Christian Probst
Lieber bayrisch sterben
Der bayrische Volksaufstand
der Jahre 1705 und 1706
Süddeutscher Verlag
München 1978
21. KAPITEL
Der Landesdefensionskongreß zu Braunau
Das Rentamt Burghausen befand sich nun seit über sechs Wochen im Aufstand. Hier war die Organisierung der Bewegung in militärischer, administrativer und politischer Hinsicht am weitesten vorangetrieben worden, und doch empfand jedermann, daß es an einer straffen und zielbewußten Führung fehlte. Die Regierung des Rentamts hatte sich der Führungsaufgabe entzogen, sie hatte nicht selbständig gehandelt, sondern nur reagiert. Die Gemein von Braunau oder genauer Georg Sebastian Plinganser hatte zwar den Anspruch auf die Führung erhoben, doch war dieser von Regierung und Gemein von Burghausen zurückgewiesen worden. Der Gegensatz zwischen Braunau und Burghausen wurde dadurch noch stärker und lähmte die Bewegung immer mehr. Die Führer und Offiziere der Landesdefension waren faktisch niemandem verantwortlich und zeigten sich immer anfälliger für Korruption und Bestechung; das Land lieferte nicht die ausgeschriebenen Abgaben, die zur weiteren Kriegführung gegen die Besatzungsmacht notwendig waren. Schließlich kam es jetzt auch wieder vermehrt zu Ausschreitungen von Aufständischen und umherstreifendem Gesindel, die sich das allgemeine Durcheinander zunutze machten und Adelige und Beamte überfielen, ausplünderten und mißhandelten. So wurde der Ruf nach einer straffen Führung immer lauter.
Wir wissen nicht, wer zuerst auf den Gedanken gekommen ist, zu diesem Zwecke eine Versammlung einzuberufen, in der neben den drei Landständen zum ersten Mal in der Geschichte Bayerns auch das Landvolk als vierter Stand vertreten sein sollte. Die Administration hat nach dem Ende des Aufstands hierüber genaue Nachforschungen angestellt, aus denen hervorgeht, daß der Regierungskastner Franz Bernhard von Prielmayr eine Anregung aus der Burghausener Gemein aufgegriffen hat.
Am 18. Dezember wurde Franz Bernhard Freiherr von Prielmayr in Burghausen auf offener Straße von einem größeren Haufen Bauern angehalten. Die Leute verlangten, daß zwischen der Burghausener und der Braunauer Gemein die Einigkeit wiederhergestellt und vereinbart würde, daß
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nicht nur die Burghausener, sondern in gleichem Maße auch die Braunauer zu Geldzahlungen und Proviantlieferungen für das Landesdefensionsheer herangezogen werden sollten. Es handelte sich anscheinend um Vertreter der Burghausener Gemein, die einerseits in den tags zuvor erhobenen Forderungen Plingansers eine Anmaßung sahen, andererseits aber einen Konflikt mit Braunau verhindern wollten, der durch die Ablehnung dieser Forderung und die Festnahme Plingansers drohte. Die Leute schlugen vor, Prielmayr solle mit ihnen nach Braunau gehen und dort eine Versammlung von Deputierten aus allen Gerichten einberufen, auf der die Leistungen aller Teile des Rentamts verbindlich festgelegt werden sollten.
Prielmayr und die Regierung griffen diesen Vorschlag auf. Sie erkannten anscheinend hier eine neue Chance, dem drohenden Chaos steuern und vielleicht auch den abgerissenen Faden ihrer Politik des friedlichen Ausgleichs mit der Administration wieder aufnehmen zu können. Jedenfalls erhielt Prielmayr für diese Versammlung die Instruktion, nicht nur eine Einigung zwischen Braunau und Burghausen herbeizuführen, sondern auch »die große Verwirrung beizulegen und sich zu bemühen, die Bauern wieder zur Raison zu bringen«, die »Tranquilität« wiederherzustellen und »einen guten Frieden zu stiften«. Dem Rentmeister von Widmann erklärte der Vizedom Johann Joseph Wiguleus Freiherr von Weichs, die Teilnahme von Regierungsvertretern an dieser Versammlung werde »zur Konservation des cameralis und dem Land zum Guten wohl nötig sein, ... damit nicht alles unter und über sich gehe«.
