14. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Braunauer Parlament"
Adel, Klerus, Bürger, Bauern 1705 - 2005
Braunau am Inn, Stadttheater 23.- 25. September 2005

Schützenobrist Johann Georg Meindl, der ´Student` aus Altheim, und der bairische Bauernaufstand im Rentamte Burghausen 1705/06.
Von Konrad Meindl, Stitfsdekan in Reichersberg.
Abdruck aus den Verhandlungen des historischen Vereines für Niederbayern, Band XXIV, Heft 3 und 4. (Landshut 1886) S. 66-70.


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Der Congreß zu Braunau.

Schon seit längerer Zeit bestand zwischen den Häuptern der Landesdefension in Braunau, der Regierung und der ´Gemain´ zu Burghausen eine Spannung. Als der Schon genannte Obristwachtmeister (Bittner?), welcher während der Belagerung von Braunau ´aufgehebt und in Burghausen festgesetzt wurde, durch Beywürkung und gehebter Verständnus….mit etwelch daselbstigen Rhäten aus der Prison durch die ihme zwegebrachte Mitl unversehens echappieret, als haben wir uns ohne all verneren Anstand bemiessiget gefunden, die Regierung zu mehrbemelten Burghausen Euer Churfürstl. Drtl. und der löbl. Landdefension das iuramentum der Treue ablegen zu Spaltung trat nach Abschluß des Anzinger Vertrages noch offener zu Tage, als Plinganser von der Regierung die Vertragsurkunde begehrte. Er wurde an die Bauerschaft gewiesen: ´So hette auch erwehnte Paurschaft das instrumentum armistitii zu sich genommen, were also von deroselben abzubegehren; es hette auch die Regierung sich in keine andere Tractaten eingelassen, als welche von der Paurschaft nit selbst beliebt worden´ (140).

Während dieser Differenzen zwischen dem Oberkriegscommissär in Braunau, der Regierung und der ´Gemain´ zu Burghausen erfolgte durch den Festungscommandanten Joh. Alois Jelli von Braunau unterm 18. Dec. Die Ausschreibung zum Congreß (vg. Theatr. Europ. 1705, 121-22, Monatl. Staatsspiegel 1706, 22-23). Schon am nächsten Tag sollte ein großer Kriegsrat gehalten werden, daran neben der Regierung von jedem Gerichte im Rentamte Burghausen ein Adeliger, ein Pfarrer, ein Burger und Bauersmann teilnemen. Diese Ausschreibung geschah schon über den Kopf Plinganser´s hinweg nach seinen eigenen Worten: ´Des andern Tags verfüegte ich mich aus eigenem Antrieb nochmalen zur Regierung und begehrte auf die yberraichte Puncten in continenti mir Resolution zu erthailen. Es wurde mir aber herwider bedeutet, das man sich in Braunau destwegen versamblen und das Landtdefensionswesen durch einen daselbst anstöllenten Congreß besorgen, wohin mich dann auch zu verfüegen wissen werde. Disemnach wurdten zwey aus dero Räthen, benantlich der von Prielmayr undt von Widtmann


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mit der Instruction nach Braunau geschicket, all ihr Vermögen zu interponieren, das sye von der Paurschaft als Condirectores der Landtdefesions-Affaire receptieret und anbey noch mehrere von Adl hierzue adhibiert werden sollten´.

Der Congreß sollte nach der Ausschreibung am 19. Dec. eröffnet werden. Das Schreiben Jelli´s vom 18. Dec. Ruft nämlich Congreßteilnehmer auf ´morgen´ ein. Zum Schluß findet sich aber ein Postscriptum: ´Die Erscheinung ist bey hoher Straffe auf den 21. dieses gestellet´. Möglich ist, dass vom 19. an Vorberatungen stattfanden, während das volle Bauernparlament´ erst am 21. zu tagen anfing. Von der Burghausener Regierung erschien der Kastner Franz Bernhard von Prielmayr und der Rentmeister von Widtmann, der Freiherr Paumgarten von Ering, der Landrichter Baron Leyden von Schärding, der Graf Joh. Joseph Franz von Aham auf Neuhaus, Landrichter zu Mauerkirchen, angeblich der Dechant Herkulan Kalchgruber von Reichersberg und der vom Stifte Ranshofen, ´indeme vast hundert Köpf von Burger und Paurn aus underschidtlichen Stätt, Märkt und Gerichtern Buderparlement besezet´. Plinganser führte das Protokoll.

