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FURCHE 9. Oktober 2003 Ironie der Geschichte In Mitteleuropa haben Nationalismus und Kommunismus reale Verbindungen nachhaltig zerstört. Dennoch ist das Gefühl des „parallelen Lebens“ nicht verloren gegangen. Von Emil Brix. In Mitteleuropa wird Identität in erster Linie durch Geschichte
vermittelt. Dabei ist die Botschaft der Geschichte höchst mehrdeutig.
Wer sich selbst als Gewinner bezeichnen kann, ist eher von der Zeit
als vom Ort abhängig. So erschien in einer Warschauer Zeitung vor
1989 die anonyme Kleinanzeige: „Tausche reiche Geschichte gegen
bessere Geografie.“ In Czernowitz wurde vor wenigen Wochen bei
Restaurierungsarbeiten eine Statue der „Austria“ wiederentdeckt,
die seit 1918 von ihrem Sockel verschwunden war. Sie war offensichtlich
damals vergraben worden, um in besseren Zeiten wieder entdeckt zu werden.
Nur der Kopf der Statue fehlt… Öffentlicher Bedarf Je radikaler die Veränderung der Wirklichkeit ist und je rascher
die jeweilige Gegenwart zu ihrer eigenen Vergangenheit wird, desto wichtiger
wird die Geschichte als Instrument, um sich zurechtzufinden. Der öffentliche
Bedarf an Geschichte zur Verarbeitung radikaler Veränderungen in
Mitteleuropa seit 1989 ist offensichtlich. Er enthält aber stets
die Gefahr, dass Traditionszusammenhänge und historische Abläufe
nur mehr in ihrer Funktion für die Gegenwart gesehen und interpretiert
werden. Geschichte wird damit zum beliebigen Argumentationsmaterial
für aktuelle Interessen. Diese Situation hat in Mitteleuropa Tradition.
Keine Kontinuität Grenzverschiebungen als Folge des Zweiten Weltkrieges, Vertreibungen
und Umsiedlungen ethnischer Minderheiten, widersprechen jeder These
der Kontinuität. Nationale historische Ressentiments werden wieder
zu Themen in der politischen Auseinandersetzung. Die Slowaken gründeten
ihren eigenen Staat und verlangen von ihren Minderheiten Anpassung.
Die Ungarn wiederum betrachten die Lage der ungarischen Minderheiten
im Ausland als nationales Anliegen. In Polen wird ebenso wie in Ungarn
mit der Frage nach der „jüdischen“ Herkunft liberaler
Politiker Politik gemacht. Die neuen Staaten schreiben an ihren Nationalgeschichten.
Lob der Langsamkeit • Kritik am Fortschrittsdenken: Im Fortschrittsdenken gibt es
nur eine Richtung und ein Ideal gesellschaftlicher Entwicklung. Diesem
Ideal westlich-aufgeklärter Liberalität stehen rückständige
und verspätete Gesellschaften gegenüber, die danach beurteilt
werden, wie rasch sie die zivilisatorischen Errungenschaften fortgeschrittener
Staaten aufholen können. Nach diesem Modell geht es um die Frage,
wie schnell sich die Länder des Ostens anpassen können. Das
Schlagwort dazu lautet „Rückkehr nach Europa“. Die
ökonomisch erfolgreichen marktwirtschaftlichen Prinzipien werden
als Bestätigung der Erfolge des Fortschrittsoptimismus gesehen.
Die Erfahrungen des östlichen Europas erneuern in Europa kritische
Reflexionen über die Rolle von Fortschrittsideologien. Ein Lob
der Langsamkeit und die Kritik an der Reduzierung des Menschen auf seine
Rationalität sind Ansätze, die aus diesen Erfahrungen aktualisiert
werden. Neue Geschichtspolitik • Zivilgesellschaft und Gegenöffentlichkeiten: Wenn in Europa
heute grundsätzlich und hinsichtlich ihrer praktischen Ausgestaltung
über Demokratie gesprochen wird, so beruht dies wesentlich auf
den zivilgesellschaftlichen Gegenöffentlichkeiten, die in Mittel-
und Osteuropa die Freiheit erkämpft haben und heute am Aufbau von
zivilgesellschaftlichen Strukturen in ihren Staaten arbeiten. Auffallend
ist dabei, dass auch traditionelle Bindungen, wie etwa die Kirchen,
als zivilgesellschaftliche Chancen für Gemeinschaftsbildung und
gesellschaftliche Reform verstanden werden. Auch innerhalb der EU-Staaten
ist ein Mehr an Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit gefordert. 1989 – so weit weg wie 1789 Die kollektive Erinnerung an die Ereignisse von 1989 und an die kommunistischen
Regime ist heute nicht mehr als Gegenwart präsent. Wenn 1989 als
„fast so weit weg wie die Französische Revolution“
empfunden wird, so sind dafür gegensätzliche individuelle
und kollektive Faktoren wie Verdrängung und Aufarbeitung maßgebend,
die kennzeichnend sind für Perioden nach einem politischen Paradigmenwechsel. Der Autor leitet die Kulturpolitische Sektion im Außenministerium.
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