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16.
Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Peacemakers Manual" DIE HEIMKEHR (1946) O eine ganze Ewigkeit Franz Grillparzer Während des zweiten großen Krieges lebte ich in Amerika. Die Heimat war damals unendlich fern. Geheimnisvoll und beunruhigend lag sie hinter undurchringlichen Schleiern. Bang fragte ich mich immer wieder, ob ich sie jemals wiedersehen würde. Die Rückkehr schien auf immer abgeschnitten, was immer kommen würde. Aber die Erinnerung an Ranshofen blieb lebendig. Manchrnal bereitete es mir körperlichen Schmerz, ans Elternhaus zu denken. Das ehemalige Kloster hatte seit beinahe einem Jahrhundert meiner Familie gehört. Das Stift war am 26. August 1811 während eines kurzen Zwischenspiels, in dem das Innviertel wieder einmal zu Bayern gehörte, durch eine königlich- bayrische Kommission aufgelöst worden, nachdem es von den Josefinischen Maßnahmen gegen die Klöster verschon geblieben war. Als die endgültige Auflösung des Klosters ausgesprochen wurde, da hatte das Stift längst von seiner einstigen Größe und seinem Ruhm eingebüßt, der ins dreizehnte Jahrhundert zurückging. "Ein Chorherr weinte", so schreibt der Chronist des Klosters, "die anderen verließen ohne Leid und Freude." Die bayrischen Grafen Montjoie, die das zum Schloß gewordene Stift zuerst erwarben, mußten allmählich alles versteigern, was nicht niet- und nagelfest war. Selbst die herrlichen alten Türschlösser wurden damals aus den Türen gerissen und verschleudert. Als mein Großvater sich in Ranshofen niederließ, lebte der letzte Chorherr, Andreas Neumayer, der in der Gegend verblieben war, noch als Pensionisteinsam und allein im Dorf. Mein Vater hatte mir einmal als Knabe erzählt, daß die frühe Geschichte des Klosters Ranshofen in einem alten, auf lateinisch geschriebenen Werk MONUMENTA BOICA zu finden sei, und der für mich unverständliche Name des Werkes war mir im Gedächtnis haftengeblieben. Als junger Mensch war ich zu sehr von der Neugierde meines eigenen Lebens, vom Abenteuer des Daseins erfüllt, um mich für die Geschichte meines Geburtshauses zu interessieren. MONUMENTA BOICA Es war ein ergreifender Augenblick für mich, als ich die Seite 236 aufschlug und da einen Kupferstich vor mir hatte, der mein Elternhaus darstellte. Ich war Tausende von Meilen entfernt und tauchte in der Geschichte des Hauses zurück, in dessen kühlen klösterlichen Mauern ich herangewachsen war. Und während vor den Fenstern der New Yorker Bibliothek der Verkehr der Fünften Avenue rauschte, wanderte ich im Geist durch das Josephitor hinaus in die Felder. Die schweren dunklen Kastanienbäume hatten den Weg mit verblühten Kerzen besät, und Abendnebel stiegen vom Inn herauf . Eines Nachmittags - es war im April 1946 - saß ich in Washington in meinem Büro im alten Gebäude des amerikanischen Departments of State, wo ich als Konsulent für internationale Verwaltungsfragen tätig war, als mein Telephon klingelte. Die Vereinten Nationen in New York wollten mich sprechen. Das waren die Wochen,, in denen die neugeschaffene UNO ihren aus vielen Nationen zusammengesetzten Verwaltungsapparat aus dem Nichts zu zaubern versuchte. Die wohlbekannte Stimme eines ehemaligen holländischen Kollegen vom Völkerbund-Sekretariat, der einen der leitenden Posten in der neuen Verwaltung einnahm, war am anderen Ende des Telephons. Ob ich mich innerhalb ganz weniger Tage frei machen und in einer offiziellen