Braunauer Rundschau
27. Februar 1992
Interview mit dem wissenschaftlichen Leiter der
Braunauer Zeitgeschichtstage, Dr. Andreas Maislinger
Wie kommt ein
Innsbrucker Politologe dazu, ein Braunauer Tabu anzurühren?
Weil ich vor sechs
Jahren in der Braunauer Rundschau einen Kommentar von Erich Marschall gelesen habe. Der damalige Chefredakteur Ihrer Zeitung hatte in diesem
Kommentar verlangt, daß sich seine Heimatstadt der Geschichte
stellt. Ich lebe zwar seit 1982 in Innsbruck, bin jedoch in St. Georgen,
direkt an der Grenze zum Innviertel geboren und habe von 1966 bis 1970
in Ostermiething die Hauptschule besucht. Mein Vater stammt aus St.
Pantaleon, ich bin also ein halber Innviertler.
Was verbinden
Sie persönlich als erstes mit dem Namen Braunau?
Es mag banal klingen,
aber vor dem Haus meiner Eltern, dem Gasthaus Auwirt, ist eine Posthaltestelle.
Die beiden Endstationen der Busverbindung sind Salzburg und Braunau.
Diese Kindheitserinnerung wirkt bis heute nach, später habe ich
natürlich auch erfahren, daß Hitler dort geboren wurde. Von
meinem ersten Besuch Mitte der 70er Jahre habe ich vor allem eine liebenswerte
verträumte Kleinstadt in Erinnerung. Zufällig wurde dort am
20. April 1889 ein Mann geboren, der für die (neben Stalin) größten
Verbrechen unseres Jahrhunderts verantwortlich zu machen ist.
Können
Sie sich unseren Lesern kurz vorstellen?
Wie bereits erwähnt,
stamme ich vom Auwirt in St. Georgen. Nach meinem vierjährigen
täglichen Ausflug als Hauptschüler ins Innviertel pendelte
ich weitere vier Jahre nach Salzburg ins Gymnasium. Nach zwei Jahren
Studium in Salzburg ging ich nach Wien, dann nach Frankfurt, Berlin,
Prag, Oslo und anderen Städten, um Politikwissenschaft und Geschichte
zu studieren. Meine Dissertation über österreichische Verteidigungspolitik
habe ich bei Professor Anton Pelinka an der Universität Salzburg
eingereicht und 1980 das Studium mti dem Doktorat abgeschlossen. 1978
war ich auch in Israel und habe für einige Wochen in einem Kibbutz
gearbeitet. Es würde jetzt zu weit führen, auch noch zu erzählen,
wie ich immer mehr dazu gekommen bin, mich mit "Vergangenheitsbewältigung"
zu beschäftigen.
Haben Sie schon
Sympathisanten (Finanziers) für Ihr Projekt?
Dafür ist
die Firma Marschall & CO OEG in Braunau zuständig. Wir haben eine
klare Abgrenzung vorgenommen: Das Organisationsbüro, und dazu gehört
auch die Finanzierung, ist in Braunau. Von Innsbruck aus werden die
Teilnehmer eingeladen und das inhaltliche Konzept entwickelt. Was den
von mir zu verantwortenden Teil betrifft, kann ich sagen, daß
die 1. Braunauer Zeitgeschichtstage auf Interesse und Zustimmung stoßen.
Zuletzt erschien auch in der in New York erscheinenden deutschsprachigen
jüdischen Zeitung AUFBAU ein positiver Artikel. Aus einigen Städten
liegen auch bereits konkrete Zusagen zur Teilnahme vor. Mein Student
Gia Darsalia ist während der Semeterferien in seine Heimat Georgien
geflogen und hilft mir bei der Herstellung der Kontakte in Gori, der
Geburtsstadt Stalins.
Wollen Sie
mit den Zeitgeschichtstagen die Braunauer Bevölkerung "vergangen-
heitsbewältigen" oder einen Historikerkongreß veranstalten?
Gerade weil ich
mich seit etwa fünfzehn Jahren intensiv mit "Vergangenheits-
bewältigung" beschäftige, bin ich skeptisch und zurückhaltend
geworden. Ver- gangenheit läßt sich nicht "bewältigen",
sondern nur aufarbeiten. Bewältigen kann ich immer nur die Gegenwart.
