15. Braunauer
Zeitgeschichte-Tage "Unfreiwilliger Held"
Johann
Philipp Palm: Biographie und Rezeption 1806-2006
Braunau am Inn, Kultur im Gugg 22.- 24. September
2006
Geschichte
der
Stadt Braunau
am
In
von
Konrad Meindl,
Chorherrn in
Reichersberg.
Braunau,
1882.
Druck und Verlag von
Joseph Stampfl & Comp.
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Die Hinrichtung des Buchhändlers Palm zu Braunau.
1806.
Johann
Philipp Palm, Buchhändler in Nürnberg, hatte von
einem anonymen Verleger mehrere Exemplare der
Flugschrift "Deutsch-
land in seiner tiefsten Erniedrigung" zum Verkaufe
erhalten; er hatte
dabei keineswegs die Absicht, die ihm unterlegt wurde,
Einzelne oder
das gesamte deutsche Volk gegen den fremden Gewalthaber
oder seine
Armee aufzureizen. Unvermutet nam die Nürnberger
Polizei im Bücher-
laden Palm´s eine Durchsuchung vor und fand vorgeblich
einge Exem-
plare der aufreizenden Broschüre. Wenige Tage darauf
ergriffen fran-
zösische Gensdarmen Palm, obwol er bairischer Unteran
war und als
Civilperson unter den bairischen Gerichten stand, und
brachten ihn auf
die Festung Braunau. Schon der blose Name erregte
Schrecken.
Braunau war noch allein nach der Räumung Oesterreichs
von den
Franzosen besetzt geblieben. Hier walteten sie allein
und unbeschränkt 1).
Palm kam am
23. August in Braunau an. Die erste Verne-
mung gieng Tags darauf in einem Zimmer des Amtshauses
vor sich.
Den Vorsitz führte Binot, der Chef des Generalstabes
der 1. Division
des 4. Armeecorps; Berthier hatte ihn zum Referenten
bei der ausser-
ordentlichen Militärcommission in Braunau ernannt. Das
Verhör bot
keine neuen Momente. Fragen wie Antworten lehnten sich
an die Vor-
vernemungen in Nürnberg. Schon am 22. August 8 Uhr
abends
also noch vor Palm´s Ankunft hatte Binot erklärt, daß
am über-
nächsten Tage, Sonntag den 24. August, das
Kriegsgericht werde ge-
halten werden.
Einen
Tag später, als bestimmt war, nämlich am 25. August,
um 10 Uhr versammelte sich das Kriegsgericht im Saale
des Weinfink.
Ausser Binot bestand die Commission aus sieben
Obersten, die aus den
Armeecorps der Marschälle Soult, Bernadotte, Rey,
Mortier und Da-
voust von Passau, Braunau, München, Augsburg, Ansbach,
Lands-
hut und Oeting entsendet worden waren. Ferners fanden
sich sehr viele
Franzosen von der Besatzung, von der Stadtbevölkerung
aber nur sehr
wenige Zuhörer ein. Zuerst wurde Kaufmann Schoderer aus
Donau-
wörth verhört; dessen Vertheidigung hatte der Advokat
Tautphäus
übernommen. Nach Schoderer kam Philipp Palm an die
Reihe. Palm
war wie erstarrt, er konnte kaum ein Wort
hervorbringen. Um sich
einen Vertheidiger von München kommen zu lassen,
verlangte er Auf-
schub, was ihm aber nicht bewilligt ward. Endlich äusserte er ganz
freimütig, wenn man ihm das, was er selbst bereits
erklärt und auf
Ehre, Gewissen und hundert abgelegte Eide zu behaupten
im Stande
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wäre, nicht glauben wolle, so könnten noch Duzende von
Vertheidigern
für ihn reden, er sei und bleibe unschuldig, man möge
reden, was man
wolle. In dieser mannhaften Sprache erblickte das
Kriegsgericht eine
Verzichtleistung auf jede Vertheidigung. Hierauf
beantragte der Bericht-
erstatter Binot, daß sämmtliche Angeklagte --- es waren
ihrer sechs,
ausser Palm und Schoderer der
Weinwirt Peter Merkle von Neckar-
sulm, die Buchhändler Jenisch von Augsburg, Kupfer von
Wien
und Eurich von Linz, von denen jedoch nur die beiden
ersteren zugegen
waren, --- als gleich schuldig anzusehen seien. Die
Verhafteten wurden
in das Gefängnis zurückgeführt, die Wachen zogen sich
zurück und alle
anwesenden Zuhörer mußten sich
entfernen.
