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15. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Unfreiwilliger Held" Wolfgang Burgdorf
Palms Schicksal als Beispiel für das Sag- und Machbare
Was zur Zeit der Zerstörung des Reiches politisch sag- und machbar war, verdeutlichte der Fall des Nürnberger Buchhändlers Johann Philipp Palm in einer für die Zeitgenossen unmissverständlichen Art. Im Juni 1806 hatte Palm die anonyme, wahrscheinlich von seinem Geschäftspartner dem ehemaligen Pfarrer Philipp Christian Yelin verfasste, Schrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ verlegt. Sie richtete sich gegen die preußische Neutralitätspolitik seit 1795, die süddeutschen Verbündeten Napoleons, gegen Napoleon selbst und die seit 1805 andauernde französische Besatzung in Süddeutschland. Die Schrift erregte großes Aufsehen, wurde verboten, Palm selbst am 14. August verhaftet und auf persönliche Anordnung Napoleons nach einem Schnellverfahren am 26. August im französisch besetzten österreichischen Braunau füsiliert. Zu diesen Zeitpunkt gab es das Reich, für dessen Verteidigung er starb, schon nicht mehr. Einem tragischen Verhängnis gleich, hatte das Reich, zu dessen Verteidigung die von Palm verlegte Schrift aufrief, ihn im Tod überholt. Im Folgenden soll zunächst kurz auf den Inhalt der von Palm verlegten Schrift und auf das politische Klima im Sommer 1806 eingegangen werden. Der Hauptteil ist der Frage gewidmet, wie reagierten die Zeitgenossen auf Palms Hinrichtung. Abschließend soll die Frage erörtert werden, welche Bedeutung diese Reaktionen für unsere Wahrnehmung des Reichsendes haben. I „Wenn aber,“ hatte der Verfasser der Schrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ geschrieben, „wie es dermalen leider geschieht, von Napoleon sanktionierte oder erweiterte Königreiche, diesem sich darüber so sehr verpflichten, dass sie ihre Staaten von französischen Kriegsvölkern aushungern, durch die schändlichsten Gelderpressungen in die bitterste Armut stürzen, und wie der Fall bei Preußen eintritt, von Familien- und Hausverträgen sich losreißen, und zu Napoleons, des Welterschütterers, Werkzeugen gebrauchen lassen, dann ist gewiss die Stunde vorhanden, da das in Absicht seiner Einwohner kultivierteste, seiner Lage nach glücklichste, seines Ranges erste und vorzüglichste, das deutsche Reich dem Untergang, an dessen Rand es geführt ist, nimmer entfliehen kann.“ Preußen habe, so der Verfasser, maßgeblich zur Erniedrigung Deutschlands beigetragen und Napoleon den „Schlüssel zu allen deutschen Provinzen“ in die Hände gegeben. Durch sein unwürdiges Verhalten habe es sich aller möglichen Bündnispartner beraubt und werde nun selbst von Napoleon verachtet. Der Autor stellte die moralische Korrumpierung der Führung Preußens und der deutschen Mittelstaaten schonungslos vor die Augen der Öffentlichkeit. Mit aller Deutlichkeit wurde der moralische Bankrott der Politik der Mehrzahl der deutschen Regierungen vorgeführt und gleichzeitig – ganz im Vernunftglauben der Aufklärung – bis zuletzt an der Hoffnung festgehalten, durch Überzeugungsarbeit eine Umkehr bewirken zu können. Im Übrigen war die Argumentation der Broschüre insbesondere wirtschaftlich und sozial ausgerichtet. Offenbar kannte der Verfasser Philipp Wilhelm von Hörnigks Abhandlung „Österreich über alles, wann es nur will“ aus dem Jahre 1684. Sie bezog sich auf die ein Jahr zuvor, 1683 erschienene reichsmerkantilistische Flugschrift „Teutschland über Frankreich, wenn es klug seyn will“. Beide Schriften traten für ein protektionistisches Zollsystem für das Deutsche Reich gegenüber Frankreich ein. Man nennt dieses seit dem 17. Jahrhundert diskutierte, aber nie verwirklichte System Reichsmerkantilismus. Da die Problematik der negativen Handelsbilanz des Reiches und seiner Glieder gegenüber Frankreich bis zum Ende des Alten Reiches aktuell blieb, wurde die Schrift von 1684 bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer wieder neu aufgelegt und zitiert. Auch der Titel, „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“, scheint im bewussten Kontrast zu den beiden eben zitierten Titeln gewählt. Der Titel kehrte in der Schrift wie ein Refrain immer wieder. Kurz nacheinander erschienen zwei Auflagen, die bis auf den Schluss identisch sind. Der Text der ersten Auflage beschränkte sich im Wesentlichen auf die Anklage und endete mit einer Panegyrikus auf Friedrich August von Sachsen als einen der wenigen reichs- und verfassungstreuen deutschen Fürsten. Der Ausklang der zweiten Auflage ist wesentlich stärker und besteht in einem Aufruf zur Vereinigung der Truppen Sachsens, Preußens und Österreichs, um Napoleons Armee aus Deutschland zu vertreiben und das Ansehen der Reichsverfassung wieder herzustellen. Die politische Publizistik wurde hier zur Kompensation für fehlende institutionelle politische Partizipation und Gestaltungschancen. Wegen der bereits eingesetzten Verfolgung kam die zweite Auflage so gut wie gar nicht mehr zur