Mission nach Genf fliegen könne, um an der Überführung gewisser Funktionen des Völkerbundes in die Vereinten Nationen mitzuarbeiten. Wenige Tage später überflog im zum ersten Male den Ozean. Nach Beendigung meines Auftrages fand ich in Genf, daß ich ein paar freie Tage zur Verfügung hatte. Das war meine Gelegenheit, nach Hause zu kommen. Acht Jahre war ich nicht mehr in Österreich gewesen. Nun war ich nahe der Heimat, aber bürokratische Mauern sperrten alle Grenzen. Ich war nicht besonders nach Österreich berufen, ich hatte keinen Paß. Dank der Hilfe eines einflußreichen englischen Freundes, der ebenfalls zur Liquidierung des Völkerbundes nach Genf gekommen war, erhielt ich in Bern die Erlaubnis, nach Österreich zu reisen. An einem Maimorgen passierte ich, nach einem endlosen Aufenthalt in Buchs, im Arlberg-Expreß die österreichische Grenze. Was ein Jahr vorher noch undenkbar, wenige Wochen vorher noch phantastisch geschienen hätte hätte, war zur Wirklichkeit geworden. Ich war wieder in Österreich. Am nächtlichen Salzburger Bahnhof wurde ich von meiner Tochter, meinem Bruder, der Mutter und Schwester meiner Frau und einigen Freunden begrüßt, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Sie alle hatten den Krieg überlebt. Es war nicht anders als früher, wenn ich von" einer längeren Reise zurückkehrte. Der Bahnhof wirkte phantastisch-unwirklich im kärglichen Licht. Die altvertraute Silhouette war von Bomben in beziehungslose Stücke zerrissen. Aber ich sah davon nicht viel - nur, wie grau, wie armselig das alles war. Zu erregend war es, Einzelheiten aus den schicksalsschweren Jahren zu erfahren, von denen die Post noch keine Nachricht nach Amerika gebracht hatte. Zu erregend war es, auf dem kurzen Weg vom Bahnhof zum Makartplatz die Spuren der Zerstörung im nächtlichen Dämmerlicht zu erfassen. Der amerikanische Leutnant war gerne bereit, auf meinen Vorschlag einzugehen. Ich bin heute froh, daß er in Ranshofen war, er ist später mein Schwiegersohn geworden. Er hat dadurch vieles vom Herkommen und von dem Hintergrund seiner künftigen Frau gesehen, was er sonst nie hätte verstehen können. Wir machten uns auf den Weg, der mir vertrauter und vertrauter wurde, je mehr wir uns dem Innviertel näherten. Magisch berührten mich die lange nicht mehr gehörten Namen der Städte und Märkte, die wir passierten. Mattihofen, Uttendorf. Hier war der Jugendfreund, der Dichter Gustav Streicher, geboren, ein Nachkomme jenes Streicher, der Schiller auf seiner Flucht nach Stuttgart begleitet hatte. Die Erinnerung an den Dichter des "Stefan Fadinger" stieg über den Abgrund von mehr als dreißig Jahren lebendig vor mir auf. Ich hatte ihn zuletzt im Jahre 1914 kurz nach Kriegsausbruch in Wien getroffen. Die entsetzliche Krankheit hatte ihn früh gealtert; sie hatte bereits seinen Kehlkopf zerstört, und er konnte nur mehr mit Mühe sprechen. Aber er rauchte unaufhörlich. Mit rührender Zuversicht hoffte er, zu seinem alten Kavallerieregiment einrücken und einen guten Tod auf dem Schlachtfeld finden zu können. Mauerkirchen. Langsam und behutsam, wie ich es wünschte, näherten wir uns Braunau. Alles schien friedlich, unberührt vom Lauf der Jahre und unverändert; Bis zu dem dramatischen Augenblick, da eine mir unbekannte Starkstrom-Leitung in die Richtung auf den Lachforst und Ranshofen die Straße überquerte - erste Mahnung dessen, was meiner harrte. Nichts erinnerte hier an den Krieg, an die amerikanische