Man kann sich denken, mit welcher Sorge das Resultat der
Stim-
mensammlung, die bei verschlossenen Thüren stattfand,
erwartet ward,
mit welchen Augen man die Ordonanz betrachtete, die im
vollen
Galopp dahersprengte und dem Kriegstribunal ihre
Depeschen über-
reichte. Kurz nach 12 1/2 Uhr mittags traten die
Obersten heraus und
fuhren einer nach dem anedern in ihre Quartiere; von
dem Urtheile
selbst verlautete nichts. Nur der freundliche Oberst
Lemarois winkte
dem Magistratsbeamten Kremer von Donauwörth, welcher
der Sache
des Kaufmanns Schoderer wegen anwesend war, zur Seite
und sprach
ihm Mut zu, sein Client werde gerettet werden. Als
gegen Abend das
Gerücht sich verbreitete, daß Palm und Schoderer zum
Tode verur-
teilt worden seien, eilte Kremer sofort zu Binot.
Dieser fuhr ihn mit
den Worten an, ob man denn die Publication des Urtheils
gar nicht
erwarten könne, welche erst am nächsten Tag geschehen
dürfe, obwol
nach Inhalt des später bekannt gewordenen Urtheils die
Publication
auf der Stelle und die Execution nach 24 Stunden
vollzogen werden
sollte. Dem zuwider geschah die Publication nach 24
Stunden und die
Execution vier Stunden darauf. Am selben Abend wurden
in Braunau
die weitgehendsten Sicherheitsregeln getroffen. Eine
Stunde früher
als gewöhnlich schloß man die Festungsthore,
Kavallerie-Patrouillen
durchzogen die Gassen, die Gasthäuser waren schon um 9
Uhr alle ge-
leert, Piquets wurden um die Stadt her aufgestellt und
die Uebergänge
über den In bei Schärding und Obernberg gänzlich
gesperrt. Allent-
halben herrschte Kummer und
Bangigkeit.
Am 26. August um 10 1/2 Uhr früh gieng der
Generalstabschef
Binot mit noch ein paar Offizieren in die Frohnfeste.
Im Hofe war
eine Wache von 14 Mann aufgestellt mit einem Offizier.
Palm ward
vorgeführt und ein Kanzlist des Stadtsyndicus
herbeigerufen. Der Ma-
gistratskanzlist erhielt eine grosse Rolle Papier mit
französischen Buch-
staben in deutscher Sprache beschrieben mit dem
Bedeuten in die Hand,
solches laut vorzulesen. Bei der Aufschrift "Urtheil" geriet er in Ver-
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wirrung, stotterte mühsam die unleserlichen Worte
zusammen, ohne daß
die Zuhörenden einen Sinn verstanden hätten. Das
Urtheil erkannte
sämmtlichen Angeklagten die Todesstrafe zu. Palm brach
in Thränen
aus, betheuerte seine Unschuld und bat um Schonung. Als
er sich
endlich beruhigt hatte, gab man ihm Schreibmaterialien
in sein Ge-
fängnis, auch ward ihm geistlicher Zuspruch gestattet.
Kaum ward
das Urtheil bekannt, so bemächtigte sich Verstimmung
und Schrecken
aller Gemüter. Noch ward ein Versuch der Rettung
gewagt. Um Auf-
schub zu erbitten, zogen sechs edle Frauen der Stadt in
Trauerkleidern,
kleine Kinder zur Seite, nach der Wohnung des
Gouverneurs, Generals
St. Hilaire, und zu dem harten Binot; es war jedoch
alles vergebens;
der erste ließ sich verläugnen und Binot wies die
Flehenden kalt von
sich. Alle Gassen waren still und öde, Abscheu und
Erbitterung auf
allen Gesichtern.
Bald nach Verkündigung des Urtheils traten zwei
französische
Offiziere in den Pfarrhof mit der Meldung, daß der
Delinquent durch
den Beneficiaten und Katecheten Thomas Pöschl zum Tode
vorbereitet
zu werden wünsche. Pölschl war ein katholischer
Priester im wahren
Sinne des Wortes; leider ist er später zum Begründer
der nach ihm
benannten Pöschlianer-Schwärmerei geworden. Er erklärte
den Offizieren
sogleich seine Bereitwilligkeit, nam den
Erlaubnisschein in Empfang und
eilte in Begleitung seines Collegen, des
Spitalseelsorgers Johann Michael
Gropp, in das Gefängnis, um die Sehnsucht des
Unglücklichen nach
einem geistlichen Beistande zu erfüllen. Beim Eintritte
in den Kerker
fanden sie den unschuldig Verurtheilten tief in
Gedanken versunken mit
angstvollem schmerzlichen Antlitz; er erhob sich mit
ererbietigem freund-
lichen Grusse, ergoß unter einem Thränenstrom sein
jammervolles Herz
und faßte herzliches Zutrauen zu Pöschl, als wären sie
seit langer
Zeit schon die innigsten Freunde gewesen. Da Palm
seiner Gattin
gerne umständlich sein Schicksal berichtet hätte, es
ihm aber nicht recht
von der Hand gieng udn auch die Zeit nicht zureichte,
kamen sie mit-
telst Handschlag überein, daß Pöschl nach Nürnberg
schreiben sollte.
