18. Braunauer Zeitgeschichte-Tage „Verkleinerte Welt“
Das Wirtshaus als politischer Ort
Braunau am Inn, Kultur im Gugg, 2.- 4. Oktober 2009


OÖNachrichten 3. Oktober 2009


Wirt ist Moderator und graue Eminenz

„Männerpolitik lief und läuft über den Tresen“, sagt der Südtiroler Landtagsabgeordnete Hans Heiss (57). Der Grünpolitiker und Historiker spricht heute (11 Uhr) bei den Zeitgeschichte-Tagen Braunau.

OÖN: Sie sind quasi im Wirtshaus aufgewachsen?

Heiss: Meine Familie führt seit mehr als 200 Jahren in der alten Bischofsstadt Brixen den „Elefanten“, eine Mischung aus Wirthaus und Hotel.

OÖN: Wie ist denn früher Politik im „Elefanten“ gemacht worden?

Heiss: Mein Vater hat den Betrieb geleitet und war auch Gemeinderat. Deshalb war unser Haus ein wichtiger Treffpunkt in den 1950er- bis 70er-Jahren. Unser Vater traf sich mit den Gemeinderäten und Verbandsvertretern zum Meinungsaustausch. Es war eine angenehme Atmosphäre. Männerpolitik läuft über den Tresen, den Wirtshaustisch und über ein oder zwei Viertel Wein – eine ganz selbstverständliche Fortsetzung der Gemeindepolitik in der Wirtshausstube.

OÖN: Gab es beim Politisieren im Wirtshaus auch manchmal recht heftige Debatten?

Heiss: Natürlich gab es auch hitzige Auseinandersetzungen. Beispielsweise ging es in den frühen 70er-Jahren um eine geplante Niederlassung eines Reifenproduzenten in Brixen. Da gab es bei uns zu Hause heftige Diskussionen zwischen der Bürgermeisterfraktion und den Gegnern der Ansiedlung. Mein Vater war als Touristiker strikt dagegen. Da hat man sich angebrüllt und wütend den Raum verlassen. Aber im Allgemeinen sind wir eine friedliche Stadt gewesen. Das Wirtshaus hat eher dazu gedient, den politisch erzielten Konsens hier noch weiter auszuformulieren, allfällige Interessen im kleinen Kreis noch stärker deutlich zu machen – wenn es etwa um Baugenehmigungen ging oder um Straßenführungen. Das lief bei und zu Hause in der Schwemme ganz informell und diskret ab.

OÖN: Worin bestand die Rolle des Wirtes. War er so etwas wie ein Agent der Herrschenden oder eher ein potenzieller Aufständischer wie der Tiroler Sandwirt Andreas Hofer?

Heiss: Meines Erachtens hat der Wirt eher eine Mediatorenfunktion. Er ist weniger eine Figur, die sich automatisch im Vordergrund exponiert. Ein Wirt hat sich in seiner Arbeit stets den Interessen der Gäste zu fügen, hat also dienstbar zu sein, hat – ganz wichtig – mit seiner Frau ein gastliches Ambiente zu bieten. Er versucht also das Ganze von hintern her zu steuern und so seine Autorität geltend zu machen. Er kann sich nie groß aufblasen. Er muss sich zurückhalten. Die Gäste sind die Könige im Haus, auch wenn sie einfacher Herkunft sind. Deshalb ist der Wirt ein Stück weit die graue Eminenz. Das gilt auch für die Dorf- und Landespolitik. Bei Andreas Hofer hatte man zwar den Eindruck, dass er durchaus ein Leader sei, der in der zweiten Reihe lange mitgemischt hat; aber die Führungsposition hat ihn oft auch überfordert. Bei Wirten ist es häufig so, dass sie versuchen, aus der zweiten Reihe durch ihre Überredungskunst und Fähigkeit zur Vermittlung viel zu gestalten.

OÖN: Unter Journalisten heißt es: Ein Wirt weiß mehr als zehn Gemeinderäte …

Heiss: Das ist sehr zutreffend, weil sehr viele Informationen über die Wirtshaustische laufen. Der Wirt hält sich im Hintergrund, spitzt aber die Ohren, kennt wahnsinnig viele Leute und hat oft auch gute Kontakte zur Gegenpartei. Deshalb ist er ein Filter der Informationen.

OÖN: Hat sich das Politisieren im Wirtshaus in jüngster Zeit aufgehört?

Heiss: Es hat lange Zeit die Meinung vorgeherrscht, dass die Wirtshauspolitik nicht mehr in dem Maße wie früher stattfindet, dass die Medien einen Teil politischer Informationsgestaltung übernommen haben. Inzwischen ist es aber doch so, dass eine unglaublich starke Rückkehr zu den Stammtischen in den Wirtshäusern stattfindet.

OÖN: Tatsächlich?

Heiss: Das sehe ich nicht nur in Brixen. Es gibt dazu auch Untersuchungen in Deutschland. Sie machen deutlich, dass die veröffentlichte Meinung von den Bürgerinnen und Bürgern verfolgt und zunehmend wieder in den Wirtshäusern diskutiert wird. Gerade wenn es um Gemeindepolitik geht, findet dort Austausch statt. In dem Maße, in dem sich die Gesellschaft medialisiert hat, sind die kleinen Räume des Wirtshauses wichtiger geworden. Das Verflüchtigen der Stammtische ist wieder einer Verstärkung der Nahkommunikation gewichen.

OÖN: Haben soziale Netzwerke wie Facebook einen Teil der früheren Wirtshauskommunikation übernommen?

Heiss: Es stimmt, die Kommunikation über Facebook, MySpace und Newsrooms nimmt zu, ersetzt aber nicht den persönlichen Kontakt, die Mimik, den Austausch und die Lust miteinander etwas zu trinken. Wir sehen es in den Medien: Jene Jugendliche, die stark im Internet präsent sind, sind jene, die bis drei, vier Uhr in der Früh durch die Lokale ziehen. Diese beiden Ebenen stärken sich gegenseitig. Zum einen haben Jugendliche eher anonyme Kommunikationsplattformen zur Verfügung, zum anderen suchen sie verstärkt die dichte, intensive Kommunikation im Nahraum von Wirtshäusern, Pubs und Diskos.

OÖN: Wenn man in den vergangenen Monaten in den oberösterreichischen Wirtshäusern die Ohren gespitzt hat, ließ sich der Rechtsruck bei der Landtagswahl vorhersehen. Die Töne wurden aggressiver. Lässt sich das Wirtshaus generell als politisches Wahlbarometer einordnen?

Heiss: Wirtshäuser sind immer Seismographen gewesen und sind es wieder stärker geworden. Das muss man wirklich festhalten. Wenn ein Politiker klug ist, ist er nahe bei den Bürgern, zieht durch die Wirtshäuser und hört allfällige Stimmungen. Das Erfolgsrezept unser Landeshauptmanns Luis Durnwalder ist seit zwanzig Jahren jenes, dass er den engen Kontakt zur Bevölkerung pflegt, täglich Sprechstunden abhält und in Wirtshäusern und auf Festen die Stimmung in der Bevölkerung herausliest. Das sollten sich Politiker, die vielfach schon sehr abgehoben sind, zu Herzen nehmen.


 
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