15. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Unfreiwilliger Held"
Johann Philipp Palm: Biographie und Rezeption 1806-2006
Braunau am Inn, Kultur im Gugg 22.- 24. September 2006

Süddeutsche Zeitung , 2. September 2006

„Die Buchdruckerkunst ist eine gefährliche Waffe“

Ein unfreiwilliger Held

Vor 200 Jahren ließ Napoleon den Buchhändler Johann Philipp Palm hinrichten

Von Hans Kratzer

München – Sein Name ist längst nicht mehr allen geläufig, und dennoch steht der Nürnberger Bürger Johann Philipp Palm (1766–1806) in der Riege jener Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, Eingang in die Geschichtsbücher gefunden haben. Man muss ihm diesen Ruhm jedoch nicht neiden, denn sein Schicksal ist ganz und gar nicht erstrebenswert. Der geborene Württemberger Palm war zwar nur ein Buchhändler, aber gerade deshalb ist er vor 200 Jahren in der bayerisch-österreichischen Grenzstadt Braunau von französischen Exekutionssoldaten hingerichtet worden.

Leider hatte der brave Mann den Zorn des großen Napoleon erweckt, und das war damals keine Maßnahme zur Lebensverlängerung, auch wenn der Franzosenkaiser im Allgemeinen kein Schnellhenker war. Hier, im Falle des Palm ging es allerdings um Grundsätzliches. Napoleon schuf gerade ein neues Europa, die Armeen marschierten, die Waffen klirrten – selbst wenn sie nicht aus Eisen waren. „Auch die Buchdruckerkunst ist ein mit gefährlichen Waffen gefülltes Zeughaus“, befand der französische Kaiser.

Im Juli 1806 war im Verlag von Palms Buchhandlung ein 144 Seiten umfassendes Schriftstück mit dem Titel „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ erschienen. Darin rief der unbekannte Verfasser zum Widerstand gegen die Franzosen und ihre bayerische Verbündeten auf. In Augsburg geriet diese Schrift in die Hände französischer Offiziere. Am 28. Juli und 4. August fanden im Hause Palms in Nürnberg Hausdurchsuchungen statt. Der Hausherr selbst war auf Geschäftsreise, kehrte trotz Warnungen nach Nürnberg zurück, wurde am 14. August 1806 verhaftet und zum französischen Oberkommandierenden nach Ansbach gebracht. Dieser ließ ihn in die Festung Braunau überstellen, wo er zum Tode verurteilt wurde. Am 26. August 1806 wurde das Urteil vollstreckt.

Die Urheberschaft für die Schrift blieb zwar ungeklärt, Palms Verurteilung erfolgte wegen der Verbreitung des Textes. Nur wenige unter den Zehntausenden, die in den damaligen Wirren ums Leben kamen, sind namentlich im Gedächtnis des Volkes haften geblieben. Wer dies schaffte, wie der ebenfalls auf Napoleons Befehl hin delinquierte Tiroler Andreas Hofer oder eben Palm, lief schnell Gefahr, zum Freiheitshelden stilisiert zu werden. Gerade im Falle Palms erwies sich das als ziemlich problematisch. Schon in der deutschen Einigungsbewegung im 19. Jahrhundert begann man ihn zu heroisieren, besonders die nationalen Kräfte und später die Nationalsozialisten stilisierten ihn zum unfreiwilligen Helden hoch und vereinnahmten ihn total.

Darin liegt eine weitere Tragik Palms, denn sein eigentliches Anliegen trat dadurch in den Hintergrund. „Dabei haben die wenigsten seine Schrift gelesen“, sagt der Literaturwissenschaftler Hans Göttler (Uni Passau), der beim Durchlesen genau hinschaute und zu der Überzeugung gelangte: „Sie kam mir nicht wie eine Schmähschrift auf Napoleon vor.“ Auch der Palm-Biograph Bernt Ture von zur Mühlen wendet sich entschieden gegen die immer noch aktuelle Vereinnahmung Palms durch rechtsradikale und nationalchauvinistische Kreise in Deutschland und Österreich. „Es zeugt von völliger Unkenntnis der Geschichte, wenn diese Kräfte den Tod des engagierten Buchhändlers und überzeugten Christen Palm zu propagandistischen Zwecken missbrauchen.“

Vor allem der Verein für Zeitgeschichte Inn-Salzach kämpft vehement dafür, dass Palm Gerechtigkeit widerfährt. „Wir stilisieren ihn nicht. Wir nehmen ihn ernst“, sagt Andreas Maislinger, der wissenschaftliche Leiter der Braunauer Zeitgeschichte-Tage. Die gehaltvolle Gedenkfeier aus Anlass des 200. Todestags am Palm-Denkmal in Braunau habe ihn aber überzeugt: „Die Rechten haben Palm verloren.“

Die 15. Braunauer Zeitgeschichte-Tage (22.–24. September) widmen sich der Rezeption Palms (www.hrb.at/bzt; Tel. 0043/512/ 291087). In der Herzogsburg in Braunau läuft bis 24. September eine Ausstellung über Palm (Dienstag bis Samstag 13–17 Uhr).

 

 
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