Nun schrieb jedoch nicht die Regierung die Versammlung aus, sondern der Kommandant von Braunau, Landesdefensionsoberst Aloys Jehle. Anscheinend scheute sich die Regierung wieder, eine Führungsrolle in der Aufstandsbewegung zu übernehmen und sich damit gegenüber der Administration ins Unrecht zu setzen. Jehle traf zufällig am 18. Dezember auf der Rückkehr vom Korps Hoffmann aus Neuötting in Burghausen ein und suchte Prielmayr auf. Dieser beauftragte ihn, aus jedem Gericht des Rentamts je einen Abgeordneten des Adels, der Geistlichkeit, der Bürgerschaften und des Landvolks zu einer Versammlung nach Braunau einzuberufen. Dies tat Jehle auch mit folgendem Rundschreiben:
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»Sonders vielgeehrter Herr.
Demnach das bisher zu Alt- und Neu-Öettingen gestandene und dem Lieben Vatterland mit villen geüebeten grausambkeiten und eingebrachten unerschwingl. anlaagen sehr schädlich gewesenen Kays. Corpo unter dem Obristen de Wend vermittels göttl. verfüegung über den Yhnnfluß, mithin aus diesem untern Rent-Ambt Burghausen völlig vertrieben, Und nun hierauf auf morgen ein großer Kriegs-Rath über einig gewisse Umbständ resolvirt und angesetzt worden, daß bey selbigem aus einem Jeden Gricht dises Rent Ampts auch ein Begütterter von Adl, ein Pfarrherr, ein Burger und ein Baurs-Mann, und zwar ieder anstatt und in Namen der übrigen im Gricht, Statt oder Mardc, sesshafften Edelleuthen, Pfarrherrn, Burgern und Unterthannen erscheinen und disen zu deß Vatterlandts, mithin ihren selbst aigenen nutzen angewendeten Kriegs-Rath (bei Welchem einige Deputirte HHr. Räth von der Regierung Burghausen erscheinen werden) ebenfalls beywohnen solle.
Geben Braunau, den i 8. Xbr. 1705.
P. S. Die erscheinung ist bey hoher straff auf den 21 dises gestellt.
Johann Aloysius Jelli
Obrister und Commendant zu Braunau.«
Diese Einladung wurde sogleich im ganzen Rentamt verbreitet. Sie erreichte z. B. den Pfleger von Mauerkirchen, Graf Joseph Franz von Aham, auf seinem Schloß Neuhaus am Inn, das wenige Wochen zuvor während der Belagerung Schärdings von Landesverteidigern völlig ausgeplündert worden war. Graf Aham folgte der Einladung widerwillig und nur aus Furcht vor den angedrohten Repressalien. Ähnlich ging es seinen Standesgenossen; von ihnen erschienen noch Johann Marian von Leyden, Landrichter von Schärding, und Franz Freiherr von Paumgarten, Pfleger von Neumarkt. Auch die Regierung von Burghausen wurde geladen und schickte auf ausdrücklichen Wunsch der Gemein Kastner Franz Bernhard Freiherr von Prielmayr und Rentmeister von Widmann. Die Geistlichkeit hielt sich zurück und schickte keine Vertreter, und außer jenen Beamten erschien auch niemand mehr vom Adel. Stark vertreten waren die Städte und Märkte, die meisten Abgeordneten aber sandte das Landvolk; diese beiden Gruppen zusammen stellten etwa 100 Deputierte.
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Am 21. Dezember versammelten sich die Abgeordneten in Braunau zum sogenannten »Landesdefensions-Kongreß« oder »Parlament«, wie man die Versammlung auch nannte, im Stadtquartier des Franz Freiherrn von Paumgarten im Gasthof Breuninger. Die adeligen Herren saßen an einem Tisch, die Vertreter der Bürger und Bauern standen gleichsam als »Unterparlament«, wie Georg Sebastian Plinganser es später beschrieb, ihnen gegenüber. Die erste Sitzungsperiode dauerte bis zum 24. Dezember.
