Schützenobrist Johann
Georg Meindl, der ´Student` aus Altheim, und der bairische Bauernaufstand
im Rentamte Burghausen 1705/06.
Von Konrad Meindl, Stitfsdekan in Reichersberg.
Abdruck aus den Verhandlungen des historischen Vereines für Niederbayern,
Band XXIV, Heft 3 und 4. (Landshut 1886) S. 66-70.
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Der Congreß zu Braunau.
Schon seit längerer Zeit bestand zwischen den Häuptern der
Landesdefension in Braunau, der Regierung und der ´Gemain´
zu Burghausen eine Spannung. Als der Schon genannte Obristwachtmeister
(Bittner?), welcher während der Belagerung von Braunau ´aufgehebt
und in Burghausen festgesetzt wurde, durch Beywürkung und gehebter
Verständnus….mit etwelch daselbstigen Rhäten aus der
Prison durch die ihme zwegebrachte Mitl unversehens echappieret, als
haben wir uns ohne all verneren Anstand bemiessiget gefunden, die
Regierung zu mehrbemelten Burghausen Euer Churfürstl. Drtl. und
der löbl. Landdefension das iuramentum der Treue ablegen zu Spaltung
trat nach Abschluß des Anzinger Vertrages noch offener zu Tage,
als Plinganser von der Regierung die Vertragsurkunde begehrte. Er
wurde an die Bauerschaft gewiesen: ´So hette auch erwehnte Paurschaft
das instrumentum armistitii zu sich genommen, were also von deroselben
abzubegehren; es hette auch die Regierung sich in keine andere Tractaten
eingelassen, als welche von der Paurschaft nit selbst beliebt worden´
(140).
Während dieser Differenzen zwischen dem Oberkriegscommissär
in Braunau, der Regierung und der ´Gemain´ zu Burghausen
erfolgte durch den Festungscommandanten Joh. Alois Jelli von Braunau
unterm 18. Dec. Die Ausschreibung zum Congreß (vg. Theatr. Europ.
1705, 121-22, Monatl. Staatsspiegel 1706, 22-23). Schon am nächsten
Tag sollte ein großer Kriegsrat gehalten werden, daran neben
der Regierung von jedem Gerichte im Rentamte Burghausen ein Adeliger,
ein Pfarrer, ein Burger und Bauersmann teilnemen. Diese Ausschreibung
geschah schon über den Kopf Plinganser´s hinweg nach seinen
eigenen Worten: ´Des andern Tags verfüegte ich mich aus
eigenem Antrieb nochmalen zur Regierung und begehrte auf die yberraichte
Puncten in continenti mir Resolution zu erthailen. Es wurde mir aber
herwider bedeutet, das man sich in Braunau destwegen versamblen und
das Landtdefensionswesen durch einen daselbst anstöllenten Congreß
besorgen, wohin mich dann auch zu verfüegen wissen werde. Disemnach
wurdten zwey aus dero Räthen, benantlich der von Prielmayr undt
von Widtmann
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mit der Instruction nach Braunau geschicket, all ihr Vermögen
zu interponieren, das sye von der Paurschaft als Condirectores der
Landtdefesions-Affaire receptieret und anbey noch mehrere von Adl
hierzue adhibiert werden sollten´.
Der Congreß sollte nach der Ausschreibung am 19. Dec. eröffnet
werden. Das Schreiben Jelli´s vom 18. Dec. Ruft nämlich
Congreßteilnehmer auf ´morgen´ ein. Zum Schluß
findet sich aber ein Postscriptum: ´Die Erscheinung ist bey
hoher Straffe auf den 21. dieses gestellet´. Möglich ist,
dass vom 19. an Vorberatungen stattfanden, während das volle
Bauernparlament´ erst am 21. zu tagen anfing. Von der Burghausener
Regierung erschien der Kastner Franz Bernhard von Prielmayr und der
Rentmeister von Widtmann, der Freiherr Paumgarten von Ering, der Landrichter
Baron Leyden von Schärding, der Graf Joh. Joseph Franz von Aham
auf Neuhaus, Landrichter zu Mauerkirchen, angeblich der Dechant Herkulan
Kalchgruber von Reichersberg und der vom Stifte Ranshofen, ´indeme
vast hundert Köpf von Burger und Paurn aus underschidtlichen
Stätt, Märkt und Gerichtern Buderparlement besezet´.
Plinganser führte das Protokoll.
Die Regierungspartei am Congreß gestand der Bauerschaft die
Berechtigung zu, gegen die excedirende kaiserliche Soldatesca Gewalt
zu brauchen, durch den Bruch des Anzinger Vertrages sei aber zuviel
geschehen; ein Krieg gegen den Kaiser und die anziehenden Truppen
wäre auf die Länge nicht zu führen; es sei Mangel an
Feuergewehr, es fehle eine Kriegscasse, das Rentamt Burghausen erschöpft.