Besatzung, die in Salzburg allgegenwärtig schien, bis wir zu einer kindheits-vertrauten Kreuzung kamen, an der inmitten der Innviertler Landschaft in englischer Sprache eine Verkehrswarnung angebracht war. Ich las: DEATH IS SO PERMANENT DRIVE CAREFULLY In der inneren Hochspannung, in der ich mich seit unserer Abreise aus Salzburg befand, nahm dieses Der Tod ist so allgegenwärtig, das von einem Dichter und nicht von einem Verkehrsfeldwebel stammen mußte, eine beinahe mystische Bedeutung für mich an. Es war eine Mahnung an mich und nur an mich adressiert, nicht an die Soldaten der amerikanischen Besatzungsarmee. Die Worte, die ich ständig wiederholte, klangen in mir fort, als der Jeep einige wenige Minuten später von der Burghausener Straße zum Plateau abbog, wo ehemals unsere Felder lagen. Der Lachforst war zurückgedrängt worden, man hatte gerodet, um Platz für die Aluminiumfabrik zu machen. Wir waren nun auf dem Feldweg, der zum Schloß führte. Hier, wo der Feldweg zum Schloß abzweigt, hatten wir an jenem verhangenen Allerseelentag des Jahres 1914 den Wagen erwartet, der den Sarg mit meiner geliebten Mutter zur Beisetzung auf heimatlichem Boden aus Salzburg brachte. Doktor K. machte sich mit dem Sarg zu schaffen, und mein Vater stand, seltsam gefaßt, schwer auf seinen Stock gestützt, neben mir und meinem Bruder. Der große Krieg war in seiner dreizehnten Woche, und ich war seit drei Tagen Soldat. Endlos, monoton läuteten vom nahen Kirchlein die Allerseelenglocken. DerLeichenzug bewegte sich, mit dem Pfarrer an der Spitze, im aschgrauen, nebelumflorten November-Vormittag an unseren Feldern entlang, die meine Mutter so geliebt hatte. Als wir die Mutter an der Friedhofsmauer in die Erde senkten, da funkelten auf allen Gräbern Hunderte und aber Hunderte von Allerseelenlichtern. Der eigenen Toten eingedenk, nahm das ganze Dorf an unserer großen Trauer teil. Mehr als wir anderen Mitglieder der Familie hatte meine Mutter zu diesen Menschen gehört. Mehr als wir anderen hatte sie ihnen bedeutet. Beinahe im Schritt-Tempo bewegte sich der Jeep nun über den Feldweg. Aufblickend begrüßte ich die freundlichen, altvertrauten Umrisse des Ranshofener Kirchturms; zögernd musterte ich die Silhouette des Schlosses und des Wirtschaftsgebäudes, die in mir in tausenden und aber tausenden Erinnerungsbildern eingegraben sind. Unwillkürlich blickte ich dahin, so wie ich es als Knabe immer getan hatte, wenn wir im Landauer oder Jagdwagen, der uns auf der Station Braunau abgeholt hatte, zu den Schulferien nach Hause kamen; oder später, wenn ich als Student aus Wien, Zürich oder Berlin heimkehrte, um Weihnachten daheim zu feiern. Das waren noch Winter, und die Schlittenkufen knirschten auf dem vereisten Schnee. Später kam ich als Soldat vom Isonzo oder von der russischen Front, um meinen vereinsamten Vater aufzusuchen, der sich kaum mehr aus Ranshofen fortbewegte. In den dreißiger Jahren, während der Zeit, da ich im Völkerbundsekretariat in Genf arbeitete, bog ich hier in meinem Auto ein. Was in meiner Erinnerung große Entfernungen gewesen, war nun verkürzt, es war, als ob die Heimat näher an die große Welt gerückt worden wäre. Aber alles war immer am selben Platz geblieben; kein neues Haus, keine neue Straße hatte das altvertraute Bild gestört. Nun war alles verändert und in Bewegung geraten. Wo einst reine Linien sich abgezeichnet hatten, war ein Dickicht sich überschneidender Konturen entstanden. Nur der Kirchturm hob