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Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Peacemakers Manual" Neue Warte am Inn 2. Januar 1958 Dr. Egon Ranshofen-Wertheimer plötzlich gestorbenAm Freitag, 27. Dezember abend, erlitt auf dem internationalen Flugplatz von Newyork, eben als er in das Flugzeug steigen wollte, um in seine Heimat Oesterreich zurückzufliegen, Dr. Egon Ranshofen-Wertheimer einen Herzanfall. Trotz der Bemühungen des auf dem Flugplatz diensthabenden Arztes erlag er kurze Zeit später dem Herzinfarkt.Dr. Egon Ranshofen-Wertheimer war schon einige Jahre herzleidend, doch kam sein Tod überraschend. Nach seinen eigenen Worten haben seine Missionen in exotische Länder die er als Sektionschef der Vereinten Nationen in den Nachkriegsjahren hatte führen müssen – in Korea, Eritrea und in Italienisch-Somaliland – wobei er in Korea im Niemandsland 1949 in schwere Lebensgefahr geraten war, seine Gesundheit mehr angegriffen, als er wusste. Der tragische Tod seiner zweiten Frau, einer Professorentochter aus Salzburg, die in einem Anfall von Schwermut am 3. Juni 1954 von der George-Washingtonbrücke in Newyork 100 Meter tief in den Hudson gesprungen war, hat ihn, wie er uns damals schrieb, „in der Wurzel seiner Existenz“ getroffen. Frühjahr 1955 aus den Diensten der Vereinten Nationen wegen Erreichung der Altersgrenze für UN-Beamte geschieden war, kehrte in seine geliebte Heimat Oesterreich zurück und wohnte seitdem in Wien. Als nach dem Staatsvertrag Oesterreich in die Vereinten Nationen aufgenommen wurde, stand er als Konsulent dem Bundeskanzleramt, Außenamt, als wertvoller Berater zur Verfügung und war auch immer Mitglied der österreichischen Delegation bei den UN-Tagungen, so auch bei der Mitte Dezember zu Ende gegangenen Herbsttagung. Dr. Ranshofen-Wertheimer dürfte, weil seine Tochter in den USA verehelicht ist, über die Feiertage bei ihr zu Besuch geweilt haben. Er ist nun in der gleichen Stadt wie seine Gattin gestorben. Ob er auch an ihrer Seite auf dem Newyorker Friedhof bestattet, oder in die Heimat überführt wird, ist uns zur Stunde unbekannt. Es war ihm nach seiner Pensionierung nicht lange gegönnt, in seiner über alles geliebten Heimat zu leben. Obwohl kränkelnd, hat er in seinem rastlosen Tätigkeitsdrang bis zuletzt seinem Vaterland gedient. Seine weltweiten Erfahrungen als Auslandskorrespondent in London, als Völkerbundsekretär, als Professor in den USA und Sektionschef der UN, waren für Oesterreich wertvoll. Freilich hatte Dr. Eindruck, dass seine Erfahrungen in allen UN-Fragen in Wien nicht so geschätzt wurden, wie man hätte annehmen können. „…ich kann nicht sagen, dass dabei (als Konsulent für UN-Fragen) meine im Laufe eines bewegten Berufslebens gesammelten Erkenntnisse und Erfahrungen wirklich ausgenutzt werden“ schrieb er uns darüber, tröstend dazusetzend: „…im übrigen bin ich ein zu guter Österreicher, um Illusionen (darin) zu haben“. Nach der Aufnahme Oesterreichs in die UN ist, wie er im April 1956 schrieb, „meine Arbeit wichtiger und verantwortlicher geworden und ich habe jetzt das Gefühl, nützliche Arbeit für mein Vaterland zu leisten…“. Aber es war doch nicht so, wie er sich das in seinem Tätigkeitsdran und seinem Patriotismus vorgestellt hatte. Einmal hinderte ihn sein schlechter Gesundheitszustand, seine „vielen Beziehungen, einzigartigen Erfahrungen und Kenntnisse im öffentlichten Leben zu verwerten“ und dann sind, wie er dazu bemerkte, „in Oesterreich weder die materiellen noch die psychologischen Voraussetzungen gegeben“, daß, wie in England Menschen „nachdem sie sich von ihrem aktiven Berufsleben zurückgezogen haben, als „older statesmen“ (älterer Staatsmann) wirken und eingreifen“, und so arbeit ich, um mit Goethe zu sprechen, in einer Ecke mit einer leise mich beschleichenden Resignation…“. trotz dieser Resignation war er bis zuletzt für sein Vaterland tätig, für das er sich einst als junger Fliegeroffizier, der als erster Oesterreicher mit einem Fallschirm absprang, und mit hohen Auszeichnungen dekoriert, eingesetzt hatte. Es ist vielleicht gut, dies hier zu sagen, denn es gibt ein Sprichwort, dass der Pfennig dort, wo er geschlagen ist, nicht gilt. Seine konservative Umgebung hat es dem jungen Gutsbesitzersohn nachgetragen, dass er nach dem Krieg sich als Sozialist betätigt hat: das war ihr als eine Verirrung für einen Gutsbesitzersohn erschienen. So sehr Dr. Egon