15. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Unfreiwilliger Held"
Johann Philipp Palm: Biographie und Rezeption 1806-2006
Braunau am Inn, Kultur im Gugg 22.- 24. September 2006

Melanie Grawe
Das Heimatmuseum Schorndorf
Schorndorf 1992, S. 51 – 54.

Wie massiv der Nationalsozialismus inhaltlich in die Museumskonzeption eingriff, um sich das Heimatmuseum für seine Vorstellungen nutzbar zu machen, soll folgendes Beispiel zeigen. Ein besonderer Glücksfall für die Schorndorfer Nationalsozialisten war das Leben Johann Philipp Palms (1766 – 1806). Der Nürnberger Buchhändler war ein gebürtiger Schorndorfer gewesen und wurde zudem 1806 auf Befehl Napoleons in Braunau am Inn erschossen. Er Hatte die anonyme Flugschrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ verbreitet und sich anschließend standhaft geweigert, den Namen des Verfassers bekannt zu geben. In der Flugschrift „wurde die Politik der Rheinbundfürsten angeprangert, Napoleon als ein Diktator von unersättlichem Ehrgeiz und Machthunger dargestellt und die Ausschreitungen der französischen Besatzungstruppen mit scharfen Worten gegeißelt“. (Erhard Fischer: Lebensbilder aus Schorndorf. Eine personen- und familiengeschichtliche Dokumentation, Schorndorf 1988, S. 73)

Am 26. August 1941 schrieb Imanuel Carl Rösler über ihn in der Waiblinger Kreiszeitung: „Palm ist in Schorndorf geboren, in jenem sowohl geschichtlich wie baulich denkwürdigen Fachwerkhaus am Marktplatz, in dem das Palm´sche Geschlecht noch heute in der zehnten Generation die altangestammte Apotheke weiterführt. Und als ein ´Opfer napoleonischer Tyrannei´ und Willkür musste Palm sein Leben lassen in Braunau, der Geburtsstadt unseres Führers Adolf Hitler. So bringt die Zufälligkeit geschichtlicher Ereignisse die Stadt der Schorndorfer Weiber in den Beziehungskreis zu unserem Führer, der auf der ersten Seite seines Werkes ´Mein Kampf´ dem schwäbischen Blutzeugen aus der Zeit von Deutschlands tiefster Erniedrigung ein herrliches Denkmal gesetzt hat:

´Allein auch noch in einer anderen Hinsicht ragt es (Braunau) mahnend in unsere heutige Zeit. Vor mehr als hundert Jahren hatte dieses unscheinbare Nest, als Schauplatz eines die ganze deutsche Nation ergreifenden tragischen Unglücks, den Vorzug, für immer in den Annalen wenigstens der deutschen Geschichte verewigt zu werden. In der Zeit der tiefsten Erniedrigung unsres Vaterlandes fiel dort für sein auch im Unglück heißgeliebtes Deutschland der Nürnberger Johannes Palm, bürgerlicher Buchhändler, verstockter Nationalist und Franzosenfeind.´“

Vor der Neueröffnung hatte man geplant, das Heimatmuseum in der alten Lateinschule ´Johann Philipp Palm-Museum´ zu nennen. Am 18. März 1938 brachte die Württembergische Zeitung folgende Nachricht: „Kleine Chronik: In Schorndorf wird die Stadtverwaltung das Heimatmuseum in würdigere Räume verlegen und ihm den Namen des in Braunau von Napoleon erschossenen Buchhändlers Johann Philipp Palm geben…“ (STA Akte 5620 I)

Dieses Vorhaben wurde nicht verwirklicht. Auf Anregung von Gauleiter Reichsstatthalter Wilhelm Murr sollte stattdessen das Museum um eine „Johann Philipp Palm-Gedächtnisstätte“ erweitert werden. (Schorndorfer Anzeiger, 18. Juli 1938)  

