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DIE
FURCHE
9. Oktober 2003
Im Lager – in der Stadt
Braunau am Inn – Lavarone: Der Erste Weltkrieg schafft die Verbindung
zwischen der Innviertler Stadt und dem Trentiner Bergdorf Lavarone.
Die Bevölkerung des Ortes wurde zwischen 1915 und 1918 nach Braunau
in ein Lager deportiert.
Von Veronika Thiel.
Es gibt in Braunau Familien, die Bertoldi heißen. Genau wie die
Bewohner des Ortsteils Bertoldi in Lavarone“, erzählt Florian
Kotanko, Direktor des Gymnasiums in Braunau am Inn und Kenner des Trentiner
Ortes Lavarone und dessen Geschichte. Die zwei Weltkriege des letzten
Jahrhunderts haben nicht nur die Gestalt der europäischen Landkarten
völlig verändert, sie haben auch das Leben von Menschen aus
den unterschiedlichsten Teilen des Kontinents miteinander verflochten.
Die Familiengeschichte der Innviertler Bertoldis geht auf die Deportation
der Trentiner Bevölkerung im Ersten Weltkrieg zurück.
Der Hochebene von Lavarone kam in den Kriegsplanungen des österreichisch-ungarischen
Generalstabes als „befestigte Zone“ ein besonderer Stellenwert
zu. Conrad von Hötzendorf, der österreichische Generalstabschef
ließ, überzeugt, dass Italien seinen Bündnisverpflichtungen
gegenüber Österreich nicht nachkommen würde, in der Zeit
zwischen 1907 und 1914 eine ganze Reihe moderner Festungen auf den Hochebenen
von Folgaria und Lavarone errichten. Die Befestigungen dienten einerseits
der Abwehr eines befürchteten italienischen Angriffs und andererseits
als Schutz für den österreichischen Aufmarsch. Die Festung
„Werk Gschwent-Belvedere“ im Gemeindegebiet von Lavarone
ist auch heute noch sehr gut erhalten und beherbergt mittlerweile ein
Kriegsmuseum.
Zehntausende deportiert
Nach der Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn am
23. Mai 1915 wurde das Grenzgebiet zwischen den zwei Staaten zum Kriegsschauplatz.
Nahezu die gesamte restliche Bevölkerung, bestehend aus Kinder,
Frauen, alten Männern und der Geistlichkeit – die meisten
wehrfähigen Männer waren bereits eingezogen worden –,
wurde innerhalb kürzester Zeit evakuiert. „Es waren dramatische,
ja sogar tragische Ereignisse. Die Lavaroner mussten alles zurücklassen
– Häuser, Vieh, Äcker, ihr gesamtes Hab und Gut –
und fuhren, auf Güterzügen geladen, ins Ungewisse“,
erzählt Aldo Marzari, der heutige Bürgermeister von Lavarone.
Florian Kontanko sieht zweierlei Gründe für diese Deportation:
„Einerseits hat man natürlich die humanitäre Situation
vorgeschoben – die Dörfer lagen mitten im Frontgebiet und
man wollte die Zivilbevölkerung vor den Kriegsgefahren schützen
– andererseits hatte man sehr große Angst vor der politischen
Unzuverlässigkeit und vermutete überall Spione und Verräter.“
Die Deportierten wurden in Lagern in den verschiedensten Teilen der
Doppelmonarchie konzentriert.
Wieviele Trentiner tatsächlich umgesiedelt worden sind, ist unklar;
die Angaben schwanken zwischen 70.000 und 114.000. Das Gebiet unmittelbar
hinter der Front wurde regelrecht entvölkert. Die meisten Bewohner
von Lavarone kamen in das Flüchtlingslager in Braunau.
Lageraufenthalt & Rückkehr
Im K.k. Flüchtlingslager Braunau am Inn lebten durchschnittlich
etwa 4.000, maximal 12.000 Menschen. Die Versorgung des Lagers war völlig
autonom – es war unter anderem mit einer eigenen Kirche, einer
Schule, einem Krankenhaus und einem Schlachthaus ausgestattet –
und hatte mit der Gemeinde Braunau nichts zu tun.
