15. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Unfreiwilliger Held"
Johann Philipp Palm: Biographie und Rezeption 1806-2006
Braunau am Inn, Kultur im Gugg
22.- 24. September 2006

Schorndofer Anzeiger

Amtsblatt für den Oberamtsbezirk Schorndorf. Nr. 198. 96. Jahrgang.

Schorndorf, Mittwoch, 26. August 1931.

Dem deutschen Märtyrer Johann Philipp Palm zum Gedächtnis.

Hundertfünfundzwanzig Jahre sind heute verflossen, seit der erste Blutzeuge napoleonischer Willkürherrschaft und tyrannischen Despotismus auf deutschem Boden sein Leben enden musste. Der am 18. Dezember 1766 zu Schorndorf geborene Johann Philipp Palm, Buchhändler zu Nürnberg, ward in der zweiten Nachmittagsstunde des 26. Augustes 1806 auf Befehl Napoleons auf dem Gelände der österreichischen Festung Braunau am Inn durch französische Musketiere erschossen. Das war eine jener Schandtaten, einer jener reinen Justizmorde, mit denen dieser französische Kaiser und Feldherr seinen Namen für alle Zeiten schändete.

Palm, dieser tapfere Sohn unserer Heimatstadt, hatte nichts anderes verbrochen, als dass er deutsch fühlte, deutsch dachte und deutsch handelte!

Im Frühjahr 1806 erschien eine Flugschrift unter dem Titel: „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“. Die Stein´sche Buchhandlung in Nürnberg, deren Besitzer J. Ph. Palm war, erhielt diese Schrift zum Versand und gab sie an eine Augsburger Buchhandlung weiter. Von dort kam die Schrift, die bittere Bemerkungen über Napoleon und das Betragen der französischen Truppen in Deutschland, besonders in Bayern enthielt, in die Hände welscher Offiziere. Napoleon wurde die Schrift nach Paris gesandt. Der Eindruck den diese Flugschrift auf den Korsen machte, der ja die Beschränkung der Pressefreiheit zu einer Hauptbedingung des letzten Friedens gemacht hatte, spiegelte  sich in dem Befehl wieder, den Verfasser der Schrift zu erforschen und ihn, um ein abschreckendes Beispiel festzustellen, durch eine besondere Militärkommission abzuurteilen. Da bald in Erfahrung gebracht ward, daß die Schrift über die Stein´sche Buchhandlung in Nürnberg gegangen sei, wurde Palm verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt. Obwohl Palm seine reine Unschuld beteuerte, mußte er doch auf Befehl des welschen Tyrannen abgeurteilt werden. Joh. Philipp mußte hingeschlachtet werden wegen einer Flugschrift, die er nicht einmal selbst verfasst, sondern als Buchhändler nur versandt hatte. Den Verfasser der Schrift aber zu nennen, das verbot ihm sein deutsches Herz, seine deutsche, echt national bewusste Mannhaftigkeit.

So wurde Buchhändler Palm zu einer Zeit, in der Frankreich mit dem römisch-deutschen Reiche in vollstem Frieden lag und in der niemand als der Magistrat Nürnbergs und dann der römisch-deutsche Kaiser über ihn urteilen und richten durfte, aus der Reichstadt, aus der Mitte seiner Familie und seiner Mitbürger gegriffen und auf direkten Befehl des frechen Despoten Napoleon zur Richtstätte geschleppt.

Kurze Zeit vor seinem Tode richtete der unschuldig Abgeurteilte an seine Familie folgenden Abschiedsbrief: 

„Herzensschatz“ Herzlich geliebte Kinder“ 

Von Menschen, aber nicht von Gott verlassen, urteilte mein hiesiges Militärgericht über mich, nachdem ich nur zwei Verhöre hatte und gefragt wurde: ob ich politische Schriften verbreitet hätte; ich sagte was ich wußte, daß höchstens nur per Spedition zufälligerweise dergleichen könnte versandt worden sein, aber nicht mit meinem Willen und Wissen. Auf dies richtete man mich vom Leben zum Tode, ohne Defensor. Ich bat mir dazu R. aus, welcher aber nicht erschien; indessen vor Gott wird er mir erscheinen. 

Dir, Herzensfrau, sage ich tausend Dank für Deine Liebe, tröste Dich mit Gott und vergesse mich nicht. 

Ich habe auf der Erde nun nichts zu sagen, aber dort desto mehr. Lebe wohl, Du und Deine Kinder, Gott segne Dich und sie. 

Empfehle mich dem Herrn und der Frau Schwägerin und allen Freunden, denen ich für ihre Güte u. Liebe danke.
Nochmals lebe wohl! Dort sehen wir uns wieder!

Dein herzlicher Gatte und meiner Kinder Vater
Joh. Philipp Palm 

Braunau, im Gefängnisse am 26. August 1806.
Eine Stunde vor meinem Ende.“

Der Eindruck, welchen dieser Akt der ruchlosesten Willkür in Deutschland, sowie in den meisten Ländern Europas hervorbrachte, war unbeschreiblich. Mit Entsetzen sah ganz Europa diesem Menschenmorde zu, der am 26. August 1806 zu Braunau verübt worden war. Sein Tod fand denn auch eine allgemeine Teilnahme. Nahezu in ganz Europa wude damals für seine Familie gesammelt und in Petersburg steuerten selbst der Kaiser und die Kaiserin-Mutter zu diesen Sammlungen bei.

Palm ist nicht ein Held im Sinne großer Taten, die er für sein Vaterland vollbracht hätte; aber er ist für sein Vaterland ein Martyrer geworden und so stolz und mannhaft gestorben, daß er dieserhalb den Ehrennamen eines Helden voll verdient.

Treue, kerndeutsche Treue war es, die sich mit der heißen Liebe zu seinem deutschen Vaterlande vereinte. Und diese deutsche Treue war es auch, die ihn aufrecht hielt bis zu seiner letzten, schweren Stunde. Ein einziges Wort, die Nennung des Verfassers der Flugschrift, hätte ihn retten können. Doch der tapfere Held sprach dies eine Wort nicht, sondern starb voll Mannesmut für einen andern!

Daß heute an dieser Stelle dieses deutschen Märtyrers, eines Sohnes unsrer Stadt, gedacht wird, entspricht nicht allein den Gefühlen der Bewunderung und Verehrung für diesen Mann, sondern es soll vor allem das heiße Gefühl der Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht sein. Und diese Dankbarkeit gegenüber vorbildlicher, mannhafter deutscher Treue soll in unsren Herzen immer verbleiben, auch wenn noch kein äußeres sichtbares Zeichen des Dankes die Vaterstadt ihrem heldenhaften Sohne errichtet hat.

I.C.R

Ich danke Frau Edith Holzer-Böhm, Stadtarchiv Schorndorf, http://www.schorndorf.de/kultur/archiv.htm für die Kopie des Zeitungsberichtes. Der Artikel von Imanuel Carl Rösler vom 26. August 1931 findet sich auch auf dem Geburtshaus von Johann Philipp Palm in Schorndorf. Dr. Andreas Maislinger, Innsbruck, 12. Dezember 2004.


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