sich aus dem Gewirr hervor, unverändert, alterslos. Trotz des strahlenden Maientages stieg eine undefinierbare Masse von Grau vor mir auf, Giebel von Siedlungshäusern hatten sich vor die Gartenmauer geschoben. Alles schien verändert, provisorisch und fremd. Nur wenn das Auge über das Gewirr der neuen Eindrücke sich nach Norden wandte, fand man zum Vorher zurück. Da leuchtete im tiefen, schweren Grün das Buchenwäldchen. Indes war der Jeep etwas weitergefahren und war zu jener Kreuzung gekommen, wo sich früher der Feldweg zum Schloß und ein kleiner Weg trafen, der der Mauer entlang zum Buchenwald geführt hatte. Statt dessen waren wir - es schien mir wie ein Tunnel - in die neu entstandene Wohnsiedlung eingetaucht. Meine Tochter Luziane hielt meine Hand in der ihren, als ob sie mich vor der bösen, häßlichen Welt beschützen wollte. "Das ist hier das Wirtschaftsgebäude", sagte sie und zeigte auf eine grünlichgraue Mauer, die vor uns aufstieg. Das war die große Scheune gewesen. Wir fuhren nun an den niedrigen Stallgebäuden entlang und bogen in den Frontweg zum Schloß ein. Weiß und rot leuchteten die Blüten der Kastanienbäume vor dem Josephitor, und der Blick sah, wie eh und je, über das Tal und den Innfluß ins benachbarte Bayern hinüber. Durch das Schloßtor, dessen Verputz, wie von einer Krätze befallen, abbröckelte, fuhren wir in den Schloßhof ein, um den herum sich die Welt meiner Kindheit abgespielt hatte. Alles war staubig, farblos, verwahrlost, verfallen. Statt uralter Obstbäume starrten häßliche Baumstumpen in die Luft; die Hecken aus blühenden Büschen und Sträuchern waren verschwunden; der Kiesweg vor der Schloßfassade war ein vernachlässigter Staubstreifen; was vom Rasen noch übriggeblieben, war ungepflegt und zertrampelt. Durch den Schloßhof hatte sich seit Menschengedenken die Enknach, ein freundlicher, kleiner Bach, geschlängelt. Sein Bett war zugeschüttet. Holzschupfen standen an der Stelle der uralten Platanen, und die Schloßmauer mit ihren Sschießscharten, die man von der Schloßseite hinter Büschen und Sträuchern mehr geahnt als gesehen hatte, starrte mich wie eine narbige Elefantenhaut an. Das Schloß selbst, das während des Krieges allen möglichen Zwecken gedient hatte, war mit einer grünen Luftschutzfarbe übermalt worden - nun bröckelte der Mörtel überall ab und gab der zärtlich-strengen Barockfassade einen Zug des Makabren. Es war, als ob nicht zehn, als ob hundert Jahre verflossen wären, seitdem ich zum letzten Mal hier gewesen war. Hier verfiel nicht ein stolzer Bau in der Einöde, es lag nicht die unheimliche. zeitlose Stille einer alten Burg oder Ruine, deren Besitzer ausgestorben waren, über allem. Hier hatte nicht die Natur ein verlassenes Bauwerk, das von Kriegshorden geplündert und in Brand gesteckt worden war, mit Unkraut und Gestrüpp barmherzig überwachsen. Nein, hier herrschte eine beklemmende. lebendige, beinahe nervöse Unruhe, deren Rhythmus nicht im entferntesten an die trägen Sonntag-Nachmittage meiner Jugend erinnerte. Hier durch den Schloßhof pflegten früher die Häusler und Bauern und Landarbeiter um diese Stunde in ihren besten Kleidern zum nachmittäglichen Segen zu gehen, mit ihren schweren, gemächlichen bäuerlichen Schritten; die Männer und Frauen in getrennten Gruppen. Man hörte von Zeit zu Zeit die Orgel aus der Kirche und später aus der Schloßwirtschaft dröhnendes Hämmern, das verkündete, daß angezapft worden war. Statt dessen trieb sich im Hof eine aus