Die Verhandlungen begannen in einer ziemlich hitzigen Stimmung. Zunächst erklärte ein Vertreter der Bauern, daß sie auf den Kongreß, der sich des lieben Vaterlandes annehmen wolle, großes Vertrauen setzten. Dann ergriff Franz Bernhard Freiherr von Prielmayr das Wort und sagte, daß man die zwischen Burghausen und Braunau obschwebende Uneinigkeit beheben und eine bessere Ordnung der in Waffen stehenden Gemein einführen müsse. Hierauf erklärten auch die Bevollmächtigten der Bürger und des Landvolks, die Aufsässigkeiten gegen die Beamten und die Plünderungen hätten bedauerlicherweise wieder zugenommen; sie wollten, daß »die alten guten Statuta und Landesgewohnheiten künftighin observirt und aller Orten der notwendige Gehorsam und die nötige Sicherheit gehalten werde, wie dann auch künftighin die Regierung, die Beamten, die Geistlichen und Weltlichen, wess Standes sie immer sein mögen, in Ruhe und Sicherheit leben und auch andere sonst übliche Herrschaftsschuldigkeiten abgestattet werden müßten«. Man habe den Aufstand gemacht, um das Land bei der bestehenden großen Not vor den andauernden vom Kaiser gemachten Auflagen und unerträglichen Beschwernissen zu schützen.
Danach sagte Prielmayr vornehmlich an die Adresse der Braunauer gerichtet: Das Volk habe sich mit Recht gegen die Exzesse der kaiserlichen Truppen aufgelehnt, doch habe man zuviel des Guten getan, als man den Waffenstillstand gebrochen und sich unterwunden habe, gegen den Kaiser Krieg zu führen. Dieser werde nun noch mehr Truppen ins Land ziehen. Man müsse sich jetzt die Sache reiflich überlegen und die Mittel aufzeigen, durch die man einen langwierigen Krieg führen könne. Eine Kriegskasse sei nicht vorhanden, und der Bauersmann sei völlig entkräftet; weiter fehle es z. B. besonders an Handfeuerwaffen. Darauf erhoben sich die Stimmen, daß man bereit und willig sei, um das Wohl des Vaterlandes nicht
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nur Vermögen, sondern auch Blut daranzusetzen. Franz Freiherr von Paumgarten erklärte, man hätte in wenigen Tagen das Land von kaiserlichen Truppen gesäubert, wenn man sich nicht hätte einschüchtern lassen, sondern die Landesdefensionsarmee rascher gegen München geführt hätte.
Es waren nun die Vertreter der Braunauer Gemein, die forderten, man müsse verständige Leute haben, die die Sache führten. Diese Forderung nahm Prielmayr geschickt auf und griff, ohne Namen zu nennen, Plinganser und Johannes Hoffmann an, indem er sagte: Man müsse die Leitung der Landesdefension erfahrenen Leuten, d. h. Adeligen übergeben. Das Volk könne sich den derzeitigen Führern nicht länger anvertrauen, ohne den Ruin des ganzen Landes zu riskieren; diese Leute genössen ein geringes Ansehen und würden bei schlechtem Ausgang der Dinge sich als erste unsichtbar machen. Hierauf gab es wieder eine allgemeine Debatte, in der die Vertreter aus Mauerkirchen ihren Pfleger Grafen Aham, die von Schärding ihren Landrichter von Leyden, die Braunauer den Freiherrn von Paumgarten und die Burghauser Prielmayr und Rentmeister von Widmann vorschlugen. Jeder wollte also seine ihm vertraute Obrigkeit an der Spitze der Bewegung sehen.
Nun wurde den adeligen Herrn wieder angst und sie suchten nach Ausflüchten, doch die Vertreter von Bürgern und Landvolk bestanden nachdrücklich darauf — wenn die Herrn vom Adel nicht wollten, könne man es sie schon lehren —‚ so daß man schließlich Franz Freiherr von Paumgarten zum Leiter des Kongresses bestimmte. Zum Oberkommandierenden schlugen die Bauern den ehemaligen bayerischen Brigadier Ludwig Karl d‘Ocfort zu Schedling vor, der 1702 den Oberbefehl über die Landesdefensionslinien im Süden des Kurfürstentums
geführt hatte und beim Volk ein gutes Ansehen genoß. Brigadier war ein Dienstgrad bei der Kavallerie zwischen dem Obersten und dem Generalwachtmeister, der mit besonderen Verwaltungsaufgaben verbunden war.- Plinganser aber setzte man als Oberkriegskommissär und Hoffmann als Oberkommandierenden ab; diesem ließ man das Kommando über das gegen München vorrückende Heer, jenen machte man zum Sekretär des Kongresses.