Verteilung. Der Drucker in Altdorf vernichtete fast die gesamte Auflage. Spätere Nachdrucke folgen in der Regel dem von dem Grafen Soden 1814 herausgegebenen, von den antipreußischen Passagen gereinigten Neudruck der ersten Auflage. II Die von Palm verlegte Broschüre war Teil des Prozesses, in dem die verbreitete Napoleonbegeisterung in Südwestdeutschland in eine national gestimmte antifranzösische Stimmung umschlug. Palms Hinrichtung wurde zum Katalysator dieses Prozesses. Ursächlich waren vorrangig die Belastungen durch die im Lande stehende französische Armee. Nach ihrem Sieg bei Ulm am 17. September 1805 waren die französischen Truppen in Bayern aufgrund der traditionellen Feindschaft gegen Österreich zunächst begeistert begrüßt worden. Unter dem Jubel der Einwohner war Napoleon am 24. Oktober in München eingezogen. Sein Sieg in der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz am 2. Dezember 1805 eröffnete die Aussichten für die Vergrößerung und Erhöhung Bayerns, die sich am zweiten Weihnachtstag im Frieden von Preßburg erfüllten. Die überschwängliche Napoleonbegeisterung in Süddeutschland und besonders in Bayern Ende 1805 ist oft beschrieben worden. Friedrich Karl von Savigny, der spätere Begründer der Historischen Rechtsschule, zeigte sich jedoch in seinen Briefen aus Bayern davon geradezu angewidert. Savigny verbrachte einen Teil des August in Nürnberg. Von dort schrieb er an seinen Freund Johann Heinrich Christian Bang, zum „Güterkauf kann ich mich jetzt aus vielen Gründen nicht entschließen. Nur eines darunter ist die große Unsicherheit des Friedens in unseren Gegenden.“ Ein weiterer Grund war, dass er bei dem rüstungsbedingten großen Geldbedarf des Fiskus eine übermäßige Besteuerung des Immobilienbesitzes befürchtete. Von Nürnberg reiste Savigny über Augsburg nach München und schrieb mit Bezug auf die jüngsten Ereignisse in Deutschland: „Ich wünschte immer mehr, eine Heimat zu haben, aber eine solche zu finden, woran man Freunde haben könnte, wird von Tag zu Tag schwerer.“ Savignys Äußerung zeigt, es gab damals nicht nur die heimatvertriebenen Flüchtlinge aus den linksrheinischen Gebieten und jenen Teilen Europas, die der Revolution und Napoleon anheim gefallen waren. Vielmehr sahen sich viele Menschen heimatlos, ohne dass sie ihr Land verlassen hatten. Deutschland war ihnen fremd geworden. Nach der Schlacht von Jena und Auerstedt folgte dann noch ein vernichtendes Urteil Savignys über die Bayern. „Überhaupt zweifele ich, ob unter diesem Volke die Wissenschaften jemals gedeihen werden. Mein hiesiger Aufenthalt hat mir wenig Achtung und Liebe zu ihm eingeflößt. Doch das unter uns. Es empört mich oft, wenn ich höre, wie sich diese Menschen über das Elend der Norddeutschen freuen, und das aus purer Dummheit und aus Neid über Jenas höhere Bildung. Es ist nichts gemeinsames, nationales in dem Volk, als höchstens der Hass gegen die Österreicher; dass es Deutsche in der Welt gebe, oder gar dass sie selbst welche seien, ist ihnen nie in den Sinn gekommen.“ Auch der Anatom Samuel Thomas Sömmering war von der bavarischen Franzosenbegeisterung wenig angetan. Sömmering schrieb bereits Mitte September 1805 aus der Bayernmetropole, er sei tief betrübt, dort „kein Mitgefühl für seinen deutschen Patriotismus zu finden.“ Bayern habe sich für die Franzosen erklärt, alle, selbst seine Freunde am Hof und unter den Diplomaten, seien für Bonaparte. Bei den 1803 und 1805/1806 zugunsten der napoleonisch Verbündeten Mediatisierten und ihren ehemaligen Untertanen fand sich hingegen in der Regel keine Begeisterung für die Franzosen und Napoleon. Insbesondere für die Untertanen war der Umbruch mit einer schockartigen Herrschaftsintensivierung verbunden, dramatischen Steuererhöhungen und zuvor weitgehend unbekannte Konskriptionen und Einquartierungen. Da die französische Armee nach dem Ende des Krieges gegen Österreich 1805 nicht abzog, sondern vor allem in Bayern Winterquartiere bezog und auch im Frühjahr und Sommer des folgenden Jahres blieb, kippte aber auch in zunehmenden Teilen der altbayerischen Bevölkerung die Stimmung in der ersten Hälfte des Jahres 1806. Vorbehalte und Abwehrreaktionen gegen Einquartierungen, Requisitionen und alle unangenehmen Folgen, die eine im Land stehende Armee in jener Zeit mit sich brachte, die sich gleichermaßen gegen österreichische Truppen gerichtet hätten, luden sich mit den seit den Zeiten Franz I. tradierten frankophoben Topoi auf. Natürlich verschwand die Napoleonbegeisterung in Bayern und anderswo nicht von einem Tag auf den anderen. Goethe und viele andere bewahrten sie. Andere verfielen zunehmend dem Franzosenhass, bewahrten jedoch ihre Bewunderung für Napoleon. Die lange Besatzung und der Fall Palm führten aber zu einer deutlichen Verschärfung der nationalen Antagonismen. Während sich durch den Zustrom immer weiterer französischer Truppen und deren Präsenz Anzeichen von Widerständigkeit der deutschen Bevölkerung häuften, kamen die französischen Autoritäten bereits mit