16. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Peacemakers Manual"
Egon Ranshofen Wertheimer, 1894 Braunau - 1957 New York
Braunau am Inn, Kultur im Gugg, 28.- 30. September 2007


Jahrbuch 1995. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes
Wien 1995, S. 62-75

EGON RANSHOFEN-WERTHEIMER UND LEOPOLD KOHR
Mit der Washington Post gegen die Nazis

von Gerald Lehner

27. Dezember 1957, Flughafen New York: Ein Mann liegt im Sterben. Helfer finden den Reisepaß in der Manteltasche: Dr. Egon Ranshofen-Wertheimer, 63 Jahre alt, ein Österreicher, jahrelang Vertreter dieses Landes bei den Vereinten Nationen.

Das Herz des Diplomaten, Wissenschaftlers und Journalisten hat versagt, als er die Gangway zu einem Flugzeug hinaufsteigt, das ihn nach Europa bringen soll. Der Infarkt peinigt den Mann in schlimmster Weise, ehe ihn Bewußtlosigkeit und Tod erlösen.

Daß er während des Kampfes gegen Nazideutschland ein Geburtshelfer des modernen Österreich und der UNO war, blieb in der alten Heimat bis heute weitgehend unbemerkt und unbedankt.

Blenden wir zurück in den Zweiten Weltkrieg. Der gebürtige Oberösterreicher Wertheimer arbeitet als Berater des State Departement in Washington und gilt in Regierungskreisen der USA als einer der wenigen echten Spezialisten für europäische Politik und Wirtschaftsentwicklung. Er ist als wissenschaftlicher Leiter in der Carnegie Endowment For International Peace beschäftigt, wird jedoch vom State Department bezahlt. Diese Carnegie-Friedensstiftung in Washington befaßt sich im Auftrag höchster Regierungsstellen mit theoretischen und praktischen Konzepten für den Wiederaufbau Europas ? zu einer Zeit, in der ein Sieg über Hitler noch keineswegs sicher ist. Das Gebäude dieser Stiftung befindet sich gleich gegenüber dem Weißen Haus.

Wertheimer verfügt über gute Kontakte zu den Chefredakteuren und Herausgebern der wichtigsten Zeitungen in den USA und Kanada. Das ist für die in sich zerstrittene Exilbewegung Österreichs von großem Vorteil, die er in ihrem publizistischen Kampf gegen Hitlerdeutschland stark unterstützt.

Am 4. September 1994 hätte Egon Ranshofen-Wertheimer seinen 100. Geburtstag gefeiert. Das offizielle Österreich hat ihn ? knapp vier Jahrzehnte nach seinem Tod ? längst vergessen, obwohl dieser Mann in der Weltpolitik der vierziger und fünfziger Jahre eine Rolle spielte. Er war später ? nach Ende des Zweiten Weltkrieges ? ein hoher Beamter der UNO. Zuvor hatte er auch an den Vorbereitungen zur Gründung der Vereinten Nationen mitgewirkt.

Verlorener Sohn Österreichs

Bestätigt sich auch in diesem Einzelschicksal jenes Szenario, das der 1993 verstorbene Poet, Theatermann und Filmregisseur Axel Corti in seinem Streifen Welcome in Vienna so eindringlich skizziert hat? Es geht in Cortis Film um österreichische Flüchtlinge, die nach 1945 versuchen, in der alten Heimat wieder Fuß zu fassen. Auch Wertheimer versuchte das. Glaubt man Cortis Darstellungen, so etablierten sich nach der Nazizeit in vielen Fällen die Schweiger, Mitläufer, Jasager, ehemaligen Nationalsozialisten und/oder jene Zeitgenossen, deren Qualifikation hauptsächlich auf Mitgliedschaft in politischen Parteien und Interessensverbänden beruhte.

Kein Schulbuch und, soweit ich nach längeren Recherchen weiß, keine staatliche Chronik Österreichs berichtet über Wertheimer. Weder Bundeskanzleramt noch Außenministerium in Wien können mit näheren Informationen dienen. Ich stieß bei Recherchen für ein Buch auf Wertheimers Spur, und zwar eher zufällig: Wertheimer war ein Freund, Förderer und Weggefährte des gebürtigen Salzburgers Leopold Kohr, jenes Philosophen, Pazifisten und Anarchisten, der frühzeitig gegen den aufkeimenden Faschismus arbeitete und später als Urgroßvater der Ökologiebewegung und Lehrer des britischen Nationalökonomen Fritz Schumacher (Small is beautiful) berühmt wurde, besonders im anglo-amerikanischen Kulturraum. Die Lebensgeschichte von Kohr , eines überzeugten Gegners der Europäischen Union, das war ursprünglich mein Hauptthema: Als junger Reporter im Spanischen Bürgerkrieg lernt Kohr bereits im Jahre 1937 seine weltberühmten Berufskollegen George Orwell, Ernest Hemingway und André Malraux näher kennen. Von diesen frühen Erfahrungen ausgehend wird er dann zu einem der schärfsten Kritiker der industriellen Massengesellschaft, die seiner Ansicht nach die Entstehung des Faschismus geradezu begünstige. Kohr steht damit in ähnlicher geistesgeschichtlicher Tradition wie George Orwell, Lewis Mumford oder Elias Canetti.