Baron Paumgarten dagegen meinte, man könnte das Land in wenigen
Tagen von den Kaiserlichen reinigen und mit der Landesdefensionsarmee
vor München rücken, wenn man sich nicht mit leeren Vorstellungen
einschüchtern ließe. Darauf wurde erwidert, wenn auch die
Belagerung von München unternommen würde, käme der
Feind mit einem fliegenden Chor in´s Land, um alles mit Feuer
und Schwert zu verwüsten und die Zufuhr abzuschneiden. Bisher
hätte man, entgegnete Plinganser, ohne Umstände die kaiserl.
Gefälle zur Fortsetzung des Krieges verwendet; wollte die gegenwärtige
Versammlung die Leitung des Landesdefensionswesens übernemen
und das Haupt der Bauerschaft sein, so müsse sie auch Geld und
Verpflegung für die Truppen beistellen, die Regierung Burghausen
der Landesdefensionsdirection unterworfen werden; man sollte unverweilt
mit der Belagerung der Hauptstadt München den Anfang machen.
Doch
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der Adel wies immer wieder auf die große Macht des Kaisers hin,
auf die Ungewissheit, ober der Kurfürst an den Unternemungen
seiner Untertanen ein Gefallen trüge; man solle deshalb eine
Botschaft nach Brüssel schicken. Der Bauernpartei schwebte stets
die Erhaltung der erlangten Vorteile vor, der Ruin des Landes durch
die Exactionen der Kaiserlichen, die Rückkehr Baierns an seinen
rechtmäßigen Herrn, den Kurfürsten und die Prinzen,
die Aushebung der Landessöhne zum Kriegsdienste gegen ihre vorgesetzte
Landesherrschaft; über eine Sendung nach Brüssel vergehe
zu viel Zeit; es möchten auch die Regierungsräte und der
Adel zur Wolfahrt des bedrängten Vaterlandes das Ihrige aufbieten,
´worzue sye all dero Gräfften beytragen und nach denen
Weihnachtferien ihre Sessionen anfangen, bey welchen auch sye als
Deputierte von der Gemain erscheinen wollten, als am heyl. Weihnachtabendt
wiewollen nicht ohne Confusion und grosse Bestürzung der Wolgesinnten
alles auseinander gangen´. (Memorial an den Kurfürsten,
142-46). Darüber verstrich die kostbare Zeit. Die Kriegsoperationen
namen nicht den mindesten Fortgang.
Auf dem Congresse ging es sehr tumultuarisch zu. Vernemen wir darüber
eine Stimme. Der unterm 22. Dec. An die kaiserl. Administration: ´Er
habe, da die Kaiserlichen mit Ober- und Untergewehr (aus Schärding)
ausrückten, den Taschner Bauern die Plünderung der Bagage
der ausziehenden Garnison abgewehrt; das Geraubte sei zurückgestellt
worden. Zu Braunau habe er eine Menge Bauern angetroffen; ihr Redner,
ein Kupferschmid allda, hätte den Vortrag gethan, dass sie auf
diese vorgeschlagene Geistliche, Adel, Bürger und Bauern ihr
Vertrauen setzten, sich in Zukunft um des lieben Vaterlandes Sache
anzunehmen, wie dies der Befehl von der Regierung Burghausen in sich
haltet. Die Deputirten müssten da bleiben. Er selber habe sich
geweigert, das Regiment anzunemen, sei dafür drei Wochen lang
gleichsam gefangen gehalten worden. Ein heilloser Bürger habe
ihm in´s Gesicht gesagt: Hätten wir die Grossen todt geschlagen,
wäre unsere Sach´ fortgegangen, man soll es noch thun!´
(Sepp, 433.)
Die Weihnachtstage vergingen. Die Felder zwischen Sendling und München
waren mit dem Blute der Oberländer gerötet. Der Congreß
zu Braunau versammelte sich wieder schleunigst. ´Man deliberierte
sogleich, wie die zerstreute Bauernschaft wieder zum Stand gebracht
und
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dem Feind, so annun neuen Mueth empfangen, zuelenglicher Widerstand
gemacht werden könnte´. Weil an Feuergewehr grosser Mangel
war, sollte für jede Musquete 5 fl. Bezalt werden. Die Bildung
von fünf Regimentern zu Fuß und eines Dragourregimentes
durch Hoffmann ward beschlossen. Jeder Pfarrer musste ein Pferd stellen
oder 60 fl. bezalen. Sämmtliche Beschlüsse des Congresses
zu Braunau in Bezug auf das Kriegswesen enthält ´einhelliger
Schluß von der versammelten Landes-Defensions-Congress-Gemeinde
und 4 Ständen Rent-Amts-Burghausen, so in Braunau abgeredet und
geschlossen worden, datiert vom 23. Dec 1705´. (Monatl. Staatsspiegel,
23-33. Theatr. Europ., 122-24. Hormayr, 143-49.) Das Commando über
die Landesdefesionstruppen übernam auf dem Congresse an der Stelle
Hoffmann´s Baron Ocfort, welcher auch die Festung Braunau für
Joh. Alois Jelli kommandierte. Ocfort erhielt den Character eines
Generales. Hoffmann wurde die Obriststelle über das neugebildete
Dragonerregiment übertragen. ´Ingleichen hat man dem Meindl
die Obristenstöll yber die Schüzen conferieret´. Plinganser
versah das Amt ´Staats-Secretarius´ auf dem Congresse.
