![]() |
|
18. Braunauer Zeitgeschichte-Tage „Verkleinerte Welt“ Ein springender BrunnenMartin Walsers 1998 im Suhrkamp Verlag erschienener Roman Ein springender Brunnen (ISBN 3518396005) zählt zu den bedeutendsten Romanen seines Spätwerks. Im Mittelpunkt des autobiographisch geprägten Romans steht der – zu Beginn der Handlung im Jahre 1932 – fünfjährige Johann, Sohn eines Gastwirtsehepaars im schwäbischen Dorf Wasserburg, Walsers Geburtsort. Sein poetisch veranlagter Vater fördert dabei die musische Veranlagung des Kindes, während die praktisch denkende Mutter die Gastwirtschaft (die „Restauration“) führt und - nicht aus Überzeugung sondern aus Geschäftsinteressen - schon 1932 der NSDAP beitritt. Walser gelingt in dem Roman nicht nur eine authentisch wirkende Schilderung der Lebensumstände zur Zeit des Nationalsozialismus, durch die bäuerlich-einfachen, teilweise skurrilen Figuren gibt er auch einen Einblick in die dörflich-kleinstädtische Gemeinschaft. Dabei wird Johanns sensible Gedankenwelt, die er, von seinem Vater inspiriert, z.B. in einem „Wörterbaum“ zu ordnen versucht, mit der heraufziehenden Katastrophe konfrontiert, etwa in seiner Freundschaft zu Adolf, der aus einer strammen Nazi-Familie stammt. ErinnerungsmodellDas historische Umfeld des Zweiten Weltkriegs dringt gegen Ende des Romans mit der Nachricht vom Tod Johanns älteren Bruders auf bedrückende Weise in das Leben der Familie ein, spielt in der Handlung aber nur eine untergeordnete Rolle. Der Roman erzählt vor allem Johanns Entwicklung, seine Kindheit und Jugend, seine erste Liebe das Finden einer eigenen Sprache. In der Sendung Literarisches Quartett, die am 14. August 1998 ausgestrahlt wurde, musste sich Martin Walser die Kritik gefallen lassen, dass im Springenden Brunnen Auschwitz keine Rolle spielt. Indirekt wurde der Schriftsteller so in die Nähe der Verharmlosung der Nazizeit oder sogar des Geschichtsrevisionismus gebracht. In seiner Rede anlässliche zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat Martin Walser unter anderem versucht, öffentlich Stellung gegen diese Anschuldigungen zu beziehen, erreichte dabei allerdings das Gegenteil: Nun wurden zusätzlich auch Vorwürfe des latenten Antisemitismus gegen den Schriftsteller erhoben und es kam zu einer monatelangen Diskussion in den Medien, die unter dem Namen Walser-Bubis-Debatte in die Geschichte einging und in der Diskussion um den Roman Tod eines Kritikers ihre Fortsetzung fand. Walser wollte mit seinem Roman tatsächlich keine direkte Kritik an der Nazizeit üben, sondern seine Jugenderlebnisse unbelastet von späteren (politischen) Deutungen literarisch festhalten. Um Missverständnissen vorzubeugen, weist er aber gleich auf der ersten Seite des Buchs auf diese Schreibabsicht hin:
Aus diesem Grund hat sich der Schriftsteller um die Wiederherstellung seiner unwissenden Kinderperspektive bemüht, weswegen er Informationen über die Naziverbrechen, die erst nach dem Krieg öffentlich geworden sind, im Roman nicht erzählt. Das im Roman geschilderte Bild der Nazizeit versucht möglichst realistisch zu sein, wobei Martin Walser vor allem ein Monument der persönlichen Gewissenserforschung geschaffen hat. Das ländliche Szenario erweiterte zudem den Erinnerungsraum, weil es etwa im Unterschied zu Grass' Blechtrommel, die in der Stadt Danzig verortet ist, zeigt, wie der Nazionalsozialismus selbst abseits der Kriegsschauplätze mörderische Spuren hinterlassen hat. Auch in Wasserburg gab es Opfer: Behinderte, Oppositionelle, Homosexuelle und Soldaten.
Übernommen von: Wikipedia |
|
||||||||||||||||
| Seitenanfang | |||||||||||||||||