Publizistisches Trommelfeuer

Was hat nun Kohrs Leben mit dem von Wertheimer zu tun? Sehr viel. Gemeinsam entfachen sie ab etwa 1940 im amerikanischen Exil ein publizistisches Trommelfeuer gegen Nazideutschland und engagieren sich stark für die Eigenständigkeit Österreichs. Hunderte Artikel und Leserbriefe erscheinen bis in die fünfziger Jahre in den USA und Kanada.

Kohr veröffentlicht zum Beispiel am 6. Jänner 1942 einen groß aufgemachten Artikel in der Washington Post. Er kritisiert darin die Regierung der USA, deren Bürokraten geflüchtete Österreicher in vielen Fällen wie Feinde aus Deutschland behandelt hätten. Unterstützt wird Kohr von Eugene Meyer, dem Herausgeber und Chefredakteur, der zusätzlich einen geharnischten Kommentar zugunsten österreichischer Flüchtlinge ins Blatt rückt. Österreich wird schon damals von US-Bürgern oft mit Australia verwechselt, und es ist auch Wertheimer und Kohr zu verdanken, daß allmählich in der Presse mehr über das Schicksal dieses kleinen Landes bekannt wird.

Wenige Wochen vor seinem Tod im Februar 1994 übergibt mir Leopold Kohr einen Teil dieser von ihm akribisch gesammelten Dokumente. Einen anderen Teil grabe ich später in amerikanischen Bibliotheken aus, nachdem mir Kohr genau beschrieben hatte, wann, wo und unter welchen Decknamen diese Dinge publiziert wurden. Viele Stories und Leitartikel hat er selbst verfaßt, zahlreiche andere in Absprache mit Wertheimer. Einiges schrieben sie gemeinsam.

Österreich: Ewige Provinz der Deutschen?

Aus publizistischen Dokumenten, die Kohr hinterlassen hat, geht hervor: Zumindest in den ersten Phasen des Zweiten Weltkrieges plant die Regierung der USA, Österreich müsse künftig eine Provinz Deutschlands bleiben; auch wenn Hitler eines Tages besiegt sei. In Nordamerika herrscht die Meinung vor, die Österreicher seien mehrheitlich fanatische Nazis. Diesem Geschichtsbild, das wesentlich vom Jubelszenario auf dem Wiener Heldenplatz aus den Märztagen des Jahres 1938 beeinflußt ist, treten Egon Ranshofen-Wertheimer, Leopold Kohr, Otto Habsburg und andere mit Empörung und Engagement entgegen. Sie versuchen in den USA, ein für Österreich günstigeres Bild zu erzeugen.

Wer damals in den USA tatsächlich die Korrektur der öffentlichen Meinung bewirkt hat, was genau den Umschwung zugunsten einer Befreiung aus deutscher Herrschaft einleitete, das mag Gegenstand künftiger Forschung sein. Ich vermute, Wertheimer und Kohr haben mit ihren Publikationen in Weltzeitungen dazu entscheidend beigetragen. Eine Auswertung dieses Materials aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht bereite ich derzeit vor.

Stille Nacht als politisches Lied

Immer wieder benutzt Kohr die Entstehungsgeschichte des weltbekannten Weihnachtsliedes, das 1818 in seiner Salzburger Heimatgemeinde Oberndorf uraufgeführt worden ist, um die USA zum Kampf gegen Hitlers Okkupation von Österreich stärker zu motivieren. Wertheimer findet diese Idee ausgezeichnet. Kohr veranstaltet mit Silent Night eine Art psychologischer Kriegsführung, bei der er mitunter auch auf die Tränendrüsen drückt, um das puritanisch-christlich geprägte Nordamerika mit den eigenständigen kulturellen Traditionen Österreichs vertraut zu machen. Es ist genau vor fünfzig Jahren, zu Weihnachten 1944, als Kohr beispielsweise im Magazin des Jugendrotkreuzes der USA eine dieser AdventStories veröffentlicht, in einer Auflage von mehreren Millionen Stück.

Südtirol zurück an Österreich!

Daneben fordern Wertheimer und Kohr in Zeitungsartikeln und Leserbriefen das Weiße Haus immer wieder auf, nach Kriegsende eine Rückgabe Südtirols an Österreich durchzusetzen. Sie analysieren die politischen Fehler, die ihrer Ansicht nach von US-Präsident Wilson gemacht worden seien, als er nach dem Ersten Weltkrieg diesen Beutezug Italiens abgesegnet habe. Wertheimer und Kohr verteidigen die Haltung jener Südtiroler, die auf der Flucht vor Mussolinis Faschisten an den Nordrand der Alpen ausgewandert seien. Die meisten seien keine Nazis und hätten keine Wahl gehabt. Man müsse verstehen, daß sie jenes Land vorzogen, wo sie wenigstens die Sprache verstanden, also das damals nationalsozialistische Deutschland mit dem besetzten Österreich. Wenn Hitler nun bald besiegt sei, könnten die USA großmütig ihre Fehler der Vergangenheit wieder gutmachen und Südtirol an ein freies Österreich zurückgeben, schlagen Wertheimer und Kohr kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges zum Beispiel auch in der New York Times vor.

Kontakte zur Familie Freud

Über einen Freund namens Simon Schmiderer, einen gebürtigen Salzburger aus der Gemeinde Saalfelden, kommen Wertheimer und Kohr in New York mit der Familie von Sigmund Freud näher in Kontakt, besonders mit Anna Freud, der Tochter des berühmten Professors.

