Passauer Neue Presse  4. Februar 2010


Macht sich Braunau jünger, als es ist?

Von Anna Mirecki

Simbacher deckt Unklarheit über Gründungsdatum auf - Trotzdem: Vorbereitungen zur 750-Jahr-Feier laufen


Viele Chroniken, Bildbände und Zeitungsartikel hat Helmut Plank studiert. Den einzigen Hinweis auf das Gründungsdatum Braunaus gibt die „Chronik Simbach am Inn“ von Jakob Groß. Demzufolge hätten die Braunauer heuer keinen Grund zum Feiern. (Foto: Mirecki)

Simbach. Die Einladungen sind geschrieben, die Musiker bestellt, das Programm steht. Die Vorbereitungen zum 750. Jahrestag der Stadt Braunau laufen auf Hochtouren. Von den Feierlichkeiten rund um das Jubiläum will der Simbacher Helmut Plank nichts wissen. Seiner Meinung nach hätten die österreichischen Nachbarn im Jahr 2003 bereits ihren 800. Geburtstag feiern müssen.
Für seine Zweifel liefert der 72-Jährige gute Gründe: Bis heute gibt es keine offiziellen Belege über das Gründungsdatum der Stadt. Auch unter den Braunauern selbst herrschte offenbar lange Zeit Unklarheit: Ihr 700. Stadtjubiläum feierten die Bürger der Innstadt im vergangenen Jahrhundert gleich doppelt.
Schon bei der ersten 700-Jahrfeier im Jahre 1903 hatten die Braunauer an ihrem Festdatum geschraubt: Korrekterweise hätten die Feierlichkeiten nämlich schon ein Jahr zuvor, 1902, stattfinden müssen. Weil aber das neu gebaute Rathaus bis zum Jubiläum nicht bezugsfertig war, wurde gewartet. So konnte der damalige Braunauer Bürgermeister Max Fink nicht nur die Festlichkeiten zum 700. Jahrestag mit der Neueröffnung des Rathauses verknüpfen - es gelang ihm, Kaiser Franz Joseph I. als Ehrengast in seine Stadt zu holen.
So weit sind für Helmut Plank, der sich seit über zehn Jahren mit der Braunauer Stadtgeschichte beschäftigt, alle Ereignisse ausreichend belegt. Nur warum wurde knappe 60 Jahre später, anno 1960, das gleiche Jubiläum noch einmal gefeiert? Hier stutzte der Simbacher Gastwirt und setzte seine Recherchen an. Der Knackpunkt der Geschichte: Seit dem Rathausbrand 1874 besitzt Braunau keine urkundlichen Belege über die Stadternennung mehr.
In seinen privaten Chroniken, dem Braunauer Rathaus und dem Münchner Staatsarchiv ist der ehemalige Bahnhofswirt der Sache auf den Grund gegangen. „Eigentlich hat Braunau heuer nichts zu feiern. Es ist mir ein Rätsel, warum sie es trotzdem tun“, sagt der 72-Jährige.
Laut Plank ist das Jahr 1202 das einzig ausschlaggebende für die Stadterhebung. Er beruft sich dabei auf eine der wenigen Quellen, die aus der Zeit vor dem Rathausbrand stammen: Die 1864 von Jakob Groß herausgegebene Simbach-Chronik, die erste Ortschronik der Stadt. Auf porösem Papier und losen Seiten ist hier die Stadterhebung Braunaus im Jahre 1202 dokumentiert.
Schon vor Jahren griff Plank daher zum Stift und informierte Gerhard Skiba, Bürgermeister von Braunau, in einem Brief über seine Erkenntnisse. „Skiba war völlig überrascht. Erst musste ich ihm glaubhaft machen, dass das 700. Jubiläum doppelt gefeiert wurde.“ In einem Antwortbrief schilderte der Bürgermeister anschließend, wie es zu der zweiten Feier 1960 gekommen war, und warum die Stadt seither an der Jahreszahl 1260 festhält.
„Grund für die zweimalige 700-Jahr-Feier dürfte eine Fehlinterpretation der Annalen des bayrischen Chronisten Aventinus sein“, erklärt Skiba darin. Aus historischer Sicht sei heute das Jahr 1260 als Gründungsdatum anzusehen, heißt es weiter, unter Berufung auf die Jahre 1258 bis 1267, die für die Stadtwerdung Braunaus von besonderer Bedeutung gewesen seien: Wälle und Gräben wurden gebaut, eine Brücke über den Inn errichtet und auch das Rathaus stamme aus dieser Zeit.
„Alles Ausreden“, findet Helmut Plank. „Ein Mauerbau wiegt bei weitem nicht so schwer wie eine Erhebungsurkunde oder eine Chronik“, sagt der 72-Jährige und bleibt dabei: „Braunau sollte sich endlich seiner Geschichte stellen und Beweise vorlegen - erst dann kann gefeiert werden.“

Jubiläums-Programm
3. März: Vortrag von Dr. Reinhard Heydenreuter (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, München): „Die ersten hundert Jahre Braunauer Stadtgeschichte“ in der Herzogsburg.

12. Juni: Festumzug und Festveranstaltung auf der Filzmoserwiese, Festzug zum Stadtplatz. Mit Sonderpostamt.

3. Juli: 750 Minuten Musik in der ganzen Stadt, von Mittag bis Mitternacht.

24.-26. September: Braunauer Zeitgeschichtetage zum Thema „Alte Stadt“ mit Ausstellung zu Stadtentwicklung und Zukunftsperspektiven.

 
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