15. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Unfreiwilliger Held"
Johann Philipp Palm: Biographie und Rezeption 1806-2006
Braunau am Inn, Kultur im Gugg 22.- 24. September 2006

Tips , 10. Oktober 2006

Nachgefragt: Florian Kotanko über unbekannte Punkte, das Zählen von Einschusslöchern und sein Resümee

Wie Girtler sagte: Das Leben ist bunt“

BRAUNAU. 200 Jahre nach seiner Hinrichtung war Johann Philipp Palm wieder viel diskutiertes Thema in Braunau. Der Verein für Zeitgeschichte hatte ihm Gedenkfeier, Ausstellung und Tagung gewidmet, die „Tips“ hat nachgefragt.

Tips: Drei Tage voller Vorträge und Diskussionen sind vorbei. Auf welches Interesse sind die 15. Braunauer Zeitgeschichte- Tage (BZT) gestoßen, wie war
der Besuch?

Kotanko: Ich denke, dass unser breit angelegtes Angebot sehr gut angenommen wurde: Das Interesse des Publikums beweist einerseits die große Zahl der Besucherinnen und Besucher, was unsere Referenten und Gäste nicht in dem Ausmaß erwartet hatten, andererseits gab es rege Beteiligung an den Diskussionen und auch am Rundgang zu den Palm-Stätten. Zahlreiche Medienberichte haben auf die Tagung hingewiesen und historisch-biographische Informationen geboten.

Was war Ihr persönliches Highlight der drei Tage?
Wie sollte ich nur ein einziges Highlight hervorheben? Ich finde, die drei Tage haben ein sehr abgerundetes Bild ergeben. Die Offenheit der Diskussionen
war wohl die bemerkenswerteste Erfahrung: Unsere Gäste haben ohne nationale oder ideologische Scheuklappen ihre Sicht der Dinge dargelegt, dann
wurde offen miteinander diskutiert. Als Braunauer bin ich natürlich auch erfreut darüber, dass wir auf unserem Rundgang etwa 60 Interessierten mitunter
unbekannte Punkte unserer Stadt zeigen konnten.

In der begleitenden Ausstellung wurde unter anderem die durchlöcherte Weste des Hingerichteten gezeigt. Wie waren die Reaktionen darauf
?
Die Reaktionen schwankten. Manche Besucherinnen und Besucher bezweifelten die Echtheit und wollten ganz genau die Quellen erfahren, die für die Authentizität sprechen, andere wiederum zählten die Einschusslöcher und versuchten,
sich das Ende Palms vorzustellen. Viele versuchten auch, auf Grund der Größe der Weste ein realistisches Bild von Palms Körpergröße zu gewinnen.

Die (schließlich drei) Gedenkfeiern zu Palms 200. Todestag im Vorfeld der BZT wurden von reichlich Medienwirbel begleitet. In welchem Licht wurde Braunau dabei dargestellt, was wird hängen bleiben?
Die meisten Medienberichte wie auch alle Referenten unserer Tagung hielten fest, dass Palm nicht in ein deutschnationales Eck gerückt werden kann. Es ist dem Image der Stadt Braunau nicht besonders förderlich, wenn hier manche feiern,
für die Palm noch immer ein Symbol als „verstockter 'Nationalist' und Franzosenfeind“ ist.
Ich bin auch überzeugt und weiß das auch aus vielen Gesprächen, dass nicht wenige Besucher unserer Gedenkfeier durch ihre Teilnahme einen Kontrapunkt gegen Vereinnahmungstendenzen setzen wollten.

Als Schlussresümee: Was wurde mit den 15. BZT geleistet?
Unsere Absicht war, ein differenzierteres Bild von Palm und den Zeitumständen, die für ihn zum Verhängnis wurden, zu zeichnen. Die Zeit einer Schwarz-Weiß-Malerei ist hoffentlich vorbei, die Geschichte umfasst viele Facetten, die ein
annäherndes Gesamtbild ergeben – wie Roland Girtler sagte: „Das Leben ist bunt“. Wenn die Besucherinnen und Besucher unserer Tagung und der Ausstellung
diese Mehrdimensionalität erfahren und konkrete Informationen mitgenommen haben, sollten wir zufrieden sein.

"Sie hielten fest, dass
Johann Philipp Palm nicht
in ein deutschnationales
Eck gerückt werden kann."

Mag. Florian Kotanko

 

 
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