Simon Schmiderer ist heute 84 Jahre alt und lebt in Florida, wo er mir für Interviews zur Verfügung stand: 1938 flüchtet der junge Sozialist vor den Nationalsozialisten und heiratet eine Enkelin des New Yorker Juwelenkönigs Tiffany, die er beim Studium in Wien kennengelernt hat. Diese Mabbie Burlingham und ihre Mutter Dorothy waren in den dreißiger Jahren Privatpatientinnen von Sigmund Freud in der Wiener Berggasse. Schmiderer wird nun in den USA als Architekt sehr bekannt. Er arbeitet später in einer Planungsgruppe an den Gebäuden der UNO, am New Yorker Verlagshaus von Time Life sowie im Rockefeller-Imperium mit.

Simon Schmiderer, Egon Ranshofen-Wertheimer und Leopold Kohr verstehen sich mit Harry Freud besonders gut, dem Neffen des Professors. Harry ist Rechtsanwalt. Gemeinsam mit Kohr und einem Verwandten von Otto Habsburg versucht er, in die Armee der USA aufgenommen zu werden, um in Europa gegen Hitler zu kämpfen. Harry Freud wird aufgenommen. Kohr ist wegen seiner zunehmenden Taubheit untauglich. Später kommt Freud als einer der ersten amerikanischen Besatzungsoffiziere in Salzburg an und hilft der Familie von Simon Schmiderer in Saalfelden mit Geld die schlimmste Not der Nachkriegszeit zu überwinden. Oft tritt Harry Freud mit Egon Wertheimer und Leopold Kohr in Kontakt, um Neuigkeiten aus der alten Heimat zu berichten.

Wertheimers Karriere

Wir blenden in das Jahr 1957, als Wertheimer auf dem Flughafen von New York stirbt. Die Weihnachtsfeiertage hat er noch glücklich bei seiner Tochter und ihrer Familie in den USA verbracht. Sein Leichnam wird wenig später nach Österreich überführt und am 10. Januar 1958 auf dem kleinen Friedhof des Schlosses Ranshofen bei Braunau am Inn beigesetzt, auf jenem Besitz, der einst seinen Eltern gehört hat. Ein Artikel der Neuen Warte am Inn (Braunau) aus diesen Tagen berichtet davon, daß ein Doktor Haymerle "letzte Grüße des Außenministers Ing. Dr. Figl" überbracht habe. Als Konsulent des Auswärtigen Amtes in Wien habe Wertheimer die Grundlagen für die Aufnahme Österreichs bei den Vereinten Nationen gelegt, heißt es am offenen Grab. Und nun verliert sich die Spur Wertheimers in den Chroniken dieser Zweiten Republik fast völlig.
Im Frühling 1938 war seine Familie von Nationalsozialisten aus ihrer Innviertler Heimat vertrieben worden. Die NSDAP raubte ihr Eigentum, das nach 1945 an die Stadtgemeinde Braunau am Inn übergeben wurde.

Wie war Wertheimers Jugend? Egon erblickt am 4. September 1894 auf diesem Gut in Ranshofen das Licht der Welt, dessen Namen er in Amerika später dem seinen hinzufügt ? teils aus Stolz, teils aus Heimweh, als er sich im Exil an die glückliche Jugend im Innviertel erinnert. Sein Vater ist ein reicher Gutsbesitzer, der einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb führt.

Dieser Mann erzieht seine Kinder sehr liberal. So kann Egon umfangreiches Wissen aus Studien der Fächer Staatswissenschaft, Rechtskunde und Geschichte schöpfen, die er nach Aufenthalten in Wien, München und Heidelberg als 26jähriger mit Auszeichnungen abschließt. Praktische Lebenserfahrung liefert ihm die Liebe zum Journalismus. Als frischgebackener Akademiker verbringt Wertheimer drei Jahre als Redakteur in Hamburg, später übersiedelt er als Korrespondent nach London, wo er für sozialdemokratische Zeitungen des ganzen deutschen Sprachraumes berichtet. 1928 sorgt er dafür, daß der um fünfzehn Jahre jüngere Salzburger Leopold Kohr einen ersten Studienplatz an der berühmten London School of Economics erhält.

Fast zehn Jahre ist Wertheimer dann in Genf als Diplomat für den Völkerbund tätig. 1940, angesichts des immer bedrohlicheren Naziterrors, entschließt er sich zur Abreise nach Nordamerika und betreut in Washington einige Forschungsprojekte im Auftrag der einflußreichen Carnegie-Friedensstiftung. Hier sorgt der Innviertler ? mit seinen Beziehungen zu höchsten Stellen der USA ? dafür, daß der junge Flüchtling Leopold Kohr einen Job als Wissenschaftler antreten kann. Wertheimer bringt den Salzburger mit Chefredakteuren der wichtigsten Zeitungen in Kontakt. So kann Kohr in der Washington Post, der New York Times und anderen Blättern zahlreiche Artikel verfassen, um für die Befreiung Österreichs zu werben.