Die Regierungspartei am Congreß gestand der Bauerschaft die Berechtigung zu, gegen die excedirende kaiserliche Soldatesca Gewalt zu brauchen, durch den Bruch des Anzinger Vertrages sei aber zuviel geschehen; ein Krieg gegen den Kaiser und die anziehenden Truppen wäre auf die Länge nicht zu führen; es sei Mangel an Feuergewehr, es fehle eine Kriegscasse, das Rentamt Burghausen erschöpft. Baron Paumgarten dagegen meinte, man könnte das Land in wenigen Tagen von den Kaiserlichen reinigen und mit der Landesdefensionsarmee vor München rücken, wenn man sich nicht mit leeren Vorstellungen einschüchtern ließe. Darauf wurde erwidert, wenn auch die Belagerung von München unternommen würde, käme der Feind mit einem fliegenden Chor in´s Land, um alles mit Feuer und Schwert zu verwüsten und die Zufuhr abzuschneiden. Bisher hätte man, entgegnete Plinganser, ohne Umstände die kaiserl. Gefälle zur Fortsetzung des Krieges verwendet; wollte die gegenwärtige Versammlung die Leitung des Landesdefensionswesens übernemen und das Haupt der Bauerschaft sein, so müsse sie auch Geld und Verpflegung für die Truppen beistellen, die Regierung Burghausen der Landesdefensionsdirection unterworfen werden; man sollte unverweilt mit der Belagerung der Hauptstadt München den Anfang machen. Doch


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der Adel wies immer wieder auf die große Macht des Kaisers hin, auf die Ungewissheit, ober der Kurfürst an den Unternemungen seiner Untertanen ein Gefallen trüge; man solle deshalb eine Botschaft nach Brüssel schicken. Der Bauernpartei schwebte stets die Erhaltung der erlangten Vorteile vor, der Ruin des Landes durch die Exactionen der Kaiserlichen, die Rückkehr Baierns an seinen rechtmäßigen Herrn, den Kurfürsten und die Prinzen, die Aushebung der Landessöhne zum Kriegsdienste gegen ihre vorgesetzte Landesherrschaft; über eine Sendung nach Brüssel vergehe zu viel Zeit; es möchten auch die Regierungsräte und der Adel zur Wolfahrt des bedrängten Vaterlandes das Ihrige aufbieten, ´worzue sye all dero Gräfften beytragen und nach denen Weihnachtferien ihre Sessionen anfangen, bey welchen auch sye als Deputierte von der Gemain erscheinen wollten, als am heyl. Weihnachtabendt wiewollen nicht ohne Confusion und grosse Bestürzung der Wolgesinnten alles auseinander gangen´. (Memorial an den Kurfürsten, 142-46). Darüber verstrich die kostbare Zeit. Die Kriegsoperationen namen nicht den mindesten Fortgang.

Auf dem Congresse ging es sehr tumultuarisch zu. Vernemen wir darüber eine Stimme. Der unterm 22. Dec. An die kaiserl. Administration: ´Er habe, da die Kaiserlichen mit Ober- und Untergewehr (aus Schärding) ausrückten, den Taschner Bauern die Plünderung der Bagage der ausziehenden Garnison abgewehrt; das Geraubte sei zurückgestellt worden. Zu Braunau habe er eine Menge Bauern angetroffen; ihr Redner, ein Kupferschmid allda, hätte den Vortrag gethan, dass sie auf diese vorgeschlagene Geistliche, Adel, Bürger und Bauern ihr Vertrauen setzten, sich in Zukunft um des lieben Vaterlandes Sache anzunehmen, wie dies der Befehl von der Regierung Burghausen in sich haltet. Die Deputirten müssten da bleiben. Er selber habe sich geweigert, das Regiment anzunemen, sei dafür drei Wochen lang gleichsam gefangen gehalten worden. Ein heilloser Bürger habe ihm in´s Gesicht gesagt: Hätten wir die Grossen todt geschlagen, wäre unsere Sach´ fortgegangen, man soll es noch thun!´ (Sepp, 433.)

Die Weihnachtstage vergingen. Die Felder zwischen Sendling und München waren mit dem Blute der Oberländer gerötet. Der Congreß zu Braunau versammelte sich wieder schleunigst. ´Man deliberierte sogleich, wie die zerstreute Bauernschaft wieder zum Stand gebracht und