Palm bekannte in vornherein den Geistlichen, daß er dem
evangelischen
Bekenntnisse anhänge und daß er die unerschütterliche
Ueberzeugung
von der Wahrheit des Glaubens habe, in welchem er
geborern und er-
zogen worden war, sie wollten ihn auch deshalb in den
letzten Stunden
seines Lebens darin nicht beirren, sondern verwiesen
ihn auf die un-
endliche Barmherzigkeit Gottes und auf die Verdienste
Jesu Christi,
der für alle Menschen gestorben ist. Als frommer Christ
wünschte er
auch das heilige Abendmal zu empfangen. Allein da
damals in der
ganzen Gegend kein Prediger seiner Confession zu finden
war, tröstete
ihn Pöschl mit der sogenannten geistlichen Communion,
wobei im
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Falle der Unmöglichkeit des wirklichen Empfanges das
Verlangen das
Werk ersetze. Mit
rührender Andacht, vor dem Kruzifixbilde
kniend
und das Haupt auf die
demütig gefalteten Hände gesenkt, psallirte
Palm seine geistlichen
zwei Lieblingslieder. Um seine, in einem
Thränen-
strom sich ergiessende
Andacht durch ihre Anwesenheit nicht zu unter-
brechen und um wo
möglich den Unglücklichen noch zu retten, ent-
fernten sich die beiden
Seelsorger aus der Gefängniszelle, begaben
sich
eilenden Schrittes zum
französischen Platz-Kommandanten und baten
mit thränendem Auge und
aufgehobenen Händen bei der gefeierten
Generosität der grossen
Nation aus Erbarmen für die unglückliche
verwaiste Familie um
Gnade frü den armen Sünder. In humaner
Weise beschied sie der
Kommandant, daß die Willfahrung ihres An-
suchens ausser dem
Bereiche seiner Macht liege, da niemand ausser
nur
der Kaiser Palm
pardonirern könne.
Als die beiden Priester mit dem hoffnungslosen Bescheide in
den
Kerker zurückgekehrt
waren, schlug es zwei Uhr. Palm übergab Pöschl
seine zwei Ringe zum
Andenken für seine Frau udn seine silberne
Sackuhr für seinen
älteren Sohn. Unterdessen wurden die
Vorbereit-
ungen zur Execution
getroffen. In voller Armatur, unter Trommel-
schlag und türkischer
Musik, rüstete sich die Garnison von 1500 Mann
zum Ausmarsche, 150 Mann
Infanterie udn 120 Mann Kavallerie
standen in der Gasse des
Amtshauses zur Begleitung des Opfers ge-
rüstet, welches ein mit
Ochsen bespannter Leiterwagen mit aufgebun-
denen Brettern
erwartete; man erlaubte Palm nicht, den
Todesweg
zu Fuß zurückzulegen.
Niemand wollte sich finden, der ihm die Hände
auf den Rücken gebunden
hätte; endlich verstand sich ein französischer
Diener dazu. Auf das
Ersuchen der beiden Geistlichen, daß dem ohne-
hin sicher gewahrten
Opfer doch erlaubt werde, die Hände frei
zum Himmel zu erheben,
antwortete der rauhe Lictor mit barscher
Stimme, daß die
gesetzliche Norm keine Ausname erleide. Pöschl
be-
ruhigte nun den über
diese Schmach sich bitter Beklagenden mit der
Erinnerung an das
unschuldige Lamm Gottes, das ebenfalls
gebunden
auf Golgatha geführt
wurde. Jetzt wrude Palm mit seinen Begleitern
auf die Gasse gewiesen.