Einer der Wegbereiter des Marshall-Planes

Wertheimer schreibt im Auftrag der US-Regierung an einer Studie, die sich mit der Zukunft Europas beschäftigt. Sie trägt den Titel Victory Is Not Enough (Sieg allein genügt nicht) und dient für die Zeit nach dem (damals noch keineswegs so sicheren) Sieg über Hitler als wissenschaftliche Grundlage für eine Demokratisierung und den Wiederaufbau Europas. Wirtschaftshilfe im Rahmen des Marshall-Planes gehe auch auf diese Initiativen und Kontakte von Wertheimer zurück, betont der Zeitzeuge Leopold Kohr mir gegenüber immer wieder.

Am 18. Juli 1943 publiziert die Washington Post eine Rezension dieser Studie Wertheimers. Autor ist Kohr. Unter der Schlagzeile Peacemaker's Manual schreibt der Salzburger: Es sei sehr bemerkenswert, daß Wertheimer und Hitler in der gleichen Gegend (Innviertel) zur Welt kamen. Zwei so verschiedene Männer. Der eine zerstöre die Völker Europas, und Wertheimer mache sich für die USA Gedanken, wie man den geknechteten Menschen in Zukunft helfen könne. Wenn Staatsmänner neuen Frieden wollten, dann müßten sie verstärkt auf die alten Künste der Diplomatie setzen, schildert Kohr einen Inhalt von Wertheimers Buch. Heute würden Diplomaten vorwiegend als Berater eingesetzt. Aber Erfolge wie zum Beispiel auf dem Wiener Kongreß von 1814/15 seien nur möglich, wenn Diplomaten selbst äußerst hart miteinander verhandeln dürften. Ohne direktes Eingreifen von Politikern bzw. Monarchen. Es geht in Wertheimers Victory Is Not Enough auch um die Tragödie des Völkerbundes, der nicht zuletzt am Zögern Englands und Frankreichs gescheitert sei. Man habe Hitler viel zu lange zugeschaut. Soweit Leopold Kohr in seiner Rezension.

Wer weiß Details?

Nach biographischen Daten von Egon Ranshofen-Wertheimer zu suchen, das ist schwierig. Der hochbetagte Kohr erzählt mir, Wertheimer sei einer seiner engsten Freunde gewesen, und er verdanke ihm so viel. Zu Details aus Wertheimers Leben befragt, antwortet Kohr, er werde mir wichtige Unterlagen schon bald besorgen. Doch bevor er das in die Tat umsetzen kann, stirbt der Philosoph.
Was soll ich nun tun? Ich habe gehört, die mittlerweile betagte Tochter Wertheimers, Dr. Luciana Meyer, lebe nach jahrzehntelangem Aufenthalt in der Stadt Salzburg nun im schweizerischen Lugano. Meine Recherchen ergeben, daß sie von dort mit unbekanntem Ziel verzogen sei.

Durch Zufall stoße ich auf eine Spur, die ins Traunviertel führt, zu einem anderen Zweig der Verwandtschaft von Wertheimer. So fahre ich in diese Ecke Oberösterreichs. Bald stehe ich vor einem Schloß, das gegen Ende des Mittelalters gebaut und im 18. Jahrhundert dem Stil dieser Zeit angepaßt wurde ? ein Schmuckstück. Ich läute. Ein drahtiger Mann ? ich schätze ihn auf sechzig Jahre ? öffnet mir das schwere Tor zum Innenhof. Er war früher Bankmanager in London. Der heute 71jährige leitet hier die Forstverwaltung. Die Mutter dieses Dr. Rudolf Weisweiller war eine Lieblingscousine von Egon Ranshofen-Wertheimer. Sie wuchsen zusammen im Innviertel auf. Das Archiv der Familie Weisweiller wird nun zu einer ergiebigen Quelle für die Kohr-Biographie und für diesen Bericht. Ich möchte dafür dem Schloßherrn an dieser Stelle danken.
Rudolf Weisweiller erzählt mir viel über Wertheimer, aber auch aus seinem eigenen Leben, in dem sich ebenfalls die Tragödie Österreichs spiegelt. Auch er fühlt sich ? ähnlich wie einst Wertheimer und Kohr ? einem kosmopolitischen Lebensgefühl verbunden. Das beginnt schon zwangsläufig in seiner Jugend. 1938 muß seine Familie aus Oberösterreich und Wien vor den Nationalsozialisten fliehen; es gibt nämlich Vorfahren mit jüdischer Abstammung. Im britischen Exil besucht der damals 16jährige Rudi eine typisch englische Internatsschule und studiert später an der Universität Oxford das Fach Nationalökonomie. Er schließt Freundschaft mit Leuten, die später sehr einflußreich werden, darunter auch Margaret Thatcher. Die beinharte Wirtschaftspolitik der Eisernen Lady lehnt Weisweiller bis heute jedoch ab, obwohl er sich selbst auch als Tory bezeichnen würde.

Er arbeitet in London jahrzehntelang als Bankmanager und Spezialist für Devisenprobleme, bis ihm das österreichische Außenministerium den Job eines hochrangigen Diplomaten anbietet. Eine ständige Rückkehr in die alte Heimat lehnt er vorerst ab. Immerhin ist er mit einer Engländerin verheiratet, und seine Kinder fühlen sich als Briten. Erst nach der Pensionierung im Jahre 1986 kehrt Rudolf Weisweiller nach Oberösterreich zurück und übernimmt die Leitung der Forstverwaltung auf seinem Schloß im Traunviertel. Dieser Familienbesitz ist 1951 aus dem Nachlaß der Nazis von der österreichischen Regierung zurückgegeben worden.

