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Braunau am Inn, 18. September 2007 Lieber Andreas Maislinger ! Danke für Ihre Bemühungen für das Gelingen der Braunauer Tagung. Anbei meine Bemerkungen. Seit einiger Zeit versuche ich als Zeitzeuge weiter zu forschen, welchen Einfluss die Trapp Familie auf die politische Entwicklung in den Kriegsjahren in Amerika hatte. Es ist vielschichtig und in Kürze kann ich nur Einiges andeuten, was mir aber auch und gerade heute sehr wichtig zu sein scheint. Der Gesang der Trapp Familie war nicht lediglich "süß", sondern ohne es oft zu wissen, auch sensitiv politisch....was die österreichische Geschichtsauffassung noch nicht wahr haben will. Einige politische Auswirkungen der österreichischen Sänger-Familie des Georg Ritter von Trapp auf die USA Ernst Florian Winter Werte Gäste, gestatten Sie mir einige Bemerkungen zu diesem Thema als ein Zeitzeuge. Durch Kontakte bei den Salzburger Festspielen 1937 wurde die Trapp Familie für den Sommer 1938 nach Amerika eingeladen. Wegen mangelnder Aufenthaltsdokumente wurde sie vor dem Ende des Jahres aber wieder ausgewiesen, zurück ins Dritte Reich. Da mein Schwiegerpapa, Georg Ritter von Trapp, gebürtiger Dalmatiner aus Zara, italienischer Staatsbürger war, gab es keine Schwierigkeiten aus dem vom Deutschen Reich besetzten österreich eine Einladung nach Amerika anzunehmen. Inzwischen hatten die "Ostmärker" aber für einen Anschluss gestimmt. Für den heldenhaften Unterseebotkapitän und Träger des Kaiser Maria Theresienordens begannen nun große seelische und existentielle Schwierigkeiten. Er hatte sich geweigert, in der deutschen Kriegsmarine zu dienen. Er plante, aus politischen Gründen auszuwandern. In Amerika hatte man die Bekanntschaft eines schwedischen Pastors gemacht. Nun betrieb die zweite Frau von Papa und Stiefmutter meiner Frau zielsicher eine Einladung nach Skandinavien zu verwirklichen. Sie erreichte, dass einer "deutschen" Sängerfamilie eine Konzertreise gestattet wurde. Die Familie war sich aber bewusst, dass dies der Verlust ihres Besitzes in Aigen bedeuten würde und die ersehnte Flucht aus Großdeutschland bedeutete. Von Bergen in Norwegen ging es auch dann auf dem Frachter "American Farmer", ohne Einreisepapiere nach New York, wo die Familie auch prompt nach der berüchtigten Gefangeneninsel Ellis Island gebracht wurde. Hier änderte sich ihre politische Identität. Die Trapp Familie war laut Reisedokumenten eine "deutsche" geworden. Der Chef des Hauses , als K.& K.-Patriot bestand bei dem behördlichen Verhör aber darauf, dass die Trapp-Familie eine österreichische und katholische Flüchtlingsfamilie sei. Durch die Intervention des New Yorker Erzbischofs Francis Joseph Kardinal Spellman erlangten sie daraufhin auch die ersehnte Freiheit und unbefristete Aufenthaltsbewilligung. Damit konnte die amerikanische Sängerkarriere 1939 beginnen. Die österreichische kulturelle Identität kam vielen anderen Flüchtlingen zu Gute. österreicher wurden als "friendly aliens" eingestuft, während Deutsche, sogar jüdische Flüchtlinge, als "enemy aliens" auf verschiedene Vorteile verzichten mussten. Was hieß dies in der Praxis ? Das in Amerika geltende "ius soli" stiftet im Geburtsland Staatszugehörigkeit und somit "Identität". Bislang verstanden Durchschnittsamerikaner "österreich" als Heimatland der "Großösterreicher". Das Nachkriegs Kleinösterreich, sich selbst im Unklaren, sei schon wegen der Deutschen Sprache ein Teil "Deutschlands", meinte man. Es gab wohl in USA einige Einwanderer aus Kleinösterreich, darunter der Verfasser unserer Verfassung, Professor Hans Kelsen, Doktor-Vater meines Vaters Ernst Karl Winter. Einige dieser wenigen begrüßten uns bei der Ankunft der zehnköpfigen Winter-Familie am 3. Oktober 1938, bei einem 'hurrican' in New York. Die Medien schätzten diese ersten Flüchtlinge, weil sie aus einem Land kamen, welches (als einziges) fünf Jahre lang Hitlers Absichten Widerstand leistete. Besonders die verfolgten Juden, die nach 1933 in österreich Aufnahme fanden, standen zur neuen ständestaatlichen österreichischen Identität. Typisch für das Dilemma war, dass es in der multikulturellen (hyphanated Americans) Welt keine "Austrian Clubs" gab. Es gab wohl den "Bavarian Club" Der Großteil der jüdischen Flüchtlinge aus österreich, aus Wien kommend, fühlten sich aber dort nicht zu Hause. Es gab auch mehrere "Burgenland Klubs", deren Mitglieder sich aber nicht alle als österreicher verstanden. Dafür haben wir Flüchtlinge herzliche Aufnahme und Hilfeleistungen vom "Bohemian Club", von Ungarn, Polen, Kroaten usw. erhalten! So musste sich notgedrungen eine 'neue' österreichische kulturelle und politische Identität raschest entwickeln. Musikalische Kultur trägt dazu mehr bei, als man landläufig denkt. Die Trapp- Familie ging auch in Amerika in Tracht. Die Konzertagenturen waren davon aber nicht begeistert und schätzten auch kaum, dass niemand in dieser Sängergruppe geschminkt