Da niemand mit dem Deliquenten auf den
Wagen steigen wollte,
die deutschen Gerichtsdiener davon gelaufen
waren und die
französischen sich weigerten, Schergendienste zu
thun,
bestiegen Pölschl und
sein College zuerst den Wagen, halfen dann dem
von peinlicher
Todesangst Ermatteten hinauf, setzten ihn in ihre
Mitte
und stützten ihn beim
Hinausfahren mit untergeschlagenen Armen. Mit
Vermeidung des
Hauptplatzes bewegte sich der Zug durch eine
von
Menschen jeden Alters
und Standes wogende, mit offenkundiger Theil-
name erfüllte
Volksmasse, welche die reitende Eskorte nur mühsam
zu
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beseitigen vermochte, auf das Glacis vor dem Salzburger
Thor. Auf
dem Wege beteten die
Geistlichen mit Palm das Gebet des Herrn
und sprachen von den
christlichen Glaubenswahrheiten. Auf dem
Richt-
platze erwartete den Zug
die gesammte im Carré aufgestellte
französische
Garnison der Stadt und
Umgebung von Braunau; auf den Fest-
ungswällen standen die
Kanonen für den Fall eines Aufstandes zum
Abfeuern bereit. So
bekundeten die Franzosen öffentlich ihr böses
Gewissen bei dieser
barbarischen und ungerechten Justiz; die
Misstim-
mung des Volkes darüber
war ihnen auch genau bekannt. Nachdem
Palm von Pöschl mit
nassen Wangen und unter freundschaftlicher Um-
armung für diese Welt
Abschied genommen, übergab er ihm sein
thränenbenetztes
Sacktuch mit der Bestimmung, es seiner Gattin
nach
Nürnberg zu
übersenden.
Als
man dem Füsilanden mit seinem eigenen Tuche die
Augen
verbinden wollte, erbot
Pöschl sein Sacktuch und empfahl ihn zurück-
tretend thränenden Auges
in die Hände Gottes. Palm kniete nieder
und betheuerte nochmals
seine Unschuld mit den Worten: "Ich bin un-
schuldig und ungerecht
verurtheilt worden". Sechs der ältesten Unter-
offiziere waren auf
etliche Schritte herangerückt; ein Paar
Sekunden
darauf sank Palm, von
sechs Flintenkugeln getroffen, ächzend auf
sein
Angesicht nieder; die
nächsten Schüsse verstummten zwar den im
Blute sich Wälzenden;
doch als Pöschl hinzusprang, um sich von dem
gewissen Tode zu überzeugen, gewahrte er Palm noch athmend und
offenbarte dies unter
einem lauten Aufschrei. Die Zuschauer schrieen
und weinten, der
kommandirende Hauptmann schalt im höchsten
Zorn
die Füsilire feige
Memmen; da feuerten zwei Soldaten ihre Ge-
wehre an den Schläfen
des Martyrers ab und zerschmetterten seine
Hirnschalle.
Nach der Exekution wurde das Militär zum Heimmarsche
signa-
lisirt; er gieng mit
unheimlicher Stille vor sich. Unverkennbar war
die Misstimmung der
meisten Soldaten über diese himmelschreiende
Ungerechtigkeit; viele
sprachen in den Quartieren unverholen ihren
Unwillen darüber aus,
sie wollten lieber an zehn Schlachten als
an
einem solchen
Henkergerichte theilnehmen. Der
Festungs-Kommandant
St. Hilaire und mehrere
andere Offiziere verreisten vor der Exekution.
Der Oberkommandant
sprach zu Pöschl auf dem Rückmarsch: "Dieser
Mann war in der That
recht standhaft", der
kommandirende Haupt-
mann erklärte aber, daß er lieber quittiren, als noch eine solche Exe-
kution vernemen werde.
Ohne Unterschied des Geschlechtes, Alters
und Standes zeigten alle
Bewohner der Stadt die gleiche Theilname;
wenn Palm
zu Braunau geboren und dort der größte Wolthäter
ge-
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wesen wäre, hätte er nicht allgemeiner betrauert werden
können. Die
Meisten konnten sich
erst zu Hause recht ausweinen. Obwol die fran-
zösische
Kommandantschaft angeordnet hatte, daß der Körper des
Hin-
gerichteten auf dem
Richtplatze in ungeweihte Erde eingescharrt
werden
solle, so überführte
doch auf den Wunsch der geistlichen und
weltlichen
Obrigkeit der
Todtengräber Joseph Tschauner nach Abzug des
Mili-
tärs den Leichnam Palm´s
auf den Friedhof; ein einfaches Denkmal
bezeichnet seine
Ruhestätte. Die angesehensten Bürger von
Braunau
äusserten schon am Tage
der Hinrichtung den Wunsch, den Martyrer
für Deutschlands Ehre in
ihrer Stadt ein Monument zu setzen; er
sollte erst nach einem
halben Jahrhundert zur Ausführung kommen.