Männern und Frauen jeglichen Alters zusammengesetzte Menge umher, deren Kleider und Gehaben nicht in die Landschaft paßten, und die mir nach ihrem Herkommen zunächst unerklärlich und undefinierbar waren. Im erfuhr nun, daß es Volksdeutsche seien. Spreugut des Krieges, Menschen, die nach dem deutschen Zusammenbruch Ungarn, Jugoslawien und Rumänien verlassen mußten und von den österreichischen Behörden hier einquartiert worden waren. Irrte ich mich? Klang nicht irgendwoher, aus der Richtung des Korridors im Prälatentrakt der Klang von fremdartiger Tanzmusik und das Stampfen schwerer Schritte? Die altvertrauten Kirchenglocken waren stumm. Diese Menschen nahmen von dem Jeep, dem wir entstiegen, kaum Notiz. Unerkannt stand ich so vor dem Haus der Kindheit, nicht wie einer, der einige Jahre abwesend gewesen war, sondern wie ein längst Verstorbener, ein Geist. den niemand zu bemerken schien. Das also war die Heimkehr. von der ich jahrelang geträumt hatte, in wachen Träumen und im wirren nächtlichen Schlaf. Die Heimat war mir verwehrt gewesen, seitdem Hitler über die benachbarte Innbrücke in Österreich eingezogen war. Ich hatte es in der Zwischenzeit drüben, jenseits des großen Ozeans, nicht leicht gehabt. Aber es hatte mich nicht zerbrochen. Jetzt war ich heimgekommen. Ich war hierher gekommen, nicht um unterzukriechen in den warmen Schatten des heimatlichen Herdes. Ich suchte kein Dach. Auch nicht aus Neugier kam ich heim - wie hätte ich auch wünschen können, Zeuge der Auflösung all dessen zu sein, was meine Welt gewesen war. Noch gar war ich heimgekehrt, um nach verlorenem Besitz zu sehen und auszufinden, was davon noch etwa zu retten sei. Aus Heimweh war ich nach Hause gekommen. Da stand ich und starrte auf das Unglaubliche um mich herum. Dinge, die alterslos und ewig-unveränderlich geschienen hatten, waren verlottert und verkommen. War es meine Schuld, daß alles so geworden war? Glich ich den Bauernsöhnen, die landflüchtig geworden waren? All dies war geschehen, indes ich mich in der großen Welt herumtrieb. Hatte ich das Meine getan, um diesen Verfall aufzuhalten? War ich schuldig? Meine Schuld - so antwortete es in mir - war unzertrennlich in das Schicksal meiner Zeit verwoben. Wäre ich, statt früh Haus und Hof zu verlassen und in die Welt zu gehen, hier geblieben - wäre hier alles anders gekommen? Hätte ich mich mit tausend Fasern meines Seins an dieses Land, an dieses Haus, an diese Felder, Wälder, Teich und Wiesen geklammert - wäre alles hier anders verlaufen? Die Antwort war nein. Ich hätte nichts ändern und verhindern können. Zu nahe lag dieser Besitz vom Geburtshaus Hitlers, als daß das Dritte Reich darauf verzichtet hätte, mich zu vertreiben. Um den Preis von Selbsterniedrigung wäre ich vielleicht mit dem nacktem Leben davongekommen. Wären mir selbst die Gefängnisse und Konzentrationslager des Dritten Reiches erspart geblieben, hätte ich überlebt, so stünde ich hier, vor dem Portal des Schlosses, genau so stumm und einsam, ein unbekannter Fremdling. Ich faßte meine Tochter unter dem Arm und schritt entschlossen dem Haustor meiner Kindheit zu. Falls mein Herz klopfte, so hat es niemand gemerkt. Die kleine Gruppe, Leutnant Meyer und meine Tochter Luziane, geleitete ich über die alten, ausgetreten Treppen hinauf. Die Tür zum ersten Stock, wo ich zur Welt gekommen war, wo meine Eltern den größten Teil ihres Lebens verbracht hatten, war versperrt. Aber die holzgeschnitzte Tür zum