auslandsdienst.at NEWSLETTER, September 2002

1. "Wenige Gerechte?" - 11. Braunauer Zeitgeschichte-Tage

2. Fred Friedman: "Kleine Kinder haben keinen Hass. Hass muss gelernt werden"

3. Wolfram Wette: Zivilcourage im Dritten Reich

4. Ludwig Mehlhorn, Gerhard Praschl: Zivilcourage und Widerstand in der DDR

1. "Wenige Gerechte?" - 11. Braunauer Zeitgeschichte-Tage:

Vom 27.09. bis 29.09. fanden in Braunau am Inn die 11. Braunauer Zeitgeschichte-Tage unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Andreas Maislinger statt. Die Zeitgeschichte-Tage beschäftigen sich seit 10 Jahren mit der Aufarbeitung des Holocaust. Dieses Jahr wurde die Thematik der "Gerechten" aufgegriffen, als Referent ist unter anderen Prof. Wolfram Wette geladen.
"Gerechte" haben zur Zeit des NS-Regimes Juden das Leben gerettet und somit Zivilcourage bewiesen. Sie betrachteten ihre Tat als selbstverständliche humanitäre Hilfe, die zu jener Zeit den Tod bedeuten konnte. Die jüdische Gedenkstätte Yad Vashem ehrte diese schweigenden Helden mit der höchsten Auszeichnung, die vom Staat Israel an Nicht-Juden vergeben wird.
Im Rahmend der Tagung präsentierten Gedenkdiener die Namen der 83 aus Österreich stammenden Gerechten auf öffentlichen Plätzen der Stadt Braunau.
Programm der 11. Braunauer Zeitgeschichte-Tage

Julian Wiehl
Vorarlberg PR


2. "Kleine Kinder haben keinen Hass. Hass muss gelernt werden"

Dieser Tage finden in Braunau am Inn zum 11. Mal die Braunauer Zeitgeschichte-Tage statt. Es ist ein besonderes Jubiläum, das es zu feiern gibt: Gleichzeitig mit den Braunauer Zeitgeschichte-Tagen feiert auch der Auslandsdienst sein 10jähriges Bestehen.
Diesem Anlass wurde durch einen feierlichen Empfang im Stadttheater Braunau Rechnung getragen. In ihren Reden resümierten der Bürgermeister Gerhard Skiba, der Leiter des Vereins für Zeitgeschichte Mag. Florian Kotanko und Dr. Andreas Maislinger, Initiator des Projekts die 10jährige erfolgreiche Tätigkeit der Braunauer Zeitgeschichte-Tage. Als besonderer Ehrengast wurde dieses Jahr der Österreichischer Honorarkonsul in Buffalo, USA Dr. Fred Friedman empfangen.
Friedman, geboren 1926, war vor dem 2. Weltkrieg Mitglied der jüdischen Gemeinde in Salzburg und lebte dort bis 1937 ein relativ unbeschwertes Leben. Als sein Vater 1938 nach Dachau deportiert wurde, waren Friedman und seine Schwester zur Flucht gezwungen. Die Flucht führte die beiden nach Frankreich, wo sich die gesamte Familie wieder vereinigen konnte. Von Frankreich aus setzten sie ihre Flucht über Spanien und Portugal bis nach Amerika fort. Dort begann Friedman nach seinem Armeedienst ein Jus-Studium und arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Rechtsanwalt.
Im Rahmen der, dem öffentlichen Empfang folgenden Diskussion mit zukünftigen Auslandsdienern, beeindruckte Friedman durch sein unverkrampftes und tolerantes Auftreten gegenüber den sich im Zuge des Holocausts schuldig gemachten Österreichern. Die Nachfolgegenerationen seien nicht mehr unmittelbar für die Verbrechen ihrer Eltern und Großeltern verantwortlich zu machen. In diesem Zug betonte er vor allem seine Bereitschaft zur Versöhnung und zum Verzeihen und brachte dies durch folgende Worte zum Ausdruck: "Ich habe das Gefühl zur Versöhnung von meinem Vater gelernt. Das ist ein gutes Gefühl. Die meisten haben das nicht."
Die Braunauer Zeitgeschichte-Tage werden heute Freitag, um 19:00 Uhr feierlich eröffnet. Zur Teilnahme sind alle Interessierten herzlich eingeladen.

