14. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Braunauer Parlament"
Adel, Klerus, Bürger, Bauern 1705 - 2005
Braunau am Inn, Stadttheater 23.- 25. September 2005

Geschichte
der
Stadt
Braunau

am
In

von Konrad Meindl, Chorherrn in Reichersberg.

Braunau, 1882.
Druck und Verlag von Joseph Stampfl & Comp.
 
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Braunau während der bairischen Bauernrebellion. 1705-1706.
 
         Die Bauernrebellion nam im bairischen Walde ihren Anfang und
pflanzte sich mit rasender Schnelligkeit an den In, die Isar und Pils
fort. "Lieber bairisch sterben, als in des Kaisers Kot verderben" war
bekanntlich der Walspruch der bairischen Bauern. Die Landleute aus
den Gerichten Griesbach, Pfarrkirchen und dem Rotthal fanden sich auf
den Musterungsplätzen zuerst bewaffnet ein, setzten die Ausgehobenen in
Freiheit und drohten den Beamten mit dem Tode, wenn sie die-
selben wieder einfangen wollten. Dazu gesellten sich auch bald die ver-
abschiedeten bairischen Soldaten. Die Rebellen wurden immer verwe-
gener, entwaffneten bei Kleeberg im Rotthal eine Abtheilung kaiserlicher
Husaren, namen in dem Schlosse daselbst sowie dem Herrn von Matau
alle Wehr und Waffen und schürten die Flamme des Aufruhres dies-
seits des In. Um Ried sammelten sich schnell 300 Bauernbursche; sie
boten auch die Bauernschaft um Braunau, Mauerkirchen, Altheim,
Hönhart und Mattighofen auf, sich am 10. November 1705 an den
beiden Sammelplätzen Tumeltsham und Aurolzmünster mit der besten
Wehr einzufinden, wenn sie nicht an Leib und Gut gestraft und die
Dörfer oder Güter angezündet werden sollten. Eine Schaar zog nach
wilden Excessen dem In zu, plünderte die Hofmark Gurten, wo sie der
Dechant Sigismund Stoll leider vergeblich von ihrem Treiben abzu-
bringen suchte, überfiel dann die Schlösser Neuhaus und Kazenberg wie
den Markt Obernberg und schien auch Schärding überrumpeln zu wollen,
um die dort eingesperrten Rekruten zu befreien. Nach und anch wuchsen
die Aufständischen auf 5000 Mann an, äusserten auch unverholen die Ab-
 
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sicht, die Herrschaften, Obrigkeiten und Amtleute auszurotten, das völlige
Gubernium sich zuzulegen und auch die obderensischen Bauern zu ver-
mögen, sich ihnen beizugesellen.
          Um durch eine einheitliche Leitung dem Unternehmen einen gün-
stigen Erfolg zu sichern, hatte sich bereits im October 1705 ein Aus-
schuß gebildet, der sich kurbairisches Landesdefensions-Ober-
kriegscommissariat nannte. An der Spitze der Landevertheidiger
standen Sebastian Georg Pliniganser, Studiosus der Rechte an der
hohen Schule zu Ingolstadt, aus Pfarrkirchen gebürtig, ein kräftiger
unternemender Jüngling, voll Verstand, und dessen Schulgenosse Johann
Georg Meindl aus Stern bei Altheim.
          Vor allem wollte man für die Operationen einen festen Haltpunkt
gewinnen. Es rückten deshalb mehrere Bauernhaufen nach Erstürmung
der ihnen im Wege liegenden Amtshäuser mit Schützen und Jägern
am 13. November 1705 vor die Festung Braunau, die in der Ge-
schichte des Aufstandes eine bedeutende Rolle einnemen sollte. Die Bauern
hatten den Plan, Braunau zu erobern udn zu behaupten, bis der
Kurfürst mit bedeutender Macht heranrückte, wie man ihnen vorspiegelte.
Schon am 26. Juli 1705 war der Befehl zur Demolierung der Festungs-
werke erlassen worden; doch bis jetzt hatte noch niemand daran Hand
angelegt. An der Stelle des am 21. October 1705 verstorbenen Grafen
Gottfried Kufstein kommandirte der Graf Tattenbach die Besatzung.
Tattenbach, früher in bairischen, nun in kaiserlichen Diensten, hielt sich
mit seiner Miliz für zu schwach, um einen Angriff auf die heran-
rückenden Scharen zu unternemen, durfte auch der Stimmung der
Bürger kein volles Vertrauen schenken und mußte daher die Stadt von
allen Seiten bloquieren lassen. Die Rebellen am linken Inufer, Seba-
stian Plinganser an der Spitze, lagerten in und um Simbach, während
Meindl seine freilich nur mit Spiessen, Sensen, Stangen und anderer
schlechter Wehre versehene Mannschaft an dem rechten Inufer bei Rans-
hofen, St. Peter udn Haselbach aufstellte. Die Stadt war auf diese
Weise von etwa 15,000 Mann eingeschlossen; bald auch des von Rans-
hofen zufliessenden Wassers sowie sowie der Lebensmittel für eine längere Be-
lagerung beraubt, konnte sie sich unmöglich für die Dauer behaupten,
wenn es gleich den Rebellen noch an Belagerungsgeschütz gebrach.
          Inzwischen war es einer andern Abtheilung durch Einverständnis
mit den Bürgern und Studenten nach einem zweiten Versuche gelungen,
die Stadt und das Schloß Burghausen am 16. November 1705
durch Ueberrumpelung zu nemen, die schwache kaiserliche Besatzung, deren
Kommandant durch einen Bürger erschossen wurde, theils zum Ueber-
tritte zu zwingen, theils zu Gefangenen zu machen, alle Kanonen, Ge-
wehre udn Munitionsvorräte zu erbeuten.
 