zweiten Stock stand halb offen, und wir traten auf den Korridor. Dieser Stock hatte mir gehört, war unzertrennbar mit meiner Existenz verbunden. Hier hatte ich mir seit meinen Knabenjahren meine eigene Welt aufgebaut. Hier hatte ich mein geliebtes schwarzes Zimmer gehabt, hier hatte ich mein Bett gefunden, wenn ich von den Schlachtfeldern des ersten Weltkrieges nach Hause kam; in diesem Stockwerk war das Zimmer, in dem ich nächtlicherweile meine Tochter selbst entbunden hatte, da Arzt, Hebamme und Säuglingsschwester säumten und durch eine Verkettung von Umständen erst nach der Geburt ankamen. Ich klopfte an Türen, die zu meinen Zimmern geführt hatten. Überall wohnten fremde Menschen. Sie sahen erstaunt den unbekannten Besucher an, einige öffneten widerwillig und ließen mich, der ich um die Erlaubnis einzutreten bat, nur zögernd ein. In der Küche, am vorderen Ende des Korridors, wohnte ein altes Ehepaar. Der Mann lag auf einem Sofa und schlief seinen Sonntagnachmittagsschlaf. Den Schlaf des Greises wollte ich nicht stören. Aber die Frau begann, den Alten wachzurütteln. Sie stammte aus dem Dorf und hatte mich als erster Mensch nach einigen Augenblicken ungläubigen Zögerns wiedererkannt. "Der Herr Egon ist da", rief sie, "der Herr Egon", wiederholte sie drei- oder viermal, als wollte sie sich selbst überzeugen. Alles spiegelte sich in den Zügen des alten Mannes, da er zögernd und widerstrebend in die Wirklichkeit zurückfand; Erstaunen, Ungläubigkeit, Freude, ja, später, als er ganz wach war, so etwas wie Betretenheit, Schamgefühl, Schuldbewußtsein darüber, daß er sein Quartier in meinem Hause aufgeschlagen hatte. Nebenan, im weißen Zimmer, das einst das Kinderzimmer meiner Tochter gewesen, wohnte eine Flüchtlingsfamilie aus Jugoslawien oder Rumänien, mit einer Tochter, die Kunstgewerblerin war. Ein von ihr gemaltes Selbstbildnis hing, rahmenlos, als einziger Schmuck an einer Wand. Ein paar roh gezimmerte Einrichtungsgegenstände aus weichem Birkenholz, ein paar auf dem Boden liegende Matratzen, die als Betten dienten, bildeten die ganze Einrichtung des Raumes. Handwerksleute waren es, so schien es mir, oder kleine christliche Kaufleute. Auch sie waren wie ich auf der Wanderschaft. Während im über das große Wasser wandern mußte, waren sie von der Grausamkeit der Zeit hierher verschlagen worden. Aber ihre Wanderschaft schien ohne Hoffnung und ohne Ziel. Es war, als sei der Lebenswille dieser Menschen gebrochen; als hätte vieles Warten und endlose Ungewißheit all ihr Interesse an dem, was um sie herum vor sich ging, zerstört. Auf dem Weg aus der verlorenen Heimat, die sie auf Nimmerwiedersehen verlassen mußten, ins drohende Nichts einer neuen Abschiehung, hausten sie in diesem Raum, in dem so vielfältiges, geordnetes Leben in Jahrhunderten gelebt worden war, wie in einem Zeltlager. Nicht als Eindringlinge empfand ich sie in meinem Haus, sondern als Schicksalsgenossen im Wahnwitz der Zeit. Nebenan war mein schwarzes Zimmer gewesen. Hier stand der riesige grüne Kachelofen mit dem Klosterwappen, der von außen, vom Gang her, geheizt werden mußte und der an Winterabenden eine gleichmäßige, freundliche Wärme im Raum verbreitete. Die schwarz-goldenen Tapeten waren verschwunden und in der Ecke, die vom Kamelofen ausgefüllt worden war, gähnte eine weißgetünchte, kahle Ecke. Die altvertrauten Maße des Raumes waren erschreckend verändert. Ich mußte eine Anstrengung machen, um das Zimmer wiederzuerkennen, in