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Donaukurier 30.
10. 1993
Leid und Liebe
Das untypische Schicksal der Fedora Ortner
als Zwangsarbeiterin während der NS-Zeit
von Thilo Boss
Es ist eine Liebesgeschichte,
die durchaus das Prädikat "ungewöhnlich" verdient.
Es ist eine Liebesgeschichte mit Symbolcharakter, und es ist auch eine
Liebesgeschichte, die eine historische Dimension enthält: Die Rede
ist von Fedora und Alfred Ortner aus der Steiermark. 50 Jahre nach ihrer
ersten Begegnung heirateten sie, nach einem halben Jahrhundert, in dem
sie Tausende von Kilomentern getrennt lebten.
Die Biographie
des nunmehr vermählten Paares ist bestimmt druch die - wie es im
Volksmund heißt - Wirren der Zeit, durch die unumstößlichen
gesell- schaftlichen Verhältnisse, denen sich die beiden nicht
entziehen konnten, und durch Lebensbedingungen, die dem österreichischen
Bauernsohn und der ehemaligen Ostarbeiterin im Deutschen Reich und im
Stalinismus ohne Wenn und Aber aufgedrückt wurden. Fedora stammt
aus der Ukraine, aus einem 300 Kilometer südlich von Kiew gelegenen
kleinen Dorf. Bis zu ihrem 17. Lebens- jahr lebte sie dort, war eingebunden
im Kreis ihrer Familie und half bei der Feldarbeit. Der 15. Juni 1943
war das Wendedatum: Die junge Ukrainerin wurde von der Schutzstaffel
(SS) zur Fremdarbeit verschleppt.
Die Rüstung
verlangte Arbeitskräfte. Deutsche Soldaten kämpften an den
Fronten. Trotzdem sollten Industrie und Landwirtschaft ihre Produktion
nach dem Willen der Nationalsozialisten steigern. "Der gesamten
deutschen Kriegswirtschaft müssen im Reich und allen besetzten
Gebieten ständig alle notwendigen Arbeitskräfte zur Verfügung
stehen", schrieb dazu unmißverständlich der Generalbevollmächtige
für den Arbeitseinsatz, Gauleiter Fritz Sauckel, am 20. April 1943.
Dies bedeutete eine konsequente Umsetzung der Fremd- und Zwangsarbeiterpolitik,
die das Ziel hatte, ausländische Arbeitskräfte für die
deutsche Rüstungsproduktion nutzbar zu machen. Der Minister für
die besetzten Ostgebiete, Reichsleiter Alfred Rosenberg, skizzierte
in menschen- verachtendem Nazi-Jargon bereits im Herbst 1942 die Lage:
"Dieser Osten hat Gauleiter Sauckel schon 1,8 Millionen Menschen
geliefert udn soll noch bedeutend mehr bis zum Frühjahr liefern."
Fedora paßte
in dieses Konzept. Sie wurde einfach zwangsverpflichtet, in einem Viehwagen
abtransportiert und von Kiew über Brest Litowsk nach Deutschlandsberg
in der Steiermark gekarrt. "Wir bekamen drei Wochen lang kaum etwas
zu essen, nur schwarzen Kaffee und ab und zu ein Stückchen Brot",
erinnert sich die heute 68jährige.
Sie teilte ihr
Schicksal mit unzähligen Fremd- und Zwangsarbeitern aus den von
Deutschen besetzten Gebieten. Während des Zweiten Weltkrieges wurden
mindestens acht Millionen Ausländer - die Zahlen schwanken bis
zu 14 Millionen - zur Arbeit im Reich gezwungen. Allein aus der ehemaligen
Sowjetunion wurden rund drei Millionen Menschen zwangsverpflichtet.
Insgesamt waren das 30 Prozent der arbeitenden Bevölkerung.
Ausgehungert, verzweifelt
und ohne Hoffnung, landete das 17jährige Mädchen in der kleinen
österreichischen Gemeinde Tanzelsdorf. Sie wurde einem Bauern zugeteilt,
mußte - wie zu Hause in ihrem ukrainischen Heimatdorf - Hofarbeit
verrichten. Doch vom ersten Augenblick an war das Eis zwischen ihr und
ihrem Dienstherren gebrochen. Keine Spur von Ausbeutung, Vorbehalten
oder gar Mißhandlung. Im Gegenteil: "Ich wurde wie eine Tochter
aufgenommen. Es ging mir wirklich sehr, sehr gut", erinnert sich
Fedora.
Für den Innsbrucker
Historiker Andreas Maislinger, der Fedora zusammen mit fünf anderen
ehemaligen Fremd- und Zwangsarbeitern zu den zweiten Braunauer Zeitgeschichtstagen
eingeladen hatte, ist das Los der Ukrainerin im Inn- viertel wenig überraschend:
Während seiner Studien an der Universität Innsbruck sind ihm
öfters Quellen in die Hände gefallen, die eine Akzeptanz der
Fremd- arbeiter im Dritten Reich bei der örtlichen Bevölkerung
dokumentieren. "Ein wichtiger Faktor war der Glaube. Obwohl viele
Ukrainer der russisch-orthodoxen Kirche angehörten, verband das
Christentum. In erster Linie wurde der Mensch und nicht der Fremdarbeiter
gesehen", urteilt der Geschichtsforscher über diese Fälle.
