Neue Zürcher
Zeitung SPEKTRUM DEUTSCHLAND (INT. AUSGABE) Freitag, 21.01.2000 Nr.17
Doppelte Last der doppelten Vergangenheit
Die Lager-Gedenkstätte Buchenwald sucht neue Wege
Jahrelang erschienen
die Verhältnisse in der Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar
einfach und übersichtlich. Täter und Opfer waren eindeutig
identifiziert. Die DDR benützte das Konzentrationslager Buchenwald,
um ihre Legitimation als antifaschistischer Staat zu stützen. Aber
Buchenwald war nach dem Krieg auch ein sowjetisches Lager, und an der
Aufarbeitung dieser Tatsache scheiden sich heute die Geister.
H. Sf. Weimar,
im Januar
Über den weiten,
leeren Platz fegt ein beissender Wind und treibt einem eisige Schneekristalle
ins Gesicht. Buchenwald im Winter ist ein Ort, an dem es leichtfällt,
die Erinnerung an den Schrecken der NS-Geschichte unmittelbar in Anschauung
und Empfindung zu übersetzen. Der Augenschein am Schauplatz vergangener
Verbrechen wirkt so nachhaltig und eindeutig, wie dies historischer
Aufklärung sonst nur selten gelingt.
Dennoch täuscht
die Eindeutigkeit und Anschaulichkeit der Erinnerung. Denn gerade Buchenwald
ist der Ort, an dem Geschichte nur in mehrfacher Brechung sich erschliesst.
Wo die Verhältnisse jahrzehntelang ganz übersichtlich schienen
und die säuberliche Unterscheidung zwischen Helden und Schurken,
zwischen Tätern und Opfern ganz einfach war, herrscht plötzlich
ein Zwielicht. Mit dem Aufbrechen jener versteinerten Erinnerung, die
in der DDR den «Antifaschismus» zum Legitimationsmythos des ostdeutschen
Staats machen sollte, erweist sich die jüngere deutsche Geschichte
als Trümmerfeld, das sich gegen die Versuche vergangenheitspolitischer
Sinnstiftung sperrt.
Denn Buchenwald
war nicht nur zwischen 1937 und 1945 ein Konzentrationslager im System
der SS, in dem insgesamt etwa 250 000 Menschen eine Zeitlang inhaftiert
waren, von denen 56 000 zu Tode kamen. Vom August 1945 bis zum Februar
1950 wurde es als sowjetisches «Speziallager Nr. 2» fortgeführt,
in das die Besatzungsmacht 28 500 Menschen einsperrte und mehr als 7000
sterben liess oder umbrachte. Waren vor 1945 politische Gegner, nach
rassistischen Kriterien für «minderwertig» Erklärte und «Asoziale»
die Opfer, so traf die Verfolgung der Sowjets und ihrer deutschen Handlanger
nach Kriegsende unterschiedslos grosse und kleine NSDAP-Mitglieder sowie
zu einem erheblichen Teil gänzlich Unschuldige. Insgesamt gab es
mindestens zehn solcher Speziallager im Osten.*
Die deutsche Vereinigung
hat es möglich gemacht, dass jetzt auch dieser Teil der Geschichte
Buchenwalds in die öffentliche Erinnerung aufgenommen wird. Seit
1997 steht hart am Rande des einstigen Lagers ein grauer Betonbunker,
der in einer Ausstellung Quellen und Dokumente zum «Speziallager Nr.
2» versammelt. Ein Katalog dazu ist erst 1999 erschienen. Wer freilich
glaubt, dass mit dieser Aufarbeitung der «doppelten Vergangenheit» Buchenwalds
der Blick in die Geschichte zur Ruhe gekommen ist, der irrt. Die unterschiedlichen
Häftlingsgruppen beider Lager treten einander seitdem oft unversöhnlich
gegenüber, streiten um ihre Plätze in einer Hierarchie der
Opfer und damit auch um Lesarten der Vergangenheit.
Die Vertreter der
überlebenden Häftlinge des «Speziallagers», deren Schicksal
in der DDR vergessen gemacht worden ist, setzen dabei auf die Gleichrangigkeit
aller Opfer politischen Terrors, während die Organisationen der
KZ-Häftlinge, auch heute noch stark von KP-Mitgliedern beeinflusst,
darin gerade einen Angriff auf ihre Deutungshoheit über die NS-Geschichte
sehen. Und da die Wiederentdeckung der «Speziallager»-Geschichte mit
der deutschen Vereinigung zusammenfiel, überrascht es nicht, dass
in ihrer Sicht jeder Versuch der doppelten Erinnerung als Schritt auf
dem neudeutschen Wege zur Entsorgung der Vergangenheit gilt.