deutlichen Vorbehalten gegen Teile der deutschen Intelligenz ins Reich. In der Tat gab es in der deutschen Publizistik eine deutliche frankophobe Tendenz. Diese wurde zusätzlich motiviert durch die antinapoleonische Agitation von Madame de Staël. Noch kurz vor seinem Tod schrieb z. B. Schiller an Wilhelm von Humboldt, Madame de Staël habe ihn erneut in seiner Deutscheit bekräftigt. Die Zentren der antinapoleonischen Publizistik waren Wien und Berlin. In Berlin und der Neutralitätszone, also auch in Weimar, artikulierte sich dabei Frankophobie ohne Franzosen. Der Westen und Süden des Reiches litt jedoch sehr unter der Anwesenheit der französischen Armeen, wodurch die Publizistik nicht nur einen starken Antrieb, sondern auch einen entsprechenden Resonanzboden erhielt. Schon am 24. Oktober 1805 schrieb Sömmering anlässlich des feierlichen Einzuges Napoleons in München, es seien nun bereits 10.000 Franzosen in der Stadt. Benardotte spreche im Sinne Bonapartes und „hält jeden deutschen Gelehrten für einen zu (vertilgenden) Republikaner“. Es sei „freilich bedenklich, sich über politische Gegenstände zu äußern“. Ein Zeitgenosse schrieb später, „wir wissen, dass der französische Kaiser wegen seiner neuen, ungewissen Gewalt ein großer Feind der Pressfreiheit war, dieser Extrapost zur Verbreitung widerstrebender Gedanken.“ In weiten Teilen Süd- und Westdeutschlands hatte sich die Stimmung im Frühjahr 1806 gegen die Franzosen gewendet. Am 20. Juli berichtete der französische Gesandte Otto aus München an Talleyrand, es gäbe im Land eine zahlreiche zur Erhebung neigende Partei der Freunde des alten Reiches, „die in dem Augenblick, da die deutsche Konstitution zusammenbreche, Bewunderung für seine Schönheit und Ordnung zu erwecken suche.“ Diese Partei würde auf die Reichsgerichte, den Schutz der kleinen Reichsstände und Untertanen sowie auf Österreichs Leistungen für die Reichsverteidigung verweisen. Der Fall Palm demonstrierte auch, was die im Preßburger Frieden und erneut in Napoleons Erklärung am Reichstag vom 1. August beschworene bayerische Souveränität wert war. Französische Autoritäten hatten in Nürnberg, das sich formal mit Frankreich im Frieden befand, aber bereits dem verbündeten König von Bayern zugesprochen war, einen Einwohner festgenommen. Der Verhaftete wurde dann aus dem Gebiet der Verbündeten fortgeschafft und wie andere Dissidenten auf einem französischen Stützpunkt im neutralen Österreich gefangen gehalten. Nach einem Schnellverfahren ohne Verteidiger vor einem französischen Militärgericht wurde Palm dann zum Tode verurteilt und exekutiert. Über die Rechtmäßigkeit des Verfahrens ist sehr viel geschrieben worden und deutsche Autoren haben meistens seine Unrechtmäßigkeit betont. Das Hauptargument ist in der Regel, dass Palm nicht der französischen Jurisdiktion unterstanden habe, da Nürnberg sich erst selbstständig und im Frieden mit Frankreich, ab dem 1. August aber unter der Souveränität Bayerns befunden hätte. Jedoch waren Frankreich zur Zeit der Ereignisse hoheitliche Funktionen in Nürnberg zugefallen, weil die Stadt schon seit der Nacht vom 6. auf den 7. März 1806 von französischen Truppen besetzt war und allein infolge französischer Macht an Bayern gelangte. Sie wurde von Frankreich an Bayern übergeben, da Napoleon spätestens seit dem Frieden von Pressburg die Kompetenz-Kompetenz in deutschen Verfassungsfragen wahrnahm. Der Fall Palm ereignete sich, als die Übergabe zwar schon zwischen Frankreich und Bayern vereinbart, aber noch nicht vollzogen war. Die Eingliederung Nürnbergs in das bayerische Königreich erfolgte erst am 15. September. Der Ort der Verhaftung Palms befand sich also in einem „Zwitterzustand“, in französischer Verwahrung. Der bayerische Generallandeskommissar für Franken, Graf Thürheim, sah die Stadt nach dem Preßburger Frieden „in einer Art von herrenlosen Zustand“, was zwar nicht der normativen Verfassungssituation entsprach, aber ein bezeichnendes Licht auf die Perspektive eines bayerischen Besitzergreifungsspezialisten wirft. In dieser Zeit fielen Frankreich faktisch besatzungshoheitliche Kompetenzen zu. Gegen die Rechtmäßigkeit spricht jedoch, dass Napoleon das Urteil vorgegeben hatte. Das Urteil gegen Palm war eine Willkürentscheidung mit Signalwirkung zur Ruhigstellung politischer Gegner. Da Nürnberg nach der Gründung des Rheinbundes rechtlich nicht unter französischer Besatzungsherrschaft, sondern unter der Souveränität des Königs von Bayern stand, handelte es sich normativ aber dennoch nicht um Besatzungsjustiz, Besatzungsunrecht oder -willkür. Vielmehr wurde die Strafaktion von einem übermächtigen Verbündeten in einer asymmetrischen Allianz auf dem Staatsgebiet des schwächeren Alliierten durchgeführt. Dadurch wurde dem mindermächtigen Bündnispartner, dem König von Bayern und der deutschen Öffentlichkeit, der asymmetrische Charakter des Bündnisses verdeutlicht. Der übermächtige Bündnispartner handelte wie eine Besatzungsmacht, ohne jedoch entsprechende Rechtstitel