Julian Wiehl
Vorarlberg PR

Christian Ruepp
Vorarlberg Universität


3. Zivilcourage im Dritten Reich

Vortrag von Prof. Dr. Wolfram Wette, gehalten im Rahmen der 11. Braunauer Zeitgeschichte Tage vom 27. -29.9.02 Universität Freiburg im Breisgau
Das Schreckensregime des dritten Reiches in aller Munde war es lange Zeit ein Tabu, sich mit den Geschichten jener Persönlichkeiten, die innerhalb der Strukturen eben dieses Regimes rebellierten, zu beschäftigen. Nicht allzu fern lag der Verdacht, von den wahren Verbrechen und den scheußlichen Übeltätern ablenken zu wollen.
Im wissenschaftlichen Aufarbeitungsprozess ist es nun aber an der Zeit, sich einer fundierten Beschäftigung mit den Menschen zu widmen, die durch ihre mutige Zivilcourage nicht die abscheulichen Verbrechen dieser Zeit mildern können, sondern zeigen, dass auch unter extremsten Umständen eine humanitäre Gesinnung möglich, wenn nicht gar notwendig ist.
Diesem Thema widmete sich Prof. Dr. Wolfram Wette von der Universität Salzburg in seinem Vortrag "Zivilcourage im Dritten Reich", gehalten im Rahmen der 11. Braunauer Zeitgeschichte Tage vom 27-29.9.02.
Eine Frage muss die sich jedes Mitglied des dritten Reiches im Zuge der Aufarbeitung seiner individuellen Geschichte stellen, nämlich ob es wirklich keinen anderen Ausweg als blindes Gehorchen gab. In der schrecklichen Situation, nichts weniger als sein eigenes Leben riskieren zu müssen, um einer humanitären Gesinnung zu dienen, entschied sich die erdrückende Mehrheit dafür, opportunistisch das eigene Leben zu schützen. Man kann es dem durchschnittlichen Mitläufer nicht verübeln, wenn man bedenkt, wie viel Mut und Entschlusskraft es erfordert, sein eigenes Leben zu riskieren, um anderen Menschen zu helfen.
Umso mehr sind die wenigen zu bewundern, die innerhalb der SS und der Wehrmacht die Zivilcourage aufbrachten, sich gegen offizielle Befehle und Gesetze zu stellen, mit dem humanitären Ziel, sich der Grausamkeit und Barbarei des herrschenden Regimes zu widersetzen.
Wolfram Wette beschäftigt sich neben den Kriegsdienstverweigerern und Deserteuren vor allem mit den Exekutionsverweigerern. Es gibt diese Beispiele, wo sich Polizisten und Wehrmachtsangehörige, aber auch Offiziere der Wehrmacht und sogar der SS weigerten, wehrlose Juden oder andere Opfer einfach und ohne Angabe von Gründen abzuschlachten. Es gibt konkrete Beispiele, man denke beispielsweise an Feldwebel Anton Schmid, Oberleutnant Heinz Drossel oder auch Willi Schultz, um einige der angeführten Beispiele zu nennen, die Juden unter hohem persönlichem Einsatz halfen.
Zahlenmäßig sind es wenige, die in dieser heroischen Weise für ihre hehren humanitären Ziele eingestanden sind. Anhand ihrer Biographien lässt sich jedoch erkennen, dass es möglich war, Juden zu helfen - wenn, ja wenn man es nur wirklich wollte.