dem ich als Knabe die große Entdeckungsfahrt in die Weltliteratur und über Bücher ins Leben angetreten hatte. Schlaflos war ich hier, erregt und überhell, über Büchern gesessen. Hatte ich mir die Augen wundgelesen, so trat ich ans Fenster und schaute über die Kronen der großen Lindenbäume in die Dämmerung des werdenden Tages oder auf die aufsteigenden Inn-Nehel, während das Haus in tiefer Stille lag. Nur von Zeit zu Zeit rieselte es geheimnisvoll hinter den Tapeten. Bis die Hähne zu krähen begannen, die Vögel schrille Rufe zusandten, das schwere Schloßtor, vom Nachtwächter geöffnet, in den Angeln knirschte und die ersten Arbeiter aus dem Dorf mit schweren Schritten über den Kies durch den Schloßhof zum Wirtschaftsgebäude stampften. Damals war die Welt noch jung, alles schien sicher und dauerhaft: aber ich war nicht jung gewesen. Ich hatte voll Angst dem kommenden Leben entgegengeschaut, als hätte ich eine Ahnung von dem gehabt, was das Leben denen bringen würde, die um die Jahrhundertwende herum geboren waren. Das Leben hat mir mehr genommen, als ich damals jemals fürchten oder mir ausdenken konnte. Es hat mir aber auch mehr gegeben, als ich jemals zu hoffen gewagt hätte. Das Zimmer, das ich nun betrat, blitzte von ärmlich Sauberkeit; es war sonntäglich geschrubbt und aufgeräumt. Zwei große Betten mit hochgebauten Kissen beherrschten den Raum. Das war nicht mehr mein Zimmer. Um zurückzufinden, mußte ich ans Fenster treten und über die Buchen zum Inn hinüberblicken. Es hielt mich nicht mehr länger im Reiche meiner Kindheit, und ich schob meine Weggefährten zur Tür und Stiege zurück. Es war wie eine Flucht vor Erinnerungen, die mich bestürmten und zu überwältigen drohten. Im Schloßhof sprach ich einen der jungen Leute an, die sich da ziellos herumtrieben, und erkundigte mich nach der Kanzlei des von der oberösterreichischen Regierung bestellten Lagerführers. Umständlich stiegen wir über die große Marmortreppe des Prälaten-Traktes zum Erkerzimmer, das meines Großvaters Arbeitszimmer gewesen war. Wie ein Fremder wurde ich im eigenen Haus geführt, und ich versagte mir nur mühsam, meinen Führer zu fragen, warum er denn nicht den kürzeren Weg zum Erkerzimmer über die Hintertreppe genommen habe. In meiner Jugend stand es noch so da, wie es mein Großvater bewohnt hatte, mit seinen grünen Jalousien und seinen schweren Möbeln. Die Wände waren kahl. Aber an einer Wand hingen rahmenlos zwei Gemälde. Ein altvertrautes Ölbild meines Großvaters und das einzige Porträt meines Vaters, das Hugo von Preen, der Jugendfreund meines Vaters, in Pastell gemalt hatte. Ich war unangemeldet nach Ranshofen gekommen. Diese Bilder waren nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches aus einem Haufen von Abfall herausgeholt und als eine feierliche Geste an die Wand gehängt worden. Im Dorf hatte sich inzwischen das Gerücht verbreitet, daß ich heimgekehrt sei. Menschen kamen und faßten mich an, drückten mir die Hände und umarmten mich. Der hatte jahrzehntelang für unsere Familie gearbeitet, der war mit mir jung gewesen und wir duzten uns; dies verhutzelte Weibchen war schon alt, als ich noch beinahe ein Kind war. Alle nannten mich beim Vornamen und sagten mir, wie anders es geworden, seitdem "wir" nicht mehr hier seien. Einer der ihrigen war aus dem Krieg zurückgekehrt, wieder einer, so wie andere aus dem Dorf, aus Frankreich, aus Polen, aus der Kriegsgefangenschaft aus Jugoslawien und Rußland zurückgekommen