14. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Braunauer Parlament"
Adel, Klerus, Bürger, Bauern 1705 - 2005
Braunau am Inn, Stadttheater 23.- 25. September 2005

Braunauer Rundschau  29. September 2005

ZEITGESCHICHTE-TAGE / Das „Braunauer Parlament“ zwischen Vergessen und Mythos

„Lieber bairisch sterbn als kaiserlich verderbn“

BRAUNAU / Wird das Jahr 1705 künftig zu einem neuen Mythos in der Geschichte der Stadt Braunau? Jetzt, nach den 14. Braunauer Zeitgeschichte-Tagen, sollte das so genannte „Braunauer Parlament“ zumindest die gebührende Aufmerksamkeit in der Stadtgeschichte finden.
Die auf Druck des aufständischen Landvolks für den 21. Dezember 1705 in Braunau einberufene Versammlung von Vertretern aller vier Stände - Adel, Kirche, Bürger, Bauern - sollte den gemeinsamen bayerischen Widerstand gegen die grausame Besatzung des österreichischen Heeres formieren.
Die von Johann Georg Meindl aus Weng und Georg Sebastian Plinganser geführten Bauern wurden allerdings im Stich gelassen.
Bürger und Klerus hielten sich tunlichst heraus, während zumindest der Adel Eigeninteresse an einer Milderung der Abgabenlast gegenüber Österreich hegte, da er ja selbst von den Erträgen der Bauern lebte. Die Revolte wurde Anfang 1706 vom übermächtigen kaiserlichen Heer niedergeschlagen.
Schwierig zu sagen - und darin sind sich die Historiker einig -, was geworden wäre, hätte der Volksaufstand Erfolg gehabt. „Muss die Revolutionsgeschichte umgeschrieben werden?“ fragte Henric L. Wuermeling rhetorisch. Stephan Deutinger von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gab zu bedenken, dass das Faktenwissen zum „Braunauer Parlament“, an dem etwa 100 bis 150 Bauern und Bürger und dem folgenden „Landesdefensionskongress“, an dem nur Beamte teilnahmen, noch sehr vage sei.
Schuld darin ist die Tatsache, dass es sich bei den schriftlichen Zeugnissen vor allem um Verhörsprotokolle handelt, deren Objektivität naturgemäß hinterfragt werden muss. Direkte Aussagen von beteiligten Bauern gebe es so gut wie nicht.
Unterschiedliche Auffassungen herrschen auch darüber, ob überhaupt von „Volks“- oder „Bauernaufstand“ die Rede sein dürfe, weil es laut Deutinger noch keine umfassende Untersuchung zur Herkunft der Aufständischen gibt. Diese Begriffe seine dennoch berechtigt, betonte Herbert Wurster, Direktor des Archivs des Bistums Passau, weil sie - obwohl auf Südostbayern beschränkt, breite Unterstützung in der Bevölkerung fand.
Mit der „Aidenbacher Bauernschlacht“ und der „Sendlinger Mordweihnacht“ sind in Bayern zumindest einige plakative Ereignisse des bayerischen Volksaufstands im Bewusstsein geblieben - und mythisch überhöht worden. Im nationalen Gedenken Österreichs spielten sie hingegen keine Rolle.

1705 und 2005 / Die Parallelen des Bauernaufstandes in der Gegenwart

„Einen Bauernaufstand wird es nie mehr geben“

BRAUNAU / Adel, Bürger und Klerus waren zum „Braunauer Parlament“ am 21. Dezember 1705 geladen - bei einer Podiumsdiskussion während der Zeitgeschichte-Tage wurde diese Konstellation nachempfunden. Und gefordert, eine Verbindung zur Gegenwart herzustellen.
Adel, Klerus und Bürger versuchten, sich aus der Sache herauszuhalten, schilderten Baron Norbert van Handel, Stiftsdechant Gregor Schauber aus Reichersberg und Heribert Hillebrand aus Braunau eindrücklich. Obwohl für den Historiker nur Fakten zählen, plädierte Bauer und Heimatforscher Johann Klaffenböck aus Kopfing, sich die menschliche Dimension des Aufstandes vorzustellen. Seine Familie, seit 1697 auf dem Hof, muss unter den grausamen Rekrutierungen junger Burschen und dem unerträglichen Abgabenzwang selbst enorm gelitten haben.
„Die Bauern haben sich verraten gefühlt“, schildert Martin Winklbauer, Bauer und Theatermacher aus Halsbach, „weil sie das Französisch und Latein nicht verstanden“, und Christine Esterhazy stellt Parallelen zur Gegenwart her: „Heute haben wir große Firmen, wo man nicht weiß, wo der Chef sitzt und die Entscheidungen getroffen werden.“ „Die Untertanen wurden als Schachfiguren eingesetzt“, konstatierte Unternehmer und Simbacher Stadtrat Max Winkler, während „die Bauernführer Zivilcourage bewiesen“ (Klaffenböck). Gemeinsam wurde festgestellt: „Die Welt wird nur durch Katastrophen klüger“ und „der Krieg ist die größte Tragödie, die von Menschen verursacht wird.“
Zumindest was die Bauern anbelangt zeigte sich Johann Klaffenböck alles andere als optimistisch:„Einen Bauernaufstand wird es nie mehr geben!“ Von 17 Bauernhöfen in seiner Nachbarschaft hätten bereits 15 aufgehört.

Stichwort: Braunau und 1705
Im Hintergrund der Ereignisse 1705/06 in Bayern stand der Spanische Erbfolgekrieg. Bayern kämpfte zusammen mit Frankreich gegen das zu jener Zeit von den österreichischen Habsburgern geführte Heilige Römische Reich Deutscher Nation und dessen Verbündeten England. Bayern und Frankreich unterlagen 1704 in der Schlacht von Höchstädt. Der bayerische Kurfürst Max Emmanuel musste daraufhin Bayern verlassen und die Reichstruppen unter Prinz Eugen besetzten das Herzogtum Bayern. Dort gingen die kaiserlichen Soldaten beim Eintreiben der Abgaben und der Rekrutierung der Bauernburschen auf brutale Weise vor, worunter vor allem die Landbevölkerung zu leiden hatte.
Als Konsequenz kam es zu Aufständen der Bauern in der Oberpfalz, in Ober- und Niederbayern, die die Losung prägten: „Lieber bairisch sterben als kaiserlich verderb'n.“ Ziel war die Übernahme der Rentämter Bayerns. Zunächst wurde Burghausen belagert, das sich am 16. Dezember 1705 ergab, genauso wie kurz darauf Braunau. Diese beiden Städte wurden damit zu den militärischen und politischen Zentren der Aufstandsbewegung.

 
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