Weisweiller erblickt 1923 in Wien das Licht der Welt. Die Eltern haben das Schloß vom Onkel einer Großmutter geerbt. Weisweillers Mutter Gabriele ist zusammen mit ihrem Cousin Egon Ranshofen-Wertheimer im Innviertel aufgewachsen. In Wien lernt sie den späteren Ehemann Moritz Weisweiller kennen. Über Jahrhunderte zählte dessen Schloß zum Besitz der Starhemberger, bis es um 1800 an die Welser Industriellen Hafferl verkauft wurde. Nach sechzig Jahren erwirbt es die Familie Weisweiller, deren Vorfahren aus Frankfurt am Main stammen, wo einige im Bankgeschäft arbeiten. Manche übersiedeln später nach Paris, andere haben sich während des 19. Jahrhunderts in Österreich niedergelassen. Auf die Frage, für welche Kultur nun sein Herz schlage, darauf kann und will Rudolf Weisweiller nicht eindeutig antworten. Er fühle sich einerseits als Engländer. Das Englische sei ihm nach vielen Jahrzehnten viel besser vertraut als die deutsche Muttersprache: "Ich fühle mich aber auch stark als Oberösterreicher. Obwohl ich in der Jugend viel Zeit in Wien verbracht habe." Eine tiefe Verbundenheit empfindet Weisweiller für das Traunviertel, deshalb sei er heute wohl auch ein Traunviertler, betont er nicht ohne Stolz.

Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg

In seiner Jugend ist Egon Ranshofen-Wertheimer als Draufgänger bekannt. Im Alter von zwanzig Jahren zieht er 1914 mit nationalistischer Begeisterung in den Ersten Weltkrieg. Er zählt zu den ersten, die aus großer Höhe mit einem Fallschirm abspringen. Oft kämpft er an vorderster Linie und entgeht mehrmals nur knapp dem Tod auf den Schlachtfeldern Oberitaliens und Rußlands.

Die Grauen der Schützengräben machen Wertheimer immer nachdenklicher, bis er die Durchhalteparolen der Militärs, Kriegsgewinnler, Herrscherfamilien und Kirchenfürsten durchschaut und satt hat. Die Verlogenheit der staatlichen und militärischen Systeme lenkt seine Aufmerksamkeit immer stärker auf revolutionäre Theorien. Aus dem Ersten Weltkrieg kehrt Wertheimer als Marxist zurück. Sein Vater Julius, der liberale Großgrundbesitzer und Landwirtschaftsexperte in Ranshofen, toleriert die Interessen seines Sohnes, während der junge Mann von Klerikalen und Konservativen der Umgebung offen angefeindet wird.

Während seiner Studienzeit mäßigt sich sein Drang, die Welt von Grund auf zu verändern. Seiner ursprünglichen Begeisterung für den damals noch frischgebackenen Kommunismus weicht eine pragmatischere Einstellung, die Wertheimer in einen Sozialdemokraten verwandelt. Er entdeckt in den zwanziger Jahren den Zauber der journalistischen Arbeit und zieht nach London.

Im Dienst des Völkerbundes

Als Ende der zwanziger Jahre erstmals eine sozialdemokratische Regierung unter Führung von Premierminister James Ramsey MacDonald an die Macht kommt, interessiert sich Wertheimer noch stärker für den Weg Großbritanniens. Er schreibt ein Buch, das zum Bestseller gerät, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wird und für das er sich später ein wenig schämt, weil sich seine politische Einstellung ändert und noch mehr mäßigt. Der Titel des stark linksgerichteten Buches: Portrait der Britischen Arbeiter-Partei.

Einige Minister von Labour werden auf Wertheimer aufmerksam, auch Premier MacDonald selbst. Daneben kommt der Journalist und Autor mit Vertretern des Völkerbundes in Kontakt, die den aufgeweckten und humorvollen Österreicher eines Tages fragen, ob er nicht als Diplomat arbeiten wolle. So übersiedelt Wertheimer 1930 nach Genf.

Als deutsche Truppen im März 1938 die alte Heimat Österreich besetzen, versucht er gemeinsam mit dem jungen Leopold Kohr, Otto Habsburg und anderen verzweifelt zu erreichen, daß die Staatengemeinschaft diesen Einmarsch als Verbrechen gegen das Völkerrecht einstufe. Doch viele Länder, darunter auch Frankreich, England und die USA, sehen dem Treiben Hitlers noch immer fast tatenlos zu und akzeptieren in den Augen der jungen Österreicher damit die Politik Nazideutschlands.

Als Kohr, Habsburg und ein gewisser Ernst Hoor im Frühling 1938 von ihrer Fluchtburg Paris nach Genf reisen, ist es Egon Ranshofen-Wertheimer, der ihnen seine Kontakte zu höchsten Stellen des Völkerbundes zur Verfügung stellt. Das Trio versucht, eine schlagkräftige Gruppe von Auslandsösterreichern gegen Hitler auf die Beine zu stellen. Hochtrabend ist bereits von einer Exilregierung die Rede. Weltanschauliche Gegensätze scheinen vorerst keine Rolle zu spielen: Leopold Kohr bezeichnet sich nach seinen Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg und nach längeren Gesprächen mit George Orwell bereits als Anarchist, Otto Habsburg zählt schon damals nicht gerade zu den progressivsten Kräften. Dennoch verbindet sie bald eine Freundschaft.

