13. April 2005

Sehr geehrter Herr Dr. Maislinger,

unumwunden gebe ich zu, dass es Ihr Anruf im letzten Jahr war, der mir das Gedenkjahr „Bauernaufstand 1705 – 2005“ ins Gedächtnis gerufen hat. Und sogleich habe ich mich daran gemacht, darüber Material zusammenzutragen.

Nun gab es ja damals mit der Regierungsstadt Burghausen, einen „Brennpunkt“, an dem sich die Ereignisse (bezogen auf den heutigen Landkreis Altötting) größtenteils abspielten und der deshalb auch in der Geschichtsschreibung eine herausragende Rolle hat.
Ganz unbehelligt blieb jedoch auch das Hinterland nicht. Gerade die Neuöttinger Innbrücke war sowohl für die Aufständischen, wie auch für die „Kaiserlichen“ ein wichtiger Stützpunkt als Flußübergang und Straßenverbindung. Auch die befestigte Stadt erweckte bei beiden Parteien Begehrlichkeiten.
Verschiedene Chronisten berichten uns, unterschiedlich leidenschaftlich, von kriegerischen Auseinandersetzungen um die Stadt, aber auch im Umland, die Menschenleben kosteten, wobei es sich aber sehr schwierig gestaltet, hierüber eine genaue Anzahl nachzuvollziehen.
Obzwar schon jeder Gefallene, über dessen Tod als Sohn, Bruder oder Vater geklagt wurde, ein Toter zuviel war, scheint es, als sei die Zahl der im Hinterland Umgekommenen doch recht übertrieben worden. So berichtet z.B. der geschätzte Neuöttinger Chronist, Pfarrer F.X. Leeb, in seinen „Neuöttinger Kriegs=Geschichten“ aus dem Jahr 1906 von 300 Bauern, die am 28. November 1705 auf dem Stadtplatz von Oberst de Wendt niedergehauen worden seien. Nicht weniger als weitere 570 Aufständische seien außerdem im Rathaus eingesperrt und „ein gut Teil von ihnen“ geköpft, gehängt und gerädert worden.

Bei dieser genannten Menschenmenge müssen kritische Fragen schon erlaubt sein! Wohin verbringt man mindestens 300 Leichen? Neuötting hatte zwar seinerzeit bereits einen eigenen Friedhof, in dem nachweislich (Pfarrmatrikel) am 2. Dezember 1705 „ 9 rebellische Bauren, so von Khayserl. Husaren massacriert und auf unseren feldern tot gefunden worden“ bestattet worden waren, ein Massengrab wurde jedoch hier durch die Jahrhunderte ebensowenig gefunden, wie im Umkreis der Stadt, die sich durch die Bautätigkeit der letzten Jahrzehnte doch sehr stark ausgedehnt hat. Auch die Anzahl der im Rathaus gefangen genommenen Aufständischen darf in Frage gestellt werden.
Selbst wenn Mann an Mann dort dicht gedrängt gestanden hätten, hätte der Platz nicht ausgereicht!
Pfarrer Leeb, der, wie damals leider üblich, nur spärlichste Quellenangaben überliefert hat, begründete die zurückhaltende Erfassung von Gefallenen in den Kirchenbüchern der umliegenden Pfarreien mit Rücksichtnahme, die die Geistlichkeit gegenüber den Familien der Aufständischen walten ließ. Dem widerspricht ein Eintrag im Neuöttinger „Sterbbuch“, das bei eben den neun Gefallenen vermerkt, dass sie „Niemand gekhant, Alter oder woher sie sein“. Also war durchaus der Versuch unternommen worden, die Getöteten zu identifizieren und die zuständigen Pfarrämter vom Ableben ihrer Pfarrangehörigen zu benachrichtigen. Dafür sprechen auch beispielsweise zwei Einträge, einer wiederum im Neuöttinger Sterbbuch vom 18. Dezember 1705 zum Begräbnis eines kaiserlichen Soldaten, bei dem der Vermerk „sein Name ist unbekannt“, durchgestrichen und mit „Erhard Högger Corporal“ ersetzt wurde. Der andere vom 13. November 1705 stammt aus der Pfarrei Haiming und berichtet, dass „Simon Weyerpaintner Schuchmacher zu Yberäckher (Überacker) am Forst“ neben anderen, beim Sturm auf Burghausen Gefallenen, bei St. Johann nahe Burghausen begraben wurde.
Mit großer Wahrscheinlichkeit wäre in den Pfarrbüchern vermerkt worden, dass ein Pfarrangehöriger vermisst wird und vermutlich zu Tode gekommen ist.

Zwar waren die meisten Gefallenen „nur Bauern“ und aufständische dazu, aber Mit- und Christenmenschen waren sie allemal. So lassen die verhältnismäßig geringen Einträge in den Kirchenbüchern doch die Vermutung zu, dass von den Kriegshandlungen bis hin zur letzten und schrecklichen Auseinandersetzung vor Sendling nur wenige Aufständische aus dem heutigen Landkreis Altötting betroffen waren.

Mit besten Grüßen
Renate Heinrich


 
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