10. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Verzerrte Wahrnehmung"
Bild und Realität der Roma und Sinti im 20. Jahrhundert
Braunau am Inn, Kultur im Gugg 28.- 30. September 2001

Beate Eder-Jordan

Könnte ich noch einmal geboren werden, käme ich gerne wieder als Roma-Frau auf die Welt
Eine slowakische Romni evaluiert ihr Leben

Viele Roma und Sinti, die schreiben oder Interviews geben, die in einem Buch zusammengefaßt werden, sehen es als ihre Aufgabe, die Wahrheit mitzuteilen. Die Wahrheit über die Roma. Sie haben die Hoffnung, daß sie so dem Nicht-Wissen der Gadže (Nicht-Zigeuner) begegnen und dadurch Verständnis und Toleranz wecken können.
Dieses Engagement wird im Buch von Ilona Lacková: A false dawn. My life as a Gypsy woman in Slovakia. Recorded, translated from Romani and edited by Milena Hübschmannová (Hatfield-Hertfordshire 1999) besonders deutlich.

"The Slovaks and the Czechs don't know us at all and look at us with unbridled prejudice, but I've become convinced that if they get just a little bit of the truth, many of them are willing to look at a Gypsy like a Rom, like a human being. I can't tell you how many times my first play, The Burning Gypsy Camp, showed that! Ňiko na prindžarel avreskero jilo - no one sees into anyone else's heart. If he did, people would be kinder to each other, more considerate of each other, and they'd be able to forgive. All you have to do is say the word jilo, heart, to a Rom, and he'll become all sentimental. A Rom carries the best part of himself in his heart." (Lacková, S.207).

Das Buch von Ilona Lacková wird im Mittelpunkt meiner Ausführungen stehen. Es eröffnet einen tiefen Einblick in die Welt der Roma, der liebevoll und kritisch zugleich ist. Die umfassende Information und Innenperspektive, die es bietet, erinnert an Jan Yoors: Das wunderbare Volk. Meine Jahre mit den Zigeunern, 1967 im englischen Original erschienen, 1970 auf deutsch.
Es ist zum einen Ilona Lackovás Persönlichkeit und Geschichte, die den Leser/die Leserin faszinieren. Sie erzählt von ihrer Kindheit, Jugend und der schweren Zeit während des Zweiten Weltkriegs. Wohl als einzige Romni in der Slowakei arbeitete sie in den fünfziger Jahren für die offiziellen Behörden als Beamtin im Kulturbereich und nützte diese Position, um sich für die Anliegen der Roma einzusetzen. Das Weltbild der kommunistischen Gesellschaft und ihr eigener Hintergrund als slowakische Romni lassen sich allerdings oft nur schwer vereinbaren.
Aber nicht der Inhalt alleine, auch die Wahl der Sprache ist wesentlich: Ilona Lacková erzählt ihre Geschichte auf romanes. Was hat das für eine Bedeutung? Was macht es für einen Unterschied, ob sie romanes oder slowakisch spricht? "When I first put a microphone in front of Ilona, she had a tendency to speak in Slovak. She speaks excellent, cultivated Slovak, without the least 'Gypsy' accent, has a large vocabulary, and yet it wasn't quite right. When she spoke Romani, every word, every turn of phrase, every sentence reflected the way her being was saturated with the reality of which she told. Not the least little word, no note in her intonation was superfluous, empty, or out of place", schreibt Milena Hübschmannová im Vorwort.
Die Autorin, Ilona Lacková, und die Herausgeberin, Milena Hübschmannová, Professorin für Romistik an der Karls-Universität in Prag, verbindet eine enge Freundschaft. Acht Jahre lang nahm Milena Hübschmannová die Gespräche auf, übersetzte sie vom Romanes ins Tschechische, 1986 schließlich war das Buch fertig. Erst 1997 konnte es auf tschechisch erscheinen, 1999 dann auf englisch. Diese Vertrautheit zwischen der Romni auf der einen und der Wissenschaftlerin auf der anderen Seite ermöglichte es wohl, daß Ilona Lacková offen und kritisch von ihrem Leben und dem Leben der Roma in der Slowakei erzählt. Ihre großen Hoffnungen, daß sich die Situation der Roma unter dem kommunistischen Regime grundlegend verbessern würden, realisierten sich nicht. Das drückt der Titel des Buches aus: A false dawn. Es handelte sich nur um eine "scheinbare Morgendämmerung".

 
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