Christian Ruepp
Vorarlberg Universität


4. Zivilcourage und Widerstand in der DDR

Vorträge von Ludwig Mehlhorn (Evangelische Akademie Berlin) und Gerald Praschl (Journalist, Berlin) im Rahmen der 11. Braunauer Zeitgeschichte Tage vom 27. -29.9.02
Ludwig Mehlhorn ging in seinem Vortrag auf die Entstehung und die Bedeutung der Opposition in der DDR ein, während sich Gerald Praschl in seinen Ausführungen auf die Zivilcourage der kleinen Leute konzentrierte.
"Widerstand fängt im eigenen Kopf an." Ludwig Mehlhorn stieg mit einem interessanten Beispiel von Oppositionsverhalten in der DDR mitten in die Thematik ein: Thüringer Studenten und Schüler formierten sich zum Eisenberger Kreis, da sie die Gedanken- und Meinungsfreiheit vermissten. Sie erkannten darin Parallelen zum NS-Regime. Nach einigen kleineren Aktionen, wie dem Schreiben von Parolen auf Häuserwänden, verfassten sie einen Brief an die Hochschullehrer der DDR, in dem darauf hingewiesen wurde, dass die Professoren wenig gegen die ersten Schritte der Judenverfolgung im Jahre 1933 - der Verdrängung ihrer jüdischen Kollegen von den Universitäten - getan hatten. "Macht Euch nicht erneut schuldig!" - mit diesem Aufruf sollten die Professoren dazu animiert werden sich gegen eine Einschränkung der Meinungsfreiheit zur Wehr zu setzen. Der Eisenberger Kreis ist später jedoch aufgeflogen, Strafen bis zu 15 Jahre Haft waren die Konsequenz.
Die DDR sah sich immer als einer der Sieger des 2. Weltkrieges, da sie auf der Seite der Sowjetunion stand. Niemand stellte sich die Frage der Verantwortung für die grausamen Geschehnisse. In der Folge bildeten sich jedoch einige kleine Gruppen, welche mit der Aufarbeitung dieser Geschichtslüge, mit einer Kompensation der Defizite der sozialistischen Schule begannen. Sie begutachteten die Funktionsweise des eigenen Landes und stellten dabei ein Nichtvorhandensein der Demokratie fest. Diese Gruppen wollten etwas gegen diese schockierende Tatsache unternehmen und legten sich Strategien zurecht. "Oppositionsverhalten ist etwas, was sich langsam entwickelt. Das kommt nicht plötzlich." Wenn erst einmal der Kopf zum Widerstand bereit ist beginnt die Suche nach Partnern, mit denen dann konkrete Schritte des Handelns eingeleitet werden können.
Als Grund dafür, weswegen sich die demokratische Opposition in der DDR erst sehr spät gebildet hat, nennt Mehlhorn die blutige Niederschlagung der ersten Massenerhebung am 17. Juni 1953. Die potentielle Opposition schreckte vor einer ähnlichen Konsequenz im Falle des Scheiterns zurück, die nächste Generation wurde von ihren Eltern und Grosseltern gewarnt. Erst kurz vor der unfreiwilligen, aber gewaltlosen Machtabgabe wurde die Opposition in der DDR zu einer Massenbewegung. Die Küchen reichte als Versammlungsorte nicht mehr aus, die evangelische Kirche stellte ihre Räumlichkeiten zur Verfügung.
Die Opposition der 70er und 80er-Jahre besteht laut Mehlhorn heute nicht mehr in ihrer früheren Formation, ein freundschaftliches Netzwerk existiert aber noch immer. "In einer Demokratie kann die Opposition die frühere Verantwortung mit ihren Mitmenschen teilen. Jedes Individuum hat die Möglichkeit sich gegen den Staat zu wehren."
"Auch der einfache Bürger kann Sand ins Getriebe einer Diktatur streuen." Gerald Praschl betonte in seinem Vortrag, dass die Leute in der Opposition eine Ausnahme, nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, waren. Deswegen soll man auch die kleinen Leute, die sich oft durch ihre Zivilcourage auszeichneten, in Betracht ziehen.
Gegen den Strom zu schwimmen war in der DDR äußerst schwierig. Das wichtigste Instrument der Führung war das Verbreiten von Angst. Viele verschiedene Strafen wurden in Aussicht gestellt. Durch einen flächendeckenden Überwachungsapparat in der Form von Spitzeln wurde ein großer Druck auf die Bevölkerung erzeugt. Der Respekt, der Leuten mit Zivilcourage in einem solchen Regime gegenübergebracht werden muss, wird durch die Tatsache unterstrichen, dass sich Leute aus dem Westen bei Aufenthalten in der DDR immer sehr schnell den Bedingungen unterworfen haben, obwohl sie im Gegensatz zu den Inländern keine Strafen zu befürchten hatten.
Als ein Beispiel für Widerstand im kleinen Rahmen nannte Praschl unter anderem die Geschichte der Dolores Schwarz, der Leiterin der Poststelle in einem kleinen Dorf an der Ostsee. Da Mitte der 80er-Jahre viele Leute von diesem Ort aus über die Ostsee flüchten wollten, war die STASI auf der Suche nach einem örtlichen Spitzel. Dolores Schwarz weigerte sich aber auch nach mehrmaligen Anrufen aufgrund ihrer starken Loyalität gegenüber ihren Mitmenschen als Spitzel zu fungieren.
Abschließend hob Praschl noch einmal hervor, dass viele kleine Leute wegen ihrer Zivilcourage Beachtung verdienen.

Stefan Mangold
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