Damit hatte die Friedenspartei unter der Führung Prielmayrs einen vorläufigen Sieg errungen. Doch gleich forderten die Deputierten den Ausbau des Schutzes für das Rentamt und die Aufstel-
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lung einer Truppe von einigen tausend Mann. Hierzu äußerte sich wieder Prielmayr und kritisierte die bisherigen Maßnahmen. Man hätte z. B. eine hohe Kriegssteuer erheben müssen, um die Truppen unterhalten zu können. Das Rentamt Burghausen sei jedoch ziemlich ruiniert und könne eine solche Last unmöglich allein tragen, und von den anderen Rentämtern könne man keinen Beitrag hierzu einfordern. Wenn man mit der Landesdefensionsarmee vor München rücken und die Stadt belagern sollte, so würde sich der Feind nicht so bald ergeben, sondern im Land herumziehen und dieses mit Feuer und Schwert verwüsten, so daß auch die Landesdefension bald keine Hilfsquellen mehr habe und auseinandergehen müsse.
Georg Sebastian Plinganser, der verspätet auf der Versammlung erschienen war, ergriff hierauf das Wort und erklärte im Namen der Bauernschaft: Man habe bisher ohne Bedenken die kaiserlichen Gefälle eingezogen, ohne daß die Regierungen von Landshut oder Burghausen dagegen Einspruch erhoben hätten. Wenn also der Kongreß die Leitung des Landesdefensionswesens zu übernehmen gedenke, sei es seine Sache, auf welche Weise er die notwendigen Gelder für die Kriegführung aufbringe. Hierzu müsse ihm zunächst die Regierung von Burghausen untergeordnet werden. Im übrigen solle man die Organisation der Abgaben und der Versorgung so lassen, wie sie bisher geführt worden sei, und unverweilt mit der Belagerung Münchens beginnen. Prielmayr fühlte seinen Plan einer allgemeinen Abwiegelung gefährdet und fuhr Plinganser an, man habe ihn nicht zu reden geheißen, ob er denn der Anwalt der Bauern sei, in wessen Auftrag er eigentlich rede. Plinganser entgegnete, daß man die bisherigen Erfolge der Landesdefension allein seinem Einsatz zu verdanken habe. Wenn aber der Adel an seine Stelle treten und sich zum Vorteil des Kurfürsten und des ganzen Vaterlandes Ruhm erwerben wolle, trete er ohne Eifersucht zurück. Prielmayr glaubte, hier einhaken zu können und sagte, wenn er versichern könne, daß der Kurfürst diesen Aufstand billige, wollten sie ihn mit allen Kräften fortsetzen; doch sollten die Bauern hierzu erst eine Gesandtschaft nach Brüssel schicken und die Ansichten vom Kurfürsten direkt erfragen.
Dieser Vorschlag war denn doch zu durchsichtig. Die Vertreter der Bürger und Bauern erhoben heftigen Widerspruch und sagten, sie hätten gemeint, der Adel, der sich hier eingefunden habe, wolle
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das Band der vereinigten Bauernschaft, die bisher so glücklich operiert habe, nicht auflösen, sondern festigen. Ein solcher Vorschlag führe aber dazu, daß viele Tage ungenutzt verstreichen und das Volk durch die erstarkende kaiserliche Macht immer mehr eingeschüchtert würden. In dieser Zeit aber könne man mit der großen bewaffneten Macht, die man auf den Beinen habe, das Kriegsziel erreichen. Sie setzten ihre Stellungnahme zu diesem Problem in einer Adresse schriftlich auf, die sie am 24. Dezember den adeligen Kongreßmitgliedern vorlegten. Die hier vorgebrachten Argumente gehören jedoch zu der Debatte des 21., in der über Fug und Unfug der Fortsetzung des Krieges verhandelt wurde; deshalb sollen sie hier folgen.