waren, sofern sie nicht in Frankreich, in Afrika, in Rußland oder Polen verscharrt geblieben waren. Daß ich aus Amerika, aus dem Exil kam, das trennte und unterschied mein Schicksal in ihren Augen kaum von dem der anderen Dorfkinder. Wir wechselten nur wenige Worte, sie und ich. Aber ich spürte eine Wärme, ein Willkommen, das mir beinahe die Tränen in die Augen trieb. Im fühlte, daß sie in meiner Abwesenheit an mich gedacht und sich an langen Winterabenden gefragt hatten, was wohl aus mir und den Meinen geworden sei. In jenen Augenblicken fühlte ich, fühlte mit einer beinahe schmerzlichen Intensität, daß diese Menschen und ich zusammengehörten. Sie verstanden, was in mir vorging, und ich verstand, was sie fühlten und dachten, da sie meine Hand hielten. Ich wußte nun, daß ich nicht geträumt hatte, als ich im amerikanischen Exil inmitten des Krieges geschrieben hatte, daß dieses Dorf und diese Menschen für mich das Maß aller Dinge seien und bleiben werden. Nun, inmitten der Mensche meines Dorfes, wurde mir das Unwahrscheinliche. das Ungeheure klar, daß ich niemals fort gewesen war. Es war nicht so gekommen, wie ich im Exil geglaubt hatte, daß alles, jeder Baum, jeder Stein, noch an seinem Platz sein würde, wenn dereinst alles vorüber sein sollte, aber daß ich einsam und vergessen, ein Fremdling in der altvertrauten Staffage meiner Kindheit sein würde, falls ich je wieder in die Heimat zurückkehren sollte. Alles war anders und hatte sich verändert. Aber die Menschen waren dieselben, ich war unabdingbar an sie geknüpft, ich war nicht allein. Inzwischen war es später Nachmittag geworden. Wir fuhren schweigend nach Salzburg zurück. Was eines der quälendsten, schmerzlichensten Erlebnisse meines Daseins hätte werden können, war zu einem glücklichen, heiteren geworden. Es waren die Menschen meines Dorfes, die meine Rückkehr wundervoll, beinahe beschwingt gemacht hatten. Das war es, was mich beinahe unempfindlich gegen die gigantische Zerstörung, die Vernachlässigung und den Einbruch einer fremden Welt gemacht hatte. Ich habe trotz allem meine Heimat wiedergefunden. Das Bild Ranshofens, das ich in mir trage, ist mir nicht zerstört worden, so unsagbar häßlich das alles war, was sich dem Auge darbot. Die Erinnerung an das gelebte Leben der Jugend erwies sich als unverlierbar. Jetzt, da ich - nach Amerika zurückgekehrt (1946) - aus der Distanz einiger weniger Wochen diese Zeilen schreibe, ist es mir klar, daß die neue Wirklichkeit keine Gewalt über die Erinnerung besitzt. Wie ein Bilderrestaurator hinter neuen Übermalungen das alte Kunstwerk hervorholt, so - nur viel müheloser - tritt das Bild Ranshofen, wie es dereinst war, vor mein inneres Auge. Denke ich unvermittelt an Ranshofen, so sehe ich die alte, versunkene Wirklichkeit, die warme, vertraute Welt der Kindheit. Noch halten mich die Aufgaben, dir mir das Leben gestellt hat, fern von der Heimat. Aber dereinst will im heimkehren; irgendwo daheim will ich meine alten Tage verbringen, nicht im Schloß, sondern auf einem Hügel an einem Waldrand in einem kleinen Haus, das ich mir selbst erbauen möchte, mit meinen Büchern und meinen Erinnerungen, ohne Bitterkeit und ohne Bedauern. Daheim, nicht in der Fremde, möchte ich eines guten Todes sterben oder, wenn es sein muß, eines bösen. Aber sterben möchte ich daheim, nicht in der Fremde.
Abgeschrieben von Dr. Andreas Maislinger am 3. Juli 2004.
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