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15. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Unfreiwilliger Held"
Johann Philipp Palm: Biographie und Rezeption 1806-2006 Braunau am Inn, Kultur im Gugg 22.- 24. September 2006 Bernt Ture von zur Mühlen Vorwort In den Mittagsstunden des 26. August 1806 wurde der Nürnberger Buchhändler Johann Philipp Palm vor den Toren der Stadt Braunau am Inn von einem französischen Hinrichtungskommando erschossen. Am Tag zuvor hatte ihn ein Kriegsgericht auf Befehl Napoleons zum Tode verurteilt. Dem Buchhändler war vorgeworfen worden, die Flugschrift Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung verbreitet und damit die Bevölkerung in den süddeutschen Ländern Bayern und Württemberg zum Aufstand gegen das französische Heer aufgefordert zu haben. Palm war nicht der Verfasser der anonym veröffentlichten Flugschrift, wohl aber ihr Verleger, was ihm allerdings das Kriegsgericht nicht nachweisen konnte. Verurteilt wurde er als Buchhändler, der für die Verbreitung dieser Flugschrift gesorgt hatte. Es war in der bis dahin mehr als dreihundertjährigen Geschichte des Buchhandels das erste Mal, dass ein Buchhändler für den Inhalt eines von ihm vertriebenen Buches haftbar gemacht wurde und dafür mit dem Tode büßen musste. Auf Befehl Napoleons hatte sein in München residierender Kriegsminister, Marschall Berthier, nicht nur Johann Philipp Palm, sondern weitere fünf Männer vom Kriegsgericht aburteilen lassen. Es handelte sich dabei um zwei Buchhändler aus Wien und Linz, einen Buchhändler aus Augsburg, sowie zwei Kaufleute und Weinhändler aus Donauwörth und Neckarsulm. Für alle lautete das Urteil des Kriegsgerichts weisungsgemäß auf Tod durch Erschießen. Für die nicht vor dem Gericht erschienenen Angeklagten wurde die Todesstrafe in contumaciam verhängt, sie sollten in Abwesenheit verurteilt und nach Ergreifung erschossen werden. Hingerichtet aber wurde nur der Nürnberger Buchhändler Palm. Die beiden österreichischen Buchhändler waren dem Zugriff der französischen Militärbehörden entzogen, und für ihre Untertanen aus Augsburg, Donauwörth und Neckarsulm hatten der bayerische König Max Joseph und König Friedrich von Württemberg auf diplomatischem Wege alles Notwendige getan, um sie vor der Hinrichtung zu bewahren. Für den Nürnberger Palm gab es keine Rettung. Nürnberg war noch Freie Reichsstadt und wurde erst wenige Tage nach der Vollstreckung des Todesurteils vom bayerischen König in den Besitz seines Landes überführt. Aus Napoleons Sicht musste ein Blutopfer her, um auf exemplarische Art und Weise gegen die Verfasser, Verleger und Vertreiber von kritischen Flugschriften vorzugehen. Und dieses Blutopfer war Johann Philipp Palm. Das tragische Schicksal Palms hat bis weit in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts die Gemüter bewegt. Noch im Jahr 1937 ließ der Börsenverein des Deutschen Buchhandels im Deutschen Buchhändlerhaus in Leipzig eine Marmorbüste Palms aufstellen. Die grausigen Umstände bei seiner Hinrichtung, vor allem aber die Tatsache, dass Palm in einer Friedenszeit als deutscher Buchhändler von einem französischen Kriegsgericht auf ausdrücklichen Befehl Napoleons hingerichtet worden war, all das hat auch noch in späterer Zeit für Aufsehen und Empörung gesorgt. Die von ihm verlegte Flugschrift, für deren Verbreitung er verurteilt worden war, hat zahlreiche Nachdrucke erlebt. In Gedichten, Balladen und Volksliedern ist er besungen worden. Romane, Novellen und Jugendbücher in zum Teil hohen Auflagen haben von seinem Leben und Sterben erzählt, und mehr als ein Dutzend Theaterstücke haben auf deutschsprachigen Bühnen Palm als Heldenfigur dargestellt. Je nach politischen Zeitläufen ist sein Schicksal instrumentalisiert und auch missbraucht worden. Heute halten einige Denkmäler und Inschriften, Straßennamen und Plaketten an Häuserwänden seinen Namen in Erinnerung. Die Historiker haben sich nur wenig für das Schicksal dieses Mannes interessiert. Sein Name taucht