Wer mein Buch "Der Putsch von Lamprechts- hausen - Zeugen des Juli
1934 berichten" gelesen hat, wird auch gemerkt haben, daß
ich nicht vordergründig belehren will. Den Braunauern soll nichts
aufge- zwungen werden, die Bereitschaft, hinzuhören und sich mit
anderen Meinungen zu konfrontieren, erwarte ich jedoch schon. Was das
Stichwort Historikerkongreß betrifft: Die Braunauer Zeitgeschichtstage
versuchen etwas Neues. Es sollen jeweils Themen behandelt werden, welche
die Menschen in Braunau und Umgebung beschäftigen und gleichzeitig
auch eine über den engeren Raum hinausgehende internationale Bedeutung
haben. Deshalb wrid auch die Bevölkerung am Sonntag Vormittag zu
einer öffentlichen Veranstaltung eingeladen.
Wie werden
die Zeitgeschichtstage ablaufen?
Der Kern der Zeitgeschichtstage
wird eine relativ kleine Tagung mit etwa 20 bis 30 Teilnehmern sein.
Dazu kommen noch etwa 10 Journalisten. Nach der Eröffnung am Freitag
sollen die Teilnehmer am Samstag den ganzen Tag Gelegenheit für
einen intensiven Gedankenaustausch haben. Am Sonntag Vormittag werden
die Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert. Die 2. Braunauer
Zeit- geschichtstage werden sich nächstes Jahr ganz für die
interessierte Bevölkerung öffnen. Ich überlege mir ehemalige
ukrainische und polnische Fremdarbeiterinnen zusammen mit den österreichischen
und bayerischen Bauern einzuladen, bei denen sie während des Krieges
gearbeitet haben. Historiker werden dabei eine geringe Rollen spielen,
nächstes Jahr sollen die Betroffenen im Mittelpunkt stehen.
Welche Referenten
sollen den Erfolg garantieren?
Eine Erfolgsgarantie
gibt es natürlich nicht! Ich bemühe mich jedoch, die für
das jeweilige Thema interessantesten Persönlichkeiten anzusprechen.
Ich möchte aber mit der Veröffentlichung von Namen jeweils
bis kurz vor der Tagung warten. Bei dieser Gelegenheit muß ich
unbedingt anmerken, daß sich die Braunauer Zeitgeschichtstage
auch hier von den vielen Konferenzen unterscheiden werden: Bei uns werden
nicht die großen Namen im Vordergrund stehen, welche oft un- verschämt
viel Geld verlangen, bei uns werden alle Teilnehmer gleichberechtigt
sein und einen wichtigen Beitrag leisten. Jede Regel hat Ausnahmen,
und auch wir werden den einen oder anderen Starreferenten einladen.
Hier gilt aber wieder das vorhin Gesagte: Keine Veröffentlichung
von Namen vor einer endgültigen festen Zusage. Da international
bekannte Referenten - wie erwähnt - ein hohes Honorar verlangen,
hängt die Einladung auch von unseren finanziellen Möglichkeiten
ab. Anders gesagt: Dei Braunauer Zeitgeschichtstage versuchen weniger
durch Namen, als vielmehr durch interessante neue Fragestellungen Aufmerksamkeit
zu erregen. Die Tagung unter dem Thema "Unerwünschtes Erbe"
hat dieses Konzept breits jetzt bestätigt. Das zeigen die Reaktionen.
Wie kommen
Sie darauf, daß Braunau eine Aufarbeitung der Nazizeit besonders
notwendig hat?
Das behaupte ich
nicht.
Sollen die
Zeitgeschichtstage eine einmalige Aktion bleiben?
Nein, auf keinen
Fall! Das Thema der 2. Braunauer Zeitgeschichtstage habe ich bereits
erwähnt. Wenn alles weiter so gut klappt, würde ich gerne
unter anderem noch folgende Themen behandeln: "Franz Jägerstätter
- und die anderen?" Die Terminisierung dieser Tagung möchte
ich noch von der wahrscheinlich bevor- stehenden Heiligsprechung abhängig
machen. Jägerstätter wird in vielen europäischen Ländern
und in Amerika sehr verehrt, und in den letzten Jahren haben sich Historiker
verstärkt mit Jägerstätter beschäftigt. Frau Dr.
Erna Putz lädt jedes Jahr am Todestag Anhänger Franz Jägerstätters
nach Ostermiething ein. Obwohl ich Jägerstätter auch schätze,
möchte ich in Braunau auch kritische Fragen stellen: Warum wird
an andere hingerichtete Wehrdienstverweigerer nicht erinnert? Warum
hat Jägerstätter nichts über die Ermordung der Juden
geschrieben? Das Leiden der russischen Menschen hat ihn hingegen sehr
beschäftigt. "Der böhmische Gefreite" soll eine
weitere Tagung heißen. Paul von Hindenburg glaubte kurze Zeit,
daß Hitler in der böhmischen Garnisonsstadt gleichen Namens
diente. Diese Tagung ist jedoch noch genau so wenig konkret überlegt,
wie eine andere, welche Kinder und Enkel von NS-Verbrechern nach Braunau
bringen soll. Auf diese Idee haben mich lange Gespräche mit Helmut
Seyss-Inquart aus Bürmoos gebracht. Konkret hingegen ist der Plan,
die völlig tabuisierte Vertreibung der Deutschen aus Oberösterreich
aufzuarbeiten. Über die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der
Tschechoslowakei wird gerade in diesen Tagen wieder viel gesprochen,
daß nach dem Zweiten Weltkrieg auch Tausende aus Österreich
vertrieben wurden, wird bis heute nicht öffentlich diskutiert.
