Braunaus ungeliebtes Erbe

Für die oberösterreichische Stadt ist Hitlers Geburtshaus ein Fluch – niemand will Verantwortung für das Gebäude übernehmen.

Manchem geht es auf die Nerven, immer nach dem Hitler-Haus gefragt zu werden, und sie schicken die Touristen dann irgendwohin, zum Krankenhaus zum Beispiel. Besonders oft gefragt wird der Verkäufer im Textilgeschäft gegenüber. Er deutet dann immer auf das gelbe Gebäude. Wenn der Hafer ihn juckt, schaut er auch auf die Uhr und sagt: „Kommen Sie um halb eins wieder, da schaut er gern zum Fenster raus!“

Wenn man hier geboren ist, hat man für das Haus in der Salzburger Vorstadt Nr. 15 meistens einen Satz auf Lager – nicht immer so einen lustigen, manchmal einen weisen oder auch einen banalen. Für den Umgang aber mit einem solchen Gebäude gibt es nicht einmal außerhalb Braunaus eine Regel. Aus einem KZ macht man eine Gedenkstätte, eine Kultstätte für Neonazis würde man einfach entfernen. Was aber tun mit einem dreistöckigen Haus in bester Stadtlage, in dem zufällig der Lebensweg des größten Verbrechers der Weltgeschichte begann? Das Haus steht schon seit mehr als einem Jahr leer. Für seine Zukunft will niemand die Verantwortung übernehmen.

Georg Wojak, dem munteren Bezirkshauptmann von Braunau am Inn, könnte man einen Vorschlag zutrauen. Weil er aber nicht zuständig ist, lässt er sich auch nur markante Sätze einfallen. Zum Beispiel: „Wir haben uns nicht ausgesucht, dass die Dienstmagd Klara Pölzl hier am 20. April 1889 einen Sohn geboren hat.“ Einmal hat Wojak auch gesagt, der Hitler habe hier „bloß die Windeln gefüllt“ – was aber prompt die Grünen auf den Plan rief. Der schon etwas zuständigere Bürgermeister von Braunau diktierte im September einem Redakteur des Wiener „Standard“ den Satz, er persönlich stelle sich „schon auch die Frage, wofür ich Verantwortung übernehmen soll“. Er zum Beispiel sei 21 Jahre nach Kriegsende auf die Welt gekommen. Und, schloss er, „so geht es vielen Menschen in Braunau“. Seit die Sätze gefallen sind, ist die Stadt wieder im Gespräch.

Braunau am Inn, 16 000 Einwohner, direkt an der Grenze zu Bayern gelegen, ist und war weder ein Schreckensort noch ein besonderes Nazi-Nest. Schon zu dessen Lebzeiten hatte die Geburtsstätte des Führers keine große Bedeutung. Als Adolf drei Jahre alt war, zogen die Eltern nach Passau. Nach dem „Anschluss“ 1938 kaufte die NSDAP das Gebäude, nicht um es zum Wallfahrtsort zu machen, sondern um zu verhindern, dass andere das Symbol besetzten. Eine Galerie mit Bildern regionaler Künstler wurde hier untergebracht.

Der „Führer“ selbst liebte es, seine Biografie in mystisches Dunkel zu tauchen, Er verband wenig mit Braunau. Als er am 12. März 1938 den Soldaten seiner Wehrmacht folgte und im offenen Wagen in sein Heimatland Österreich einfuhr, wählte er zwar seinen Geburtsort Braunau als Grenzübergang, die Kolonne blieb dort aber nicht einmal stehen.

Ältere Braunauer erzählten die folgende Geschichte: An der Brücke über den Inn hatte sich zum Willkommensgruß auch die örtliche die NS-Frauenschaftsführerin aufgestellt. Weil sie kurz zuvor ihren Mann verloren hatte, trug sie schwarz und einen Schleier. Der abergläubische Hitler soll so erschrocken gewesen sein vor der unheimlichen Schicksalsgöttin, dass er wortlos an seinem Geburtshaus vorbei gefahren sei. Bis zu seinem Ende hat er Braunau nicht wieder gesehen.

