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18. Braunauer Zeitgeschichte-Tage „Verkleinerte Welt“
Das Wirtshaus als politischer Ort
Braunau am Inn, Kultur im Gugg, 2.- 4. Oktober 2009
Braunauer Stadtnachrichten 30. September 2009
ZEITGESCHICHTE
18. Braunauer Zeitgeschichte-Tage „Verkleinerte Welt“ – Das Wirtshaus als politischer Ortvon Ing. Hannes Waidbacher
Die Brauner Zeitgeschichtetage 2009 hatten die verkleinerte Welt des Wirtshauses – und wie in dieser Politik gemacht wurde und wird – zum Thema. Als Begleitveranstaltung zeigte eine Ausstellung im Bezirksmuseum Herzogsburg Fotos, Zeichnungen und Sachexponate mit Bezug zum Thema „Wirtshaus“.
Zum Eröffnungsvortrag der Zeitgeschichte-Tage waren zwei prominente Wirtssöhne eingeladen: Altlandeshauptmann Dr. Josef Ratzenböck, Wirtssohn aus Neukirchen, und Dr. Hans Göttler, Universitätsprofessor in Passau, Wirtssohn vom Weißbräu Göttler in Simbach, zeigten sich in blendender Form und amüsierten das Publikum mit Geschichten und Lebensweisheiten aus ihrer Jugend und der Arbeit im elterlichen Betrieb.
Einen viel beachteten Vortrag hielt der Schweizer Historiker Dr. Beat Kümin, der an der University of Warwick lehrt. Wenn man Politik als die Gesamtheit der Normen, Werte und Handlungen, die zur Herstellung bindender Entscheidungen im Gemeinwesen führten, auffasste, so wurde im Wirtshaus des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit natürlich Politik gemacht. In einer leseunkundigen Gesellschaft waren Wirtshäuser Orte der Kommunikation, aber auch Kristallisationspunkte von Widerstandsbewegungen, in denen Wirte eine wichtige Rolle spielten, wie das Beispiel Andreas Hofer oder der Aufstand 1705/1706 zeigte.
Dr. Hans Heiss, Historiker und Politiker aus Südtirol, Wirtssohn vom berühmten Hotel Elefanten in Bozen, beschäftigte sich mit der Entwicklung vom Gasthof der beginnenden Neuzeit zum Hotel unserer Zeit. Um 1850 entwickelten sich aus Poststationen die ersten Hotels. Sie bewirkten eine Änderung von der persönlichen Nähe des Wirtshauses zur distinguierten Distanz im Hotel, boten allerdings auch die Möglichkeit für einfache Bürger, kurzzeitig in eine gehobene soziale Position zu wechseln. Die lokale Bevölkerung blieb lieber im Wirtshaus, wo der Stammtisch zur Diskussion anregte, aber auch ein Ort der Stabilität und Sicherheit war.
Dr. Hakam Gürses von der Gesellschaft für politische Bildung referierte über die Wirksamkeit von Stammtischparolen und Möglichkeiten, diesen durch ein Argumentationstrainig zu entgegnen, um nicht von prekären Situationen überrascht zu werden.
Die Zusammenhänge zwischen Wirtshaus, Brauereien und dem Fußballsport stellte Dr. Marktwart Herzog von der Schwabenakademie Irrsee in seinem Vortrag her: Große Brauereien sponsern Fußballvereine, Wirtshäuser dienen als Vereinsheime und viele Spitzenfußballer versuchen sich nach ihrer aktiven Zeit als Gastronomen.
Dr. Hella Schlumberger versuchte das Andenken an Georg Elser ins Bewusstsein des Publikums zu rufen. Der kleine Tischlergeselle als Einzelkämpfer und sein Attentatsversuch im Bürgerbräukeller ist vielen nicht bekannt. Mit ihrem Vortrag wollte die Referentin ihm die gebührende Bedeutung verschaffen und ihn in eine Reihe mit den Geschwistern Scholl oder Stauffenberg stellen.
Den alten Wirtshäusern im Salzkammergut trauerte Dr. Klaus Petermayer nach und schilderte den Wandel zur totalen Fremdenverkehrsregion, der oft mit Verbiegungen der Akteure verbunden ist.
Der Obmann des Vereins für Zeitgeschichte, Direktor Mag. Florian Kotanko, berichtete über Braunauer Wirtshäuser, vor allem über solche, die es heute nicht mehr gibt. Anschaulich entstanden Bilder davon, was sich dort abspielte.
Den Abschluss der Zeitgeschichte-Tage bildete ein Frühschoppen in der Hoftaverne Wolfgruber in Ranshofen, bei dem ein Spagat zwischen dem akademischen Wirtshaus von Leopold Chor und dem Innviertler Stammtisch versucht wurde, was sich dank der dichten Atmosphäre, dem musikalischen Können der „Blankenbacher Tanzlmusi“ und der Diskussionsfreude der Teilnehmer zu einem äußerst anregenden Sonntag Vormittag entwickelte – ganz wie es sich für einen Stammtisch gehört.
 Auch bei der Ausstellung „Das Wirtshaus als politischer Ort“ ließen Ing. Hannes Waidbacher, Direktor Mag. Florian Kotanko und Bürgermeister Gerhard Skiba (v.l.n.r.) die Wirtshauskultur wieder aufleben.
Fotos: Stadtamt
 Bürgermeister Gerhard Skiba, Dr. Hans Göttler (Universitätsprofessor in Passau), Altlandeshauptmann , Vizebürgermeisterin Ingrid Neulinger, Direktor Mag. Florian Kotanko (Obmann des Vereins für Zeitgeschichte), Prof. Dr. Ernst Florian Winter (Träger des Egon Ranshofen-Wertheimer-Preises 2008) und Bundesrat Ferdinand Tiefnig (v.l.n.r.) bei der Eröffnung der Braunauer Zeitgeschichte-Tage 2009.
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