15. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Unfreiwilliger Held"
Johann Philipp Palm: Biographie und Rezeption 1806-2006
Gugg Kulturhaus Braunau am Inn, 22.- 24. September 2006


Braunau am Inn, 22.- 24. September 2006

"Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, dass das Schicksal mir zum
Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies", schreibt Adolf Hitler in der
ersten Zeile in "Mein Kampf" und fügt noch auf der gleichen Seite hinzu:
"Vor mehr als hundert Jahren hatte dieses unscheinbare Nest, als Schauplatz
eines die ganze deutsche Nation ergreifenden tragischen Unglücks, den
Vorzug, für immer in den Annalen wenigstens der deutschen Geschichte
verewigt zu werden. In der Zeit der tiefsten Erniedrigung unseres
Vaterlandes fiel dort für sein auch im Unglück heißgeliebtes Deutschland der
Nürnberger Johannes Palm, bürgerlicher Buchhändler, verstockter
"Nationalist" und Franzosenfeind. (.) In diesem von den Strahlen deutschen
Märtyrertums vergoldeten Innstädtchen, bayerisch dem Blute, österreichisch
dem Staate nach, wohnten am Ende der achtziger Jahre des vergangenen
Jahrhunderts meine Eltern".

Mit diesen zwei Zitaten aus dem wahrscheinlich wenig gelesenen Bestseller
der 30er Jahre ist der Ausgangspunkt der 15. Braunauer Zeitgeschichte-Tage
skizziert. Die oberösterreichische Kleinstadt  und der Nürnberger
Buchhändler Johann Philipp Palm sind für alle Zeiten als "Geburtsort des
Führers" und "verstockter Nationalist und Franzosenfeind" stigmatisiert.
Wäre es da nicht besser gewesen den 200. Todestag am 26. August 2006 zu
übergehen und Palm gerade in Braunau am Inn der Vergessenheit anheim fallen
zu lassen? Der von Florian Kotanko geleitete und von Bürgermeister Gerhard
Skiba unterstützte Braunauer Verein für Zeitgeschichte hatte sich anders
entschieden. Eine richtige Entscheidung, wie die Reaktionen auf die Tagung
bestätigten.

Die 1. Braunauer Zeitgeschichte-Tage hatten sich 1992 mit dem Thema
"Unerwünschtes Erbe" beschäftigt. Eingeladen waren Vertreter von Orten die
ähnlich wie Braunau am Inn wegen eines historischen Ereignisses ein Stigma
tragen oder sogar als eine Art "Unort" gelten. Dachau, Mauthausen und
Auschwitz fallen einem sofort ein. Der dem ehemaligen Konzentrations- und
Vernichtungslager benachbarten polnischen Stadt Oswiecim hilft es da wenig,
dass es nicht mehr den deutschen Namen Auschwitz trägt. Die Stadt wird für
alle Zeiten mit dem größten Verbrechen der Geschichte der Menschheit
verbunden bleiben. Was hat dies nun mit Johann Philipp Palm zu tun? Ganz
einfach, der Nürnberger Buchhändler war nicht der, als den ihn Hitler und
die Nationalsozialisten dargestellt haben.

Bereits drei Jahre vor dem 200. Todestag hatte der Frankfurter
Buchwissenschafter Bernt Ture von zur Mühlen mit "Napoleons Justizmord am
deutschen Buchhändler Johann Philipp Palm" (Braman Verlag, Frankfurt am Main
2003) die längst fällige sachliche Biographie dieses "unfreiwilligen Helden"
vorgelegt. Zu lange war die Rezeption des Falles Palm vernachlässigt oder
weiter Ewiggestrigen überlassen worden. Es war daher auch von Anfang an
klar, dass Bernt Ture von zur Mühlen den Hauptvortrag halten sollte. In
freier Rede gelang es ihm sofort die über 200 Tagungsteilnehmer für Palm
einzunehmen. Der Nürnberger Buchhändler ist in Braunau am Inn im
öffentlichen Raum präsent wie sonst nur noch Mozart in der Stadt Salzburg.
Ein Park, eine Straße, ein Weg, das Grab, die Hinrichtungsstätte und das
1866 errichtete Palmdenkmal machen Palm zu einer allgegenwärtigen Figur. Mit
Palm konnten allerdings nur wenige etwas anfangen. Irgendwie war dieser
hingerichtete Buchhändler eine Figur von gestern und vorgestern. Kein
Verbrecher wie Hitler, aber doch in einer Art Schmuddelecke der Geschichte.

Gerade in Braunau am Inn bestand natürlich die Gefahr, dass die Ankündigung
einer Tagung über Palm und der 200. Todestag auch von deutschnationalen und
rechtsextremen Gruppen genützt werden. Da die Braunauer Zeitgeschichte-Tage
immer am letzten September-Wochenende stattfinden, wollte der Verein für
Zeitgeschichte wegen des runden Todestages von Johann Philipp Palm nicht
davon abweichen. Der Verein für Zeitgeschichte und die Stadt Braunau am Inn
hatten nie die Absicht aus Johann Philipp Palm einen Helden der Stadt zu
machen. Es war jedoch bald klar, dass der 26. August 2006 nicht den
Nachkommen derjenigen überlassen werden durfte, die Palm über viele
Jahrzehnte als einen ihrer Helden vereinnahmt hatten. Wie gesagt, es war
nicht die Absicht, aus Palm einen anderen, jetzt mit modernen demokratischen
Inhalten versehenen Helden zu kreieren. Hans Göttler von der Universität
Passau und Werner Forster von der Evangelischen Gemeinde Braunau am Inn
hatten diese Aufgabe als Redner bei der Gedenkveranstaltung vor dem
Palmdenkmal übernommen.

