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NEUES BUCH VON ANNA ROSMUS
Kriegsende 1945 – nie gesehene BilderVon Dirk Walter
Die Amis sind da, der
Krieg ist vorbei – es ist ein
magischer Moment im
Frühjahr 1945. Eingefangen
ist er auf Bildern, die
bisher in den USA schlummerten.
Ein imposanter
Bildband von Anna Rosmus
holt sie ans Licht. So
hat das Kriegsende noch
keiner gesehen.

Siegerschlaf im Feindbett: Am 21. April 1945 ruht sich ein US-Soldat auf Hermann Görings Bett im Schloss Veldenstein bei Nürnberg aus. FOTOS: VERLAG
München/Passau - Es ist der
26. April 1945, als jemand das
Foto schießt, ein paar Tage vor
Kriegsende. Zu sehen ist USSoldat
Leonard C. Wegner aus
dem US-Bundesstaat Indiana,
er filzt ein Kind, genauer: einen
Hitlerjungen. Was für ein
Foto! Es zeigt einen verschreckten
Buben von 14 Jahren,
der beide Hände weit von
sich streckt. So viel ist klar:
Der Krieg, der nie seiner war,
ist für ihn zu Ende. Doch was
mag der Junge gedacht haben?
Hatte er Angst? War er erleichtert?
Wie ging es mit ihm
weiter?
Zu solchen Fragen regt ein
neuer Band mit Bildern an, die
Anna Rosmus zusammengesammelt
hat. Die 49-Jährige ist
keine Unbekannte: Rosmus
bohrt schon länger in der
deutschen Vergangenheit, genauer
seit 1980 (siehe Kasten).
Damals hatte sie als
Schülerin dunkle Winkel in
der NS-Vergangenheit ihrer
Heimatstadt Passau durchleuchtet.
Das beschauliche
Passau war außer sich. Rosmus
wurde als „Nestbeschmutzerin“
beschimpft, es
gab sogar Morddrohungen.
1994 ging sie in die USA. Jetzt
meldet sie sich mit dem Bildband
zurück – und wie!
Rosmus hat in Privatalben
früherer US-Soldaten gestöbert,
auch in US-Archiven. Sie
spürte Fotos der 3. US-Armee
von General George Patton
jun. auf, der 1945 Südost-Bayern
eroberte und dann als Militärgouverneur
von Bayern in
Bad Tölz residierte. Über Patton,
einen robusten Südstaaten-
General, dessen latenter
Antisemitismus bekannt war,
verliert Rosmus im Buch kein
kritisches Wort. Mit vielen seiner
Untergebenen, schreibt
sie, sei sie heute eng befreundet.
Das Vertrauen zahlte sich
aus: Sie haben ihr Fotos gezeigt,
wie es sie noch nicht zu
sehen gab.
Die Bilder sind oft unmittelbar
nach Ende der Kämpfe in
Südostbayern entstanden. Sie
zeigen das Kriegsende als einzigartigen
Augenblick – ein Augenblick der Befreiung, gewiss,
aber auch ein Augenblick,
in dem die Unterlegenen
noch nicht wussten, was geschehen
würde.
Zum Beispiel dieses Foto:
Ein US-Soldat schläft in voller
Montur im Luxus-Bett eines
Schlosses – einst nächtigte darin
Ober-Nazi Hermann Göring.
Oder dieses Foto: Auf einer
Wiese lagert eine Gruppe
Hitlerjungen, das Foto entstand
bei Moosburg (Kreis
Freising), es sieht ein bisschen
aus wie im Abenteuer-Camp.
Oder jenes Bild: SS-Männer
bei einer Gegenüberstellung,
mit Erschöpfung und Angst in
ihren Gesichtern. Wer ist der
Täter, auf den der Wehrmachtssoldat
gleich zeigen
wird?
Rosmus zeigt ein Foto von
Ferdinand Schörner (ein bei
Hitler hochangesehener, später
in Garmisch-Partenkirchen
beerdigter Wehrmachts-
General), der in kurzen Hosen
in einem US-Jeep zu einer
Vernehmung gefahren wird.
Wir begegnen Nazi-Hetzer Julius
Streicher bei der Gefangennahme
sowie Ehefrau und
Tochter Himmler bei der Internierung im Mai 1945 in Bozen.
Im Bildband findet sich
ein Foto der Ärztin Erika Flocken,
sie trägt eine Rot-Kreuz-
Binde am linken Oberarm und
lächelt. Flocken war eine mörderische
Medizinerin, die die
Häftlinge im KZ Mühldorf
quälte. Sie wurde zum Tode
verurteilt, später begnadigt.
Ein Foto zeigt Hans Goebbels,
Bruder des Propagandaministers
Joseph Goebbels, bei einem
Verhör – auch das ein
sensationeller Fund.