werden wollte, noch Schlager sangen. Hiermit gab es keinen großen Konzertvertrag. Der endlich erhaltene Vertrag beschränkte Auftritte in und für Kleinstädte und die amerikanische Provinz. Auf diese Weise lernten Millionen von Amerikanern das österreichertum kennen.. Zu dieser 'Provinz' gehörte aber auch die Metropole Chicago mit seiner einen Million Polen; so mancher aus dem alt-österreichischen Teil der Monarchie, mit teilweise noch großösterreichischer Mentalität. Eine Fußnote dazu: mein Vater, der anfänglich ein Austro-American Center als Stütze für die Flüchtlinge gründete, erkannte bald die zentral-europäische Perspektive vieler amerikanischer Altösterreicher und gründete daher das American Center for Central European Reconstruction mit dessen zwölf Sektionen, entsprechend den einst zwölf großösterreichischen Nationalitäten.. So zum Beispiel die Tschechische Sektion unter Leitung von Jan Masaryk, die Ungarn unter Rustem Vambary, die Polen unter Oskar Halecki (dessen Buch nach dem Krieg im Otto Müller Verlag erschienen ist), die Italiener unter dem Priester Don Luigi Sturzo usw. Besonders seit 1905 waren Millionen zentral- und osteuropäischer Emigranten in die Vereinigten Staaten gekommen. Oft siedelten sie in nationalen Nachbarschaften, mit eigenen Kirchen, Schulen, Klöstern, Medien usw. Das gibt es noch weiter zu erforschen, denn viele Konzertgäste aus jenen Kreisen gehörten und gehören noch heute zu den begeisterten 'fans' der Trapp Family Singers. Für sie waren die Melodien ein Teil des kulturellen Erbes, an dem sie besonders in der Fremde weiter hingen. Eine Erinnerung an die 'Heimat'. Eine weitere Fußnote wirft Licht auf dieses Phenomän. Als Präsident Franklin D. Roosevelt seinem Kriegsminister Henry L. Stimson ermächtigte ein 'Austrian Bataillion' aufzustellen, kamen die Freiwilligen aus jenen großösterreichischen Nationalitäten. Im Übrigen, es war Präsident Eduard Benes, Anführer der tschechoslowakischen Exilregierung, der dieses Experiment zu Fall brachte. Zu viele aus Olmütz, Brünn, Pilsen, Znaim und sogar Prag meldeten sich. Inzwischen hatte sich das Repertoir der Trapp Family Singers vom Volksliedergut darüber hinaus zur österreichischen katholischen Kirchenliedern und sakraler Musik, sogar Madrigalen, erweitert. Österreich erschien nun auch als kultureller Sitz westlicher Werte. Das stärkte viele katholische Klöster und Pfarrgemeinden, die damals noch unter anti-katholischen Ressentiments litten. Und schlussendlich wohlhabende Familien, besonders "on the main line" in Pennsylvania befolgten die Kammermusik Kurse, die in Stowe, Vermont in "Trapp Family summer sing weeks" gelehrt wurde. Heute ist Kammermusik weit verbreitet und oft bewusst eine "österreichische Erfindung". Weitreichende gesellschaftliche Änderungen wurden so eingeleitet, was wir besonders bedenken müssen im Bezug auf das amerikanischen Kriegsziel "die westliche Kultur vor der Barbarei zu retten". Im amerikanischen Kongress gab es daher auch Argumente, dass diese erfolgreiche kleinösterreichische Identität (oft nur kultureller Natur) dazu beitrug, dass wir zu "friendly aliens" gestempelt wurden. Dies sind nur einige Bemerkungen über das Zusammenwirken von Kultur und Politik und deren Auswirkung auf die politische und gesellschaftliche Realität in den USA. Der 'Rest' von Großösterreich besann sich auch sehr bald nach dem Ende des Ersten Weltkrieges darauf, dass es eine kulturelle Idendität "Sui generis" geben müsste. Die Salzburger Festspiele wurden zu einem erneuten Signal unseres Österreichertums. Die Trapp Familie trug dazu, vor allem in den dunklen Tagen unserer Existenz erstaunlich viel sogar unbewusst, dazu bei, dass Österreich wiedererstehen konnte. Eine gewisse Nostalgie nach 'Österreich', besonders anfänglich, bevor das schreckliche Ausmaß der Shoa bekannt wurde, hegten viele österreichische Judenflüchtlinge, und auch deutsche, die nach 1933 in Österreich aufgenommen wurden. Fast alle, Juden die ich kannte während meines Exils in USA, begrüßten die Trapp Family Singers, weil es sich auch um die Zeit eines verlorenen österreichischen Staatsbewusstseins handelte, auch wenn es aus der ständestaatlichen Zeit stammte. Es war ja ein Bündnis von Staatsnationen, die den Kampf gegen den deutschen Nationalsozialismus führten und dazu wollten auch wir gehören. Man bedauerte immer mehr, dass innerösterreichische ideologische Differenzen dazu beitrugen, dass österreich aufhörte zu existieren. Konzerte der Trapp Familie waren daher auch patriotische Demonstrationen der Einigkeit einer zu entstehenden österreichischen Willensnation. Ich erinnere mich noch heute mit Rührung an das Zukunftsgespräch , welches ich mit meinem Konzertnachbarn , Julius Deutsch, führte. Diese Andeutungen aus meiner Forschungsarbeit können uns ermutigen österreichische Identität auch heute zu pflegen und die Trapp Family in ehrbarer Erinnerung zu halten. |
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