reklamiert zu haben. Als Machtdemonstration, die zugleich neue Solidarität und eine neue Tätergemeinschaft schaffen sollte, ist der Fall Palm mit dem des Herzogs von Enghien vergleichbar. Der Herzog wurde mitten im Frieden am 15. März 1804 auf deutschem Reichsboden aus dem badischen Ettenheim entführt und nach einem Schauprozess in Frankreich am 21. März 1804 in Vincennes exekutiert. Der Tod dieses Bourbonen sollte die Royalisten in Frankreich disziplinieren und den Anhängern der Revolution, insbesondere den Königsmördern, versichern, dass es keine Restauration vorrevolutionärer Zustände geben werde, um ihnen so das neue Kaisertum akzeptabler zu machen. Der Herzog starb als Royalist, Palm als Reichspatriot. Sein Tod sollte allen Anhängern des Reiches unmissverständlich klar machen, welche Folgen das Eintreten für das Reich habe. Palm starb aber auch als Agitator gegen Napoleons Verbündete in Deutschland. Wie der Herzog von Enghien wurde Palm zu einem stellvertretenden Opfer. Seine Verurteilung und Hinrichtung signalisierte den Verbündeten Napoleons, dass er keine Angriffe gegen sie dulde, zeigte ihnen aber auch, welche Kompetenzen er beanspruchte und wie er ihre „Souveränität“ definierte. Sowohl als Gewinngemeinschaft als auch durch Angst und Schrecken band der Tod Palms Napoleon und seine deutschen Verbündeten aneinander. Gleichzeitig zügelte er ihre Gegner. Wie der Tod Enghiens die Königsmörder und den künftigen Imperator verband, so verband der Tod Palms Napoleon und seine deutschen Verbündeten. Wie der Tod Enghiens den Franzosen, so demonstrierte die Exekution Palms den Deutschen, dass die Brücken zur Vergangenheit abgebrochen seien, dass es eben so wenig eine Rückkehr zum Alten Reich wie zum Ancien Régime geben würde. Der Fall Palm hinderte die Rheinbundfürsten, ihre mit dem August 1806 erlangte Unabhängigkeit legitimationsgewinnend zu inszenieren. Das französische Vorgehen demonstrierte, dass das Protektorat Napoleons die neu erlangte Souveränität weit mehr einschränkte, als das reichsoberhauptliche Amt Kaiser Franz II. die frühere Landeshoheit je beschränkt hatte. Dennoch ist der Tod Palms, wie bisher traditionell geschehen, nicht allein den Franzosen anzulasten. Ohne ein beflissenes deutsches Entgegenarbeiten im Windschatten der französischen Hegemonie, ohne Denunziation und Kollaboration wäre es niemals zur Verhaftung und Verurteilung Palm gekommen. Schnell wurde der Fall Palm zu einem Symbol der Kollaboration. Denn das Verhängnis Palms ging auch auf den vorauseilenden Gehorsam deutscher Staatsdiener zurück. Der Nürnberger Rat bemühte sich schon seit Jahren den Wünschen Frankreichs entgegenzukommen. Er hatte allerdings aufgrund der Machtverhältnisse und der Notwendigkeit, einen Verbündeten gegen preußische und bayerische Mediatisierungsabsichten zu suchen, kaum eine andere Chance. Im März und April 1804 wurde so auf französischen Wunsch der größte Teil der französischen Emigranten aus Nürnberg ausgewiesen. Baron Tucher, der Nürnberger Gesandte am Reichstag, übergab dem dortigen französischen Chargé d'affaires zudem eine Liste mit den in Nürnberg verbliebenden Emigranten. Im Vorfeld der Verhaftung Palms war es der bayerische Generallandeskommissar für Franken, Graf von Thürheim, der den französischen Oberbefehlshaber Bernadotte auf napoleonfeindliche Flugschriften aufmerksam machte. Auch der Augsburger Polizeidirektor Freiherr von Adrian arbeitete den französischen Autoritäten ungefragt zu und meldete seine Erkenntnisse im Fall Palm den französischen Militärbehörden, die sofort Paris verständigten. Erst dadurch bekam Napoleon die Gelegenheit, ein Exempel statuieren zu lassen. Willy Andreas reflektierte nach den Erfahrungen des „Dritten Reiches“ über die Gefährdungen menschlichen Handelns in totalitären Zeiten: Auch im Umfeld Palm habe sich die Erfahrung gezeigt, „dass unter diktatorischem Druck auch anständige Behörden nur zu leicht willfährig und ängstlich beflissen werden.“ Ein heftiger Artikel des Journal de Paris bezeichnete die Steinsche Buchhandlung in Nürnberg als Verleger der Schandschrift gegen den Kaiser, gegen die Große Französische Armee und gegen die Freunde und Alliierten seiner kaiserlichen und königlichen Majestät. Zugleich drohte das Blatt, diese Freveltat werde nicht ungestraft bleiben. Damit war Palm als Alleininhaber der Steinschen Buchhandlung unmittelbar bedroht. Als bekannter Franzosenhasser bot er sich für ein Exempel geradezu an. Das Urteil wurde auf Befehl im rheinbündischen Deutschland bekannt gemacht. 