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18. Braunauer Zeitgeschichte-Tage „Verkleinerte Welt“ Hitler, Elser und der Bürgerbräu - 70 Jahre nach dem Attentat Adolf Hitler wurde 1889 in Braunau als Sohn eines gewalttätigen österreichischen Zollinspektors geboren. Er hing an seiner Mutter und fühlte sich zur Kunst berufen. Zweimal lehnt ihn die Wiener Kunstakademie ab, was er ihr nie vergisst. Er rettete mühsam sein Leben mit dem Malen und Verkaufen von Stadtansichten. Dem österreichischen Wehrdienst und seiner Bleibe in einem Wiener Obdachlosenasyl entzog er sich durch den Umzug 1914 nach München, wo er sich bald als Freiwilliger der Bayerischen Armee anschließt, in den Ersten Weltkrieg zieht, als Melder arbeitet, verwundet wird und Angst hat, für immer blind zu bleiben. Im Lazarett zu Pasewalk beschließt er anscheinend, Politiker zu werden. Die zunächst "Bürgerliches Bräuhaus" genannte Gaststätte von Löwenbräu öffnet im Winter 1911/12 ihre Pforten zwischen Rosenheimer- und Kellerstraße am Gasteig. Sie ist, nach dem Hofbräuhaus, das zweitgrößte Areal mit Gaststätten, Biergarten und dem großen Saal, in dem sich für die deutsche Geschichte dramatische Szenen abspielen sollten. Johann Georg Elser wird 1903 in Hermaringen bei Heidenheim auf der Schwäbischen Alb als ältester Sohn des oft betrunkenen und gewalttätigen Bauern und Holzhändlers Ludwig Elser und seiner Frau Maria, die er freilich erst ein Jahr nach der Geburt heiratet, geboren. Fünf Kinder folgen. Georg muss oft die Verantwortung für die Geschwister übernehmen, für die Arbeit auf dem Hof in Königsbronn und die vom Vater geschlagene Mutter. Er macht als Bester seines Jahrgangs 1922 die Gesellenprüfung als Schreiner und beginnt drei Jahre später auf Wanderschaft zu gehen Richtung Bodensee. Er arbeitet, wenn er Arbeit findet, tritt in einen Trachtenverein, einen Zitherclub und den "Rotfrontkämpferbund" der KPD ein. Hitler, der eigentlich als Spitzel der Reichswehr "kommunistische Umtriebe" ausspähen sollte, trifft im Sterneckerbräu in München auf die DAP, die Deutsche Arbeiterpartei, eine neugegründete völkisch-antisemitische Konglomeration, deren Mitglied er ein paar Monate später, im September 1919 wird (Mitgliedsnummer 555, dabei war die erste "5" einfach nur vorangestellt, damit die Mitgliederzahl mehr hermachte). Schon bald ist er "Obmann der Propaganda". Seine Reden in den Münchner Wirtshäusern (Hofbräukeller, Eberbräukeller, Münchner-Kindl-Keller, Bürgerbräukeller, Hofbräuhaus) ziehen immer mehr Publikum an. Die Kombination von Bier, Zigarettenqualm, Marschmusik und weltpolitischem Schwadronieren gefällt. Es geht gegen den Friedensvertrag von Versailles und seine hohen Reparationskosten, gegen Linke, Schwule, Juden, für den Anschluss Österreichs und die Erweiterung des Lebensraums gen Osten für die deutsche Herrenrasse. Alles in einem pseudo-religiösen Ambiente. Hitler nimmt kein Blatt vor den Mund: Er will die Macht in einem Nationalsozialistischen Reich. (Die Partei heißt inzwischen NSDAP) Das Publikum folgt ihm verzückt. Georg Elser durchschaut schon früh die Absichten Hitlers. Er spürt am eigenen Leib, dass die Arbeiter weniger verdienen, er stellt fest dass die Kinder ihren Eltern entfremdet werden und dass Hitler Krieg bedeutet. Er macht nicht mit, nicht beim Hitlergruß noch hört er sich die Reden an. Elser ist ein charmanter Mann, die Frauen mögen ihn. Er ist Kunstschreiner, Zither- und Bassgeigenspieler und ein schwäbischer Tüftler. Hitler ist inzwischen ungeduldig: er will die Macht und zwar sofort und zwar mit Gewalt. Seine NSDAP ist erstarkt, hat die SA-Schläger, die sich gern mit Kommunisten in Wirtshäusern prügeln, ohne dass die Polizei oft eingreift. Hitler kommt 1923 die verheerende wirtschaftliche Situation gerade