Hans Göttler stellte am Ende seiner Rede einen Bezug zum am 9. August 2006
eingeweihten Franz-Jägerstätter-Park in Braunau am Inn her: "Franz
Jägerstätter, der Bauer aus St. Radegund im oberösterreichischen Innviertel,
hatte den Dienst in der Wehrmacht verweigert, weil ihm sein christlicher
Glaube verbot, einen offensichtlichen Angriffskrieg zu führen. Die Nazis
haben ihn dafür am 9. August 1943 in Brandenburg hingerichtet. So gibt es
nun hier in Braunau neben dem Palmpark einen Franz-Jägerstätter-Park und das
ist gut so! Ich glaube, zwischen diesen beiden Gedenkorten besteht eine zwar
unsichtbare, aber doch sehr deutliche Verbindungs- und Traditionslinie:
Gedanken- und Gewissensfreiheit als Bollwerke gegen Unterdrückung,
Unfreiheit und Tyrannei! Die andere Adresse, die in der Salzburger Vorstadt,
liegt nicht auf dieser Linie! Sie liegt eindeutig abseits davon - im
Abseits! Die Stadt Braunau am Inn und ihre Bürgerinnen und Bürger sind zu
beglückwünschen, dass es ihnen immer mehr gelingt, dies der Welt von heute
zu vermitteln, unaufdringlich, aber klar und eindeutig!"

Und Werner Forster machte vor dem Palmdenkmal klar, dass  Palm  in einer
seit Generationen sehr bewusst evangelischen Familie aufwuchs und er mit der
reformatorischen Urerfahrung der "Freiheit des Christenmenschen"
konfrontiert war. "Dies heißt, mit der Erkenntnis, dass sich aus der
absoluten Bindung an Gott völlige Freiheit gegenüber allen Mächten ergibt.
Heute, anders ausgedrückt: Die Botschaft von der christlichen Freiheit als
ein unentbehrlicher Beitrag zur Kultur einer freiheitlichen Gesellschaft."
Palm steht also für Meinungsfreiheit und christliche Werte, Andreas
Maislinger, der wissenschaftliche Leiter der Braunauer Zeitgeschichte-Tage
fragte sich daher gegenüber  den Medien,  warum sich Burschenschafter und
ein neuheidnischer Künstler ausgerechnet jetzt auf Palm berufen,
"schließlich spielte er für sie jahrzehntelang keine Rolle". (Passauer Neue
Presse 24. August 2006). Laut Maislinger sollten sich vor allem Buchhändler
und Christen auf Palm berufen dürfen. Besonders eigenartig war daher, dass
im benachbarten Simbach am Inn ausgerechnet ein Bildhauer mit dem
Künstlernamen Odin mit der Gestaltung der Palm-Gedenktafel an der
Palmkapelle beauftragt wurde. Einwände gegen diesen Auftrag an den
neuheidischen Künstler wurden mit der Androhung einer Klage beantwortet.

Florian Kotanko, Vorsitzender des Vereins für Zeitgeschichte, und Elisabeth
Blum gestalteten im Braunauer Bezirksmuseum Herzogsburg eine Ausstellung
über Johann Philipp Palm. Als Eröffnungsredner war der Linzer Buchhändler
und Antiquar i.R. Haymo Liebisch geladen. Für den ehemaligen Buchhändler und
Buchliebhaber Liebisch hat Johann Philipp Palm "die Schrift, das gedruckte
Wort, gegen die Unterdrückung verwendet und gewusst: Unvergänglich ist das
geschriebene und gedruckte Wort. Unermeßlich ist die Kraft und der Reichtum
daraus - und unvergleichlich bleibt trotz aller Nebenerscheinungen das
Buch." Für Liebisch war Palm "kein Kaufmann in erster Linie, sondern ein
Kulturvermittler, ein Bindeglied, ein Brückenbauer zwischen Autor, Verleger
und Leser." Und weiter: "Solche Menschen haben ein viel höheres
Kulturbewußtsein. Sie spüren eine Mitverantwortung gegenüber der Welt der
Bücher und ihren Landsleuten, die sie mit geistigen Werten zu versorgen
haben." Die umfangreiche Ausstellung zeigte sehr anschaulich, dass es gerade
mit Bezug auch Johann Philipp Palm auch Verleger und Autoren gegeben hat,
die von 1933 bis 1945 ganz andere Werte vertreten haben. Viele der
Ausstellungsstücke wurden von Tamara und Manfred Rachbauer gesammelt und der
Stadtgemeinde Braunau am Inn verkauft.

Zurück zur Tagung. (Fortsetzung folgt)

Andreas Maislinger

 
 stadt braunau
 hrb
 aktuell
 programm
 ausstellung
 anmeldung
 archiv
 referenten
 sponsoren
 links
 kontakt
 verein
 short info english
 other languages
Seitenanfang