Kampf der «Opferkonkurrenten»
Mit Erbitterung
und nahezu ohne jede Bereitschaft zum Gespräch miteinander beobachten
die «Opferkonkurrenten» (so der Historiker Alexander von Plato) argwöhnisch
jede architektonische Entscheidung über Lage und Bauweise des «Speziallager»-Museums
oder erregen sich über Placierung und Sichtbarkeit entsprechender
Hinweistafeln auf dem Gelände des ehemaligen KZ. In der wirren
Weltsicht des linksradikalen «antifaschistischen» Pöbels ist mit
dem Einbezug des «Speziallagers» in die Gedenkstätte gar ein Kultort
der Neonazis entstanden, den man auch mit einer Schändung der Gräber
bekämpfen darf.
Die Gedenkstättenleitung
hat sich in Ausstellung und Katalog dafür entschieden, historisch
und politisch zu differenzieren: In ihrer Inszenierung der Geschichte
steht der NS-Staat und sein Aggressionskrieg gegen die Sowjetunion am
Anfang, während der Terror im «Speziallager» als eine nicht nur
zeitliche Folge gesehen werden soll. Hinweise auf die NSDAP-Mitgliedschaft
eines erheblichen Teils der Häftlinge könnten beim Besucher
und Leser sogar Verständnis für diese Form der «stalinistischen
Entnazifizierung» (so der Historiker Lutz Niethammer) nahelegen.
Für Gerhard
Finn, der als 15jähriger junger Mann von den Sowjets ins Lager
gesteckt wurde und heute als Vorsitzender der «Union der Opferverbände
kommunistischer Gewaltherrschaft» amtiert, sind solche Formulierungen
anstössig: «Man will das Speziallager als Antwort auf die Nazi-Herrschaft
rechtfertigen und vergleicht deshalb diese sowjetischen Lager mit westalliierten
Internierungs-Camps. Viel wichtiger wäre der Bezug zum sowjetischen
Gulag-System, das nach 1945 auch nach Deutschland exportiert wurde.
Sonst werden die Sowjet-Lager verharmlost.»
Bodo Ritscher,
Kustos der Gedenkstätte und mitverantwortlich für Speziallager-Ausstellung
und Katalog, versteht solche Empfindungen. Er verteidigt aber das Konzept
der differenzierenden Aufklärung: «Jede Opfergruppe hat das Recht
auf einen würdigen Begräbnisplatz für ihre Toten und
muss Gelegenheit zum individuellen Gedenken haben. Aber die öffentliche
Erinnerung ist etwas anderes, da geht es auch um soziale Anerkennung,
und die kann nicht allen in gleicher Weise zuteil werden.» Für
den skrupulös arbeitenden Historiker ist aber klar, dass hier jedes
Urteil sorgfältig erwogen und belegt wird.
Kritische Selbsterkundung
Die ursprünglich
stark pädagogisch-moralische Botschaft der Gedenkstätte ist
damit auf ein Minimum reduziert. Vergangenheit wird hier historisiert
und kaum noch den Sinnbedürfnissen der Gegenwart unterworfen. Für
Bodo Ritscher ist das ein grosser Gewinn, der erst nach 1989 möglich
wurde. Denn der 1948 geborene Historiker arbeitet schon seit 1981 in
der Gedenkstätte und hat an ihrer Inszenierung als Nationaldenkmal
der DDR mitgewirkt. In einem bemerkenswerten Prozess der kritischen
Selbsterkundung hat er seitdem an der Schliessung politisch erzeugter
Erinnerungslücken mitgearbeitet. Seine Fähigkeit zur ebenso
selbstbewussten wie selbstkritischen Reflexion der eigenen Verwicklung
in die Instrumentalisierung von Geschichte hat Buchenwald auch zu einer
Herausforderung an die eigene Biographie werden lassen: «Wer sich mit
der Geschichte dieses Ortes befasst, kann seiner eigenen Vergangenheit
nicht ausweichen.»
Diese Form der
historischen Erinnerung ist freilich anstrengend. Sie löst die
fixen Geschichtsbilder auf und setzt auf Zeitgenossen, die durchaus
eher an den Widersprüchen und den Brüchen in der historischen
Überlieferung interessiert sind als an simplen und überschaubaren
Deutungen.
Das, was in Buchenwald
geschah, und der vielfach gebrochene Umgang mit der Erinnerung daran
sollen zugleich ins Bewusstsein gehoben werden. Deshalb wird die Ausstellung
über das KZ und über das sowjetische «Speziallager» im neuen
Jahr um eine weitere Präsentation ergänzt, die die Geschichte
der Gedenkstätte in der DDR zeigen wird. Ob freilich die Besucher
diesem sehr komplexen Angebot folgen können, ist nicht gewiss.
Die Einträge in den Gästebüchern zeigen, wie oft die
verschiedenen Schichten der Vergangenheit wild durcheinandergeworfen
werden.
* «Das sowjetische
Speziallager Nr. 2». Katalog zur ständigen historischen Ausstellung.
Göttingen 1999. - Peter Reif-Spirek, Bodo Ritscher (Hg.): Speziallager
in der SBZ. Gedenkstätten mit «doppelter Vergangenheit». Berlin
1999.
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