Eine Umzäunung aus Stacheldraht und eine Lagerwache schotteten
das Lager von der Umwelt ab. „Nur die Familien, deren Mitglieder
arbeiten konnten, kamen bei Bauern auf dem Land unter und hatten zur
einheimischen Bevölkerung gute Beziehungen, von denen auch manche
nach dem Krieg weiterbestanden haben“ berichtet Marzari. Das Verhältnis
der Braunauer zu den Flüchtlingen war, so Kotanko, als ambivalent
zu bezeichnen: „Wenn auch die Verbindungen sehr bescheiden gewesen
sind, so gibt es dennoch einerseits Berichte von gewalttätigen
Übergriffen auf die Flüchtlinge und andererseits von vier
Hochzeiten zwischen Braunauern und Lagerinsassen.“
Nicht minder schwierig als die Deportation und die Jahre im Lager war
die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat im Winter 1918.
„Die Gebäude und Felder waren zerstört und überall
befanden sich die Relikte des Krieges wie Granaten und Munition. Die
Rückkehr war zunächst einmal ein Wiederaufbau“, beschreibt
Kotanko das Schicksal der Heimkehrenden. Das Gebiet befand sich nach
Kriegsende unter italienischer Militärverwaltung und mit Hilfe
von italienischen Soldaten sind die Kriegsschäden beseitigt und
die Felder wieder bewirtschaftet worden. Obwohl die Region vom Zweiten
Weltkrieg weitgehend verschont wurde, kam die Wiederbelebung der Wirtschaft
nur langsam in Gange, so dass viele Lavaroner sich gezwungen sahen auszuwandern.
Hatte der Ort im Jahre 1900 etwa 2.000 Einwohner, so sind es heute nur
noch 1.100. Der allmähliche Umstieg von Landwirtschaft auf Tourismusindustrie
in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stoppte schließlich
die Abwanderung.
Braunau–Lavarone heute
Die Verbindung Braunau-Trentino wurde zunächst von Seiten der
ehemaligen
Lagerinsassen aufrechterhalten. Kotanko: „Es hat gewisse emotionale
Beziehungen
gegeben: über die eigene Kindheit und über die hier begrabenen
Verwandten.“ 728 Insassen des Flüchtlingslagers aus dem Trentino
liegen auf dem Lagerfriedhof begraben, an den heute nur noch eine große
Trauerweide und eine Gedenktafel erinnern. „Anfang der siebziger
Jahre äußerten viele der älteren Leute, die die Jahre
des Ersten Weltkriegs im Lager verbracht hatten, den Wunsch, noch einmal
nach Braunau zu fahren“, erzählt Marzari, „und so wurden
wieder Kontakte geknüpft.“ Neben gegenseitigen Besuchen und
der Übergabe des Marienbildes der ehemaligen Lagerkirche an die
Pfarre Lavarone 1982 zeugen auch Straßennamen wie „Trentiner
Platz“ oder „Via Braunau“ davon, dass die gemeinsame
Vergangenheit noch nicht vergessen ist.
Lavarone (Lafraun)/Trient
1.063 Einwohner
Der Name Lavarone bezieht sich nicht auf einen bestimmten Ort, sondern
auf die drei Hauptzentren Gionghi, Chiesa und Cappella.
1177: Lavarone wird zum ersten Mal urkundlich erwähnt.
11. bis 13. Jhdt.: deutsch-zimbrische Kolonialisierung
der Region. Auch heute wird in der Gegend noch „zimbrisch“
– eine dem Mittelhochdeutschen ähnliche Sprache – gesprochen.
1800: Krise der Landwirtschaft. Beginn der Auswanderung
der Bevölkerung – zunächst innerhalb Österreich-Ungarns,
später auch nach Amerika.
1866: Nach dem Friedensvertrag von Wien musste Österreich
Venetien an Italien abtreten. Das Trentino, der italienische Teil des
damaligen Tirol, blieb bei Österreich.
Beginn 20. Jhdt.: Die Habsburger entdecken die Region
als Urlaubsziel. Auch Sigmund Freud war wiederholt in Lavarone.
1915–18: Die Bevölkerung von Lavarone wird
evakuiert und kommt in das k.k. Flüchtlingslager Braunau am Inn.
1920–30: Die wirtschaftliche Situation der Region
erholt sich nur langsam.
1939–45: Lavarone bleibt vom Zweiten Weltkrieg
weitgehend verschont.
nach 1945: Umstieg von Landwirtschaft auf Tourismus.
Lavarone hat 8.000 Gästebetten.
Im Lager – in der Stadt
Nr. 41, Seite 12
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