6.000 Exemplaren gedruckt, verteilt, verlesen und angeschlagen. Die Auflage ist unglaublich hoch, selbst populäre Zeitschriften kamen damals nicht über eine Auflage von 1500 hinaus. Die „Berliner Zeitung“ berichtete wie die andere Blätter in der Neutralitätszone ausführlich über den Vorfall. Ein weiterer Schritt der Kollaboration bestand darin, dass in allen Rheinbundstaaten die örtliche deutsche Polizei und Verwaltung im Zuge der „Amtshilfe“ auf Ersuchen der französischen Kommandeure sich bemühte, die Schrift zu unterdrücken. Ironischerweise schien sich genau dadurch die Argumentation der inkriminierten Broschüre zu bestätigen. Denn nach Ansicht des Verfassers habe Napoleon, „der französische Sultan aus deutschen Fürsten tributpflichtige Hospodars“ gemacht. Es passte zum Schema des orientalischen Despotismus, dass sich die gegen Palm ergriffenen Maßnahmen außerhalb jedes bekannten Rechtssystems bewegten. Die französische Polizeiaktion griff weit über das bayerische Territorium hinaus. Der kurfürstlich würzburgische Regierungsrat Heffner berichtete, als die Schrift „Deutschland in seiner tiefsten [!] Erniedrigung“, welche Palm das Leben kostete, auch bei Würzburger Buchhändlern gefunden wurde. Deswegen wurden die örtlichen Buchhändler „auf Requisition der französischen Gesandtschaft in provisorische, jedoch bald wieder aufgehobenen Verhaft gebracht.“ Heffner war „mit diesem unangenehmen Auftrag belegt“ worden. Auch nach der Unterdrückung der Schrift und der Ergreifung Palms soll der Inhalt der Schrift allenthalben „heimlich kolportiert“ worden sein. Der württembergische Oberjustizrat Carl Friedrich Dinzinger berichtet, um die nämliche Zeit seien auch zwei allgemein geachtete Stuttgarter Kaufleute vom Schicksal Palms bedroht gewesen. Der württembergische König selbst habe sie gerettet. Als der Monarch von der Gefahr erfuhr, ließ er die Händler nächtens „zu ihrer Sicherheit auf die Festung Asberg bringen“, ein seltener Fall von wohltätiger Schutzhaft. Diese und andere Beispiele aus der Memoirenliteratur des 19. Jahrhunderts zeigen, dass die skandalöse Hinrichtung Palms auch noch nach Jahrzehnten Teil der kollektiven Erinnerung der Deutschen blieb. III Unmittelbar nach den Ereignissen schrieb der Nürnberger Buchhändler und Verleger Friedrich Campe an seinen Vetter, den Braunschweiger Verleger Friedrich Vieweg, er habe Palm vor 14 Tagen zur Flucht ins noch preußische Erlangen veranlasst, doch seine Frau und örtliche Honoratioren hätten ihn mit dem Argument, nur so könne er seine Unschuld beteuern, zur Rückkehr bewegt. „Untersuchungen und Urteil waren nicht nötig, da Bonapartes Wille Blut war. – Die Sache ist empörend, Worte muss man darum nicht verlieren. Gott gebe Krieg! Es ist die einzige Rettung. Alle Kollegen sind in Furcht und Schrecken.“ Ähnlich äußerte sich auch der katholische Pfarrverweser Thomas Pöschl aus Braunau. In Ermangelung eines lutherischen Pfarrers hatte er Palm im Kerker beigestanden und ihn zur Richtstätte begleitet. 1814 meinte er gegenüber der Witwe Palm, auch das rechtzeitige Erscheinen eines Rechtsanwalts hätte nichts geändert. „Es war ohnehin alles nur so auf den Schein, die ganze Verhandlung. Es hätte nichts gefruchtet, wenn ein Engel vom Himmel für ihn gesprochen hätte“. Auch die Briefwechsel zwischen dem Verleger Cotta in Tübingen und seinen Autoren, zum Beispiel Johannes von Müller in Berlin, dokumentieren, wie traumatisierend die Exekution Palms auf die deutschen Intellektuellen wirkte, welch bleierne Atmosphäre plötzlich entstand und wie groß der Schaden war, den Napoleons Ansehen durch diese Aktion auch bei seinen Anhängern in Deutschland genommen hatte. Anders als vielleicht die „Aktion Enghien“ 1804 in Frankreich steht die „Operation Palm“ 1806 in Deutschland für eine psychologisch verfehlte Politik. Am 18. September 1806 schrieb Johannes von Müller an Cotta: „Die neuesten Vorfälle [Staatsakte vom 1. und 6. August, Erschießung Palms am 26. August], sehr traurig in vieler Hinsicht, besonders auch für die literarische Freiheit von bösen Augurium, haben auch für Sie mich bekümmert; gewiss ist in dem, was ich jetzt Ihnen sende, auch nicht eine Silbe, die man irgend missdeuten könnte. Für die Zukunft und überhaupt ist mir diese Lage der Dinge sehr schmerzlich.“ Trotz anderer welterschütternder Ereignisse wie dem Untergang des alten Preußen, blieb das Thema Palm bis zum Ende des Jahres in der Korrespondenz zwischen Verleger und Autor sehr präsent. Am 11. November schreibt Müller: „Es ist ganz wahr, dass man bei Anlass eines Ihnen bekannten Ereignisses über die Pressfreiheit in jenen Gegenden Gerüchte ausgestreut hat, worüber die Lust einem vergehen möchte, dort etwas drucken zu lassen. Ja über Ihre eigene Person wurde man beunruhigt.