Braunau sucht den Anschluss

Am 12. März vor 70 Jahren erreicht Adolf Hitlers Konvoi seine Geburtsstadt Braunau. Es heißt, er sei einfach durchgefahren. Die meisten Braunauer sehen das anders.

In Braunau hat das Sturmtief Emma arg gewütet. Hausdächer wurden abgedeckt, Bäume und Strommasten geknickt. Auch Hitlers Geburtshaus blieb nicht verschont. Eine Absperrung soll verhindern, dass Passanten von losen Dachziegeln erschlagen werden.

Was die PR-Beraterin Barbara Brunner an ihre Kindheit erinnert. Sie besuchte vor 40 Jahren die Volksschule, als die noch im so genannten „Hitler-Haus“ untergebracht war. „Damals“, so erinnert sie sich, „hätte man mit diesen Dachziegeln ein Vermögen verdienen können.“ Denn um Hitlers Geburtstag am 20. April seien vor dem Haus immer „sabbernde, alte Männer“ Schlange gestanden. „Die wollten kaufen, was nicht niet- und nagelfest war.“ Mit diesem Devotionalienhandel hätten einige Braunauer gute Geschäfte gemacht.

„Für Nazis ist das genau die richtige Watsch’n“Grundsätzlich sei der Hitler-Tourismus dem Großteil der Bevölkerung aber immer stark auf die Nerven gegangen. Doch sie wussten sich zu helfen: Unter Jugendlichen galt es lange als Königsdisziplin, Hitler-Touristen im Kreis zu schicken: „Wir haben jedem, der uns nach dem Geburtshaus gefragt hat, den Weg zum Bahnhof erklärt“, erinnert sich der Buchhalter Wolfgang Hirner (38).

Trotzdem dauerte es bis 1989, bis der Braunauer Bürgermeister Gerhard Skiba nach heftigen Debatten mit einem Gedenkstein aus dem Mauthausener Steinbruch endlich ein eindeutiges Zeichen setzen konnte. Am meisten freut die Braunauer aber, dass in diesem Haus heute die Lebenshilfe untergebracht ist. „Für Nazis dürfte diese Botschaft genau die richtige Watsch’n sein“, sagt Hirner. Der Historiker und Organisator der Braunauer Zeitgeschichtetage, Andreas Maislinger, würde sich dagegen einen offensiveren Umgang mit dem Thema wünschen. Er hat ein Konzept für ein „Haus der Verantwortung“ in der Schublade. Von Los Angeles bis Tokio sei dieses Konzept bereits begeistert kommentiert worden, sagt er im SN-Gespräch. Nur in Braunau interessiere sich leider niemand dafür.

„Was ist denn schon in Braunau passiert?“, fragt der HAK-Lehrer Thomas Silberhumer (40). Braunau als Geburtsort sei ja sogar fraglich, nachdem der Nürnberger Historiker Egon Fein kürzlich die These aufgestellt hatte, Hitler sei als Sturzgeburt im benachbarten Simbach zur Welt gekommen.

Auch der in Braunau aufgewachsene und – so wörtlich – „dort sozialisierte“ Musiker und Entertainer Klaus Eberhartinger sagt im SN-Gespräch, dass es „vollkommen wurscht“ sei, wo „dieser Faschist“ geboren wurde. Weltberühmt sei für ihn seine Heimatstadt nur wegen „dem Leberkäs’ vom Sammereyer-Metzger“.

Ein Blick auf den Gemeinderat beweist, dass Braunau alles andere ist als eine braune Stadt. Die SPÖ verfügt über 24 Mandatare, die ÖVP über sieben, die Grünen über fünf und die FPÖ über vier. „Der ,Anschluss‘ im Jahr 1938“, das glaubt der Braunauer Friseur und Kunstmaler Klaus Ranzenberger zu wissen, „war sowieso ein Witz.“ In der Stadtchronik steht geschrieben, dass Hitlers Konvoi am 12. März exakt um 15.50 Uhr seine Geburtsstadt erreicht hat und dann ohne Halt zu machen nach Linz weitergefahren ist.

Aber auch dazu kursieren seit 70 Jahren andere Geschichten. Hitlers Wagen, so wird gern erzählt, habe den Hund vom Auer-Metzger überfahren. Der Diktator habe seinen Fahrer angewiesen, dem Metzger den Schaden zu ersetzen. Der habe aber den Fahrer reichlich mit Würsten beschenkt. Auf Hitlers Frage, wofür er die gekriegt hat, soll der Fahrer geantwortet haben: „Ich habe gerufen: ,Heil! – Hitler – der Hund – ist tot.’“ „Humor ist die beste Art, mit diesem leidigen Hitler-Thema umzugehen. Das ist so unsere Art, Anschluss zur Normalität zu finden“, sagt Ranzenberger.

© SN/SW

Peter Gnaiger
Salzburger Nachrichten
http://www.salzburg.com/

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