Während des gesamten Zeitraumes, in dem Fremdarbeiter und Kriegs-
gefangene im Reichsgau Salzburg eingesetzt waren, so Maislinger weiter,
hätten sich die NS-Behörden bemüht, die Bevölkerung
auf Distanz zu den Ausländern zu halten. "Trotzdem die Nationalsozialisten
von Anfang an klarstellten, daß etwa Polen den Zigeunern und Juden
gleichgestellt und eine rassische Abwehr- front im deutschen Volke aufgerichtet
werden müsse, zeigen die immer wieder- kehrenden Klagen und Mahnungen,
daß die Mehrheit der Bauern nicht bereit war, die Ausländer
als Untermenschen zu behandeln", erklärt der Forscher.
Er ist keine Ausnahme.
Der deutsche Historiker Anton J. Grossmann kommt in einem Aufsatz zu
einem ähnlichen Ergebnis: "Im ländlichen Bayern ist eine
große Zahl von Fällen nachgewiesen, in denen die bäuerlichen
Dienstherren die nationalsozalistischen Kontrollnormen unterliefen und
dem ausländischen Gesinde - zumindest in der ohnehin kärglich
bemessenen Spanne der arbeitsfreien Zeit - eine gewisse Freizügigkeit
zugestanden wissen wollten."
Die Beobachtungen
der Wissenschaftler decken sich mit den Aussagen Fedoras. Gemeinsam
mit der Bäuerin besuchte sie regelmäßig den katholischen
Gottesdienst, sprach gemeinsam Tischgebete. Die vorgeschriebene räumliche
Trennung, wie sie vom Regime verlangt wurde, gab es nicht. Fedora aß
gemeinsam mti der Familie, saß mit den Österreichern in der
guten Stube, stand mit ihnen auf und hatte gleichzeitig Feierabend.
"Ich habe mich so wohl gefühlt, daß ich sogar über-
legte, nach dem Krieg auf dem Bauernhof zu bleiben", erzählt
Fedora.
Und an ein Erlebnis
erinnert sich die Ukrainerin besonders gern: Die Bäuerin wollte
mit dem Gesinde an einem Sonntag nach Graz in den Zoo. Ein gefährliches
Unterfangen für sie, denn nach den Bestimmungen des Regimes durften
sich die jungen Mädchen nur im näheren Umkreis des Hofes bewegen.
Was also war zu tun? Fedora wurde in eine österreichische gepackt.
"Auf keinen Fall deutsch reden", mahnte die Bauersfrau. Per
pedes ging es schließlich in den Tiergarten - glücklicherweise
ohne Zwischenfälle. "Es war ein wunderschöner Tag",
meint Fedora nach über 50 Jahren.
In dieser Zeit
lernte sie auch ihren jetzigen Mann Alfred Ortner kennen. Der heute
65jährige Steirer lebte auf dem Nachbarhof. Während der Feldarbeit
ver- liebte er sich in das Mädchen - und das, obwohl er in den
zwei Jahren, die Fedora im Deutschen Reich arbeiten mußte, kein
einziges Wort mit ihr sprach. "Sie war drei Jahre älter, ich
ein junger Bub und ungemein schüchtern", sagt Alfred Ortner.
Sein heimliches Glück mit der Ukrainerin, wie er heute berichtet,
nahm jedoch mit dem Zusammenbruch ein jähes Ende: Fedora kehrte
in ihr Dorf zurück, wollte unbedingt ihre Mutter wiedersehen. "Das
war der einzige Grund für meine Rückkehr", erzählte
sie. Alfred verlor sie damit aus den Augen.
Fedora denkt auch
heute noch gern an die Jahre 1943 bis 1945 zurück. Ähnlich
erging es dem Belgier Franz van Dyck, dessen Lebensabschnitt mitten
im Zweiten Weltkrieg unter dem Titel "Vom Zwangs- zum (un)freiwilligen
Fremd- arbeiter" beschrieben werden könnte. Er erinnert sich:
"Am 17. Mai 1940 geriet ich in Gefangenschaft und wurde mit 2000
Leidensgenossen zur Kriegs- gefangenschaft ins Deutsche Reich verschleppt."
Der Transport verlief, genau wie bei Fedora, unter menschenunwürdigen
Verhältnissen. Nichts zu trinken, nichts zu essen und zusammengepfercht
wie die Tiere zunächst in einem Schiffs- verladeraum und später
in einem Eisenbahnwaggon. "Es war einfach schrecklich und demütigend",
erklärt der Belgier als Zeitzeuge.
Sein ihm unbekanntes
Ziel hieß Braunau am Inn, die Geburtsstadt Adolf Hitlers. Dort
half er - immer unter schlechten Ernährungsbedingungen -, die Aluminium-
hütte aufzubauen. Die Zwangsarbeit dauerte aber kein Jahr. Am 1.