“ Noch am Morgen des 14. Oktober trat der andere Verleger der deutschen Klassiker, Friedrich Justin Bertuch, beruhigt durch die allgemeine Siegeszuversicht der vergangenen Tage, eine Arbeitsreise von Weimar nach Erfurt an. Bereits nachmittags wurde er jedoch von flüchtenden preußischen Kavalleristen überholt. Die ersten Nachrichten vom Ausmaß der Niederlage bei Jena und Auerstedt wollte er kaum glauben. Da sich jedoch bald auch französische Truppen zeigten, welche die Preußen verfolgten, verwandelte sich seine Reise in eine Flucht auf den vom zügellosen Militär überfüllten Straßen. Die Drangsale dieser Flucht hat er in autobiographischen Notizen mit dem bezeichnenden Titel „Meine Hegira“ beschrieben. Das Schicksal Palms vor Augen geriet Bertuch in panische Angst. Er führte nämlich das Original des preußischen Kriegsmanifests vom 9. Oktober bei sich, das in seiner Anstalt gedruckt worden war. Er fürchtete das Schlimmste für sich, wenn die Franzosen das Schriftstück bei ihm finden würden, konnte sich jedoch nicht dazu durchringen, das historische Dokument zu verbrennen, wie es ihm selbst preußische Offiziere nahe legten. Schließlich wurde es in einem Dorfpfarrhaus hinter einer alten Tapete versteckt und Bertuch überlebte die gefährliche Reise trotz mancher Unfälle. Das Schicksal Palms hatte erhebliche Auswirkungen auf die Befindlichkeit der Repräsentanten der deutschen Öffentlichkeit. Aber auch die Schrift selbst hatte unmittelbare Auswirkungen bereits bevor sie mit den Befreiungskriegen zum Kultbuch der deutschen Nationalbewegung wurde. Über Generationen hatte die Reichspublizistik immer wieder auf den Stil der Reichsinstitutionen gewirkt, und so tat es auch die letzte Hervorbringung dieser Gattung. Als sich das Kollegium des Reichskammergerichts am 26. August 1806 zum letzten Mal schriftlich an den Kaiser wandte, um ihm die Einstellung seiner Tätigkeit und seines Dienstes an den „Reichsbürgern“ mitzuteilen, schrieben die Richter anstatt wie üblich in der Schlussformel, „wir ersterben in tiefster Unterwürfigkeit“, „wir ersterben in tiefster Erniedrigung“. Es war zufällig der Tag der Hinrichtung Palms. Nicht zufällig war jedoch die auffällige, protokollwidrige Abänderung der Schlussformel, eine Anspielung auf den Titel der populären, in den Staaten des Rheinbundes, also auch in Wetzlar, verbotenen Flugschrift. Ein letztes Mal zeigte sich die enge Verbindung zwischen der Reichspublizistik und jenen Männern, die in den Institutionen des Reiches in der alltäglichen Anwendung des Jus publicum des Reiches tätig waren. Zum ersten Mal war hier das Adjektiv aus dem Titel der Broschüre zum Superlativ gesteigert. Eine nahe liegende Änderung angesichts dessen, was dem Reich seit dem Erscheinen der Schrift widerfahren war. Der Superlativ ging bald fast allgemein in den Sprachgebrauch der Zeitgenossen über und wurde auch bei Neudrucken im 19. und 20. Jahrhundert im Titel verwendet. Auch Montgelas, der Gestalter des neuen Bayern, war überzeugt, die Bewegung der Geister, die ab dem Sommer 1806 rasch um sich griff und zumal in den Reihen der Gelehrten zahlreiche Anhänger fand, sei eine Folge der Behandlung Palms gewesen. „Die Feder der meisten Schriftsteller kehrten sich von nun an gegen Frankreich und sie bemühten sich, die Gemüter wider dasselbe aufzureizen“, schrieb Montgelas in seinen Erinnerungen. Palms Tod rettete das Leben des Verfassers, ließ jedoch eine Frau mit drei kleinen Kindern ohne Ernährer zurück. Nach der Hinrichtung Palms und infolge des vernehmbaren Presseechos jenseits der Grenzen des Rheinbundes gab es in Deutschland Subskriptionen zu Gunsten seiner Witwe und Kinder. Aus England, Livland und Russland trafen Spenden ein. Auch Zar Alexander I. beteiligte sich. In Hamburg organisierte der Buchhändler Perthes eine Spendenaktion. Deutsche, die dem Reich nicht nachweinten, sondern größere Chancen vom revolutionären napoleonischen System erwarteten, goutierten das letzte Aufbäumen des Reichspatriotismus, den Schwanengesang der Reichspublizistik hingegen nicht. Therese Huber, die Witwe des Weltumseglers und „deutschen Jakobiners“ Georg Forster, bezeichnete die Broschüre als „elend geschrieben“ und „elend gedacht“. Dies war jedoch, abgesehen von der mit dem Genie Napoleons solidarischen, dem tödlichen Schicksal Palms gegenüber gefühlskalten Einlassung Goethes vom 14. Oktober 1808, eine vereinzelte Reaktion. Die öffentliche Erregung über den Fall Palm war so groß, dass er neben den napoleonischen Vertragsverletzungen und der Zerstörung des Reiches zur Begründung der preußischen Kriegserklärung an Frankreich wenige Wochen später herangezogen wurde. In dem bereits erwähnten Manifest heißt es: „Der Krieg war nun durch die Tat erklärt. Jede Maßregel Frankreichs verkündete ihn. Von Monat zu Monat versprach irgend eine neue Bekanntmachung den Rückmarsch seiner Armeen. Ein eitler Vorwand über den andern hielt sie in Deutschland fest. Und zu welchen Operationen? Großer Gott! Um die Souveränität der Deutschen bis auf die letzte Spur zu vertilgen, um die Könige wie Präfekten zu behandeln, um die Länder auszuzehren, um Bürger, die nur ihren eigenen Regenten verantwortlich waren, vor militärische Tribunale zu schleppen, um andere, die friedlich in fremden Staaten unter fremden Souveräns, sogar in der Hauptstadt eines Deutschen Kaisers lebten, für vogelfrei zu erklären, weil sie Schriften publiziert hatten, wo die französische Regierung, oder wenigstens ihr Despotismus, angegriffen war, und das in einem Zeitpunkte, wo eben diese Regierung zuließ, dass besoldete Libellenschreiber unter ihrem Schutze die Ehre der Kronen und die heiligsten Gefühle der Völker angriffen“. Möglicherweise rettete die Empörung über die