DIE FURCHE
9. Oktober 2003

Politische Giftspucker

Paralleles Leben: Karel Buna lebt bis heute in Broumov, dem böhmischen Braunau.

Karel Buna wurde 1934 als Sohn eines Tschechen und einer Deutschen in Braunau geboren. Er erlebte die Vertreibung der Sudetendeutschen, darunter auch viele Jugendfreunde, aus der gemeinsamen Heimat und begann nach 1989, aktiv Kontakte zu den Sudetendeutschen aufzunehmen. Seine Tochter Libuse Rucková ist Bürgermeisterin von Broumov.

Die Furche: Welche Konsequenzen hatte die Vertreibung der Sudetendeutschen für das Braunauer Ländchen?
Karel Buna: Welche Auswirkungen die vollkommene Auswechslung der Bevölkerung nach 1945 haben sollte, konnte niemand voraussehen. Die Regierung lockte Tschechen in die Gebiete, aus denen die deutsche Bevölkerung vertrieben wurde. Es kamen die Ärmsten der Armen – Ziegeleiarbeiter, landwirtschaftliche Hilfskräfte, Slowaken und Roma aus der kriegsgeschädigten Ostslowakei, angeworbene Bulgaren etc. Aber es fehlten die Facharbeiter, um die stillgelegten Betriebe neu zu starten. Mir ist der Fall von einem Tschechen bekannt, der in einen deutschen Bauernhof eingezogen war, Graupe aussäte und eine reiche Ernte erwartete. Durch die Vertreibung der ursprünglichen Bevölkerung wurden alle im Laufe vieler Jahrhunderte entstandenen Verhältnisse und Traditionen vernichtet. Nach der kommunistischen Machtübernahme sollte dann überhaupt die Geschichte der Deutschen ausradiert werden.

Die Furche: Gibt es Kontakt zu den vertriebenen Sudetendeutschen?
Buna: 1990 kam es zu ersten Kontakten mit sudetendeutschen Vereinen. Seit 1991 sind Vertreter der Stadt auch regelmäßig Gäste bei Heimattagen der Vertriebenen und der Heimatkreis Braunau hatte schon mehrmals Sitzungen hier in der Stadt. Ich persönlich erwarte nicht, dass ein Tscheche, der im KZ war, und ein Sudetendeutscher, der unmittelbar die Vertreibung und Enteignung erlebt hat, einander je in die Arme fallen. Die großen Worte über „Versöhnung“ gehen mir auf die Nerven. Eine Versöhnung hat nur ihren Wert zwischen Opfern und Tätern und würde außerdem von den Menschen mehr erfordern, als man erwarten kann. Es sollte gegenseitiges Vertrauen aufgebaut werden. Aber wie soll das gehen, wenn immer wieder Politiker mit Gift um sich spucken? Ich denke, nur über persönliche Kontakte, indem man sich zusammensetzt und miteinander redet.

Die Furche: Wie war die kommunistische Zeit in Broumov ?
Buna: 1949 kam es zu ersten Verhaftungen von Geschäftsleuten, die keine KP-Mitglieder waren. Es wurde gefährlich etwas zu besitzen. Handwerker und Geschäftsleute übergaben ihre Betriebe „freiwillig“ der Genossenschaft oder gaben sie überhaupt auf. Bauern wurden gezwungen ihre Produkte abzuliefern, sonst drohten Verhaftung und Aussiedlung. Die Partei entschied über alles. Man durfte nicht zu gescheit und nicht zu dumm, nicht zu fleißig und nicht zu faul sein. Und man musste das Rückgrat ausreichend krümmen können.

Die Furche: Was erhofft man sich in Broumov vom EU-Beitritt Tschechiens?
Buna: Braunau liegt an der Grenze zu Polen, die bis 1990 schwer bewacht worden ist, obwohl es ein kommunistisches Bruderland war! Das hat der Wirtschaft sehr geschadet. Viele junge Menschen kommen nach dem Studium nicht zurück, mangelnde „Unternehmungslust“ herrscht auch nach 1989: 2003 gibt es in Braunau, einer Stadt mit 8.000 Einwohnern, immer noch keinen Bäcker und keinen Schuster! Wir haben keine Illusionen, dass der EU-Beitritt uns einfache Lösungen für Arbeitslosigkeit und fehlende Investitionen bringt. Sich selbst zu helfen ist der einzige Weg. Was der Beitritt aber mit der Zeit bringen mag, ist ein Wandel im Denken der Menschen.

 

„Die wollen was zurück“

Paralleles Leben: Ernst Birke wurde 1945 aus dem Braunauer Ländchen vertrieben.

Ernst Birke, geboren 1935 in Trautenau im Kreis Braunau, wurde als Zehnjähriger aus seiner Heimat nach Bayern vertrieben. Seit 1992 ist er verstärkt im Heimatkreis Braunau – Sudetenland e.V. und in der Sudetendeutschen Landsmannschaft tätig.