Konkrete Planungen ließen allerdings – wohl aus Platzgründen – auf sich warten. Erst 1941 machte man sich daran, vermutlich, weil durch den Umzug Der Obergauführerinnenschule aus dem 1. Obergeschoß in die Villa Arnold (heutige Volkshochschule Schorndorf) Räume frei wurden. Im Juni 1941 wurde Vom Städtischen Hochbauamt ein Kostenanschlag „über die Einrichtung von 3 Räumen für ein Palm-Museum im 1. Stock des Gebäudes Kirchplatz 9“ d.h. im Heimatmuseum, erstellt. Dabei wurden 7000 RM für bauliche Änderungen und 4000 RM für das Anfertigen einer Palmbüste, die Beschaffung von Museumsstücken und Ausstellungsschränken mitsamt Reisespesen nach Nürnberg veranschlagt. (STA Akte Ortsmuseum)

Gaupropagandaamt und Kultusministerium unterstützten das Vorhaben mit 1000 RM (Dr. Uwe Jens Wandel, Schorndorfer Nachrichten, 30. Oktober 1981). Bildhauer Fritz Nuss in Stuttgart fertigte ein Relief mit Worten aus ´Mein Kampf´ an, das heute noch im Museum zu sehen ist. Am 26. August 1941 schrieb Imanuel Carl Rösler in der Waiblinger Kreiszeitung:

„Wir Remstäler, insbesondere wir Schorndorfer, dürfen diesen kernigen Deutschen mit Stolz als einen Mann bezeichnen, der aus unserer heimischen Erde stammt und durch seine Tat mit ihr verwurzelt bleibt. Die Stadt Schorndorf nimmt darum auch mit stolzer Freude die 175. Wiederkehr von Palms Geburtstag zum Anlaß, ihm eine würdige Gedenkstätte zu erreichten. Es ist dies eine Verpflichtung, die gerade in der Jetztzeit nicht nur der Stadtverwaltung sondern jedem einzelnen auferlegt ist, dem wahre menschliche Größe und deutsche Treue keine leeren Begriffe sind.“

Die letzte Nachricht über diese „Gedenkstätte“ habe ich in der Waiblinger Kreiszeitung vom 12. Februar 1942 gefunden. Dort heißt es im Verwaltungsbericht der Stadt Schorndorf für das Jahr 1941 sehr kurz: „Im Heimatmuseum wurde der 1. Stock teilweise zu einer Palm-Gedächtnisstätte umgebaut.“

Wie nützlich das Schicksal des Johann Philipp Palm den Schorndorfer Nationalsozialisten für ihre menschenverachtende Blut- und Bodenideologie erschien und wie sehr es dazu benutzt wurde, die Kampf- und Opferbereitschaft der Bürger in den Kriegsjahren zu verstärken, geht deutlich aus dem Beitrag des Museumsleiters I.C. Rösler vom 26. August 1941 in der Waiblinger Kreiszeitung hervor:

„…Palm war auch angesichts des Todes dabei geblieben, über den Verfasser der Flugschrift ´Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung´ Stillschweigen zu Bewahren. So hat er in einer Zeit tiefster deutscher Not durch sein mannhaft, heldisches Verhalten ein ewig währendes Zeugnis abgelegt vom deutschen Wesen, von deutscher Gesinnung. Er fühlte sich mit dem Schicksal seines Volkes als echter Schwabe auf Gedeih und Verderb verbunden und wählte lieber den Tod, als dass er einen anderen diesem preisgegeben hätte. Und an solch unerschrockenem Mut, an solcher Nibelungentreue konnte sich in der damaligen schweren und entscheidungsvollen Zeit das deutsche Volk aufrichten, um dann die Befreiungstat zu wagen. Hierin liegt denn auch die eigentliche Größe Palms.“



Ich danke Frau Melanie Grawe für die die Erlaubnis den Auszug über Johann Philipp Palm zu veröffentlichen.

Dr. Andreas Maislinger, Innsbruck, 10. Dezember 2004

 


Literatur

 
 stadt braunau
 hrb
 aktuell
 programm
 ausstellung
 anmeldung
 archiv
 referenten
 sponsoren
 links
 kontakt
 verein
 short info english
 other languages
Seitenanfang