Exekution Palms anderen Buchhändlern in der französischen Einflusszone in Deutschland das Leben. Es tat der Empörung keinen Abbruch mehr, dass weitere ebenfalls nach Braunau verschleppte bayerische Untertanen, z. B. aus Donauwörth, auf Intervention der bayerischen Regierung wieder freigelassen wurden. Am 11. September 1806 reagierte der französische Gesandte in Bayern Otto mit einem Erlass auf die Empörung in Süddeutschland und ließ verkünden, sein kaiserlicher Herr, „der durch seinen Rang und seine Macht über alle Souveräne Europas gesetzt“ sei, habe die übrigen sechs Angeklagten begnadigt. Die Gärung war so groß, das zudem Napoleons selbst am 11. September 1806 mittels eines offenen Schreibens an das Oberhaupt des Rheinbundes, den Fürst Primas Karl von Dalberg, versuchte, sowohl die Rheinbundfürsten als auch die deutsche Öffentlichkeit zu beruhigen. Durch den Brief lieferte er eine authentische Interpretation der Rheinbundakte und versprach, sich keine Eingriffe in die Souveränität seiner Verbündeten anzumaßen. Das Schicksal Palms wirkte besonders für jene, welche die durch die Zensur und die Präsenz des französischen Militärs definierten Grenzen des Sag- und Machbaren strapaziert hatten, schockierend und zuweilen handlungsnormierend. Am 30. August schrieb Sömmering aus München an den Altphilologen Christian Gottlob Heyne in Göttingen, ohne Palms Name zu erwähnen, man habe Berthier diesen „Grad von Grausamkeit nicht zugetraut.“ Wegen der Landsperren, der aufmarsch- und kriegsbedingten Unterbrechung der Postverbindungen infolge des preußisch-französischen Krieges, erreichte Heyne dieser Brief erst im folgenden Jahr. Dennoch verbreitete sich die Kunde von Palms Verhängnis mit großer Geschwindigkeit in ganz Deutschland. Johanna Schopenhauer, die Mutter des Philosophen, war erst im September als reiche Witwe nach Weimar übergesiedelt, um im Kreis der verehrten Literaturgrößen zu leben. Wie viele Deutsche fieberten Teile der Weimarer Gesellschaft rachedurstig dem Krieg gegen Frankreich entgegen. Während vielen Zeitgenossen vor einem neuen Krieg graute, ließen überall in der Neutralitätszone und sogar im besetzten Deutschland verhinderte Endkämpfer ihre Stimmen hören, die nun unbedingt kompensieren wollten, dass sie seit 1795 die Koalitionskriege und auch den Untergang des Reiches auf dem Felde des Kampfes verpasst hatten. „Krieg blieb fortdauernd der heiße fast allgemeine Wunsch. Ihn teilte mit dem preußischen Heere der größte Teil der friedliebenden Bürger. Überall – am lautesten in der Nähe des Thrones – sprach er sich in bitterem Tadel des Säumens aus.“ „Alle glaubten zu wissen, dass unser Heer unüberwindlich sei.“ Ständig hatten wir „anzustoßen auf den fast ersehnten Krieg, und dann – auf den ewigen Frieden!“ Die Warner wurden des mangelnden Patriotismus beschuldigt, erinnerte sich ein Zeitgenosse an die Stimmung unmittelbar vor Kriegsbeginn. Die kluge Frau Schopenhauer ließ sich allerdings nicht von der verbreiteten Kriegsbegeisterung und Siegeserwartung anstecken. Sie versuchte vielmehr, alles vorzubereiten, um die Stadt notfalls zu verlassen, als nicht mehr zu übersehen war, dass die preußische Hauptarmee in der unmittelbaren Nähe Weimars den Angriff des napoleonischen Heeres abwarten wollte. Nach der Plünderung Weimars schilderte sie die Ereignisse ihrem Sohn: „Pferde hoffte ich [am 12. Oktober, zwei Tage vor der Schlacht,] noch immer zu bekommen, obgleich auf der Post keine waren und die Bürger keine geben durften. Ich war noch nicht entschlossen zu gehen, aber ich wollte auf den Notfall bereit sein. Ridel und meinen Landsmann Falk kamen noch, letzteren hatte ich versprochen mitzunehmen, um ihn vor dem Schicksal des Buchhändlers P. zu bewahren. Ich trug ihm auf, sich auch einen Pass zu verschaffen, nach Pferden zu suchen und jede Stunde bereit zu sein“. Es handelte sich dabei um eben jenen Pädagogen Falk, demgegenüber Goethe zwei Jahre später Palm einen das Genie Napoleons störenden „Schreier“ nannte. Selbst im äußersten Norden Deutschlands erfuhren Schriftsteller, Verleger und Drucker den möglichen Preis gewagter öffentlicher Stellungnahmen. So emigrierte Ernst Moritz Arndt, als die französischen Truppen einige Wochen später Vorpommern besetzten umgehend nach Schweden. „Ich hatte nicht Lust, mich allenfalls einfangen und wie einen tollen Hund von den Welschen totschießen zu lassen.