Am
nächsten Tage nach der Füsilade wurde Palm´s
Todesurtheil
vorgeblich wegen
absichtlicher Verbreitung ehrenrührischer
Schriften
gegen Frankreich wie: "Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung"
durch Plakate publizirt;
aber jedermann war von der Ungerechtigkeit
des Verfahrens überzeugt
und die allgemeine Erbitterung zu groß, als
daß man dieselbe
gewürdigt hätte. Auch enthielten die
Anschlagzettel
die offenbare Lüge, daß Palm 24 Stunden nach Verlesung des Ur-
theils zur Richtstätte
ausgeführt worden sei; es wußte doch alle
Welt,
daß man ihm zur
Vorbereitung auf den Tod nur etwas über drei
Stunden Lebensfrist
vergönnte. Vielleicht wollte man Palm die
Todes-
angst verkürzen; es war
ohnehin auf keinen Pardon zu hoffen und
die Obersten reisten
nach dem Kriegsgerichte sogleich von Braunau
ab. Uebrigens war die
ganze Verhandlung nur leere Formalität;
Palm wäre zum Tode
verurtheilt worden, wenn ein Engel vom
Himmel für ihn
gesprochen hätte; denn er hat sich bei jedem der
drei
Verhöre über die
Spedition der Bücher durch den genauesten
Ausweis
verantwortet, da die
Buchführer nicht jederzeit wissen, welche
Schriften
in den Paketen enthalten
seien. Darum glaubte er sich nach dem
dritten Verhöre beim
Kriegsgerichte vollkommen gerechtfertigt; er
er-
wachte am folgenden,
nämlich an seinem Hinrichtungstage, ganz
heiter,
stimmte mit neu
gestärktem Mute sein geistliches Morgenlied an,
voll
freudiger Zuversicht,
bald wieder zu seiner geliebten Familie
zurückzu-
kehren, bestellte sich
ein besseres Mittagsmal und faßte endlich den
Entschluß, über Passau
nach Amberg, wo er einige Geschäfte zu ordnen
hatte, seine Rückreise
nach Nürnberg anzutreten. Unterdessen schlägt
es elf Uhr, die
Gefängnisthür wird geöffnet und der Prozeß tritt
ein; Palm sollte
sogleich in den Gefängnishof folgen. Der
Gefangene
säumt keinen Augenblick,
die Ankündigung seiner Freiheit zu vernemen,
statt dessen wird ihm
aber sein unwiderrufliches Todesurtheil vorge-
tragen. Bevor noch Palm
in Nürnberg verhaftet worden war, sprach
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man schon in Braunau öffentlich und bestimmt von seinem
Tode.
Der im Pfarrhofe bequartierte französische Kapitän
erzälte beinahe 10
Tage vor der Ankunft Palm´s in Braunau, daß hier ein
Nürn-
berger Buchhändler erschossen werden
solle.
Der Kaufmann Schoderer aus Donauwörth wurde durch die
In-
tervention des Kurfürsten gerettet; die betreffende
Depesche langte eben
in Braunau an, als das Kriegsgericht versammelt war.
Schoderer
erhielt ein paar Tage darauf ein besseres Zimmer; am
10. September
kam von Napoleon die Begnadigung an, am 12. September
ward er
durch zwei Gensdarmen auf artige Weise nach München
geleitet, wo
er einige Zeit in Gewahrsam gehalten, dann in Freiheit
gesetzt wurde.
Am 28.
August war Kaufmann Merkle aus Neckarsulm in
Braunau angekommen. Er ward nach einem einzigen Verhör
aus
seinem Kerker befreit udn in einem leichtern Gewahrsam
gebracht; ihn
rettete ebenfalls wie Schoderer aus Donauwörth und
Jenisch aus
Augsburg die Fürsprache des Kurfürsten und der
bairischen Behörden.
Kupfer von Wien und Eurich von Linz giengen lange Zeit
flüchtig 1).
Die Kunde des blutigen Trauerspieles, welches sich mit Palm
an
den Mauern von Braunau vollzogen hatte, drang durch
alle Gaue
des deutschen Vaterlandes und erregte die gerechteste
Erbitterung in
den Herzen aller Patrioten. Die an Palm in Braunau
vollzogene
Gewaltthat weckte das deutsche Volk aus seiner
Lethargie; das Joch
des fremden Zwingherrn sollte abgeschüttelt
werden.
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Abgeschrieben von Dr. Andreas
Maislinger am 16. November 2003
Für Kommentare und
Ergänzungen bin ich dankbar
maislinger@aon.at