Braunau kann nichts dafür

In der „Geburtsstadt“ ist´s für die meisten „alter Käs“.

Natürlich ist Braunau mehr als das. Die Prospekte des Fremdenverkehrsverbandes wissen davon zu erzählen: die Häuser aus dem 14. Jahrhundert, die letzte erhaltene Glockengießerwerkstatt des deutschen Sprachraums, eine gotische Spitalskirche, die Herzogsburg, die Stadtpfarrkirche mit dem dritthöchsten Kirchturm Österreichs. „Braunau – Geschichte, die lebt“, heißt der Slogan der Fremdenverkehrswerber.

Ich sitze in Wolfgang Simböcks Wohnzimmer, mit Blick auf den Pfarrplatz, vorm Fenster der dritthöchste Kirchturm. Hier herinnen hängen Marx- und Antikriegsplakate – Erinnerungsstücke der heimischen Linken. „Braunau ist sicher auch so etwas wie eine Kaderschmiede der Antifaschisten“, hat die Elfi erzählt. Wolfgang Simböck ist Musikschuldirektor, SP-Gemeinderat – und im Antifa-Komitee. „Hitler-Stadt? Das ist in letzter Konsequenz eigentlich kein Aspekt von Braunau. Das ist Zufall.“ Adolf Hitler war keine drei Jahre alt, als seine Eltern wieder weiterzogen. Hitlers Kindheit und Jugend spielte sich vor allem im oberösterreichischen Zentralraum ab. Hitlers Liebe galt vor allem Linz.

Eine normale Kindheit

Aber Braunau ist halt die Geburtsstadt. Und damit der Wallfahrtsort für die Alt- und Neonazis, der Anlaßfall für Antifaschisten. Kampfstätte für die Mini-Wallraffs der Pubertätsillustrierten. Wo findet man einen Wirt, der seine Extrazimmer den Deutschdümmlern zur Verfügung stellt? Wohl überall in Österreich, leider. In Braunau wird´s zur Skandalstory. „Niemand will Braunau anschauen als das, was es ist. Eine ganz normale, liebe kleine Stadt“, meint Elfi. „Das ist fast eine Überbeanspruchung – du bist ständig persönlich konfrontiert mit Nazis, mit Stapo, mit Stunksuchern, mit Journalisten, mit reinem Voyeurismus und diesem Mit-dem-Finger-auf-die-Stadt-Zeigen.“

„Wir sollten stellvertretend für ganz Österreich Symbole setzen“, erklärt Werner Forster, auch er im Antifa-Komitee aktiv, „und da waren wir überfordert.“ Dennoch: „Auch die Stadt hat da immer falsch reagiert“, meint Wolfgang Simböck.

Im offiziellen Geschichtsbewußtsein klaffte lange Zeit ein Loch zwischen 1938 und 1945. Im Gästeführer finden sich Lions-Club, Kino und Zimmergewehrschießen (im Innviertler Schießzentrum) – aber kein Wort von dem, was wohl alle Welt mit Braunau verbindet, auch nichts Distanziertes, auch nicht eine Mahnung.

Der Versuch, eine Mahntafel an Hitlers Geburtshaus anzubringen, scheiterte erst vor fünf Jahren: an der Feigheit der Hausbesitzer, aber auch an der Zaghaftigkeit der Stadtverantwortlichen, der Behörden. Jetzt erst, mit dem neuen Bürgermeister, ändert sich da einiges: Still und leise, auf dem Verordnungsweg, wurde nun vor anderthalb Wochen ein Mahnmal in der Salzburger Vorstadt aufgestellt – „in Ruhe und Würde“, so Wolfgang Simböck, möglichst ohne Medienspektakel. Dann gibt´s da die Privaten, meist harmlose Narren, die den Standortvorteil nutzen: ein Kriegsbeschädigter (!), der Biergläser mit nackten Frauen, mal mit Adolf-Porträts bepinselt. Der Jugendherbergswirt mit der Sammelwut: Bierdeckel, Krüge, eine komplette Sammlung der Erinnerungsmedaillen an die Raumfahrt, Wanderabzeichen und Orden von k. u. k. bis Republik. Die Naziabzeichen wurden (wie die ganze Sammlung) nach ersten „Hitler-Museum“-Storys von der Stadt abgekauft und unter Verschluß genommen. Dem Vernehmen nach sammelt er bereits wieder.