In dieser Adresse, die wohl von Plinganser abgefaßt wurde, nahmen die Vertreter der Bürger und des Landvolks in scharfer Weise Stellung gegen die Bemühungen der adeligen Friedenspartei und warfen ihren Patriotismus und ihre Treue zum angestammten Herrscherhaus in die Waagschale: Man zweifle nicht daran, daß der löbliche Adel getreu gegen den Kurfürsten zum allgemeinen Besten alle seine Kraft einsetzen wolle, damit nach den bisherigen Anstrengungen und Erfolgen kein trügerischer Friede gemacht wird, der den Landmann, anstatt ihm Erleichterung zu bringen, ins Elend und schließlich in die Sklaverei stoße. Doch müsse man leider feststellen, daß der Adel anscheinend die treuen Patrioten von der Landesdefension abspenstig machen und ihren Eifer durch hergesuchte Schwierigkeiten abkühlen wolle. Der Kurfürst könne doch gar nichts dagegen haben, wenn sie, die Landesverteidiger, die feindliche Besatzung vertreiben und ihm als ihrem rechtmäßigen Herrn das Land wiedergeben wollten. Zudem seien sie bereit, für die kurfürstlichen Prinzen Gut und Blut einzusetzen. Sie seien nicht auf ihre eigene Rettung, sondern auf die Rettung des Landes bedacht, und sie könnten es auch gegenüber dem Kurfürsten nicht verantworten, ihre Söhne zum Kampf gegen diesen ihren von Gott eingesetzten Landesherrn herzugeben, was doch die kaiserlichen Rekrutenaushebungen bezweckt hätten. Aus diesen Gründen sollten die anwesenden Vertreter der Regierung und des Adels den Kongreß fortsetzen und ihm keine Hindernisse in den Weg legen, vielmehr Mittel und Rat schaffen, das Wohl des Kurfürsten und des ganzen Landes zu befördern.
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In dieser Adresse und der ganzen Debatte haben wir eine Parallele zu der Adelsschelte in dem von Ignaz Haid aufgesetzten Manifest der Landesdefension des Oberlandes. Hier wie dort wurde dem Adel bzw. der Landschaftsverordnung indirekt oder direkt Verrat am Landesherrn und am Vaterland vorgeworfen. Hier wie dort erhoben die Untertanen den Anspruch, als eigenständige politische Kraft zu handeln und nicht nur die Interessen des Landes, sondern auch des angestammten Landesherrn zu vertreten.
In der Auseinandersetzung, in der »verschiedene Hitzigkeiten« wider die Regierung hervorbrachen, gewann schließlich die Kriegspartei die Oberhand. Prielmayr konnte mit seinem zu diplomatisch eingefädelten und doch wieder zu durchsichtigen Versuch, die Vertreter des einfachen Volkes von der Fortsetzung des Aufstandes abzuschrecken, nicht durchdringen. Im Grunde siegte der am Anfang gedemütigte Plinganser, dessen radikale Partei noch am selben Tag eine Reihe von Beschlüssen zur Fortsetzung des Krieges durchsetzte.
Diese sogenannte »vorläufige Eventualabrede« richtete sich an die Regierung und trug ihr auf: 1) Die ehemaligen bayerischen Offiziere zur Führung der aufzustellenden Einheiten zu den Fahnen zu rufen; 2) von den übrigen drei Rentämtern sobald wie möglich einen Beitrag für die Kriegsrüstungen einzufordern; 3) die Erklärung abzugeben, daß sie das Rentamt wie vormals im Gehorsam gegen den Kurfürsten jetzt im Gehorsam gegen den Landesdefensionskongreß verwalten wolle; 4) als Leiter des Landesdefensionswesens Graf Paumgarten sowie die Herren von Widmann, von Prielmayr und von Leyden und als kommandierenden General den Brigadier d‘Ocfort einzusetzen.