Es gelingt ihnen jedoch nicht, einflußreiche Diplomaten des Völkerbundes und der Westmächte vom Freiheitswillen des überfallenen Österreich zu überzeugen. Wertheimer, Kohr, Habsburg und Hoor sind entsetzt, daß die USA, England und Frankreich so wenig Widerstand leisten und den Anschluß an Hitlerdeutschland offenbar tolerieren. Zusätzlich erfahren die Österreicher am eigenen Leib, wie französische Bürokraten sie bereits als deutsche Staatsbürger behandeln. Auch Wertheimer protestiert lautstark gegen diese "schleichende Anerkennung der Nazis", wie Kohr es später formulieren wird.

Westmächte schauen Hitler zu

Wertheimer und Kohr versuchen, einige Vertreter der Weltpresse in Paris über Hitlers wahre Absichten aufzuklären, der von den Westmächten offensichtlich noch völlig unterschätzt werde, wie sie betonen. Die beiden weisen immer wieder darauf hin, "nur" maximal dreißig Prozent der Österreicher seien Nazis. Eine große Mehrheit der Bevölkerung des Alpenstaates würde nur deshalb schweigen oder dem Anschluß scheinbar zustimmen, weil sie zuvor schon von der austrofaschistischen Regierung Dollfuß eingeschüchtert worden sei. Dollfuß habe Sozialdemokraten und Kommunisten zu Staatsfeinden erklärt und Tausende inhaftieren lassen, die wahrscheinlich gegen Nazideutschland die Waffen erhoben hätten. So habe Dollfuß unfreiwillig die Machtübernahme Hitlers gefördert und zum Ausgang der verhängnisvollen Volksabstimmung beigetragen.
Vergeblich. Wertheimer, Kohr und Habsburg haben in Paris und Genf das böse Gefühl, der Westen betrachte Österreich nicht als Beute der Nazis, sondern als Komplizen oder zumindest als rechtmäßigen Teil Hitlerdeutschlands.
Wertheimer, Kohr, Habsburg und andere bereiten nun die Abreise nach Nordamerika vor, jeder für sich. 1940, nur zwei Jahre später, muß der Völkerbund in den Wirren des Zweiten Weltkrieges aufgelöst werden. Er sei durch die unentschlossene Politik seiner wichtigsten Mitglieder gescheitert, schreiben Wertheimer und Kohr.

Heimweh in New York

Egon Ranshofen-Wertheimer übersiedelt als Professor an die American University nach Washington, wo ihn bald das US-Außenministerium als Berater für Fragen der europäischen Politik und Verwaltung engagiert. Daneben ist er daran beteiligt, die Gründung der Vereinten Nationen (UNO) wissenschaftlich vorzubereiten.

Immer wieder plagt ihn das Heimweh. Als Jüngling hat er sich nicht so stark für die Geschichte des Familienbesitzes in Ranshofen interessiert. Nun, nach langen Jahren im amerikanischen Exil, geht Wertheimer im Jahre 1943 deprimiert und melancholisch in die Public Library von New York, eine gute Bücherei, die über Werke aus dem von Hitlerdeutschland besetzten Mitteleuropa verfügt. Dort fällt Wertheimer ein uralter Katalog aus München von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in die Hände. Mit Herzklopfen und feuchten Fingern findet er auf Seite 236 einen Kupferstich, der den von den Nazis geraubten Besitz seiner Eltern im österreichischen Grenzdorf Ranshofen darstellt.

Die jüngere Geschichte dieses ehemaligen Augustiner Chorherrenstiftes führt in die Zeit der napoleonischen Kriege zurück. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist Österreichs Nachbarland Bayern mit Frankreich verbündet. Als französische und bayerische Truppen für Napoleon in Österreich einfallen, werden viele Besitztümer der katholischen Kirche enteignet. Der bayerische General Max Graf von Montjoie-Frohberg kauft dann den kirchlichen Großgrundbesitz Ranshofen um einen Spottpreis und zieht 1812 mit seiner Familie ein. 1851 erwirbt Egon Ranshofen-Wertheimers Großvater Ferdinand das ehemalige Kloster. Er ist ein Landwirtschaftsexperte und beginnt, auf den Feldern und in den Wäldern moderne Methoden der Bewirtschaftung zu erproben. Im Gegensatz zu einheimischen Großbauern behandelt Ferdinand Wertheimer seine Landarbeiter gut. Er schafft die traditionelle Unterdrückung der Dienstboten ab, bezahlt Prämien und führt einige Sozialleistungen ein. Zu Weihnachten organisiert er alljährlich für seine Belegschaft ein großes Fest, bei dem Geschenke an Frauen und Männer sowie für die Kinder gute Kleidungsstücke verteilt werden. Er stiftet einen Fonds für verarmte Gemeindebürger von Ranshofen. Diese humanistische Haltung erzeugt aber auch Haß und Mißgunst bei anderen Grundbesitzern und Großbauern.

Im einfachen Volk ist dieser Ferdinand Wertheimer jedoch beliebt und wird später gebeten, für die Liberale Partei zu kandidieren. So zieht er als Abgeordneter in den oberösterreichischen Landtag ein. Er stirbt 1883. Die Söhne Phillip und Julius übernehmen den Besitz und machen im Sinne des Vaters weiter. Das Gut Ranshofen ist bald als landwirtschaftlicher Musterbetrieb weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt. Noch 1931 gibt es dort siebzig Landarbeiter.

