wurde prächtig herausgeputzt, die Touristen kamen in Massen. Doch ob der Merksatz in Friedrich Schillers „Glocke“: „Der Wahn ist kurz, die Reu´ ist lang“ hier wirklich zutrifft, darf angezweifelt werden. Es dauerte Jahrzehnte, bis endlich ein Mahnmal als nachträglicher Protest gegen die Hitlerei aufgestellt wurde:

„Für Frieden und Freiheit
Und Demokratie
Nie wieder Faschismus
Millionen Tote mahnen“

ist darauf zu lesen, ein nicht sonderlich verbindlicher Text, sondern ein für Österreichs Umgang mit der Historie typischer Kompromiss. Für ein „Mahnmal gegen den Faschismus“ ein bisschen sehr schwach!

Als sich in den Nachkriegsjahren bald schon wieder tiefbraune Gruppierungen alljährlich in Braunau versammelten, exakt an Hitlers Geburtstag, murrten noch viele Braunauer unüberhörbar, nicht nur die jeweiligen Bürgermeister egal welcher Parteien. 1989 hatten Staatsschützer zu Hitlers 100. Geburtstag gar mit Hundertschaften der Neo-Nazis gerechnet – und dann standen Polizeihundertschaften etwa 150 Fernseh- und Rundfunkteams und Journalisten aus aller Welt gegenüber. Vergeblich kontrollierten auf der deutschen Seite bayerische Polizisten fast jedes Auto, jeden Radler und alle Fußgänger über die Innbrücke. Vergeblich belagerten österreichische Gendarmen alle Zufahrten Braunaus, um Störer abzuweisen – sie kamen nicht! Erst Tage später rückten die „Braunen“ in kleinen Grüppchen an – ungestört.

Seit Jahren aber versammeln sich seither demokratische Bündnisse in der Stadt, erfreulich viele junge Menschen darunter: Gewerkschafter, linke Initiativen, erklärte Antifaschisten, hier und da schon einmal mehr als 500 Demonstranten. „Keine Nazis in unserer Stadt“ steht auf ihren Plakaten zu lesen. Auffällig jedoch: Seit einiger Zeit werden wieder ungeniert Ansichtskarten mit Hitlers Geburtshaus verkauft. „Braunau am Inn, ein Städtchen zum Verlieben – Salzburger Vorstadt mit Hitlers Geburtshaus“ steht darauf, eine Provokation? Oder nur Taktlosigkeit?

Eine Anfrage, ob das unvermeidlich sei, beantwortete Ingrid Trauner vom Stadtamt Braunau für Vize-Bürgermeister Günter Pointner: „Der Verkauf unterliegt nicht dem Verbotsgesetz und so hat die Stadt keine rechtliche Möglichkeit dies zu unterbinden, auch wenn dieser Verkauf von der Stadtgemeinde nicht erwünscht ist.“ Das erwähnte Verbotsgesetz regelt, dass faschistische Zeichen wie Hakenkreuze und Fahnen sowie Hitler-Bilder nicht verkauft, der „Hitler-Gruß“ nicht gezeigt werden dürfen. Aber ausgerechnet Bilder jenes Hauses, in dem letztlich alles begann, doch?

Es gibt aber weitere Bedenklichkeiten in Braunau am Inn: Auch in diesem Jahre am 16. April wollen sich in Braunau wieder die Demokraten gegen den weltweiten Faschismus versammeln. Wieder wollen sie mahnen und erinnern, Gedenken und Wahrhaftigkeit einfordern – und ausgerechnet nun will der neue Bürgermeister Hannes Waidbacher mit der Kundgebung nichts mehr am Hut haben: Der Mann aus der christlichen Österreichischen Volkspartei (ÖVP) spricht davon, dass Kundgebung und das Drumherum längst „eingespielt“ seien, weshalb es für die Antifaschismus-Demo keine offizielle Unterstützung mehr gebe. Sein Vorgänger von der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) Gerhard Skiba, hatte sich immer noch persönlich mit Faschismus-Opfern und Opferverbänden solidarisiert und für Unterstützung gesorgt.

Die Neo-Faschisten Österreichs hatten seit Jahren keinen Antrag auf Genehmigung einer Gegenkundgebung mehr gestellt: Die Stadt bzw. das Bezirksamt hatten sie stets abgewiesen. Und so riefen die Chefs der Nationalen Volkspartei (NVP) in diesem Jahr ihre Mitglieder und Mitläufer klammheimlich übers Internet auf, bei der Demo in Braunau mitzumachen. Die 20 entsetzten politischen Gemeinschaften, die die Demo veranstalten, hörten von NVP-Spitzen die aberwitzige Erklärung: „Wir machen mit, schließlich unterstützen wir ja die Südtiroler auch gegen ihre italienischen faschistischen Unterdrücker“ – zur Erinnerung: Ausgerechnet das Idol der Neo-Nazis, Adolf Hitler, hatte das einst österreichische Südtirol dem seinerzeit faschistischen Italien ein- für allemal geschenkt!

Eva Gaisbauer von der Sicherheitsabteilung des Bezirks Braunau hält das geplante Auftreten der NVP „nicht für gefährlich“: Erstens seien die Mitgliederzahlen der Nationalen rings um Braunau verschwindend gering. Zweitens würden 120 Polizisten für Ordnung sorgen. Eva Gaisbauer: „Versuche, die Kundgebung zu stören, werden wir unterbinden.“ Weil die Rechtspartei aber nicht einmal um eine Genehmigung für einen eigenen Auftritt angefragt habe, könne auch nichts verboten werden.

Es bleibt also dabei: Braunau tut sich zunehmend schwerer, angemessen mit seiner Vergangenheit umzugehen. Das freilich ist nicht neu in Österreich, das sich immer lauter als „erstes Opfer“ seines Landsmannes Hitler präsentiert und gar nichts mehr vom landesweit umjubelten Triumphzug Hitlers durch seine eben an Deutschland angeschlossene Heimat wissen will!

S. Michael Westerholz/Deggenau
haGalil
http://www.hagalil.com/2011/04/braunau/

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