1912, zwanzig Jahre nachdem die Hitlers dort ausgezogen waren und ihr Sohn Adolf noch unbekannt war, kaufte das Braunauer Gastwirtspaar Josef und Maria Pommer das Haus. Sie ahnten nicht, dass es für sie zur Goldader werden würde. Als die Nazis es dann kaufen wollten, pokerten die Pommers so hoch, dass Reichsleiter Martin Bormann die Geduld verlor und brieflich drohte, man werde notfalls „andere Maßnahmen“ ergreifen. Immerhin zahlte Hitlers Privatsekretär noch 150 000 Reichsmark, etwa das Vierfache des damaligen Werts.

Nach dem Krieg beantragte Erbin und Tochter Kreszenzia Pommer die Rückgabe des Hauses, das als „deutsches Eigentum“ jetzt der Republik zugefallen war, und zeigte als Argument den Bormann-Brief vor. 1954 wurde ihr das Haus förmlich rückübertragen – für 150 000 Schilling, kaum mehr als ein Zwanzigstel des Preises, den ihre Eltern dafür bekommen hatten.

Die Republik mietete das Haus aber sogleich wieder an und überließ es der Stadt zur Nutzung. „Primäres Ziel“ dieser Konstruktion, so ein Sprecher des Innenministeriums, sei damals wie heute, dass das Haus nicht „zu bedenklichen Zwecken“ genutzt würde. In Braunau will man wissen, dass die heutige Eigentümerin, Gerlinde Pommer, im Monat vom Staat 4700 Euro bekommt. Sicher ist, dass sie für die Erhaltung keinen Cent bezahlt.

Eine Enteignung stehe „nicht zur Diskussion“, so das Ministerium, obwohl sie auch in Österreich möglich wäre, „wenn es das allgemeine Beste erheischt“. So wie die Verantwortlichen das „allgemeine Beste“ auslegen, ist die gegenwärtige, wiewohl teure Konstruktion allerdings wirklich die bessere. Gedanken könne man sich ja viele machen, sagt der Ortshistoriker Florian Kotanko, Geschichts- und Lateinlehrer am Gymnasium: „Aber es hängt alles an Frau Pommer.“ Wann immer es um die Zukunft des Hauses geht, können Republik, Land und alle anderen auf die unscheinbare Dame in den Sechzigern verweisen, die kassiert und schweigt.

Seit den Fünfzigerjahren beherbergte das große Haus teils gleichzeitig, teils nacheinander ein Gasthaus, eine Bank, die Bücherei, eine technische Lehranstalt und einige Klassen der Hauptschule. 1977 schließlich gab die Stadt das ganze Haus der Lebenshilfe, die eine Tagesförderstätte einrichtete. Eine ideale Lösung: Man musste nichts sagen, und doch verstand es jeder spontan als den stillen Triumph von Menschen, die unter Hitler ermordet worden wären. Im September vorigen Jahres allerdings zogen die Behinderten aus. „Wir hätten einen Lift gebraucht und eine Rampe, um das Haus barrierefrei zu machen“, sagt Andreas Wimmer von der Lebenshilfe. „Aber die Eigentümerin wollte das nicht.“ Warum, hat sie wieder mal nicht verraten.

Trotz der scheinbaren Beiläufigkeit im Umgang mit seinem Hitler-Haus ist Braunau ein magischer Ort geblieben. Unheimlich wird es jedes Jahr am 20. April, wenn die Polizei einrückt, die Einheimischen in den Häusern bleiben und Bürger und Polizei – vergeblich – auf die Neonazis warten. Wer im Ausland gefragt wird, wo er herkommt, sagt meistens „aus Oberösterreich“. Manchmal tauchen fragwürdige Figuren auf. Ein Ostdeutscher namens Thoralf Meinl machte zum Entsetzen der Stadtväter hier einen „Thor-Steinar-Laden“ auf, der allerlei Tand mit Wotan, Wikingern und Runen verkaufte, bis er mangels Kundschaft aufgab. Auch eine kleine Neonazi-Szene gibt es in Braunau.

