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WELT.de 27. Mai
2004
Die Mitte Europas
ist eine Frage der Perspektive
Die Mitte Europas könnte
heute genau hier sein, in den Zeisehallen,
oder an jedem anderen Ort in Europa. Stanislaw Mucha lächelt, der
Regisseur der Filme "Die Mitte" und "Absolut Warhola"
(Grimme-Preis
2003) zeigt sich dem Hamburger Premierenpublikum entspannt. Im Foyer
eine skurrile Einstimmung auf seinen neuen Dokumentarfilm: Neben
Gartenzwergen mit Europa-Fähnchen steht ein Hirsch - lebensgroß.
Muchas Film ist eine Reise
und Suche quer durch das alte und neue
Europa, von Bayern bis Litauen. Ihm begegnen Lokalpatrioten, Spinner,
Philosophen und Lebenskünstler. Gleich mehrere Orte erheben den
Anspruch, zumindest das "geografische Zentrum" Europas zu
sein.
Im österreichischen
Braunau am Inn, wo Hitlers Geburtshaus von
asiatischen Touristen ausgiebig geknipst wird, soll einst Napoleon
seine Mitte gefunden haben. Im ukrainischen Rachiv, seit 1987 die
"Mitte Europas", ist die Zeit geteilt. Die Uhren ticken entweder
nach
Kiewer oder Europäischer Zeit. Die polnischen Einwohner bei Vilnius,
Litauen, sagen, das neue Europa "sei einfach über sie gekommen".
Im Wald kann man noch die
Statuen von Lenin, Marx und Stalin
betrachten - oder sich mit ihnen fotografieren lassen. Ein Europa, in
dem die Grenzen ständig verwischen und neu geformt werden, hat
auch
die "echte Mitteleuropäerin" Raja erfahren. Sie sitzt
in ihrem kleinen
Kiosk auf der "Straße des Friedens" in der Ukraine.
Alle Menschen, die
Mucha besucht, wollen in der wahren Mitte Europas leben, niemand am
Rand, wo die Gefahr wegzurutschen groß ist. Die Mitte Europas
ist
dabei keine Frage der Topografie, sondern der eigenen Anschauung und
Perspektive. Muchas "Die Mitte" ist ein faszinierender, manchmal
auch
erschütternder Film, der einen Blick in die geöffneten Fenster
Osteuropas bietet. Ein Film, der neugierig auf die Menschen der neuen
EU-Staaten macht. Menschen, die im Interview noch unverfälscht
wirken.
Ihre Ängste, ihr Hass und ihre Hoffnungen sind echt und auch die
Freude auf das neue Europa. "Es kann nur besser werden."
Der Film "Die Mitte"
läuft im Zeise-Kino täglich um 18 Uhr, 20.15 Uhr
und 22.30 Uhr.
sli
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