Einige Neider mobilisieren schon vor 1938 die im österreichischen Innviertel stark vertretene Nazipartei, die damals noch illegal ans Werk geht. So wird dieser Familie Wertheimer von außen der Ruin aufgezwungen. In ihrer Ahnenreihe gibt es jüdische Vorfahren. Ihr Schicksal ist ein weiteres Beispiel für jene Schrecken und sinnlosen Leiden, die Denunzianten, Ideologen und opportunistische Provinzpolitiker erzeugen können.

Als Österreich an Deutschland angeschlossen wird, bleibt den Wertheimers nur die Flucht, wenn sie dem Tod in Konzentrationslagern entgehen wollen.

Taufe Hitlers in Ranshofen

Leopold Kohr erinnert sich: "Besonders gespenstisch für Egon war, daß in der Kapelle des Gutes Ranshofen einst ein Baby auf den Namen Adolf getauft worden ist, eben Hitler." Dieser Innviertler, neben Stalin wohl die verbrecherischste Geißel der Menschheit, ist am 20. April 1889 im nur wenige Kilometer entfernten Braunau zur Welt gekommen. Bei Braunau überquert Hitler dann im März 1938 die österreichische Grenze, um mit Hilfe deutscher Truppen die Unabhängigkeit des Landes zu beenden.

An dieses Szenario muß Egon Ranshofen-Wertheimer denken, als er in der New Yorker Public Library 1943 wehmütig den Kupferstich des ehemaligen Klosters Ranshofen betrachtet. Der Zweite Weltkrieg wütet zu dieser Zeit schon seit vier Jahren. Und Wertheimer weiß nicht, ob er Europa jemals wiedersehen wird. Später schildert er diese Momente in der Bibliothek:

"Ich war Tausende von Meilen entfernt und tauchte in die Geschichte des Hauses zurück, in dessen kühlen klösterlichen Mauern ich herangewachsen war. Und während vor den Fenstern der New Yorker Bibliothek der Verkehr der Fünften Avenue rauschte, wanderte ich im Geist durch unser Josephitor hinaus in die Felder. Die schweren dunklen Kastanienbäume hatten den Weg mit verblühten Kerzen besät. Und Abendnebel stieg vom Inn her auf."

Es geschieht dann knapp ein Jahr nach Ende des Krieges: Im April 1946, als die UNO in New York bereits zu arbeiten beginnt, klingelt das Telefon in Wertheimers Büro, das sich im alten Gebäude des State Department in Washington befindet. Ein ehemaliger Kollege vom Völkerbund in Genf, ein gebürtiger Holländer, bittet Wertheimer nun, in offizieller Mission für die UNO in die Schweiz zu reisen.

Dieser erste Flug über den Atlantischen Ozean lockt den 52jährigen Innviertler sehr, andererseits macht er ihn wehmütig und traurig. Er weiß aus Briefen seines Bruders Otto, der alte Familienbesitz in Ranshofen sei in den letzten Kriegsmonaten und in den Wirren danach fast völlig ruiniert worden. Dieser Dr. Ing. Otto Wertheimer lebt bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren im Salzburgischen, lange Zeit auch im Gasteiner Tal. Er ist Elektrotechniker und führt im traditionsreichen Goldgräberdorf Böckstein nach 1945 einen kleinen Installationsbetrieb. Außerdem verkauft er Radios.

Rückkehr

Egon Ranshofen-Wertheimer erfüllt im Frühling 1946 seinen Auftrag für die UNO in Genf und verfügt dann über ein paar freie Tage. Er kann nun der Versuchung nicht mehr widerstehen und nimmt den Zug nach Österreich. Was dann folgt, beschreibt der längst wieder nach Amerika zurückgekehrte Diplomat in einem Zeitungsbericht, den das Innviertler Regionalblatt Neue Warte am Inn im Jahre 1957 veröffentlicht. Wertheimer schildert darin seine Gefühle bei der ersten Ankunft in der alten Heimat:

"An einem Morgen passierte ich, nach einem endlosen Aufenthalt in Buchs, im Arlberg-Express die österreichische Grenze. Am nächtlichen Salzburger Bahnhof wurde ich von meiner Tochter, meinem Bruder, der Mutter und Schwester meiner Frau und einigen Freunden begrüßt, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Sie alle hatten den Krieg überlebt."

Mit seiner Tochter Luciana und einem amerikanischen Besatzungsoffizier namens Meyer, den Luciana später heiratet, fährt Wertheimer im offenen Jeep von Salzburg nach Ranshofen zum ehemaligen Gut seiner Familie:

"Im Dorf hatte sich inzwischen das Gerücht verbreitet, daß ich heimgekehrt sei. Menschen kamen und faßten mich an, drückten mir die Hände und umarmten mich. Der hatte jahrzehntelang für unsere Familie gearbeitet, der war mit mir jung gewesen, und wir duzten uns. Dieses verhutzelte Weibchen war schon alt, als ich noch beinahe ein Kind war. Alle nannten mich beim Vornamen und sagten mir, wie anders alles geworden sei. Seitdem 'wir' nicht mehr hier seien. Daß ich aus Amerika, aus dem Exil kam, das trennte und unterschied mein Schicksal in ihren Augen kaum von dem der anderen Dorfkinder. Wir wechselten nur wenige Worte, sie und ich. Aber ich spürte eine Wärme, ein Willkommen, das mir beinahe die Tränen in die Augen trieb. Ich fühlte, daß sie während meiner Abwesenheit an mich gedacht und sich an langen Winterabenden wohl gefragt hatten, was aus mir und den Meinen geworden sei. Ich wußte nun, daß ich nicht geträumt hatte, als ich im amerikanischen Exil inmitten des Krieges geschrieben hatte, daß dieses Dorf und diese Menschen für mich das Maß aller Dinge seien und bleiben werden."