Aber „90 Prozent der Braunauer“, meint Wolfgang, „sagen der alte Kas, hört´s doch auf mit dem…“. Die Leute bewegen andere Dinge. Die Entwicklung bei der AMAG zum Beispiel, der großen Aluminiumschmelze im Ortsteil Ranshofen. Die Firma ist übrigens
trotz des Gründungsjahres 1939 nur mittelbar ein Andenken an den „Führer“ – der wollte die Fabrik eigentlich den Nachbarn im bayerischen Simbach hinstellen, allein, die wollten sie nicht.

Andere Sorgen

Die derzeit vollzogene Aufgliederung der Firma in mittlerweile 42 eigenständige Einheiten wird als „Zerschlagung der Verstaatlichten“ verstanden; wenn die alte Elektrolyse 1991 zugesperrt wird, sind fast 1000 Arbeitsplätze hin. Die Existenzangst schlägt sich bei den Wahlen nieder: Die KPÖ erhielt bei der letzten Betriebsratswahl 30 Prozent der Arbeiterstimmen, im Gemeinderat ist seit den letzten Wahlen die Zweidrittelmehrheit der SPÖ dahin. „In der Elektrolyseentscheidung sind wir von Wien im Stich gelassen worden“, meint Wolfgang Simböck. „Ich versteh´ auch die Leute von der AMAG“, erklärt Bert Schindler, SPÖ-Bezirkssekretär und Landtagsabgeordneter. „Wie wir während der Alleinregierung die neue Elektrolyse versprochen haben, hätten wir sie auch gleich bauen sollen. Da hätten wir den Strompreis regeln – und in Sachen Umweltschutz Vorbildfunktion übernehmen können.“

Was gibt´s sonst noch zu Braunau zu sagen? Wolfgang Simböck fällt ein recht reges Kulturleben ein – eher nach München orientiert, das mit 120 Kilometern gleich weit ist wie die Landeshauptstadt Linz. Dritte-Welt-Aktivitäten, so zuletzt mit einer österreichweiten Konferenz. Ein „Demokratischer Chor“, der in Österreich als einziger „konsequent Arbeiterlieder singt“ – so zumindest Simböck, der es als Leiter dieses Chors ja wissen muß.

Dennoch „Symbol“

Neun Kirchen, eine davon evangelisch. 14 Cafés, zwei Discos. Kegelbahn, Kino, Stadttheater. Eine Minigolfanlage. Der Fußballverein spielt in der Landesliga. Das Drogenproblem ist nach ein paar bösen Jahren wieder halbwegs im Griff. Alles in allem eine völlig unauffällige Kleinstadt wie hunderte auch?

Doch nicht ganz. Das „Symbol Braunau“ bleibt. Als „Aah – aus Braunau bist du…“-Ausruf bei denen, die weggehen, „als sei der Umstand, in dieser Stadt geboren zu sein, schon etwas Besonderes“, so Elfi. Und als Symbol des Gestrigen für die, denen diese Vergangenheit als „gute“ gilt. Wohin auch für die, die sich selbst Zukunft davon erhoffen. Nicht ganz zufällig spielte zuletzt wohl jener Politiker mit diesem Symbol, der vor keiner „großen Zeit“ Berührungsängste hat: Jörg Haider hielt die Abschlußkundgebung seiner letzten Nationalratskampagne in Braunau ab.

Fritz Dittlbacher
https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Dittlbacher
Arbeiter-Zeitung

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