März 1941 wurde der Belgier entlassen und kehrte in seine Heimat
zurück.
Dort hatten sich
die Verhältnisse jedoch gründlich geändert. Seine Familie
war auseinandergesprengt, die Ernährungslage noch schlechter als
im Deutschen Reich. Van Dyck entschloß sich kurzerhand, mti einem
Freund an den Inn zurückzukehren - als Fremdarbeiter gegen einen
geringen Lohn und für eine bessere Verpflegung als in seiner ausgebeuteten
Heimat.
Dahinter steckte
eine innere Logik des Systems. Albert Speer - zunächst Haus- und
Hof-Architekt Adolf Hitlers, Erbauer der Reichskanzlei und Organisator
der Nürnberger Parteitage, später Generalbevollmächtigter
für Rüstungsaufgaben im Vierjahresplan - schildert in seinen
Memoiren ein funktionales und makabres Bild zugleich. "Auf dem
Gebiet der Ernährung zeigt eine Reihe von Erlassen, daß Anstrengungen
unternommen wurden, die Arbeitsfähigkeit der Häftlinge zu
erhöhen. So hatte Heinrich Himmler am 23. März 1943 verlangt,
allmählich auf eine Verpflegung zu kommen, ähnlich der römischen
Soldatenverpflegung oder der Verpflegung der ägyptischen Sklaven,
die alle Vitamine enthält und einfach udn billig ist. Allerdings
fehlte solchen Befehlen jeder humanitäre Hingergrund." Ein
hungernder, schlecht ernährter Arbeiter war bei weitem nicht so
produktiv wie ein gesunder Mensch.
Welchen enormen
Stellwert diese Arbeiter in der deutschen Kriegswirtschaft hatten, zeigt
das Beispiel Daimler-Benz. Eine auf dem British Intelligence Objectives
Sub-Commitee Report, kurz BIOS genannt, basierende Hochrechung kommt
zu folgendem Ergebnis: 1941 waren 7741, ein Jahr später bereits
20.402, 1943 22.487 udn wiederum zwölf Monate danach 25.648 Zwangsarbeiter
in dem Automobilwerk beschäftigt.
Daß die ausländischen
Arbeiter in der deutschen Kriegswirtschaft eine funktionale Rolle hatten,
wird aus dem Rechenexempel deutlich. Das war dem Belgier van Dyck spätestens
seit seiner Rückkehr in das Innviertel bekannt. Selbst Fedora,
die mit der direkten Rüstungsproduktion nichts zu schaffen hatte,
vermutete in den Kriegsjahren ihre Bedeutung. "Die Landwirtschaft
produzierte das Essen für die Soldaten", sagt sie.
Zurückgekehrt
in ihre Heimat, ließen Fedora ihre Erinnerungen an Tanzelsdorf
nicht mehr ruhen. Doch bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre
1989 gab es für sie keine Möglichkeit, Kontakt mit dem Westen
aufzunehmen. Außer- dem hatte sie die genaue Adresse der Bauersfamilie
vergessen. Ihre Briefe geisterten im Salzburger Land umher, bis sie
schließlich den Wissenschaftler Maislinger erreichte. Der stellte
den Kontakt her. Fedora kehrte auf den Hof, auf dem sie bis 1945 gearbeitet
hatte, zurück. "Ich bin mit guten Gefühlen gekommen",
urteilt sie. Hier knüpft die Liebesgeschichte wieder an. Alfred
hlte das Versäumte nach und bat schließlich um ihre Hand.
Fedora blieb diesmal in Österreich - für immer.
Die Ortners erzählten
ihr Leben während der Braunauer Zeitgeschichtstage, die unter dem
Thema "Verbotener Umgang" standen. Die kleine Grenzstadt in
Oberösterreich, die immwährend unter dem Stigma der Geburtsstätte
des nationalsozialistischen Diktators zu leiden hat, will Historie aufarbeiten.
Das ist auch das Motiv von Andreas Maislinger, dem geistigen Vater der
Veranstaltungsreihe. "Zuerst hatte ich es als Anbiederung verstanden,
als in Briefen ehemaliger polnischer und ukrainischer Fremdarbeiter
immer wieder von einer guten Zeit bei den österreichischen Bauern
berichtet wurde. Alle von mir kontaktierten Experten haben jedoch bestätigt,
daß diese Schilderungen den Tatsachen entsprechen", stellt
Maislinger fest, fügt aber im gleichen Atemzug hinzu: "Es
gibt aber keinen Zweifel, es handelte sich um Verschleppung und ein
aufs tiefste zu verurteilendes Vorgehen des Regimes." Ebenso wie
der Verdrängung des grauenvollen Unrechts und Leidens zu widerstehen
ist, sollten als Zeichen der Hoffnung die Geschichten alltäglicher,
einfacher Menschlich- keit im Gedächtnis bewahrt werden, ohne Tendenz
zur Verharmlosung.
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