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15. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Unfreiwilliger Held"
Johann Philipp Palm: Biographie und Rezeption 1806-2006
Braunau am Inn, Kultur im Gugg 22.- 24. September 2006
26. August 2006
Auf den Misthaufen der Geschichte!
Liebe Braunauerinnen und Braunauer!
Zum ersten Mal seit Jahren wagen es Rechtextremisten wieder, in Braunau aufzumarschieren. Augerechnet hier in Braunau, das heute noch schwer an der Last zu tragen hat, dass der größte Verbrecher der Geschichte in dieser Stadt geboren wurde.
Viele Menschen haben in den letzten Jahren dazu beigetragen, der Stadt ein weltoffenes Gesicht zu geben und haben gezeigt, dass Hitler-Pilger und Neonazis hier nicht willkommen sind. Die Kommunistische Jugend Braunau ist stolz darauf, dazu beigetragen zu haben. Und auch heute zeigen wir, dass Rechtsextremisten hier nicht ohne Widerstand aufmarschieren können.
Wir stehen heute vor dem Gedenkstein aus dem KZ Mauthausen, einem stillen Zeugen unglaublicher Verbrechen. Könnte dieser Stein sprechen, er würde uns von Massenerschießungen und Sklavenarbeit erzählen. Von Mördern und Sadisten in SS-Uniformen. Vom entsetzlichen Leid, der Häftlinge, die zu zehntausenden ermordet wurden. Mahnend würde er seine Stimme erheben und sagen: "Nie wieder Faschismus!" Nun, ein Stein kann nicht sprechen. Daher müssen wir immer dort unsere Stimme mutig dagegen erheben, wo gegen Menschen gehetzt wird, wo Stimmung für den Krieg gemacht wird, wo unsere demokratischen und sozialen Rechte in Gefahr sind. Deshalb stehen wir heute hier.
Über 100 Burschenschafter sollen es sein, die heute in Braunau aufmarschieren. Burschenschaften stehen für ein extrem reaktionäres Gedankengut, das sich aus Frauenfeindlichkeit, Deutschnationalismus, Elite-Denken und Rassismus zusammensetzt. Der Autor Kurt Tucholsky widmete sich 1928 in einem Aufsatz dem Thema Burschenschaften. Schon vor beinahe 80 Jahren empfahl er Burschenschaftern, nicht ins Museum zu gehen - es bestünde die Gefahr, dass man sie gleich dabehält. Leider befindet sich dieser Unfug auch heute noch nicht in einem Museum für Skurrilitäten. Tucholsky schrieb aber auch: "Wenn man bedenkt, dass das unsere Richter von 1940, unsere Lehrer von 1940, unsere Verwaltungsbeamten, Polizeiräte, Studienräte, Diplomaten von 1940 sind, dann darf man wohl diesen Haufen von verhetzten, irregeleiteten, mäßig gebildeten, versoffenen und farbentragenden jungen Deutschen als das bezeichnen, was er ist: als einen Schandfleck der Nation, dessen sie sich zu schämen hat, bis ins dritte und vierte Glied".
In wessen Dienst die Herren Richter, Lehrer, Verwaltungsbeamten, Polizeiräte, Studienräte und Diplomaten im Jahr 1940 standen, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Nur soviel: er wurde in diesem Haus geboren.
Tucholsky bringt hier aber einen weiteren, wesentlichen Aspekt ins Spiel. Burschenschaften sind keine Vereine von Dümmlingen, die meinen, ihre Ehre damit zu verteidigen, dass sie sich ihre Fressen mit Säbeln zerhacken. Die deutschnationalen Burschenschaften stellen das wichtigste Bindeglied zwischen der faschistischen Bewegung und mächtigen Kreisen aus Wirtschaft und Politik in Österreich dar. In den Reihen des großindustriellen Bürgertums sind deutsch-nationale Kräfte in Österreich traditionell sehr stark. Über die FPÖ konnten in den letzten Jahren die Burschenschafter wieder verstärkt in die Politik und über die schwarz-blauen Umfärbungen auch in den Staatsapparat eindringen. Burschenschaften sind also keine unbedeutenden Kleingruppen - ihre Mitglieder sind Teil der herrschenden Klasse. Ob als Nationalratsabgeordnete, Richter, Manager oder Professoren. Kein Wunder - die zunehmende Rücksichtslosigkeit des kapitalistischen Systems fördert gerade solche Kräfte, denen Solidarität mit sozial Schwachen ein Fremdwort ist.
Vielleicht stehen heute jene Leute als Burschenschafter im Palmpark, die in 20 Jahren als skrupellose Manager unsere Arbeitsplätze wegrationalisieren, während ihre Profite steigen. Vielleicht sind es jene, die in 20 Jahren als Professoren unseren Kindern erzählen, Österreichs Heil liege im Anschluss an Deutschland. Oder vielleicht auch jene, die in 20 Jahren als Verwaltungsbeamte in Armut geratene Familien aus ihren Wohnungen delogieren. Wer im 21. Jahrhundert mit Säbeln um seine Ehre kämpft, dem ist wohl manch anderes auch zuzutrauen.
Unterstützt werden die Burschenschaften von der FPÖ, der Obmann der oberösterreichischen Landespartei Weinzinger wird heute in erster Reihe stehen. Jener Weinzinger, der gerade in dieser Woche wieder sagte "Er sei ein Deutscher". Nun, dann will ich ihm raten, doch nach Deutschland zu ziehen, wenn er sich gar so deutsch fühlt. Uns würde damit viel erspart bleiben. Etwa Wahlplakate, die man mit Fug und Recht als geistige Brandstiftung bezeichnen kann.
Die Kommunistische Jugend hält dieser unappetitlichen Hetze soziale Inhalte entgegen. Wir treten für ein weltoffenes, solidarisches und sozialistisches Österreich ein, in dem der gesellschaftliche Reichtum gerecht verteilt ist und jeder Mensch die Chance auf Arbeit und Bildung hat.
Wir freuen uns über alle, die mit uns für diese ziele kämpfen wollen. Nur gemeinsam können wir etwas erreichen. Nur gemeinsam werden wir es schaffen, dass Burschenschaften, Deutschtümelei und Rechtsextremismus, aber auch Arbeitslosigkeit, Armut und das gesamte kapitalistische Unrechtssystem, ihren Platz dort finden werden, wo sie hingehören: auf den Misthaufen der Geschichte!
Rede von Robert Krotzer (KJÖ-Braunau) bei der Kundgebung am antifaschistischen Gedenkstein vor dem Hitler-Geburtshaus gegen den Aufmarsch der Burschenschaften in Braunau am 26. August 2006
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