Die Furche: Bis 1945 lebten in Broumov/Braunau neben Deutschen auch eine tschechische Minderheit. Wie hat dieses „parallele Leben“ ausgesehen?
Ernst Birke: Bis 1918 gab es ein normales Leben miteinander und nebeneinander sowohl geschäftlicher, nachbarschaftlicher und – wenn auch weniger – familiärer
Natur. Nach 1918 hat sich das geändert. Der Grund war die starke Zuwanderung von tschechischen Beamten und Angestellten, die die öffentlichen Ämter übernahmen – das Verhältnis mit den alteingesessenen Tschechen ist aber gleich geblieben. 1938 marschierte bei uns dann die deutsche Wehrmacht ein und wurde von uns jubelnd begrüßt. Das lag daran, dass sämtliche Anträge, Vorschläge, Wünsche der Sudetendeutschen von Prag abgelehnt wurden – als da waren: völlige Gleichberechtigung und die Anerkennung einer Autonomie. Dazu kam dann noch die Wirtschaftskrise: Die Arbeitslosigkeit in den deutsch besiedelten Randgebieten war gegenüber den tschechischen Gebieten unproportional hoch.

Die Furche: Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist ein großer Einschnitt in der Geschichte des Braunauer Ländchens und seiner Bewohner…
Birke: Durch die Vertreibung der deutschen Bevölkerung in den Jahren 1945/46 kam es zu einer totalen Umwälzung. Es ist ja eine ganz große Lücke in allen Bereichen des öffentlichen Lebens entstanden, die sich erst nach und nach wieder gefüllt hat. Sehr unterschiedlich waren die Erfahrungen der Vertriebenen, im allgemeinen aber doch sehr bitter. Ganz egal wo man hinkam – die Leute hatten natürlich alle genug mit sich selbst zu tun und als dann noch diese abgerissenen und heimatlosen Massen kamen, da war man natürlich zunächst sehr ablehnend.

Die Furche: Wie ist die Sudetendeutsche Landsmannschaft entstanden?
Birke: Von den Alliierten wurde zunächst untersagt, dass man sich
in einer Landsmannschaft offiziell zusammenschließt. Sie befürchteten irgendwelche reaktionären oder revolutionären Umtriebe. Man hat zunächst auf der Basis von Vermisstensuchdiensten wieder miteinander Kontakt aufgenommen. In erster Linie geht es darum die Gemeinschaft der Landsleute, die ja total zersplitter worden ist, zusammenzuführen, die Vergangenheit zu dokumentieren und die Kultur zu bewahren.

Die Furche: Ist es gelungen mit dem böhmischen Braunau Kontakte zu knüpfen?
Birke: Seit der Wende hatten wir mit fast jedem Bürgermeister gute Kontakte. Aber es ist uns leider nicht gelungen – da ist die sprachliche Barriere ein großes Handicap – mit der Masse der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Man steht uns nach wie vor skeptisch gegenüber, weil immer noch die Furcht vorhanden ist: „Die wollen was zurück haben.“ Aber zu einer großen Gruppe der Stadtverwaltung haben wir ein gutes Verhältnis und bemühen uns um eine ehrliche und offene Verständigung. Daraus ist 2001 auch die Städtepartnerschaft zwischen Broumov und Forchheim im Bayern entstanden.

Die Furche: Wird die EU-Erweiterung die Verständigung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen erleichtern?
Birke: Für uns vertriebene Sudetendeutsche sehe ich keine großen Veränderungen. Die „biologische Lösung“ rückt näher. Es wird zu engeren Kontakten kommen, vor allem zwischen Wirtschaftskreisen. Aber die da in Kontakt kommen werden, wird die Vergangenheit nur wenig interessieren.

Die Gespräche führte Veronika Thiel.

Braunau in Böhmen

8.427 Einwohner
Das Braunauer Ländchen liegt in Ostböhmen nahe der polnischen Grenze. Weil Reichspräsident Hindenburg Braunau in Böhmen mit Braunau am Inn verwechselte, apostrophierte er Hitler als „böhmischen Gefreiten“.
1253: Gründung Braunaus und Besiedelung durch Franken, Bayern, Sachsen und Thüringen.
1526: Die böhmischen Länder kommen an die Habsburger.
18. Jhdt.: Durch die zahlreichen Aktivitäten des Benediktinerklosters wird das Braunauer Ländchen kultureller Mittelpunkt Ostböhmens.
November 1918: Nach Proklamation der Tschechoslowakischen Republik besetzen tschechische Truppen die Stadt.
Oktober 1938: Auf Grund des Münchner Abkommens kommen deutsche Truppen ins Braunauer Ländchen. Die deutschsprachigen Gebiete Böhmens werden als Sudetengau ins Deutsche Reich eingegliedert.
1945: Wieder tschechische Verwaltung. Vertreibung von 22.000 Sudetendeutschen aus dem Braunauer Ländchen.
1989: Nach der Wende neue Kontakte zwischen Broumov/ Braunau und den Vertriebenen.
2001: Städtepartnerschaft mit Forchheim (Bayern).

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