“ Arndts Erinnerungen zeigen, dass sich die Sagbarkeitsbedingungen im französisch kontrollierten Deutschland in den folgenden Jahren nicht änderten. In Stockholm übertrug er schwedische Manifeste und Gesetze ins Deutsche. Darüber hinaus ließ ihn die Staatskanzlei antinapoleonische englische und spanische Texte übersetzen. Diese Schriften wurden nach Norddeutschland geschmuggelt. So auch die berühmte Staatsschrift des spanischen Ministers Don Pedro Cevallos. In ihr wurden die Intrigen aufdeckt, wodurch „die spanische Königsfamilie vom Thron ins Elend und in den Kerker“ gelockt worden war. „Hierdurch“, berichtet Arndt später, „hätte ich einen meiner besten Freunde unglücklich machen können. Ich schickte nämlich im Sommer des Jahres 1809, wo ich entschlossen war, auf jeden Fall wieder nach Deutschland zurückzugehen, mit einem nach Stralsund absegelnden Schiffe einige Koffer mit Büchern und ein Kästchen an meinen lieben Freund Reincke. In dem Kästchen, worin allerlei kleine schwedische Andenken lagen, hatte sich unter anderem auch ein Exemplar jener Schrift des Cevallos in ein Schublädchen verkrochen. Die Zöllner der Stadt, mit geborenen Franzosen vermischt, hatten alles auf das schärfste durchsucht, aber zum Glück dieses Papier übersehen. Als Reincke aber das Kästchen im Hause hatte, stieß er diese verstecke Giftschlange, welche ihm bei der Unsicherheit und Verräterei so leicht hätte verderblich werden können, heraus und ließ sie flugs in Flammen auflodern.“ Die vorgestellten Beispiele zeigen, Palms Schicksal führte zu einer weitgehenden Selbstzensur der politischen Publizistik, ohne dass ihre antinapoleonische Variante dadurch völlig erstickt worden wäre. Justus Möser und Gerhard Anton Halem glaubten Ende des 18. Jahrhunderts für die Erhaltung des Deutschen Reichssystems werde sich „wahrlich kein Curtius in den Abgrund“ stürzen. Aber auch das Alte Reich fand seinen Curtius. Zwar wurde das Reich, anders als Rom durch Curtius, durch Palms Tod nicht gerettet. Aber, dass Palm jene Schrift zu dieser Zeit veröffentlichte und auch Palms Schweigen, das Nicht-Preisgeben des Verfassers sowie Palms stellvertretender Tod, war, ungeachtet dessen, dass Napoleon das Urteil vorgegeben hatte, eine moralische Tat, ein Triumph der Zivilcourage über den Zeitgeist, ein Zeichen des Widerstandes, für ein anderes Deutschland, das sich nicht selbst aufgab, wie es von vielen Zeitgenossen nach den Ereignissen der ersten Augustwoche beklagt wurde. Zeitgenossen und Nachgeborene sahen Palms Tod als ein Symbol der Selbstachtung Deutschlands, wobei es dann schnell zu nationalistischen und chauvinistischen Überzeichnungen kam. Dass Palms Tod als Märtyrertum für ein anderes Deutschland verstanden wurde, belegen bereits Aussagen von Zeitzeugen. Unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Hinrichtung schrieb Palms Nürnberger Kollege, der Verleger Friedrich Campe: „Seiner Bestimmung kann man nicht entgehen; wohl aber kann man sie mit Kraft und Würde bestehen. – Das hat auch Palm getan“. Noch unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg galt Palm, der heute nicht mehr zum Kanon der nationalen Erinnerung gehört, als „eine der bekanntesten Persönlichkeiten unserer vaterländischen Geschichte.“ Die Erschießung Palms 1806 war jedoch nur eine Episode in einem Prozess. Das Sag- und Schreibbare wurde weiter eingegrenzt. Das Minimum war noch nicht erreicht. In Baden und Württemberg wurden der Bevölkerung 1806 politische Gespräche generell verboten. Drei Jahre später untersagte zusätzlich ein „Maulkorberlass“ auch württembergischen Staatsdienern und Pfarrern jegliches politisches Raisonnement. Die Feldpost wurde zensiert. Das Spitzelwesen nahm immer größere Ausmaße an. „Und da eine solche Menge Offizianten von der geheimen Polizei unter dem Volke lebten, dass ein Bruder vor dem anderen nicht sicher war, so herrschte eine allgemeine traurige Stummheit unter den Menschen. Ach es war eine traurige Zeit“, schrieb rückblickend ein Dorfschullehrer aus Westfalen. Aber auch in den Staaten des Kaisers von Österreich dem Hort des Widerstandes, wurde die Freiheit des Wortes bedrängt. Als sich Goethe im Sommer 1807, ein Jahr nach der notorischen Rückfahrt von Karlsbad, wieder in die westböhmischen Bäder begab, wurde ihm an der Grenze mitgeteilt, „dass politische Gespräche im Machtbereich des Kaisers verboten seien.“ Blieb Palm und der von ihm verlegten Schrift der Erfolg auch zunächst versagt, wurde sie doch eine der wichtigsten Referenzschriften der nationalen Agitation der Befreiungskriege und trug so nicht unerheblich zur Stärkung einer systemüberwindenden Opposition bei. Deutschnational und borussisch umgedeutet erlebte sie im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine ganz einzigartige Rezeptionskarriere. IV Die verbreitete Vorstellung vom angeblichen „sang- und klanglosen Untergang“ des Alten Reiches ist ein Mythos den Generationen borussischer Tendenzhistoriographen tief ins nationale Geschichtsbewusstsein eingebrannt haben. Schon die von Palm verlegte Schrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ sowie Palms Tod sprechen gegen diese Vorstellung. Tatsächlich finden sich von Palms Zeitgenossen in Deutschland angesichts des Reichsunterganges ungezählte Äußerungen des Entsetzens, der Trauer, der Wut und der Schmach. Aber dennoch trug Palms Verhängnis, und die Angst, welche sein sechstausendmal vervielfältigtes und in alle Himmelsrichtungen versandtes Todesurteil verbreitete, doch dazu bei, dass das Echo auf den Reichsuntergang nicht noch viel deutlicher ausfiel.
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