Am 22. Dezember tagte der Kongreß nicht. Dafür beriet die Regierung in Burghausen über die Beschlüsse des Kongresses, von denen Prielmayr meinte, daß sie »mehr zum üblen als zum guten ausschlagen dürften«. Die Regierung kapitulierte vor dem Kongreß und beschloß die Durchführung seiner Entscheidungen bis auf die zweite, die sie nicht erfüllen könne, da keine Rentamtsregierung einer anderen untergeordnet sei. Dem Kongreß teilte sie mit, sie sei bereit, ihm »in allem bestens an die Hand zu gehen«, und erklärte in etwas verschlüsselter Form ihre Unterwerfung unter seine Entscheidungen, »so viel ihr immer möglich ist und ihre Function mit
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sich bringt«.Noch am selben Tag beauftragte sie Paumgarten, Widmann, Prielmayr und Leyden mit der Leitung des Landesdefensionswesens und teilte dem Brigadier d‘Ocfort seine Ernennung zum kommandierenden General mit. Außerdem ging an diesem Tag das Patent hinaus, das die Offiziere zur Gestellung aufforderte.
Es entbehrt nicht der persönlichen und allgemeinen Tragik in diesem Aufstand, daß just an dem Tag, da die Regierung dem Freiherrn d‘Ocfort seine Ernennung mitteilte, dieser in seinem Schloß Schedling, 1/2 km nördlich von Trostberg, durch einen Haufen bewaffneten Landvolks überfallen wurde. Diese zuchtlose Schar plünderte das Schloß, zerschlug den Hausrat, nahm alle Waffen mit und traktierte d‘Ocfort, seine Frau und seine Kinder in übler Weise mit Schlägen. Der Haufe wandte sich danach gegen Trostberg, fand aber das Pflegschloß versperrt und verübte am folgenden Tag gegen einige Beamte der Gegend verschiedene Gewalttaten. In der Nacht nach diesem Überfall kam ein Kommissär mit einem Kommando aus Braunau, um d‘Ocfort abzuholen. Als dieser am 24. vor dem Kongreß erschien, waren sein Kopf und sein Gesicht mit Beulen und Blutergüssen, den Spuren jener Mißhandlungen, bedeckt.
Als am 23. Dezember der Kongreß wieder zusammentrat, ging es nur noch darum, die notwendigen Kriegsrüstungen zu beschließen. Hierzu wurde eine ganze Reihe von Anträgen gestellt, die in einem »einhelligen Schluß« niedergelegt wurden. In diesen Entscheidungen, in denen der Kongreß, wie man feststellen muß, zielbewußt und planmäßig vorging und die die Forderungen Plingansers vom 17. Dezember deutlich übertrafen, wurde die Regierung aufgefordert, umgehend alle Beamte, die seit dem Beginn des Aufstandes aus Furcht vor den Gewalttaten der Rebellen geflohen waren, zurückzurufen und ihre Amtsabrechnungen einzufordern. Die Beamten wurden unter den besonderen Schutz des Kongresses gestellt und Gewalttaten gegen sie streng verboten; ihnen wurde dabei jedoch auch auferlegt, die Bevölkerung bei der Einbringung der Anlagen nicht zu bedrücken und nicht — zur persönlichen Bereicherung — mehr einzutreiben, als ausdrücklich vorgeschrieben war. Um bei der Ausschreibung der Anlagen Ungerechtigkeiten zu vermeiden, sollte jedes Gericht einen oder zwei Beisitzer zur Regierung
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abstellen, die die Ausschreibung und Einbringung der Abgaben kontrollieren sollten. — Dann ging man daran, die Stärke der aufzustellenden Truppen und die Aushebung der Mannschaften festzulegen. Jeder Hof des Rentamts — man zählte etwa 4300 — sollte einen ledigen Mann mit der notwendigen Bewaffnung stellen, die Städte und Märkte sollten ihre ledigen Burschen zur Musterung schicken. Hieraus wollte man vier Infanterieregimenter zu je 1000 Mann formieren. Der Adel und die Geistlichkeit wurden verpflichtet, für ein Dragonerregiment aufzukommen, wobei die Hofmarken und Klöster für je zehn Höfe ihrer Herrschaftsgebiete einen berittenen, uniformierten und bewaffneten Dragoner und jeder Pfarrer ein Pferd stellen sollten. Auszuheben seien zunächst ehemalige Landausschüsser und dann die übrigen ledigen Bauern- und