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          Die Einname von Burghausen entflammte die Landesvertheidiger
zu dem Entschlusse, Braunau um jeden Preis in ihre Gewalt zu
bringen. Eine halbe Stunde unter der Stadt wurde als Vereinigungs-
punkt ein Lager errichtet und der Oberbefehl dem später enthaupteten
Johann Hoffmann übergeben. Plinganser erließ als Landesdefesions-
Commissär am 22. November 1705 aus dem Hauptquartiere Simbach
einen Aufruf an das bairische Landsvolk; er führte darin die Ursachen an,
welche die Landesverteidiger zur Ergreifung der Waffen gezwungen
hätten, fordert zur Eintracht udn Theilname auf. Angefeuert durch
diese Worte und im Vertrauen auf Plinganser´s Thatkraft hob sich der
Mut der rebellischen Bauern immer mehr. Schon innerhalb acht Tagen
war die Mannschaft zu beiden Seiten des In auf 24.000 Mann an-
gewachsen. Auch die Bevölkerung des obern In- udn Salzachthales
nam lebhaft am Aufstande Theil. Die Bauern von diesseits und jenseits
des In udn der Salzach versammelten sich im Pfarrhofe zu Neuhofen.
Der Pfarrer Johann Paul Mayer und sein Cooperator Johann Rieder
munterten sie in ihrem Unternemen auf und theilten ihre Gewehre
unter sie aus. Die Schaar dieser Haiminger Bauern war besonders bei
der Einname von Burghausen thätig. Die zu Burghausen eroberten
vier Geschütze waren zwar nur Neun- und Elfpfünder, durch sie wurde
aber doch die Uebergabe von Braunau erzwungen. Anfangs konnten
sich Plinganser und Meindl nicht einigen, auf welcher Seite die
Kanonen aufgeführt werden sollten. Meindl wollte sich nicht dazu ver-
stehen, die Festung über das Wasser von Simbach aus zu beschiessen,
da man von dort aus gegen die Werke nichts ausrichten könne. Plinganser
wies mit Recht auf das Beispiel der Kaiserlichen hin; endlich ließ sich
auch Meindl dazu bereden, daß man mit so geringen Geschützen zwar
gegen die eigentlichen Festungswerke nichts ausrichten, jedoch mit glühenden
Kugeln den Bürgern ein Licht anzünden möchte; dies könnte ihnen die
Augen öffnen und sie gegen die Besatzung zu einem Aufstande be-
wegen. Die Natur selbst hatte hinter dem Wasser gleichsam die Batterie
aufgeworfen, von der aus man jedes Haus in Braunau und sogar
den ganzen Platz bestreichen konnte. Nach einmütigem Beschlusse, die Stadt
von der Wasserseite aus zu beschiessen, wurden nicht mehr als drei Kanonen
aufgeführt udn bereits am 26. Oktober abends ahct Häuser in Brand ge-
schossen. In dieser grossen Not machten die Bürger das Gelöbnis, die auf
dem Friedhofe neben der Martinskirche stehende Kapelle im sog. Elend
zu erweitern, darin zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit und es bittern
Leidens und Sterbens Jesu Christi eine heilige Messe an Freitagen um
10 Uhr und eine Passionslitanei zu stiften. Auch suchte der Bürger-
meister und Stadtrichter Franz Diernhart von Diernhartstein den Kom-
mandanten Tattenbach zu vermögen, durch Uebergabe der Stadt ihre
 