Das Gut Ranshofen wird von der Republik Österreich nicht an die Familie Wertheimer zurückgegeben. Es gehört bis heute zum Großteil der Stadtgemeinde Braunau am Inn. Egon Ranshofen-Wertheimer bleibt vorerst in den USA. Er tritt 1949 endgültig in die Dienste der Vereinten Nationen. Als Missionschef der UNO ist er bis 1951 in Eritrea, Somalia und Korea im Einsatz.

Für eine tiefe Krise in Wertheimers Leben sorgt der Tod seiner Frau, Tochter eines Mittelschulprofessors aus Salzburg. Sie leidet an schweren Depressionen und stürzt sich in New York am 3. Juni 1954 von der George-Washington-Brücke hundert Meter tief in den Hudson River. Wertheimer schreibt in die alte Innviertler Heimat: "Dies hat die Wurzel meiner Existenz getroffen."

Als Österreich 1955 im Rahmen der Verhandlungen zum Staatsvertrag seine Souveränität und damit die langersehnte Freiheit erhält, kümmert sich Wertheimer intensiv um Österreichs Aufnahme bei den Vereinten Nationen. Als Konsulent unterstützt er die Wiener Regierung durch weitreichende Kontakte bei der Lösung entscheidender Fragen.

1957 wird in Linz ein Prosatext aus seiner Feder veröffentlicht, eine autobiographisch gefärbte Episode, wie Wertheimer das kleine dichterische Werk bezeichnet. Es trägt den Titel Der diplomatische Dieb von Seoul und schildert seine Erfahrungen in Korea.

Enttäuschung über Österreich

Wertheimer hofft, als Pensionist könne er vielleicht in Österreich noch eine sinnvolle Aufgabe finden. Nach seinem Dienst in New York läßt er sich in Wien nieder. Er hätte seine Erfahrungen und weltweiten Kontakte gerne noch weiter dieser Zweiten Republik zur Verfügung gestellt. Bald aber ist er von dem Parteiengezänk und von den Machenschaften der großen Interessensverbände enttäuscht, die sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges die Macht in Österreich aufteilen. So schreibt Wertheimer:

"In Österreich sind weder die materiellen noch die psychologischen Voraussetzungen gegeben, als elder statesman zu wirken und einzugreifen. Und so arbeite ich, um mit Goethe zu sprechen, in einer Ecke mit einer leise mich beschleichenden Resignation."

Er hatte während des Zweiten Weltkrieges in Amerika oft davon geträumt, seinen Lebensabend vielleicht doch noch im Innviertel verbringen zu können, wenn Hitler eines Tages besiegt sei. 1946, als dieser Wunsch in greifbare Nähe gerückt ist, faßt Wertheimer seine Gefühle in New York so zusammen:

"Noch halten mich die Aufgaben, die mir das Leben gestellt hat, fern von der Heimat; aber dereinst will ich heimkehren. Irgendwo daheim will ich meine alten Tage verbringen, nicht im Schloß, sondern auf einem Hügel an einem Waldrand in einem kleinen Haus, das ich mir selbst erbauen möchte, mit meinen Büchern und meinen Erinnerungen, ohne Bitterkeit und ohne Bedauern.

Daheim, nicht in der Fremde, möchte ich eines guten Todes sterben oder, wenn es sein muß, eines bösen. Aber sterben möchte ich daheim, nicht in der Fremde."

Quellen:

Egon Ranshofen-Wertheimer, Victory Is Not Enough. The Strategy For A Lasting Peace, New York City.
Ders., Die Heimkehr, Essay, in: BSN (Braunau am Inn), 50/88, S. 68 ff.
Mehr als 60 Stunden Tonband-Interviews mit dem Philosophen und Ökonomen Leopold Kohr.
Tonband-Interviews mit dem Architekten Simon Schmiderer in Florida/USA.
Tonband-Interviews mit Rudolf Weisweiller, einem der letzten noch lebenden Verwandten Wertheimers, in Bad Wimsbach/OÖ.
Gerald Lehner, Die Biographie des Philosophen und Ökonomen Leopold Kohr, Wien 1994.
Nachlaß von Leopold Kohr im Besitz des Autors.
Neue Warte am Inn, Innviertler Regionalzeitung, 2. 1. 1958, S. 3, "Dr. Egon Ranshofen-Wertheimer plötzlich gestorben".
Max Eitzlmayr, Beiträge zur jüngeren Wirtschaftsgeschichte Ranshofens, Ranshofen und die Familie Wertheimer, in: Katalog 1200 Jahre Ranshofen, Braunau am Inn, S. 45 f.
Ders., Ortschronik von Ranshofen, Braunau am Inn, S. 179 ff.

 


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