Handwerksburschen. Solche, die aus Furcht vor dem Waffendienst »ohne einig habendes Eigenthum« heiraten sollten, seien von der Gestellung nicht zu befreien; auch der Freikauf von Rekruten wurde verboten. Die Ausgemusterten seien nach Braunau und Burghausen zu bringen, wo sie den verschiedenen Einheiten zugeteilt würden. Neben der Rekrutenaushebung sollte die Werbung — wohl von ehemaligen Soldaten — fortgesetzt werden. — Da, wie schon am 21. Prielmayr festgestellt hatte, ein großer Mangel an Handfeuerwaffen bestand, wurden die Bauern in aller Schärfe aufgefordert, sämtliche Flinten und Musketen, die sie im Laufe des Aufstandes aus Zeughäusern, kurfürstlichen und Adelsschlössern geraubt hatten, unverzüglich den ausgehobenen Rekruten zu übergeben. Mit den übrigbleibenden Gewehren sollten sich alle Männer vorsorglich für den Fall eines Generalaufgebotes bewaffnen. — Zur Verpflegung und Uniformierung der Mannschaft wurden jedem Hof monatlich ‚4 fl., den Städten und Märkten entsprechende Summen auferlegt. An Futtermitteln sollte jeder Hof je einen Münchner Scheffel Korn und Hafer, vier Fuder Heu und 20 Schub Stroh, jeder Pfarrer die gleiche Menge wie unter dem Kurfürsten an die Magazine liefern. Es wurde beschlossen, eine Kriegskasse mit einem Zahlmeister einzurichten, an die jene Verpflegungsgelder sowie alle eingehenden Amtseinkünfte von den verschiedenen Ämtern abzuliefern waren. Aus dieser Kriegskasse sollten die Offiziere und Kommissäre besoldet und alle sonstigen Ausgaben, z. B. für die Artillerie, bestritten werden. — Man war jetzt nicht mehr bereit, den Weg einer fried-
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lichen Verständigung zu gehen. Der Vorschlag Paumgartens, den Erzbischof von Salzburg um Friedensvermittlung zu bitten, wurde abgelehnt. Man beschloß lediglich, vor dem Reichstag den Aufstand zu rechtfertigen und seine Notwendigkeit in einer Beschwerdeschrift darzulegen.
Es ist erstaunlich zu sehen, welche Lasten die Deputierten des Kongresses, d. h. die Vertreter des einfachen Volkes, dem entkräfteten Land aufzuerlegen bereit waren. Diese Lasten gingen, vor allem in der Mannschaftsgestellung, um ein vielfaches über das hinaus, was die kaiserliche Administration dem Land hatte zumuten wollen und dessentwegen der Aufstand überhaupt ausgebrochen war. Der Regierungskanzler Ferdinand Franz von Stromer in Landshut hatte zweifellos recht, wenn er Anfang Januar 1706, als er den »einhelligen Schluß« zu Gesicht bekam, hierzu bemerkte:
»Wenn die unverständigen Leute dem seligen Kaiser das Drittel von dem hätten verreichen sollen, was sie sich jetzt selbst unter einander aufgelegt, so wäre es zu praestiren unm6glich gewesen.«
Der »einhellige Schluß« wurde umgehend an die Regierung nach Burghausen gegeben mit dem Auftrag, ihn in Kopien an die Gerichte zu verteilen und, soweit es die Regierung betraf, sogleich zu vollziehen. Die Kopien gingen am 24. Dezember hinaus, und zwar auch in andere Rentämter. Am gleichen Tag erging auch ein Patent der Regierung, das die geflohenen Beamten und Amtleute in ihre Ämter zurückbeorderte und ihnen Schutz gegen Gewalttaten zusagte.
Der Kongreß setzte für die vier aufzustellenden Infanterieregimenter als Kommandeure Johann Marian von Leyden, Franz Bernhard Freiherr von Prielmayr, Hauptmann Johann Alois Jehle und den ehemaligen bayerischen Oberstleutnant von Kilburg, den früheren Landesdefensions-Linien-Grenz-Fortifikationskommissär ein; das Dragonerregiment sollte Brigadier Ludwig Karl d’Ocfort zu Schedling erhalten. Die Regimenter bekamen auch Namen, die ihre Treuebindung an den Kurfürsten und sein Haus ausdrücken sollten: Leibregiment, Regiment Kurprinz, Regiment Prinz Philipp, und es wurden ihnen bestimmte Gerichtsbezirke zur Rekrutierung zugewiesen, und zwar auch solche im Rentamt Landshut, wie Griesbach und Reichenberg.
