Braunau will nichts mehr von Hitler wissen

Die Geburtsstadt des „Führers“ hat heute andere Sorgen

Braunau am Inn. Vor hundert Jahren am 20. April wurde Adolf Hitler in der österreichisch-bayerischen Grenzstadt Braunau am Inn geboren. Sie hat, wie Gemeinderäte und viele Menschen im Gespräch versichern, andere Sorgen.

Sie heißen „Aluminiumwerk Ranshofen“, das in der unmittelbaren Nachbarschaft große Umweltsorgen bereitet, aber bei Schließung ein paar tausend Arbeitsplätze kosten würde oder etwa „EG-Mitgliedschaft“. Die unmittelbare Nachbarschaft zur Bundesrepublik Deutschland nur wenige Meter über den Fluß würde so oder so, bei Mitgliedschaft oder Draußenbleiben, tiefe Einschnitte in das Leben der etwa 17.000 Braunauer bedeuten.

Seit Jahren ist Braunau nicht mehr das Ziel eines „Nazi-Nostalgie-Tourismus“ oder auch nur neugieriger Amerikaner, Deutscher und Japaner. „Die gehen nach Berchtesgaden“, meinen Braunauer Einwohner im Gespräch – ob nun mit bedauerndem oder dankbarem Unterton. Die letzte größere Neonazi-Demonstration fand vor zehn Jahren zum 90. Geburtstag des Nazi-„Führers“ statt. Eine Gruppe österreichischer und deutscher jugendlicher Neonazis wollten ihn lauthals feiern, wurden aber von der Polizei vertrieben. Und, wie Braunauer sich erinnern, es waren fast mehr Journalisten da als Demonstranten. Auch von einer kürzlichen Magazin-Story über ihre Stadt fühlen sich viele Braunauer verschaukelt. Die Reporter hatten sich angeblich als Neonazis ausgegeben. Bei anderer Gelegenheit sei eine Gruppe amerikanischer Jung-Nazis, die Braunau besuchen wollte, mit Hilfe der deutschen Polizei schon bei ihrer Landung in der Bundesrepublik gestoppt worden.

Ein früher festgestellter, recht lebhafter Nazi-Souvenir-Handel, ist offenbar in den Untergrund gegangen. Weit und breit sind keine relevanten Andenken wie „Führer-Bilder“ oder Bierkrüge zu kaufen. Es soll, so meinen Journalisten am Platz, unter der Hand „den einen oder anderen Bierdeckel“ oder so etwas geben.

Postkarten im Umlauf stammen von der Gegenseite. Ein Antifaschistisches Komitee hat Karten mit dem Hitler-Haus inmitten seiner Umgebung gedruckt, auf denen es heißt: „Gruß aus Braunau – 50 Millionen Tote mahnen. Nie wieder Faschismus!“ Rund 50 000 hat das Komitee in den vergangenen Jahren unter die Leute gebracht. Eine Verkäuferin der Buchhandlung meint, es kämen da schon Besucher „und wollen (Hitlers ideologisches Standardwerk) `Mein Kampf` kaufen“. Gibt es natürlich nicht. Andere Bücher über Adolf Hitler, die man vor Jahren in die Auslage gestellt hatte, seinen wieder aus dem Sortiment genommen worden. Die Leute wollten sie nicht kaufen, „sondern nur im Schaufenster fotografieren.“

Nichts wirbt in Braunau für „Das Geburtshaus“. Es ist auf keinem Stadtplan verzeichnet und tritt in der Liste der Sehenswürdigkeiten des Fremdenverkehrsverbandes nicht auf. Kommt man aus Bayern über die Innbrücke, steht man fast unvermittelt im Herzen Braunaus. Von da sind es gut 200 Meter zum Hitler-Haus, heute eine Heim für Behinderte. Hitler hätte sie töten lassen. Das Haus mit der Adresse „Salzburger Vorstadt 15“ ist einzige in der Umgebung, das vernachlässigt aussieht. Seine ockergelbe Farbe blättert ab und eine verblichene Inschrift deutet auf eine frühere Bestimmung hin: Volksbücherei.

Zweifelsohne war das Haus aber auch Ziel neonazistischer Demonstrationen gewesen. Hakenkreuze an einer Seitenmauer sind sorgfältig übertüncht, aber waren unverkennbar einmal angebracht gewesen. Erkennbar ist auch die Stelle, an der vor sechs Jahren eine Mahntafel angebracht werden sollte. Die Hausbesitzerin verbot sie, weil sie Demonstrationen fürchtete. Ein von ihr gegen den Gemeinderat angerufenes Gericht gab ihr Recht.

Jetzt hat Braunau ein Mahnmal. Der neue sozialdemokratische Bürgermeister Gerhard Skiba hat die Sache im Handstreich erledigt. Er nutzte sein Recht auf Erteilung einer Baubewilligung. Ein Steinmetz fertigte ein 1,2 Meter hohes Mal aus Steinen des oberösterreichischen ehemaligen Nazi-KZ´s Mauthausen, wo Hitler von geschundenen Häftlingen den Stein für seine Prunkbauten brechen ließ. Und ohne Zeremonie wurde es auf einem Parkplatz wenige Meter vor dem Hitler-Haus auf Gemeindegrund in einer Viertelstunde aufgestellt.

Für manche ein Ärgernis. Junge Menschen gehen daran vorbei und tun so, als sähen sie es nicht. Ältere drehen sich wie elektrisiert um und schütteln den Kopf, wenn sie die Aufschrift: „Gegen Krieg und Faschismus – Millionen Tote klagen an“, lesen. Eine ältere Frau im Loden-Kostüm fand die „passenden Worte“: Hier stehe wohl jetzt „ein richtiger Pinkelstein“. Einige Gemeinderäte, die nicht der SPÖ angehören, die eine absolute Mehrheit hat, hätten das Mahnmal lieber nicht öffentlich aufgestellt, sondern in einer nahe liegenden Kirche. Dort befinden sich bereits Kriegerdenkmäler aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Vom 100. Geburtstag Adolf Hitlers, der nie Ehrenbürger ihrer Stadt war, halten die Braunauer offenbar nicht viel. Der Gemeinderat aus 21 Sozialisten, neun Mitgliedern der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP), vier Alternativen, zwei Gemeinderäten der deutsch-nationalen Freiheitlichen Partei (FPÖ) und einem Kommunisten, geht aber auf „Nummer Sicher“. Offiziell werden alle Sicherheitspläne geheim gehalten. Informierte Kreise sprechen aber von 150 zusätzlichen Gendarmen, die kurz vor dem 20. April nach Braunau verlegt worden seien.

Wie es vielleicht viele Braunauer am liebsten sähen, das führte ihnen kürzlich ihr Lokalblatt „Braunauer Rundschau“ vor Augen. In einem ironischen, fiktiven Dialog sagt es ein Braunauer zu einem Besucher: „Ob ich wen kenne? Einen Adolf Hitler? Nein, er wohnt nicht in unserem Haus. In der ´Salzburger Vorstadt´? Da kenne ich nur einen Eissalon und einen Würstelstand…“.

Alex Wachsmuth
Trostberger Tagblatt

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