Dass die düstere Magie auch bei noch so lautem Schweigen nie ganz vergehen würde, begriff als erster 1989 der damalige Bürgermeister Gerhard Skiba, ein linker Sozialdemokrat. Er ließ vor dem Haus einen Gedenkstein aufstellen: „Für Frieden, Freiheit und Demokratie / Nie wieder Faschismus / Millionen Tote mahnen.“ Heute gibt es hier ein Bündnis „Braunau gegen rechts“ und seit 1992 die „Braunauer Zeitgeschichte-Tage“, die sich gründlich mit dem „unerwünschten Erbe“ auseinandergesetzt haben.

Ideen gibt eine Menge. Zuletzt ließ sich der russische Abgeordnete Franz Klinzewitsch mit der Idee vernehmen, das Haus für zwei Millionen Euro zu kaufen und dann abzureißen; der tatsächliche Wert dürfte bei etwa 300 000 Euro liegen. Andreas Maislinger, in Österreich einer der wenigen Spezialisten in Fragen des Gedenkens, schlug ein „Haus der Verantwortung“ vor: Zivildienstleistende aus Österreich und Freiwillige aus EU-Ländern sollen hier zeitweise gemeinsam leben und sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Der ÖVP-Bürgermeister Johannes Waidbacher hätte dagegen lieber Wohnungen hier, wie er dem „Standard“ sagte, wohl mit dem naiven Hintergedanken, die Geschichte des Hauses werde so in Vergessenheit geraten. Als sein Vorschlag in der Weltpresse mit Kopfschütteln aufgenommen wurde, tauchte er erst einmal ab.

Bezirkshauptmann Wojak will Braunau als „Friedensbezirk“ bekannt machen und pflegt, als Gegengewicht zu Hitler, das Andenken von Franz Jägerstätter, einem katholischen Deserteur aus dem Zweiten Weltkrieg. Der rechten FPÖ wäre es „am liebsten, wenn wieder eine Sozialeinrichtung einzöge“, sagt Gemeinderat Gerhard Haberfellner, weiß aber auch nicht, woher nehmen. Der Braunauer SPÖ-Abgeordnete Harry Buchmayr kann sich ein Museum von Biografien aus der Zeit von 1920 bis 1938 vorstellen, „als in Österreich große Armut herrschte und viele darüber zu Nazis wurden“. Er hat nun durchgesetzt, dass es immerhin einen Arbeitskreis gibt: Interessierte Gemeinderäte und einige Historiker sollen sich eine Lösung ausdenken. „Wenn alle sich einig sind“, so Buchmayr, „wird sich wohl auch die Eigentümerin einer Lösung nicht verschließen“.

„Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute“, so beginnt Hitler sein programmatisches Opus „Mein Kampf“, „dass das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies“. Nach dem Tod wurde aus dem Glück ein Fluch, und der Arbeitskreis, der am 20. November das erste Mal tagen soll, muss ihn nun bannen. Wie Österreich und sein abtrünniger Sohn sich zueinander verhalten, ist immer noch nicht ganz klar. In der Schule haben die Älteren noch gelernt, die Nazis seien Deutsche und Österreich das „erste Opfer Hitlers“ gewesen. Von den Jüngeren haben viele von ihrem Lehrer gehört, dass die Anzahl der NSDAP-Mitglieder in Österreich nach dem Anschluss noch höher war als im Altreich. Wer die gültige Formel formuliert, ist ebenfalls noch unklar. Frau Pommer macht keine Anstalten dazu.

Norbert Mappes-Niediek
Märkische Allgemeine
http://www.hrb.at/bzt/doc/zgt/b1/presse/151112ma.html

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