10. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Verzerrte Wahrnehmung"
Bild und Realität der Roma und Sinti im 20. Jahrhundert
Braunau am Inn, Kultur im Gugg 28.- 30. September 2001

Roland Girtler

Sprache und Zeichen der Fahrenden

Zum Überleben des fahrenden Volkes, der Vagabunden, der kleinen Ganoven und Dirnen gehört seit jeher eine sehr alte Sprache, das sogenannte Rotwelsch (rot - gefährlich, hinterhältig; welsch - anders sprechen, vom ahd. Waliska). Diese Sprache entstand auf der Straße, auf den Plätzen der Städte und in den Wirtshäusern. Charakteristisch ist für das Rotwelsch, wie es in unseren Landen gesprochen wurde und noch wird, daß es sich z.T. aus mittelhochdeutschen, jiddischen, zigeunerischen, italienischen u.a. Wörtern zusammensetzte und auch noch zusammensetzt.
Das Rotwelsch war und ist für den gewöhnlichen Bürgern kaum oder nicht verständlich, mitunter wurde das Rotwelsch gleich einer Geheimsprache eingesetzt.
Allerdings wurden im Laufe der Zeit einzelne Rotwelsch-Wörter in die Umgangssprache übernommen, wie zum Beispiel Beisl, Haberer usw.
Zu den Überlebensstrategien des fahrenden Volkes gehört auch das Anbringen von Zeichen, den sogenannten Zinken an Hausmauern, Bäumen, Türstöcken usw.
Gezinkt wurde mit Kohle, Rötel, Kreide und Bleistift. Oder man ritzte die Zeichen.
Mit gewissen Zinken, die uns bereits aus dem dreißigjährigen Krieg bekannt sind, informierte man Freunde und Genossen z.B. von einem gemeinsamen Diebstahl oder über das Ziel der Wanderung. Ein Pfeil gab z.B. die Richtung an, in die man zieht, und die Zahl der Striche verwies auf die Zahl der Genossen, Frauen und Kinder. Dem wurde meist das Datum oder der Namenszinke beigefügt.
Von einem speziellen Interesse sind jene Zinken und Inschriften, mit denen Vagabunden und Bettler ihresgleichen anzeigen, wo und wie erfolgreich gebettelt, gegessen und geschlafen werden kann. Darauf weisen z.B. ein Zinken mit Würsten oder mit einer Gabel hin.
Aus dem alten Pompeji sind uns ähnliche Zeichen und Inschriften bekannt.
Auch dort gab es Leute, sogenannte "Mahlzeitjäger", die andere davon informierten, wo man zu einem guten Essen eingeladen werden könne. Diese Tradition wird heute z.B. bei großen Einladungen weiter geführt.
Mit dem fahrenden Volk ist demnach eine bunte Kultur verbunden, die von Not und Elend kündete, die aber auch ihren Zauber hatte.

Literatur: R. Girtler, Rotwelsch - die alte Sprache der Diebe, Dirnen und Vagabunden, Wien 1998.

 
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