Ranshofen-Wertheimer – dass er sich den Zunamen Ranshofen beigelegt hat, zeigt dies ja – seine Heimat überaus geliebt hat, er war auch in seinen alten Tagen, in denen er immer mehr mit seinen Gedanken und Herzen in der Jugendheimat weilte, noch nicht überzeugt, dass die Zeit für Schloßgüter wie Ranshofen (?) ein Gutsbesitzerleben vorbei waren. Er erzählte uns, daß der Onkel Philipp ein riesiges Vermögen in das Schloßgut gesteckt hat, ohne eines Groschen davon wiederzusehen. Dr. Egon hatte seinen Erbanteil aufgegeben. Aber er hat in die Neue Welt alte, schöne Möbel von daheim mitgeführt, nach Newyork und von dort wieder heim. Und von seiner Heimatliebe zeugte jene ergreifende und schöne Geschichte von der Heimkehr 1946, die wir vor einem Jahr in unserer Zeitung abgedruckt haben. Mit großer Anteilnahme, aber mit ebenso solcher Zurückhaltung weil er sich kein Anrecht darauf anmaßen wollte verfolgte er die – leider bisher vergeblichen – Bemühungen der Stadtgemeinde Braunau, die Schloßgebäude einer würdigen Verwendung zuzuführen und sie vor dem restlichen Verfall zu retten und wiederherzustellen. Die Familie Wertheimer hatte ja nach Erwerb des Schloßgutes, das bei der Säkularisierung des Stiftes und von Vorbesitzern ausgeplündert worden war, das Schloß wieder her- und wieder eingerichtet. Für diese kulturelle Großtat dürfen wir ihr noch heute dankbar sein, ist doch seitdem die öffentliche Hand als Erbe nicht einmal in der Lage gewesen, den Verfall aufzuhalten. Dr. Egon Ranshofen-Wertheimer wurde am 4. September 1894 als Sohn des Gutsbesitzers Julius und Frau Karoline, geborene Bartosch, Schwester des Regierungsrates Bartosch in Ried und Tante des Stadttierarztes Dr. Bartosch in Braunau, geboren. Ueber die Töchter seines Onkels Philipp war er mit den Familien Jellinek und Weisweiler verwandt, die eine Hälfte des Schloßgutes bis 1938 besessen haben und ihren Rückstellungsanspruch in Geld haben ablösen lassen. Ein Bruder, Dr. Ing. Otto Wertheimer lebt in Salzburg. Nach Abschluß seiner Universitätsstudien in Wien, München und Heidelberg, 1921, „suma cum laudis“, war er zunächst drei Jahre als Redakteur in Hamburg tätig und dann bis 1930 als Auslandskorrespondent für die deutsche sozialdemokratische Presse in London. 1930 trat er in die Dienste des Völkerbundsekretariates, womit seine diplomatische Karriere begann. Nach Auflösung des Völkerbundes war er von 1940 an in den Vereinigten Staaten als Universitätsprofessor an der American University in Washington und Konsulent des US-Außenamtes tätig. Mit der Errichtung der Vereinten Nationen trat er in deren Dienste und bereiste als Missionschef der UN 1949 bis 1954 Korea, Eritrea und Somaliland. In alle diese fernen Länder folgte ihm als Bote der Heimat die „Neue Warte am Inn“ nach. Dr. Egon Ranshofen-Wertheimer hat sich als Publizist einen Namen gemacht. Als Niederschlag seiner Tätigkeit als Auslandskorrespondent in London erschien das in viele Sprachen übersetzte Buch „Porträt der Britischen Arbeiter-Partei“. Dr. Wertheimer ließ sich von der Kriegs- und Haßpsychose der Kriegszeit nicht verwirren und ein 1942 von ihm erschienenes Buch versuchte versöhnend und klärend für den kommenden Frieden zu wirken. Sein Standardwerk war die Geschichte der Völkerbundverwaltung, das zugleich vorbereitend für die Gründung der Vereinten Universitäten zur Pflichtlektüre. (Dieses wissenschaftliche Wirken hatte in unsererm Blatte vor drei Jahren der Schriftsteller Karl Schoßleitner aus Salzburg zum 60. Geburtstag Dr. Egon Ranshofen-Wertheimers gewürdigt.) So war es verständlich, dass Dr. Egon Ranshofen-Wertheimer bei der Gründung der Vereinten Nationen in deren Generalsekretariat als einer der wenigen berufen wurde, die nicht einem Mitgliedsstaat als Staatsbürger angehörten. Er war der einzige Oesterreicher im Hauptquartier der UN. Dr. Wertheimer hatte nie seine österreichische Staatsbürgerschaft aufgegeben. Dr. Ranshofen-Wertheimer hat es verdient, in den Annalen seiner Heimat, die er mit allen Phasen seines Daseins geliebt hat, verzeichnet zu sein. Das letzte Mal hatter er heuer im Sommer in Braunau geweilt und hatte dabei eingehend den Schulneubau in Ranshofen besichtigt, und auch Bekannte und Freunde besucht. Ein zweiter für den Sommer noch angesagter Besuch musste unterbleiben, weil er inzwischen wieder erkrankt war. Abschrift von Dr. Andreas Maislinger
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