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vollständige Einäscherung zu verhüten. Wegen des Feuers vom andern
Ufer konnte man unmöglich Wasser vom In in die Festung bringen,
auch war die Wasserleitung von der Landseite her unterbrochen, die
Stadt also auf die Länge nicht mehr zu halten. Ferners hatten die
Rebellen einen Bruder des Kommandanten, den Pfarrer von Pischels-
dorf, in ihrer Gewalt. Nach 14tägigem Widerstand übergab daher
Tattenbach unter der Bedingung freien Abzuges, jedoch mit Zurück-
lassung von Ober- und Untergewehr, die Festung. Er unterzeichnete
am 27. November 1705 die Capitulation. Kurz zuvor waren die
Zugänge des Wasserthores nebst der Kapuziner-Schanze von den
Bauern besetzt und die Geiseln ausgeliefert worden. Mehrere tausend
Mann zogen noch am 27. November in Braunau ein; wol eben so
viele blieben vor der Festung stehen. Die kaiserliche Besatzung, be
stehend aus 900 Mann, wurde erst am andern Tage abends nach der
österreichischen Gränze abgeführt; man hoffte sie zu bestimmen, bei den
Landesvertheidigern Dienste zu nemen; es giengen auch wirklich 200
Mann von den Barthel´schen Reitern über. Nach dem Berichte Plin-
ganser´s hatte die Action den Belagerten mehr als hundert, den Auf-
ständischen nur drei Mann gekostet. Während Braunau von den
bairischen Landesvertheidigern besetzt war, führte ein gewisser Zelli das
Kommando über die Festung. Das Landvolk fand in der Stadt an-
scheinend freundliche Aufname. Nach einer patriotischen Ansprache
wurde die Bürgerschaft unter Bestätigung ihrer Privilegien von der
Landesdefension in Eid und Pflicht genommen. Plinganser ließ die
Stadt mit Lebensmitteln für eine Besatzung von 6000 Mann auf
ein ganzes Jahr versehen 1).
            Unterdessen war der kaiserliche Oberst Wendt eiligst mit 5000
Mann von München nach Wasserburg aufgebrochen; dies wurde
von den Kaiserlichen noch gerettet, dagegen war Braunau schon in
den Händen der Bauern. Wendt nam deshalb in einem Verhaue
neben der Stadt eine vortheilhafte Stellung, wurde aber am 29. No-
vember von Plinganser, Ertl, Jäger, Meindl und Dörfl vollständig
geschlagen.
           Während der Belagerung von Braunau sammelte sich auch im
Feldlager zu St. Florian bei Schärding eine grosse Macht. Die
Bauernschaft vor Braunau hatte Fähnrich Wolf Heumann mit
einigen Schützen in das Schärdinger Landgericht abgesandt, um ein
Aufgebot daselbst zu Stande zu bringen. An die Landesvertheidiger
schloß sich der ehemalige Schützenhauptmann Ferdinand Leo Rainer auf
 
1) Das Bild im Nationalmuseum zu München ´die Einname Braunaus`
zeigt wenig historische Treue.
 
