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Die Presse, 6.
August 1992
Alte Kameraden und Kurzhaarjugend als "Hitler"-Fans
"Wallfahrtsziel",
Braunau diskutiert den Umgang mit dem unerwünschten Erbe
Von unserem Korrespondenten Walter Kohl
BRAUNAU. Das verschlafene
Innviertler Städtchen Braunau am Inn erwacht einmal im Jahr zu
einer seltsamen Art von Leben. Um den 20. April herum, also weit entfernt
von der Tourismus-Saison, streifen auffallend viele Besucher durch die
Stadt. Meist ältere bis sehr alte Herren mit Ehefrauen, deren Aufmerksamkeit
weniger dem romantischen Stadtplatz gilt, sondern dem Stadtteil "Salzburger
Vorstadt". Am 20. April, zu "Führers Geburtstag",
interessiert sie Hitlers Geburtshaus: Stramm nehmen die alten Kameraden
so Aufstellung, daß sie den Mahn- und Gedenkstein verdecken, während
die Frau ein Photo schießt. Dies hat nun im Verein mit der Diskussion
um "braune Flecken" im Land ob der Enns (Stichwort: Wels)
eine, private Gruppe in Hitlers Geburtsstadt animiert, die Vergangenheit
der Stadt in den Brennpunkt öffentlichen Interesses zu rücken.
Unterstützt von der Stadt und geleitet vom Innsbrucker Politikwissenschaftler
Andreas Maislinger werden von 25. bis 27. September die "l. Braunauer
Zeitgeschichtstage" stattfinden, Titel: "Unerwünschtes
Erbe". Nicht die Stellung Braunaus im Dritten Reich wird Gegenstand
der September-Tagung sein und auch nicht Verhalten und Taten der Bürger
der Stadt am Inn. Thema soll die Zeit ab Mai 1945 sein, die Frage, wie
eine Stadt damit umgeht, "braune Flecken" in ihren Grenzen
zu haben und eine Art Wallfahrtsziel zu sein.
Stiefelträger
mit Nazisprüchen
Während sich
vor drei Jahren, zu "Führers 100. Geburtstag", noch Massen
durch Braunau wälzten, waren es heuer nur ein paar Dutzend Neugierige.
Mit dem Zug nach rechts haben - aus biologischen Gründen - nur
noch wenige aus der älteren Generation zu tun. Um so stärker
greift rechtsradikale Propaganda bei Jugendlichen Das beweist nicht
nur eine Jugendstudie des Landes Oberösterreich, es ist auch in
den Schlagzeilen lokaler Medien nachzulesen. In Braunau und Umgebung
tauchen immer mehr Jugendliche mit Kürzesthaarschnitt, Ballonjacken,
klobigen Stiefeln und Baseball-Schlägern auf, heißt es da,
die ihre Mitbürger mit Nazi-Sprüchen und manchmal auch mit
physischen Attacken terrorisieren. Die Antworten sollen von Lokalpolitikern
und Wissenschaftlern aus Orten kommen, die mit einem ähnlichen
Schicksal behaftet sind. So wurden Vertreter eingeladen aus Mauthausen,
Buchenwald, Dachau (Konzentrationslager), Wöllersdorf (Anhaltelager),
Bautzen (DDR-Gefängnis) oder Stalins Geburtsstadt Gori. Wobei man
in Braunau nicht alle diese Orte als Vorbild nehmen wird. Gori etwa
mit seinem unbekümmerten Umgang mit der Geschichte, der einen Zug
zur Verherrlichung hat, wird in Braunau als Negativbeispiel präsentiert.
In ähnlicher Funktion soll ein Vertreter aus dem italienischen
Predappio auftreten: Die Geburtsstadt Mussolinis vermarktet mit Zustimmung
aller politischen Fraktionen ihr "Erbe" touristisch. Maislingers
Ziel. "Braunau sollte in einigen Jahren nicht nur mit Hitler, sondern
mit neuen Anregungen im Bereich der Zeitgeschichtsforschung in Verbindung
gebracht werden." Ähnlich im "Presse"-Gespräch
der Braunauer SP-Bürgermeister Gerhard Skiba: "Wer in Zukunft
Braunau besucht, soll merken, die Stadt verschweigt nichts. Er soll
auch merken, daß sich die Stadt mit ihrem Erbe auseinandersetzt."
Skiba wie Maislinger setzen sich dafür ein, daß die Zeitgeschichtstage
eine ständige Einrichtung werden. Die Stadt, die das Hitler-Geburtshaus
derzeit als Untermieter beansprucht (für die Lebenshilfe), wird
das Gebäude der derzeitigen Inhaberin, die nichts mit der Familie
Hitler zu tun hat, abkaufen. Darin soll eine Außenstelle des Dokumentationsarchivs
des Österreichischen Widerstandes eingerichtet werden.
"Auf keinen
Fall ein Hitler-Museum"
"Auf keinen
Fall soll es ein ,Hitler-Museum' werden", meint Skiba, der Mißverständnisse
vermeiden möchte. Maislinger hat bereits inhaltliche Pläne
über künftige Themenstellungen. 1993 sollen ehemalige ukrainische
und polnische Fremdarbeiter eingeladen werden. Ein weiteres Wunsch-Thema
des Innsbrucker Historikers: Warum wird an Franz Jägerstätter,
aber kaum an andere Wehrdienstverweigerer erinnert? Auch das absolute
Tabu-Thema Vertreibung von Deutschen aus Österreich nach dem Krieg
will Maislinger aufgreifen.
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