in den Biographien über Napoleon und in den Abhandlungen über den Rheinbund zumeist nur als Fußnote auf. Für die Forschung war Palm nur einer von vielen, der in das Räderwerk der napoleonischen Politik geraten ist und darin zermalmt wurde. Der Gedanke, dass jeder Verleger und jeder Buchhändler mit der Herstellung und dem Vertrieb von Büchern ein Gedankengut verbreitet, das zum politischen Sprengstoff werden kann und deshalb das Interesse historischer Forschung verdient, taucht in der älteren Literatur kaum auf. Und neuere Forschungsarbeiten über Palm sind seit fast einem halben Jahrhundert nicht veröffentlicht worden. In einigen Werken über die Geschichte der napoleonischen Ära, die in den letzten Jahren erschienen sind, ist der Titel der von Palm vertriebenen Flugschrift falsch zitiert, sind die Verantwortlichkeiten des Buchhändlers falsch dargestellt und ist sogar sein Todesjahr falsch wiedergegeben worden. In den Lehrbüchern für Geschichte an den deutschen Gymnasien taucht sein Name kaum noch auf. Die letzte in Buchform publizierte Darstellung über Palms Leben stammt aus dem Jahr 1938 und disqualifiziert sich mit einem Grußwort an den Führer Adolf Hitler und einem völkischen Gedankengut als billiges Machwerk seiner Zeit. Man muss schon bis in das Jahr 1906 zurückgehen, um auf eine ernst zu nehmende Biographie über Palm in Buchform zu stoßen. Seitdem sind neue Forschungsergebnisse nur in schwer zugänglichen Zeitschriften und Jahrbüchern oder in nur regional verbreiteten Zeitungen veröffentlicht worden. Seit etwa fünf Jahrzehnten ist nichts erschienen, was zu Palms Leben und Wirken neue Ergebnisse gezeitigt hat. Vor allem die Frage nach der Verfasserschaft der Flugschrift Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung bleibt nach wie vor ungelöst. Es gibt Mutmaßungen, aber endgültige Beweise fehlen. Auch die vorliegende Arbeit erhebt nicht den Anspruch, neue Erkenntnisse zu bringen. Es ging mir hier vor allem darum, die vorhandenen Ergebnisse auf ihre Richtigkeit zu überprüfen, sie vor dem Hintergrund neuer Erfahrungen auch neu zu bewerten und das seit fast zweihundert Jahren weit verstreute Material zu sammeln und in Buchform zu präsentieren. Ein besonderer Schwerpunkt wird dabei auf den buchwissenschaftlichen Fragestellungen liegen. Die Flugschrift hat nicht nur antinapoleonisches Gedankengut vermittelt. Sie hat bei ihren Lesern auch eine politische Diskussion über die Probleme eines von einer fremden Macht besetzten Landes entfacht und auf die Folgen einer despotischen Herrschaft für die unterdrückten Menschen in einem unterdrückten Land hingewiesen. Auch wenn die Flugschrift nur in einer kleinen Auflage erschienen ist und nur in einer Region von überschaubarer Größe vertrieben wurde, so zeigt gerade ihre Wirkungsgeschichte, welch brisante Ideen sie enthalten hat und mit welch großem Interesse sie in den Kreisen oppositionell denkender Bürger aufgenommen worden ist. Es war das Verdienst der Verfasser, Verleger und Vertreiber solcher Flugschriften in den von Napoleon besetzten Ländern, dass sie mit ihren Ideen den Nährboden bereitet haben, auf dem wenige Jahre später die Ideen der Freiheitskriege wachsen konnten. Kaiser Napoleon war sich der Gefahr solcher Flugschriften bewusst, er ließ den Buchhändler Palm wegen ihrer Verbreitung mit seinem Leben bezahlen. Gerade vor diesem Hintergrund erhalten die Informationen über Produktion und Vertrieb der Flugschriften, über ihre Käufer und ihre Leser und nicht zuletzt über die Bespitzelung und Überwachung der Buchhändler zu jener Zeit einen besonderen Stellenwert. Frankfurt, im August 2003 Bernt Ture von zur Mühlen Bernt Ture von zur Mühlen hat seinen Einleitungsvortrag bei den 15. Braunauer Zeitgeschichte-Tagen am 22. September 2006 frei gehalten. Da aus Versehen keine Aufnahme gemacht worden ist, gab Herr von zur Mühlen die Genehmigung das Vorwort aus seiner Palm-Biographie zu dokumentieren. Andreas Maislinger
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