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Hackenbuch, der Maier zu Rainting, der kurbairische Hauptmann Johann
Michael Hardtmann und der ehemalige Feldwebel Christian Zwigler
von Schärding an. Der Zuzug wurde immer grösser, die Bauern machten
aber auch immer stärkere Requisitionen, besonders von den Stiftern
Suben und Reichersberg. Die meisten Taschner zogen von Braunau
gegen Neuhaus und lagerten sich Schärding gegenüber. Die Bewaffnung
der Bauernschaft im Lager vor Schärding war aber äusserst schlecht, so
daß sich die Landesvertheidiger schon auf die Beine machen wollten, als
sie Schiffleute in weissen Kitteln von Passau her auf dem In fahren
sahen, welche sie für kaiserliche Reiter hielten. Am 29. November begann
die Kanonade vor Schärding und dauerte durch drei Tage. Die kaiser-
liche Besatzung schoß vond en Stadtmauern und dem hohen Schloß-
turme heftig auf die Bauern diesseits und jenseits des In jedoch ohne
Wirkung. Am 5. December kamen fünf Kanonen von Braunau in
Schärding an. Da der Kommandant auf die Aufforderung des Bauern-
Oberanführers, die Stadt zu übergeben, eine abschlägige Antwort er-
theilte, so begannen die Bauern noch am selben Tage die Beschiessung;
gegen Abend wurden auch glühende Kugeln in die Stadt geworfen,
aber ohne Erfolg. Auf die Bitten der Bürgerschaft übergab schon am
4. December die Besatzung die Stadt an die Bauern. Nach der Ein-
name von Schärding wurde Christian Zwigler zum Kommandanten
der Festung und Besatzung von 400 Mann ernannt. Das Belagerungs-
geschütz, bestehend aus fünf Kanonen, kam am 7. December wieder
nach Braunau zurück; ebenso zog die ganze bewehrte Bauernschaft, die
Besatzung abgerechnet, nach Braunau und Oeting, die Spießler und
Stangler aber wurden nach Hause entlassen. Die Bauern fühlten sich
jetzt freier, fiengen aber auch an, sich allenthalben sehr übel zu betragen.
Vorzüglich wollten sich nun die Rotthaler als Herrn des Landes
zeigen, plünderten, mishandelten und verjagten die Obrigkeiten.
        Um eine Vereinigung der zersplitterten Kräfte zu erzielen sowie
der Beratung über die kräftige Fortführung des Kampfes wegen ward
für den 21. December ein Landesdefensions-Congreß (von den
Bauern Brunnengreß genannt) nach Braunau ausgeschrieben, welcher
von den Abgeordneten aller Stände beschickt werden sollte. Hiebei
erschien der Graf Paumgartten von Ering, Graf Aham zu Neuhaus,
Landrichter von Mauerkichen, Baron Leiden, Landrichter von Schärding,
der Rentmeister Widtmann und der Kastner Prielmayr von Burghausen,
angeblich der Dechant Herkulan Kalchgruber von Reichersberg und der
von Ranshofen. In Betreff der künftigen Leitung der Geschäfte wurde
am 23. December beschlossen, daß der Regierung zu Burghausen vom
ganzen Rentamte der unterfänigste Respekt erwiesen, dieselbe als das
Haupt anerkannt, die alten Beamten alsogleich zu ihren Aemtern zu-
 
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zurückgerufen werden sollten; um jedes Mistrauen gegen dieselben zu
heben und jede Gelegenheit zu entfernen, die Untertanen zu drücken,
hätten in Zukunft alle Ausschreibungen von Steuern und Anlagen
unter Zuziehung von je zwei gewählten Gemeindegliedern aus dem Ge-
richte zu geschehen. Zur Regulirung der Miliz und zur Einrichtung
des Kriegswesens hingegen sollte von jedem Hofe ein Mann gestellt
und deshalb zu Braunau und Burghausen eine förmliche Musterung
der ledigen Bursche wie der erst verheirateten Tagwerker ohne Eigen-
tum vorgenommen werden; es soll aber kein Offizier, wer er auch sei,
Macht und Gewalt haben, einen Mann von der Kompagnie, zu welcher
er gestellt worden ist, zu entlassen, damit nicht wie früher die Offiziere
von den Söhnen der reichen Bauern das Geld nemen, die Armen aber
stehen bleiben. Aus den Gemusterten werden vier Regimenter zu Fuß,
jedes zu tausend Mann, gebildet, der Adel und die Geistlichkeit stellen
ein Dragonerregiment; auf je zehn Höfe entfällt ein vollständig aus-
gerüsteter Mann mit dem Pferde. Der Congreß richtete auch eine
Vorstellung wegen der Excesse der kaiserlichen Soldaten an den Reichs-
convent zu Regensburg.
        Seit dem Congresse zu Braunau begann aber der Glückstern
der Landesdefension zu erbleichen. Die Tölzer Bauern, vom Jägerwirt
in München aufgeboten, bemächtigten sich am Weihnachtsabend 1705,
mehrere Tausend Mann stark, der Isarbrücke und des Isarthores und
fiengen die Stadt zu beschiessen an. Da der Anschlag dem kaiserlichen
Administrator bereits verraten war, machte die Besatzung einen Ausfall
aus der Stadt. Zu gleicher Zeit stieß der Generalmajor Kriechbaum mit
solcher Heftigkeit auf die Landesvertheidiger, daß dieselben sogleich den
Rückzug in das nahe Sendling antreten mußten. Hier begann ein
neuer fürchterlicher Kampf; 3000 Bauern wurden niedergehauen, viele
gefangen, nur wenige fanden ihr Heil in der Flucht; alle Fahnen, das
Geschütz und die Munition fielen den Kaiserlichen in die Hände.
        Der Aufstand in Oberbaiern war niedergeschlagen. Um auch die
Rebellen des Rentamtes Burghausen zu züchtigen, zog Kriechbaum in
die Gegend von Vilshofen. Obwol die Landschaft zu München unterm
6. Januar 1706 an die unter den Waffen stehende Bauernschaft ein
Abmahnungsschreiben hatte ergehen lassen, so war doch diese keineswegs
geneigt, das Schwert so leichten Kaufes niederzulegen, sie bot vielmehr
alles auf, um den Kaiserlichen mit Macht entgegenzutreten. Nach einem
Ausfalle der Besatzung aus Vilshofen zogen sich die Landesvertheidiger
auf eine Höhe bei Aidenbach zurück und erwarteten dort in schönster
Ordnung den Feind. General Kriechbaum rückte am 8. Januar über
Aldersbach gegen Aidenbach an. Ehe noch zwei Schüsse fielen, waren
die sämmtlichen Geschütze der Rebellen in den Händen der Husaren,
 