Auf dieses Thema hat mich Dr. Wilfried Garscha, ein Mitarbeiter des
Dokumentationsarchivs des Österreichischen Wider- stands, gebracht.
An diesem Thema lassen sich wieder die von den Braunauer Zeitgeschichtstagen
angestrebten Schwerpunkte erkennen: Lokaler Bezug (Ver- treibung auch
aus dem Innviertel), Einbeziehung von Betroffenen, Aufgreifen eines
Tabuthemas und damit verbunden der Versuch, der Geschichtsforschung
neue Impulse zu geben.
Was wollen
Sie mit der Aktion erreichen?
Neben dem soeben
Gesagten will ich der Stadt Braunau helfen, sich einen gutetn Namen
zu machen. Braunau sollte in einigen Jahren nicht nur mit Hitler, sondern
mit neuen Anregungen im Bereich der Zeitgeschichtsforschung in Verbindung
gebracht werden.
Rechnen Sie
mit Widerstand oder: Könnte Ihr Versuch auch ins Gegenteil umschlagen?
Offen gestanden,
anfangs hatte ich Angst, besonders von israelischen Historikern mißverstanden
zu werden. Aus diesem Grund habe ich mich auch abgesichert und vorher
mit dem Direktor des Archivs in YAD VASHEM, Dr. Shmuel Krakowski, Professor
Robert Wistrich udn anderen darüber gesprochen. Erst nachdem mir
Krakowski und Wistrich im November in Wien versichert haben, daß
Sie die Idee gut finden, ging ich damit an die Öffentlichkeit.
Der eine oder andere kritische Artikel wird sicherlich erscheinen, das
gehört sozusagen zum Geschäft, ins Gegenteil wird es jedoch
sicher nicht umschlagen. Die fast täglichen zustimmenden Reaktionen
scheinen dies auszuschließen.
Sollte das
Hitler-Haus für derartige Projekte oder auch als Art Museum angekauft
werden?
Das soll der Bürgermeister
entscheiden. Als wissenschaftlicher Leiter der Zeitgeschichtstage fühle
ich mich nur für diese zuständig. Eine Meinung habe ich dazu
jedoch: In Anlehnung an das Beispiel der Wannsee-Villa in Berlin könnte
die Stadt Braunau das Haus erwerben und die österreichische Holocaust-Forschungs-
und Gedenkstätte einrichten. Da ohnehin nicht alle zentralen Forschungs-
institute in Wien angesiedelt sein sollten, könnte ich mir vorstellen,
diese als Ergänzung zum Dokumentationsarchiv des Österreichischen
Widerstands (DÖW) notwendige Einrichtung in Braunau zu errichten.
Der wissenschaftliche Leider des DÖW, Dr. Wolfgang Neugebauer,
hat mir, nachdem ich ihn darauf angesprochen hatte, gesagt, daß
er die Ideen diskutierenswert findet. Geographisch liegt Braunau sehr
günstig. Museum sollte das Hitler-Geburtshaus auf keinen Fall genannt
werden. Uninformierte Journalisten könnten zu leicht auf die Idee
kommen, über die Eröffnung eines "Hitler-Museums"
zu berichten. Wenn es Bürgermeister Gerhard Skiba wünscht,
werde ich die Teilnehmer der 1. Braunauer Zeitgeschichtstage um eine
Stellungnahme bitten. Im September werden wir ganz bestimmt auch darüber
reden.
Sie wollen
den Mahnstein vor Hitlers Geburtshaus entfernen. Warum?
Wie bei der vorherigen
Frage gilt hier: Das ist eine Entscheidung der Stadt Braunau. Der Bürgermeister
hat durch die Errichtung des Mahnsteins Mut bewiesen. Ich hätte
eine Tafel anbringen lassen: Adolf Hitler 1889-1945. Nicht mehr und
nicht weniger. Meinen Standpunkt habe ich 1989 in Ihrer Zeitung in einem
Artikel ausführlicher dargelegt. Jetzt geht es mir um eine gute
Zusammenarbeit mit Bürgermeister Gerhard Skiba und Stadtrat Wolfgang
Simböck.
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