(Ebend. 143, 147.)
Der Bierbräu Schädtenkirchner von Burghausen führte
die Rechnungen von den Einnamen und Ausgaben für Offiziere, Kundschafter,
Festungsarbeiter u.s.w. Mit 1. Januar 1706 wurden zur Herstellung
der Festungswerke und Setzung der Pallisaden in Braunau 150 Tagwerker
in Dienst genommen. Matthäus Würtinger, des Rats und Handeslmann
zu Braunau, hatte von den sämmtlichen Vorgängen Kunde (Sepp,
432-33).
So war man ganz guter Dinge. Mit den neuen Regimentern, versehen mit
ausgesuchten Ober- und Unteroffizieren, hoffte man die Festungen zu
behaupten. In Braunau, Burghausen und Schärding standen bei 80
brauchbare Kanonen. Innerhalb 24 Stunden sollte im Notfalle eine Armee
von 40.000 Mann in´s Feld rücken, die Niederlage bei München
bald wieder vergessen sein. Der Sage nach wollte das Erzstift Salzburg
und, das Land ober der Ens den kaiserl. Truppen den Durchzug nicht
gestatten. Die böhmische Nation sollte gleichfalls dem Aufstande
nahe sein. O eitle Hoffnung! (Memorial an den Kurfüsten, 147-48.)
Um die Schritte der bairischen Landesdefension vor der Welt zu rechtfertigen,
wurde ein vielblättriges Manifest oder Vorstellung an den
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Reichsconvent in Regensburg verfasst. Es enthält die Ursachen
des Aufstandes; derselbe wäre nicht eine Rebellion gegen das
Oberhaupt, den Kaiser (vgl. Hormayr, 149-66. Ort an der Antisen, 77-82).
Der Cardinal von Passau weigerte sich, das Schritstück an den
Reichsconvent zu übergeben; doch soll es Baron Leyden durch eine
Mittelsperson dem Kaiser Joseph I. in die Hände gespielt haben.
Unterdessen war der kaiserl. General d´Arnan von Straubing der
in Vilshofen gelandet und hatte die Stadt genommen. Er sollte zu General
Kriechbaum stoßen, welcher schon von Erding her im Anzuge war.
Der Congreß zu Braunau wollte der Bauerschaft um Vilshofen etliche
Kanonen, Mannschaft und einige Tausend vom Landesaufgebot über
Schärding zu Hilfe senden. Doch später entschied man sich,
die Bauern durch Deputirte zur frühzeitigen Retirade zu ermahnen,
als sich der äußersten Gefahr durch eine Betaille auszusetzen.
Die Landesdefensoren hatten abe rden Plan, d´Arnan einzeln zu
schlagen, ehe die Vereinigung mit dem Kriechbaum´schen Corps
erfolge. Über die Hin- und Herraten kamen die Landesvertheidiger
aus dem Rentamte Burghausen am entscheidenden Tage bei Aidenbach mit
ihrer Hilfe zu spät. Es waren die letzten Lebenszeichen des Congresses
zu Braunau, mit welchem die Geschichte des Aufstandes eine so traurige
Wendung genommen hat.
Von Plinganser´s Wirksamkeit als Secretär auf dem Congreß
oder der kurbair. Landesdefensionskriegsdirection liegen nur mehr
Decrete vor, das eine vom 3. Jan. 1706 gegen den Landesdefensions-Commandanten
Joh. Christoph Zwigler in Schärding, welcher sich auch noch nach
dem Congreß den Obristentitel anmaßte und die Musterung
der Mannschaft noch immer vornam, obwol der nunmehrige Obrist, Landrichter
von Leyden, damit betraut war, dann ein erneuertes Mandat vom 6. Jan.
´wider das zusambrottirte haylose Rauber-Gesindel´ (Morawitzky,
101-04).
Abgeschrieben von Dr. Andreas
Maislinger am 10. Juli 2004. Für Kommentare und Ergänzungen
bin ich dankbar maislinger@aon.at