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die nur zur probeweisen Attaquirung abgesendet worden waren. Jetzt
warf sich die ganze kaiserliche Macht auf die Bauern. Diese gerieten
bald in volle Unordnung und ergriffen zumeist die Flucht. Das Ge-
metzel dauerte von 11 Uhr mittags bis späten Abend. Die Felder um
Aidenbach waren auf eine Stunde weit mit Todten bedeckt; ihre Zal
belief sich auf 3000. Der Rest der Bauernarmee blieb zum Theile ver-
wundet auf dem Schlachtfelde liegen oder fand sein Heil in der Flucht.
        Von Aidenbach marschirte Kriechbaum gegen Passau. Von hier
aus erließ er an die Stadt und an das Landgericht Schärding ein
Patent; er versprach allen denen Pardon und die kaiserliche Gnade,
die von der Rebellion ablassen; der Kurfürst selbst ließ seine Untertanen
zur Ruhe und zum Nachgeben ermahnen. Die Kaiserlichen rückten von
Passau her in das Rentamt Burghausen ein und namen Schärding
ohne Schwertstreich.
        Nach den unglücklichen Tagen von Sendling und Aidenbach war
somit nur mehr Braunau der letzte Hort der Landesvertheidiger.
Dort kommandirte seit dem Congresse Ludwig Baron D´Ocfort unter
dem Titel eines Landesdefensions-Generals. Dieser Mann war früher
in kurfürstlich bairischen Diensten Obrist zu Fuß und schon 1703
Vicekommandant von Braunau gewesen. Den freiherrlichen Titel
verdankte er der Gunst Max Emanuels; er hatte ihn am 29. December
1703 in den Herrnstand erhoben. Da General Kriechbaum von Schär-
ding heranrückte, war Braunau von 3000 bis 4000 Mann, theils
abgedankten bairischen und ausgerissenen kaiserlichen Soldaten, theils
wol bewaffneten Bauern und mit den vorzüglichen Gewehren ver-
sehenen Schützen besetzt. Der Schützenobrist Meindl hatte sich mit der
Garnison entschlossen, die Stadt mit Nachdruck zu vertheidigen, um
bei der Uebergabe wenigstens vortheilhafte Bedingungen zu erlangen,
wenn von der übrigen Bauernschaft kein Succurs käme. Braunau
konnte daher von den Kaiserlichen nur mit äusserster Anstrengung er-
obert werden; in und um Simbach sammelten sich die Landesverthei-
diger neuerdings in grosser Zal. Was Kriechbaum bei einer regel-
rechten Belagerung nur unter vielen Mühen gelungen wäre, gelang
schnell durch den Verrat des Kommandanten von Braunau. D´Ocfort
erklärte von Hochmut, sich lieber massakriren zu lassen, als an der
Spitze eines Bauernhaufens zu kämpfen, er beredete im Einverständnisse
mit andern Mitgliedern der Landesdefension die Besatzung, unter seiner
Anführung die Festung zu verlassen, um einige wichtige Punkte in der
Nähe der Stadt zu occupiren; nur 120 Mann, offenbare Anhänger
der Kaiserlichen, blieben in der Stadt zurück. D´Ocfort theilte die
Bauern und Schützen in drei Haufen, wies ihnen ihre Stellungen an
und ritt von dannen, angeblich um den Feind zu recognosciren, in der
 