recht - es herrscht Massenarbeitslosigkeit und Inflation. Im November 1923 kostet eine Maß Bier 72 Milliarden Mark. Am 8.11. will die bayerische Regierung im Bürgerbräu ihre Maßnamen dagegen erklären. Diese Versammlung wird zur Bühne für Hitler (34) und Konsorten. Der Bürgerbräu ist von ihnen abgesperrt, der "Führer" marschiert in Begleitung mit gezogener Pistole in den Saal, schießt in die Decke, brüllt: "Soeben ist die nationale Revolution ausgebrochen". Die bayerischen Politiker werden in einen Nebenraum gesperrt, um sich dort in Ruhe für den Putsch entscheiden zu können. Sie bangen um ihr Leben, geben nach. General Ludendorff lässt sie "auf Ehrenwort" frei. Das war der entscheidende Fehler der Nazis. Sie halten den Putsch für gelungen, veröffentlichen eine Proklamation, in der es heißt: "Die Regierung der Novemberverbrecher in Berlin ist heute für abgesetzt erklärt worden. Eine provisorische deutsche Nationalregierung ist gebildet worden. Sie besteht aus General Ludendorff, Adolf Hitler, General von Lossow, Oberst Seisser". Dem war freilich nicht so. Kaum wieder frei, distanzierten sich die Politiker von ihrer erzwungenen Zustimmung zum Putsch. Am nächsten Tag, dem 9.11., womit die Nazis nicht gerechnet hatten war eingetreten: alle entscheidenden Aktionen waren gescheitert (Besetzung des Polizeipräsidiums, der Regierung, der Kasernen), es musste etwas geschehen, um Hitler nicht sein Gesicht als "Revolutionär" verlieren zu lassen. Es wurde beschlossen, einen Marsch in die Innenstadt anzutreten. An der Feldherrnhalle werden sie endgültig gestoppt durch Truppen der Landespolizei: 16 Nazis und vier Polizisten sind tot, Hitler verlässt die Kampfstätte und versteckt sich bei seinen Verlegerfreunden Hanfstaengel am Starnberger See, bis er doch gefunden und in der Festung Landsberg gefangengesetzt wird. Der Prozess um Landesverrat ist eine Farce: Hitler wird zu fünf Jahren verurteilt und sitzt ein halbes Jahr davon recht komfortabel ab, diktiert dort sogar seinem Stellvertreter Rudolf Heß sein Buch "Mein Kampf", in dem, wenn es die Deutschen denn gelesen hätten, schon alles drinstand, was durch Hitlers krankes Hirn gegangen war: Krieg, Judenvernichtung, Diktatur. Er lebte sehr bescheiden: Er rauchte nícht, er trank nicht, er lebte vegetarisch und hatte wahrscheinlich auch keinen Sex. 1933 wurde er zum Reichskanzler gewählt. Seither wurde jedes Jahr am 8. November im Bürgerbräu des Putsches von 1923 gedacht: der Führer trifft die "alten Kämpfer". In Georg Elser hatte sich der Gedanke verfestigt, "um größeres Blutvergießen zu verhindern, Hitler und die Führung" (Goebbels, Göring, Himmler) auszuschalten. Schon vor 1938 widmete er seine ganze Energie, Phantasie und sein ganzes Geld der Konstruktion eines von zwei Uhren gesteuerten Sprengsatzes, den er in die Säule einbauen wollte, vor der Hitler zu reden pflegte. Er hatte die Situation 1938 ausgekundschaftet. In einem Steinbruch bei Königsbronn hatte er Dynamit organisiert, Zündkapseln in einer Heidenheimer Armaturenfabrik. Mit seiner fast fertigen Höllenmaschine zieht Elser (36) 1939 nach München, zuerst in die Blumen- dann in die Türkenstraße, von wo aus er jeden Abend, mindestens dreißig Mal, zum Bürgerbräu geht, dort zu Abend isst, selten Bier trinkt, sich unauffällig in den ersten Stock verfügt, wo er sich in einer Art Besenkammer versteckt und abwartet, bis der Bräu geschlossen ist und er mit seinem Einbau beginnen kann: den Sprengsatz in die Säule. Alle zehn Minuten geht die Klospülung, da kann er die lauteren Arbeiten verrichten. In der Früh, wenn das Wirtshaus wieder geöffnet wird, geht er wieder unauffällig hinaus, nachhause, zum Schlafen. Seine Vermieterin, Rosa Lehmann, bemerkte zwar einmal, "dass er tagsüber noch im Bett flackte", aber er