15. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Unfreiwilliger Held"
Johann Philipp Palm: Biographie und Rezeption 1806-2006
Braunau am Inn, Kultur im Gugg 22.- 24. September 2006
26. August 2006
„Freiheit des Christenmenschen“
Sehr geehrte Damen und Herren!
Warum stehen wir heute vor diesem Denkmal?
Unsere vom Dezimalsystem bestimmte Kultur lässt uns heute hier stehen, wurde doch vor 200 Jahren nicht unweit von diesem Platz Johann Philipp Palm von einem französischen Exekutionskommando hingerichtet. Nun, dies passierte sehr oft in dieser Zeit mit vielen anderen Unschuldigen auch, die sicherlich zu Lebzeiten bekannter waren.
Unser unfreiwilliger Held, wie ich ihn nennen möchte, gab offensichtlich eine gute Figur ab für eine Heroisierung in der entstehenden deutschen Einigungsbewegung in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Doch deutsch-national und ein Vorkämpfer der Einigung war Palm nicht, er war wie alle Bewohner und Bürger der einzelnen Territorien und Staaten im seit 1803 bereits ehemaligen Römischen Reich (Auflösung durch Napoleon) landsmannschaftlich orientiert.
Und er war Buchhändler und als solcher bemüht sein kleines Unternehmen gut zu führen.
Die Verbreitung so genannter anonymer Flugschriften war in Europa seit Beginn des Buchdrucks üblich. Es war ein Instrument der Einflussnahme, das an den adeligen Höfen und in der Diplomatie seinen
Anfang genommen hatte. Reformation, Gegenreformation und besonders auch die Aufklärung bedienten sich dieses Mediums. Gerade die Flugschrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ zeigt in ihrem Text sehr deutlich dieses landsmannschaftliche Denken.
Der Begriff Deutschland wird geographisch und nicht national im Sinne des späteren Nationalismusbegriffes verwendet. Die Autoren dieser Flugschrift wissen aber genau und weisen sehr direkt darauf hin, dass die eigenen Landesherren für einen Königstitel sich und ihre Untertanen an Napoleon verkauften. Heute bezeichnet man dies als Expansionspolitik nach der Devise „divide et impera“
Und Palm? Der hatte als gebürtiger Württemberger und dann als Nürnberger Buchhändler (und erst seit einigen Monaten ein „Bayer“) mit diesem politischen Zustand wohl auch keine Freude wie die meisten anderen Bürger.
Das war dann auch schon alles. Palm hat nicht öffentlich polemisiert und auch von einer Verschwörung ist nichts bekannt.
Es war sein Geschäft, Druckschriften zu verkaufen und wenn möglich natürlich mit Gewinn.
Dennoch lohnt es sich hier, einen Blick auf seine Herkunft und, ich nenn’s einfach mal so, seine religiöse Sozialisation zu werfen.
Palm kam aus einem Land, Württemberg, das mit am stärksten von allen Ländern von der Reformation und auch von seiner Topographie geprägt war. In diesem kleinen Herzogtum galten Fleiß und Arbeit und Disziplin sehr viel. Es war ein egalitäres Land, gestützt auf den kleinen Besitz und es war bürgerlich, gab es doch nur wenige Adelige. Angesichts der vielen kleinen Existenzen, deren Grund und Boden keine großen Sprünge erlaubte, machten Fleiß und Disziplin durchaus Sinn. Da man nicht ausschließlich von dem leben konnte, was die Landwirtschaft hergab, sah man sich ständig nach anderen Verdienstmöglichkeiten um. Flexibilität im Denken und Handeln waren gefragt. Dazu stand in einem gewissen Widerspruch die Tatsache, dass Württemberg auch den Anstrich eines Überwachungsstaates hatte, der jedoch nicht den Antrieb für ein Handeln und Denken im vorgegebenen gesellschaftlichen Rahmen lähmte.
Und Palm wuchs auf in einer seit Generationen sehr bewusst evangelischen Familie und er wurde mit der reformatorischen Urerfahrung der „Freiheit des Christenmenschen“ konfrontiert. Dies heißt, mit der Erkenntnis, dass sich aus der absoluten Bindung an Gott völlige Freiheit gegenüber allen Mächten ergibt.
Heute, anders ausgedrückt: Die Botschaft von der christlichen Freiheit als ein unentbehrlicher Beitrag zur Kultur einer freiheitlichen Gesellschaft.
Dazu kommt noch im 18. Jahrhundert parallel zur Aufklärung der sich herausbildende Pietismus, der Württemberg tief greifend mitprägte.
Und noch ein weiteres: dieser Pietismus schuf der individuellen Religiosität Raum und verhalf mit religiöser Motivation der Toleranz zum Durchbruch. Seitdem machte der Protestantismus mit der Gewissensfreiheit etwas mehr ernst, von der die lutherische Orthodoxie nicht viel hatte wissen wollen.
So gelang es die Grenzen der eigenen Konfessionalität zu überschreiten, ohne sich selbst untreu zu werden. Gedanklich wie praktisch entstand so ein positiveres Verhältnis zu den anderen Konfessionen und christlichen Gemeinschaften.
Und Palm? Er stand mittendrin in diesem religiösen Handeln und Leben!
Nun, wenn wir uns heute auf Grund von Briefen und schriftlichen Berichten von Zeitgenossen das Ende Palms hier in der ehemaligen bayrischen Festungsstadt zu vergegenwärtigen versuchen, dann bleibt festzustellen: Johann Philipp Palm, ein Mensch, der fest in seinem christlichen Glauben ruht, sicher, aber nicht heldenhaft trotzig in seinem Auftreten gegenüber den falschen Anschuldigungen ist und den ängstliche Sorge um seine Familie erfüllt.
Und der ebenfalls ohne heldenhafte Pose angesichts des unmittelbar bevorstehenden Todes, gestärkt durch seinen Glauben und durch den ihm von einem katholischen Pfarrer gewährten geistlichen Beistand seinen letzten Augenblick erlebt.
Wäre dieses Palm’sche Ende die Ursache für die Errichtung dieses Denkmals gewesen, dann wäre es sicherlich kein falsches, wenn auch sehr ungewöhnliches Zeichen gewesen. Wenn dem aber nicht so war, dann können wir Nachgeborenen mit unserem heutigen Wissen es durchaus so auffassen und damit leben.
Palm, gleichsam stellvertretend für die vielen Namenlosen seiner Zeit, die versuchten, ein Leben in Einklang mit ihrem Glauben und ethischen Grundsätzen zu leben, auch wenn dies nicht immer oder nur bruchstückhaft gelungen sein mag.
Palm ein Held? Wohl eher ein Opfer einer mörderischen Militärzensur!
Daran zu denken kann auch heute nicht falsch sein.
Werner Forster
Verein für Zeitgeschichte
Inn-Salzach e.V.
Kirchdorf am Inn