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That aber um in die Festung zurückzukehren. Schnell wurden die Thore
geschlossen, den noch nicht gewonnenen Mitgliedern des Congresses und
den Bürgern die Unmöglichkeit einer längern Vertheidigung und die
Notwendigkeit, sich dem Kaiser zu unterwerfen, vor Augen gestellt, und
alle waren in kurzer Zeit gewonnen. Eiligst gieng der Schützenhaupt-
mann Rainer von Hackenbach an den General Kriechbaum mit der
Nachricht ab, er möge seinen Marsch möglichst beschleunigen, denn die
Thore von Braunau stünden ihm offen. Die Betrogenen merkten
zwar die List, als man ihnen weder Munition noch Proviant verab-
folgte; sie rückten daher schnell vor die Festung, wurden jedoch zurück-
getrieben und sahen sich gezwungen, ihr Heil in der Flucht zu suchen,
da Kriechbaum in Eilmärschen heranrückte. Nicht viel besser gieng es
der Bauernschaft, die, bei 4000 Mann stark, unter Plingaser in Sim-
bach stand. Um sich mit den Landesdefensions-Regimentern zu ver-
einigen, wollte diese durch die Stadt ziehen; anstatt aber dies zu ge-
statten, wollte D´Ocfort die Kanonen gegen sie richten; selbst den
Durchzug von 100 Mann verweigerte er. Würde der Kommandant
nur dies zugestanden haben, so hätten 10 Dragoner der Bürgerschaft
so starken Widerstand geleistet, daß sie das Stadtthor behaupten und
den Uebrigen den Durchzug hätten sichern können. D´Ocfort der
Landesdefension niemals gewogen, blieb bei seinem Entschlusse und
drohte sogar das Geschützfeuer gegen die Landesvertheidiger zu eröffnen,
wenn sie sich nicht gleich zurückzögen. Jeder suchte nun, so gut er
konnte, sich in Sicherheit zu bringen; alle Vortheile giengen auf ein-
mal wieder verloren und alles mußte dem Feinde überlassen werden,
was man in guter Einigkeit zur Wolfahrt des Vaterlandes und den
durchlauchtigsten Prinzen bis zum Eintreffen anderweitiger Hilfe in
Sicherheit hätte erhalten können. Am 17. Januar 1706 zog General
Kriechbaum in Braunau ein. Meindl lieferte noch am 22. Ja-
nuar 1706 den Kaiserlichen ein siegreiches Gefecht am In und hielt
sich später einige Zeit im Weilharter Forste auf; von da an scheint jede
Spur von ihm verloren. Plinganser wurde zu Altötting gefangen
genommen, blieb dann längere Zeit in Untersuchungshaft, deren Re-
sultat nicht bekannt ist, trat beim Hofmarksgericht Mengkosen in Ver-
wendung, ward Prokurator in München und starb als Kanzler des
Reichsstiftes St. Ulrich und Afra in Augsburg am 7. Mai 1738.
        Mit dem Falle von Braunau war die grosse Bauernrebellion
nahezu gedämpft; auch die Bürgerschaft von Ried erklärte ihre Unter-
werfung und Burghausen ergab sich an den kaiserlichen Oberst Hoch-
berg. Ueber Vermittlung des Erzbischofes von Salzburg wurde zu
München ein Generalpardon bekannt gegeben; nur die Rädesführer
sollten ausgeschlossen sein; allen denen, welche die Waffen niederlegten
 
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und ruhig nach Hause zogen, ließ der Kaiser Gnade und Verzeihung
angedeihen. 1706 wurden der Kurfürst Max Emanuel von Baiern und
dessen Bruder, der Kurfürst von Köln, in die Reichsacht erklärt, der
dermalige Inkreis als Schadenersatz den österreichischen Erbländern zu-
gewiesen, das übrige Baiern aber als offenes Reichslehen behandelt 1).
 
1) Vgl. Gaisberger. Der Aufstand des bairischen Landvolkes gegen die
Kaiserlichen, Zeitschrift des Museums Franc.-Carol. in Linz, 1843. Groß,
Simbach, 49-59.
 
Abschrift von Dr. Andreas Maislinger am 16. November 2003

Literatur

 
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 hrb
 aktuell
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