Zentral ist das Kapitel über
die Befreiung der Lager Mauthausen
und Flossenbürg und
über die Verbrechen, auf die
die Amerikaner bei ihrem Vorstoß
ins Innere Bayerns stießen.
„Verbrechen entdeckt“,
so hat Rosmus das Kapitel
kurz und präzise getitelt. Erschütternde,
grauenhafte Fotos,
auch von Leichen. Eine Bilderserie zeigt die Exhumierung
von ermordeten Häftlingen
und Kriegsgefangenen in
einem Wald bei Passau.
Es zeichnet das Buch aus,
dass es auch die kleinen Orte
der Vernichtung nicht ausspart.
Kaum bekannt ist, dass
gegen Kriegsende auch abseits
der großen Lager Massen-Erschießungen
stattfanden, in
Orten wie Wiesenfelden, Hals,
Tiefenbach oder Kirchham.
Rosmus holt diese Vernichtungsstätten
ins Gedächtnis
zurück. Fürwahr: Es war für alle
– Opfer und Täter, Befreier
und Befreite – ein „Walhalla Finale“.
Das ist auch der Titel des
350 Seiten starken Bandes –
nach einer Wortschöpfung von
US-Soldaten, die den Kampf in
der Donauregion „Valhalla Finale“
nannten.
Viel Platz nimmt das Aufeinandertreffen
von gefangenen
deutschen und US-Soldaten
ein. Spätestens im Frühjahr
1945 erreichte der Krieg auch
das letzte Dorf, ja den abgelegensten
Weiler. Wir sehen tausende
deutscher Kriegsgefangener,
wie sie in einer vierreihigen,
unendlich langen Kolonne
durch das Dorf Fürstenzell bei Passau marschieren. Es
war eine gewaltige logistische
Leistung der US-Armee, diese
Massen von Gefangenen im
Frühjahr 1945 zu versorgen.
Rosmus charakterisiert sich
selbst als jemand, der „nie eine
andere Waffe trug als den
Kampfgeist, mich absichtlicher
Unterjochung und Ungerechtigkeit
zu widersetzen, wo
immer ich darauf stieß“. Dieses
Pathos mindert den Wert
des Buches nicht. Die Pionierleistung
der 49-Jährigen liegt
in der Bilder-Rekonstruktion
und der präzisen Beschreibung
von dem, was darauf zu
sehen ist. Sie will keine Zweifel
aufkommen lassen. Viele
Bilder waren „verbogen, gerissen,
verblasst oder verkratzt“,
schreibt sie. Schon ist die Rede
von einem Veteranenmuseum,
das Rosmus errichten
will in Passau – oder in Hitlers
Geburtsstadt Braunau am Inn.
Das Buch Anna Rosmus: Valhalla Finale.
Das Ende des II. Weltkrieges –
von der Normandie nach Linz
und Prag, 350 Seiten, rund 650
Schwarz-Weiß-Bilder, 39 Euro,
ISBN 3-9810084-7-2.
Das „schreckliche Mädchen“ Anna Rosmus
Anna Rosmus, 49, ist so etwas
wie eine Geschichts-Detektivin.
1980 wurde sie bundesweit bekannt:
Als Gymnasiastin hatte sie
in ihrer Heimatstadt Passau über
die NS-Zeit recherchiert und herausgefunden,
dass viele führende
Passauer aktive Nazis gewesen
waren. Sie wurde bedroht,
mehrere Molotow-Cocktails flogen
in ihr Wohnzimmer. Sie schrieb trotzdem ein Buch („Widerstand
und Verfolgung am Beispiel Passaus 1933-1939“), dann
noch eins, und noch eins. Sie bekam den Geschwister-Scholl-Preis,
Michael Verhoeven drehte einen mehrfach ausgezeichneten Film
über sie, er hieß „Das schreckliche Mädchen“ (1990, mit Lena Stolze
als Anna Rosmus), der Streifen wurde sogar für den Oscar nominiert.
1994 wanderte Rosmus in die USA aus.

Familienbande: Ein US-Soldat verhört im April 1945 Hans
Goebbels (r.), Bruder des Nazi-Ministers Joseph Goebbels.

Jugendarrest: Diese Hitlerjungen zwischen 13 und 16 Jahren
gerieten im April 1945 bei Moosburg in Gefangenschaft.

Kindersoldat: Der Gefreite Leonard C. Wegner (r.) durchsucht
am 26. April 1945 einen 14-jährigen Hitlerjungen.

Allein auf der Welt: Ein heimatloses Waisenkind steht am
Grab seines Vaters, der im KZ Mauthausen starb.

Spielgefährte: US-Soldat in
Wels mit einem Mädchen.

Mörderisch: Ärztin Erika
Flocken vom KZ Mühldorf
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