Nachgefragt: Florian Kotanko über unbekannte Punkte, das Zählen von Einschusslöchern und sein Resümee
Wie Girtler sagte: Das Leben ist bunt“
BRAUNAU. 200 Jahre nach
seiner Hinrichtung war Johann
Philipp Palm wieder viel diskutiertes
Thema in Braunau. Der
Verein für Zeitgeschichte hatte
ihm Gedenkfeier, Ausstellung
und Tagung gewidmet, die „Tips“ hat nachgefragt.
Tips: Drei Tage voller Vorträge
und Diskussionen sind vorbei.
Auf welches Interesse sind die
15. Braunauer Zeitgeschichte-
Tage (BZT) gestoßen, wie war
der Besuch?
Kotanko: Ich denke, dass unser
breit angelegtes Angebot
sehr gut angenommen wurde:
Das Interesse des Publikums beweist
einerseits die große Zahl
der Besucherinnen und Besucher,
was unsere Referenten
und Gäste nicht in dem Ausmaß
erwartet hatten, andererseits
gab es rege Beteiligung an den
Diskussionen und auch am
Rundgang zu den Palm-Stätten.
Zahlreiche Medienberichte haben
auf die Tagung hingewiesen
und historisch-biographische
Informationen geboten.
Was war Ihr persönliches Highlight
der drei Tage?
Wie sollte ich nur ein einziges
Highlight hervorheben? Ich
finde, die drei Tage haben ein
sehr abgerundetes Bild ergeben.
Die Offenheit der Diskussionen
war wohl die bemerkenswerteste
Erfahrung: Unsere
Gäste haben ohne nationale oder
ideologische Scheuklappen ihre
Sicht der Dinge dargelegt, dann
wurde offen miteinander diskutiert.
Als Braunauer bin ich
natürlich auch erfreut darüber,
dass wir auf unserem Rundgang
etwa 60 Interessierten mitunter
unbekannte Punkte unserer
Stadt zeigen konnten.
In der begleitenden Ausstellung
wurde unter anderem die
durchlöcherte Weste des Hingerichteten
gezeigt. Wie waren die
Reaktionen darauf?
Die Reaktionen schwankten.
Manche Besucherinnen und Besucher
bezweifelten die Echtheit
und wollten ganz genau die
Quellen erfahren, die für die
Authentizität sprechen, andere
wiederum zählten die Einschusslöcher
und versuchten,
sich das Ende Palms vorzustellen.
Viele versuchten auch, auf
Grund der Größe der Weste ein
realistisches Bild von Palms
Körpergröße zu gewinnen.
Die (schließlich drei) Gedenkfeiern
zu Palms 200. Todestag
im Vorfeld der BZT wurden von
reichlich Medienwirbel begleitet.
In welchem Licht wurde
Braunau dabei dargestellt, was
wird hängen bleiben?
Die meisten Medienberichte
wie auch alle Referenten unserer
Tagung hielten fest, dass
Palm nicht in ein deutschnationales
Eck gerückt werden kann.
Es ist dem Image der Stadt
Braunau nicht besonders förderlich,
wenn hier manche feiern,
für die Palm noch immer ein
Symbol als „verstockter 'Nationalist'
und Franzosenfeind“ ist.
Ich bin auch überzeugt und
weiß das auch aus vielen Gesprächen,
dass nicht wenige Besucher
unserer Gedenkfeier
durch ihre Teilnahme einen
Kontrapunkt gegen Vereinnahmungstendenzen
setzen wollten.
Als Schlussresümee: Was wurde
mit den 15. BZT geleistet?
Unsere Absicht war, ein differenzierteres
Bild von Palm und
den Zeitumständen, die für ihn
zum Verhängnis wurden, zu
zeichnen. Die Zeit einer
Schwarz-Weiß-Malerei ist hoffentlich
vorbei, die Geschichte
umfasst viele Facetten, die ein
annäherndes Gesamtbild ergeben – wie Roland Girtler sagte: „Das Leben ist bunt“. Wenn die
Besucherinnen und Besucher
unserer Tagung und der Ausstellung
diese Mehrdimensionalität
erfahren und konkrete Informationen
mitgenommen haben,
sollten wir zufrieden sein.
"Sie hielten fest, dass
Johann Philipp Palm nicht
in ein deutschnationales
Eck gerückt werden kann."
Mag. Florian Kotanko