erklärte, er habe Knieschwamm. Sie kochte ihm eine Suppe. Seine Knie waren tatsächlich geschwollen und vereitert, vom vielen Knien vor der Säule. Sie wurden mit ein Grund für seine Überführung als Attentäter und sein Geständnis Mitte November 1939. Am 6. November ist er mit seiner Konstruktion fertig. Er fährt zur Schwester nach Stuttgart, überlässt ihr seine Sachen, borgt sich etwas Geld, fährt aber noch einmal nach München zurück, um den Mechanismus zu überprüfen. Alles okay. Der Perfektionist in ihm ist befriedigt. Er macht sich auf Richtung Schweiz. In Konstanz, an der Grenze, verlässt ihn sein Perfektionismus. Er bleibt stehen (Will er im Volksempfänger hören, was gerade live im Bürgerbräu passiert? Will er sich unbewusst als Opfer darbringen für die unerhörte Tat, den "Führer" in die Luft sprengen zu wollen? Wir wissen es nicht.), wird von einem Zöllner angesprochen, ins Wachhäuschen mitgenommen, wo aus dem Radio die Meldung tönt: "Attentat auf Führer missglückt!" Der Zöllner lässt Elser die Taschen leeren: Teile von Zündkapseln, Waffenlisten, eine Postkarte vom Bürgerbräu. Elser wird in die Gestapo-Verhörzentrale im Wittelsbacher Palais in München gebracht. Es gibt keinen Prozess, er wird als "Hitlers persönlicher Gefangener" ins KZ Sachsenhausen gebracht, im Winter 1944/45 ins KZ Dachau, wo er am 9. April 1945 vor dem Krematorium mit einem Kopfschuss umgebracht wird, nachdem an einen "Endsieg" nicht mehr zu denken war. Dann hätte er in einem Schauprozess abgeurteilt werden sollen. Er wurde wohl sofort verbrannt. Aus Königsbronn wurde "Attentatshausen", man genierte sich für ihn. Die Familie war in Berlin verhört worden. Auch nach dem Krieg gab es keinerlei Wiedergutmachung. Der Name Elsers war noch Jahrzehnte von Gerüchten umwabert: der englische Geheimdienst hätte ihn angeheuert, oder Otto Straßer oder gar die Nazis selber. Erst seit den 60er Jahren, als der Historiker Lothar Gruchmann zufällig auf die Verhörprotokolle Elsers stieß, begann ein langsames Umdeken. Erst seit 1989, den 50-jährigen Jahrestag des Attentats, begann eine Elser-Renaissance. Der Stolz auf den einfachen Mann von der Schwäbischen Alb, der ganz allein so früh versucht hatte, Hitler zu einer Zeit auszuschalten, als das Schlimmste noch hätte verhindert werden können: der Krieg in Ost und West, Flucht und Vertreibung, der Holocaust. Die 30 Millionen Tote, das zerstörte Land, die zerstörten Seelen. Heuer, 2009, feiern wird den 70. Jahrestag, und noch immer steht Georg Elser in der Geschichte des Widerstandes nicht an der Seite der "Weißen Rose" und des "20. Juli", wo er hingehört. Und warum hat das Attentat nicht geklappt? Weil in München Nebel herrschte, so banal war das, und Hitler nicht mit dem Flugzeug nach Berlin fliegen konnte, sondern gezwungen war, den Nachtzug zu erreichen. Deshalb fing er früher an zu reden und hörte früher auf. 13 Minuten, die er gegangen war, bevor der Sprengsatz detonierte, 13 Minuten, die die Weltgeschichte verändert hätten. Es gab 7 tote alte Kämpfer, eine tote Bedienung und 63 Verletzte, darunter der Vater von Eva Braun, Hitlers Lebensgefährtin. Dem Pächter Payerl wurde gekündigt, viele Bürgerbräuangestellte verhaftet, der Vermieter, Polsterer Lehmann aus der Türkenstraße eingesperrt, alle, die irgendwie mit ihm zu tun hatten verhört. Die Nazis konnten es nicht glauben: ein Einzelner hatte es gewagt und es wäre ihm fast gelungen, Hitler, samt Goebbels und Himmler in die Luft zu sprengen. (Göring war auf der Jagd) 3 Wochen nach Elsers Ermordung brachte sich Hitler mit Eva Braun im Berliner Bunker um. Der Bürgerbräu wurde Anfang der 70er Jahre abgerissen. Am Ort der Säule kündet eine Bodenplatte seit 1989 von Elsers Heldentat. Hella Schlumberger |
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