Kurier, 29. September 1993

"Das bemerkenswerte Schicksal einer Ukrainerin und eines steirischen Landwirtes"

Hochzeit nach 50 Jahren

Während der Greuel des Dritten Reiches war die Ukrainerin Fedora Veretschak Fremdarbeiterin in der Ortschaft Groß-St. Florian in der Weststeiermark. 50 Jahre danach kehrt sie für immer dorthin zurück. Sie heiratete vor ein- einhalb Jahren einen steirischen Bauern, der sie schon mit 15 Jahren verehrt hat.

Manchmal ereignen sich auch in der realen Welt Märchen. So geschehen in Groß-St. Florian in der Weststeiermark, wo ein Landwirt und Zimmermann nach 50 Jahren seine heimliche Liebe wiedertrifft: Alfred Ortner führte vor ein- einhalb Jahren in der Dorfkirche Fedora Veretschak aus der Ukraine zum Traualtar.

Bei den Braunauer Zeitgeschichte-Tagen vergangene Woche erzählten die beiden ihre außergewöhnliche Lebensgeschichte: Fedora war in den 40er Jahren aus der Sowjetunion verschleppt und in das Deutsche Reich gebracht worden. Als sogenannte Ostarbeiterin war sie 1942 nach Tanzelsdorf bei Groß-St. Florian in der Steiermark gekommen und dort von einer Familie Fauland &qout;wie eine Tochter" aufgenommen worden. Als 18jährige lernte sie den drei Jahre jüngeren Nachbarbuben Alfred kennen. Ohne es offen zu zeigen, empfand der Bursche eine tiefe Zuneigung für die Frau, die aber nach Kriegsende in ihre Heimat zurückkehrte.

In Kiew arbeitete sie in einer Schuhfabrik, heiratete und gebar zwei Kinder. Immer wieder verspürte sie "Heimweh" nach Österreich. 1987 starb ihr Mann. Die dreifache Großmutter machte sich auf den Weg, um ihre Bauersleute in der Steiermark zu besuchen.

Doch die waren bereits gestorben. Bevor sie die Steiermark verlassen konnte, beschwor sie der ehemalige Nachbarbub Alfred: "Bleib´ für immer bei mir." Ortner hatte nicht geheiratet und in dem halben Jahrhundert, das zwischen dem Wiedersehen lag, mit Bangen an das ungewisse Schicksal Fedoras gedacht. "Er hat gefürchtet, ich könnte nach Sibirien gebracht worden und tot sein", erinnert sich seine heutige Frau.

Im März vorigen Jahres gaben sie sich vor dem Standesbeamten vor Groß-St. Florian das Jawort. Seither hilft Fedora bei der Stallarbeit und hat sich im Dorfleben gut integriert.

"Sie spricht auch schon ein wenig steirisch", stellte der Initiator der Braunauer Zeitgeschichte-Tage, der Innsbrucker Politologe Andreas Maislinger, fest.

Christine Schweinöster

 
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