Braunauer
Rundschau, 30. Mai 1989
100. Geburtstag von
Hitler
Viele wissen viele Gerüchte
BRAUNAU.
Viele Gerüchte eilen dem 20. April, dem 100sten Geburtstag von
Adolf Hitler, voraus. Doch die meisten dieser
Stammtischplaudereien erweisen sich als Tratsch.
Schon seit Wochen erzählen
sich die Braunauer, die Hotels und Gasthäuser der Bezirksstadt
seien am 20. April ausgebucht.
Weiters wissen viele Gespräche
von mehreren Demonstrationen an dem besagten Tag. Teilnehmerzahl:
3000 bis 30.000.
Die Redaktion ging diesen
Gerüchten nach und stieß auf ein beinahe erwartetes Ergebnis:
keine ausgebuchten Hotels, keine
Demonstrationen mit 30.000
Teilnehmern. Dennoch meinte Bezirkshauptmann Hofrat Dr. Harald
Klinger gegenüber der Braunauer Rundschau: „Natürlich nehmen
wir diesen Termin sehr ernst. Sollte es nämlich tatsächlich zu
Zwischenfällen am 20. April kommen, würde dies für Braunau,
aber auch für ganz Österreich einen enormen Schaden nach sich
ziehen.“
Der Bezirkshauptmann spielt
dabei auf jene in- und ausländischen Journalisten an, die für
20. April in Braunau anwesend sein werden. Die bestätigen auch
die Braunauer Gastwirte. Anna Peterlechner (Schüdlbauer): „Bei
uns haben sich ein deutscher und ein amerikanischer Journalist
angemeldet. Aber ausgebucht sind wir an diesem Tag noch nicht.“
Else Wohlschläger: „Bei uns liegt eine Reservierung eines
deutschen Journalisten vor.“ Kommerzialrat Heinz Hannak: „Kein
einziger Journalist hat bisher für unser Haus ein Zimmer für
20. April bestellt.“ Auch im Braunauer Fremdenverkehrsbüro
wissen die dort Beschäftigten derzeit noch nichts von einem
großen Ansturm anlässlich des 100sten Geburtstages von Adolf
Hitler.
Bezüglich vermeintlicher
Demonstrationen gibt Bezirkshauptmann Dr. Klinger klare Auskunft:
„Seit längerer Zeit liegt die Anmeldung der Hochschülerschaft
aus Wien vor, am 20. April eine antifaschistische Demonstration
in Braunau abzuhalten.“ In den nächsten Tagen erwartet der
Bezirkshauptmann die Teilnehmerzahl dieser Kundgebung.
Eine konkrete Maßnahme rund
um den Jubiläumsgeburtstag kündigte der Braunauer Bürgermeister
Gerhard Skiba gegenüber der Redaktion an. Die Stadtgemeinde wird
in den nächsten Tagen einen Gedenkstein unmittelbar vor dem
Geburtshaus von Adolf Hitler aufstellen. In dem aus dem
Steinbruch des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen
stammenden Granitblockes wird folgende Inschrift eingemeißelt:
„Für Frieden, Freiheit und Demokratie – Nie wieder
Faschismus – Millionen Tode mahnen.“
Für Bürgermeister Skiba soll
der Stein als Mahnung, Bekenntnis und Aufruf gelten, wachsam und
entschlossen zu sein, aufkkeimenden Neonazismus und allen anderen
die Demokratie gefährdenden Absichten entgegenzuwirken. Eine
offizielle Enthüllung des Steines ist nicht vorgesehen. Die
schon vor einigen Jahren angefertigte Mahntafel wird weiterhin
unter Verschluß bleiben und wartet so auf eine sinnvolle
Verwendung.