Die adelige Friedenspartei, die sich übrigens bei den Vertretern des einfachen Volkes öfter dadurch verdächtig gemacht hatte, daß sie unter sich französisch und lateinisch sprach, versuchte noch ein-
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mal einen Vorstoß, als sie am 24. Dezember das Abmahnungspatent der Administration vom 19. in die Hände bekam. Prielmayr legte es dem Kongreß vor und verlangte, daß es der Bevölkerung bekannt gemacht würde. Dies wurde jedoch von den Bürger- und Bauernvertretern energisch zurückgewiesen. Wohl im Zusammenhang mit der Debatte hierüber wurde auch die Adresse dieser Deputierten über die patriotischen und dynastischen Motive und Ziele des Volkskriegs vorgelegt, und man sprach auch von Briefen des Kurfürsten, in denen dieser den Aufstand gutheiße. Gemeint war hier wohl die bekannte Fälschung, auf die Kriegskommissär Fuchs in Tölz immer wieder hinwies und die wie dort so auch hier aus guten Gründen nicht vorgelegt wurde.
Auf die schriftliche Adresse von Bürgern und Landvolk gaben die adeligen Kongreßmitglieder eine kurze mündliche Antwort: Sie seien in der Absicht zum Kongreß zusammengetreten, sich als treue Vasallen des Kurfürsten zu erweisen und dem bedrängten Vaterland zu helfen; hierzu trügen sie mit all ihren Kräften bei. Dann vertagten sie den Kongreß bis nach den Weihnachtsferien, worauf, wie Plinganser berichtet, »nicht ohne confusion und grosse bestürzung der wollgesinnten alles auseinander gangen«. 455
Die Regierung beeilte sich weiter, die Beschlüsse des Kongresses auszuführen. Am 25. Dezember nahm sie d‘Ocfort als kommandierendem General den Eid ab und ernannte die vom Kongreß gewählten Regimentskommandeure zu Obersten zu Fuß. 456
Anmerkungen
440 Sigmund Riezler und Karl von Wallmenich (Hg.): Akten zur Geschichte des baierischen Bauernaufstandes 1705/06. Band III, S. 25f., 30.
441 RW III, S. 15, 20, 27, 31, 34.
442 RW III, S. 11 (Text: Hormayr S. 140)
443 Max Graf Topor Morawitzky und Aloys Schels (Hg.): Beiträge zur Geschichte des Volksaufstandes in Niederbayern in den Jahren 1705 und 1706. In: Verhandlungen historischer Verein Niederbayern 8 (1862) S. 89-155.
444 Die folgende Beschreibung des Verhandlungsverlaufs nach: Morawitzky/Schels, S. 142-1946; Riezler/Wallmenich I, Nr. 487, 549; III, S. 6-9, 30f.
445 Karl Staudinger: Geschichte des kurbayerischen Heeres. Band I: Unter Kurfürst Ferdinand Maria 1651-1679. S. 139.
446 S.o. S. 261-264.
447 Riezler/Wallmenich I, Nr. 486, 496, 497, 498, 499, 500, 501.
448 Gustav Baumann: Der Bauernaufstand vom Jahre 1705 im bayerischen Unterland. In: Verhandlungen historischer Verein Niederbayern 69 (1936) 1-87, 70 (1937) 1-80.
449 Text: Hormayr S. 144-149.
450 Riezler/Wallmenich II: Nr. 56.
451 Hormayr S. 143f.; Riezler/Wallmenich I: Nr. 523; II: Nr. 56.
452 S.o. S. 59.
453 Riezler/Wallmenich III: S. 6-9.
454 Riezler/Wallmenich III: S. 8f.
455 Morawitzky/Schels: S. 146.
456 Riezler/Wallmenich I: Nr. 533, 534.