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dem Feind, so annun neuen Mueth empfangen, zuelenglicher Widerstand gemacht werden könnte´. Weil an Feuergewehr grosser Mangel war, sollte für jede Musquete 5 fl. Bezalt werden. Die Bildung von fünf Regimentern zu Fuß und eines Dragourregimentes durch Hoffmann ward beschlossen. Jeder Pfarrer musste ein Pferd stellen oder 60 fl. bezalen. Sämmtliche Beschlüsse des Congresses zu Braunau in Bezug auf das Kriegswesen enthält ´einhelliger Schluß von der versammelten Landes-Defensions-Congress-Gemeinde und 4 Ständen Rent-Amts-Burghausen, so in Braunau abgeredet und geschlossen worden, datiert vom 23. Dec 1705´. (Monatl. Staatsspiegel, 23-33. Theatr. Europ., 122-24. Hormayr, 143-49.) Das Commando über die Landesdefesionstruppen übernam auf dem Congresse an der Stelle Hoffmann´s Baron Ocfort, welcher auch die Festung Braunau für Joh. Alois Jelli kommandierte. Ocfort erhielt den Character eines Generales. Hoffmann wurde die Obriststelle über das neugebildete Dragonerregiment übertragen. ´Ingleichen hat man dem Meindl die Obristenstöll yber die Schüzen conferieret´. Plinganser versah das Amt ´Staats-Secretarius´ auf dem Congresse. (Ebend. 143, 147.)
Der Bierbräu Schädtenkirchner von Burghausen führte die Rechnungen von den Einnamen und Ausgaben für Offiziere, Kundschafter, Festungsarbeiter u.s.w. Mit 1. Januar 1706 wurden zur Herstellung der Festungswerke und Setzung der Pallisaden in Braunau 150 Tagwerker in Dienst genommen. Matthäus Würtinger, des Rats und Handeslmann zu Braunau, hatte von den sämmtlichen Vorgängen Kunde (Sepp, 432-33).

So war man ganz guter Dinge. Mit den neuen Regimentern, versehen mit ausgesuchten Ober- und Unteroffizieren, hoffte man die Festungen zu behaupten. In Braunau, Burghausen und Schärding standen bei 80 brauchbare Kanonen. Innerhalb 24 Stunden sollte im Notfalle eine Armee von 40.000 Mann in´s Feld rücken, die Niederlage bei München bald wieder vergessen sein. Der Sage nach wollte das Erzstift Salzburg und, das Land ober der Ens den kaiserl. Truppen den Durchzug nicht gestatten. Die böhmische Nation sollte gleichfalls dem Aufstande nahe sein. O eitle Hoffnung! (Memorial an den Kurfüsten, 147-48.)

Um die Schritte der bairischen Landesdefension vor der Welt zu rechtfertigen, wurde ein vielblättriges Manifest oder Vorstellung an den


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Reichsconvent in Regensburg verfasst. Es enthält die Ursachen des Aufstandes; derselbe wäre nicht eine Rebellion gegen das Oberhaupt, den Kaiser (vgl. Hormayr, 149-66. Ort an der Antisen, 77-82). Der Cardinal von Passau weigerte sich, das Schritstück an den Reichsconvent zu übergeben; doch soll es Baron Leyden durch eine Mittelsperson dem Kaiser Joseph I. in die Hände gespielt haben.

Unterdessen war der kaiserl. General d´Arnan von Straubing der in Vilshofen gelandet und hatte die Stadt genommen. Er sollte zu General Kriechbaum stoßen, welcher schon von Erding her im Anzuge war. Der Congreß zu Braunau wollte der Bauerschaft um Vilshofen etliche Kanonen, Mannschaft und einige Tausend vom Landesaufgebot über Schärding zu Hilfe senden. Doch später entschied man sich, die Bauern durch Deputirte zur frühzeitigen Retirade zu ermahnen, als sich der äußersten Gefahr durch eine Betaille auszusetzen. Die Landesdefensoren hatten abe rden Plan, d´Arnan einzeln zu schlagen, ehe die Vereinigung mit dem Kriechbaum´schen Corps erfolge. Über die Hin- und Herraten kamen die Landesvertheidiger aus dem Rentamte Burghausen am entscheidenden Tage bei Aidenbach mit ihrer Hilfe zu spät. Es waren die letzten Lebenszeichen des Congresses zu Braunau, mit welchem die Geschichte des Aufstandes eine so traurige Wendung genommen hat.

Von Plinganser´s Wirksamkeit als Secretär auf dem Congreß oder der kurbair. Landesdefensionskriegsdirection liegen nur mehr Decrete vor, das eine vom 3. Jan. 1706 gegen den Landesdefensions-Commandanten Joh. Christoph Zwigler in Schärding, welcher sich auch noch nach dem Congreß den Obristentitel anmaßte und die Musterung der Mannschaft noch immer vornam, obwol der nunmehrige Obrist, Landrichter von Leyden, damit betraut war, dann ein erneuertes Mandat vom 6. Jan. ´wider das zusambrottirte haylose Rauber-Gesindel´ (Morawitzky, 101-04).


Abgeschrieben von Dr. Andreas Maislinger am 10. Juli 2004. Für Kommentare und Ergänzungen bin ich dankbar maislinger@aon.at


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