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Kirchenzeitung
der Diözese Linz, 16. 4. 1992
Es war ihr Karfreitag
und sie sind zu neuem Leben auferstanden
Drei Frauen, die
von den Nazis verfolgt wurden, weil sie menschlich
an Polen handelten, erinnern sich an schlimme Zeiten
Ein Bauerngut,
ziemlich weit schon außerhalb des Ortes. Landwirtschaft am Rand
der Alpen im hügeligen Gebiet. Die Eltern Moosbrugger (Namen von
der Redaktion geändert) und die beiden Töchter Anna und Elisabeth
bewirtschaften den Hof. Ein Pole ist zwangszugeteilt. Es ist Krieg:
Herbst 1941.
Petrinum, das bischöfliche
Knabenseminar in Linz. Viele Leute haben Arbeit im Moarhof. Unter ihnen
sind Lisi sowie ein, ebenfalls zwangs- verpflichteter Pole. Es ist Krieg:
Herbst 1941.
Politischer Fanatismus,
Mitläufertum und Kaltherzigkeit von Mitmenschen fädelten damals
oft ein, daß an vielen der bittere Kelch der Verfolgung nicht vorüberging.
Auch Elisabeth und Anna vom Hof sowie Lisi vom Petrinum steht im Herbst
1941 ein harter Leidensweg bevor. Den erwähnten Polen ebenfalls.
Fremde nicht wie
Feinde behandeln
Die 21jährige
Elisabeth Böcklinger wird am 27. Oktober 1941 abgeholt. Ihr wird
vorgeworfen, einem Polen die Wäsche gewaschen zu haben, was sie auch
getan hat. "Ich hbe gar nicht gewußt, daß das verboten
gewesen ist", erinnert sich Frau Böcklinger heute. Es war selbstverständlich,
in der Freizeit am Sonntag das zu tun. Genauso normal war im Moarhof,
daß mit dem Polen an einem Tisch gegessen wurde, was auch verboten
gewesen wäre.
Schon am 7. Oktober
1941 kommt die Gestapo und Polizei zum Hof der Moos- bruggers. Ein Nachbar
hat verleumderisch angezeigt, daß die noch nicht 17jährige
Elisabeth und die 20jährige Anna ein Verhältnis mit dem Polen
hätten. Warum er das tat? Für jede Denunziation gibt es 100
Mark. Judas- geld. Die Polen wurden bald nach der Verhaftung gehenkt.
Viele Leidensstationen
Die drei Frauen ahnen
nicht, was ihnen bevorsteht, Linzer Gestapohaus, Polizeigefängnis,
Frauenkonzentrationslager Ravensbrück sind die ersten Stationen.
Während die jüngere der beiden Schwestern von Ravensbrück
wieder nach Linz ins Gefängnis zurückkommt und nach insgesamt
zehn Monaten heim darf, treffen sich Anna Moosbrugger und Elisabeth Böcklinger
in Zelle 16 von Ravensbrück. Ein gemeinsames Schicksal beginnt. Die
beiden helfen sich gegenseitig durch die folgenden schweren Monate. Am
25. März sind sie unter den ersten 1000 Frauen, die ins KZ Auschwitz
transportiert werden. Irgendwann im Juni 1942 kommen sie nach Birkenau.
Im Oktober 1942 ist für Anna Moosbrugger der Alptraum Konzentrationslager
zu Ende, Elisabeth Böcklinger kommt erst im Juli 1943 heim. Die Nachleiden
aber dauern fort.
Sie sind ausgemergelt,
abgemagert und krank. Anna Moosbrugger z.B. hat Typhus. Sie steckt ihre
Mutter und ihre Schwester an. Die Mutter stirbt, die Schwester ringt lange
mit dem tod und kommt erst Jahre danach wieder richtig zu Gesundheit.
Alle aber tragen im Gepäck die Erinnerung an die Hölle, die
Menschen geschaffen haben. Und Erinnerungen auch daran, daß manche
in diesem Inferno dennoch Menschen geblieben sind. Namentlich erinnern
sich die Frauen auch an einige (wenige) SA-Leute, die gut waren.
Angst und Ungewißheit
Millionen erleben und
erleiden in jener Zeit ähnliches. Tag um Tag, Stunde um Stunde, Minute
um Minute im Gefängnis und erst recht im Konzentrationslager ist
die Angst um ihr Leben bestimmend. "Noch viel schlimmer als der Hunger
war der Durst", sagt Elisabeth Böcklinger. "Hunger, Durst,
Angst, Kälte und Ungewißheit, das ist das Schlimmste."
Von den 1000 Frauen, die als erste nach Auschwitz kamen, sind ein Jahr
später nur noch 40 am Leben!
"Das war ein bitteres
Leben", sagt die heute 67jährige Elisabeth, geborene Moosbrugger.
Es ist für sie hart, heute alles ins Gedächtnis zu rufen. Erlittenes
ist auch in der Erinnerung wieder Leid. Die erlebten Unmensch- lichkeiten
lassen auch so viele Jahre danach noch weinen. Denn es gab nichts noch
so Grausames, was nicht geschehen wäre: So kommt Anna in ihrer Erzählung
immer wieder auf den Pfingstsamstag 1942 zu sprechen. Damals hat sie (ohne
Grund zu erfahren) mit einem Gummiknüppel 25 Schläge auf den
nackten Hintern bekommen. Nicht viele haben diese Tortur über- standen,
es kam häufig zu Nierenblutungen. Das die anderen zusehen mußten,
war üblich bei allen Strafen. Stundenlanges Appell-Stehen, kaum was
zu essen und zu trinken, monatelang kein Wasser zum Waschen, es sei denn,
man hat es sich vom Tee abgespart, harte Arbeit, schwere Erkrankungen
und Verwundungen ohne Medikamente... und bei all dem die Angst - nur nicht
umfallen, nur keine Schwäche zeigen!, denn das wäre der sichere
Weg ins Gas gewesen. Ist eine, weil sie es nicht mehr ausgehalten hat,
umgefallen, durfte sich niemand darum kümmern. Die Frauen mußten
einmal zusehen, wie einer KZ-Insassin ein Hund hinaufgehetzt wurde, der
ihr die Kleider zer- fetzte udn eine Brust zerfleischte; die Frau starb.
Wie hat man das alles
ausgehalten? "Wenn es ums Leben geht, hältīst viel aus",
sagt Elisabeth, die jüngere der Schwestern. In solchen Extrem- situationen
kämpft jede(r) zunächst für sich. Und doch war es wohl
das seltene Glück der Freundschaft, die Anna und Elisabeth Böcklinger
über- leben ließen. "Wir haben alles geteilt", sagt
Anna. Und Frau Böcklinger erinnert sich an Szenen, solchen Teilens:
"Lisi, jetzt habī ich weider ein Stück Brot", sagte Anna
und gab Frau Böcklinger davon, sooft sie etwas hatte. "Das vergeß
ich ihr nie!"
Das Erleben des Hungerns
im Lager, wo Brot so knapp war und es kaum zu essen gab, läßt
sie heute nicht verstehen, wenn Brot achtlos weggeworfen wird.
Wenn eine nicht mehr
konnte, hat sie die andere einhängen lassen und mit- geschleppt.
"Lisi ist mein Glück, daß ich heimgekommen bin, weil sie
mich nach den 25 Schlägen mitzaht hat", sagt zum Beispiel Anna...
Nach soviel Leid, wie
lebt man da heute? Verbittert? Alle drei sagen nein. "Man muß
wieder vergessen können. Man kann nicht zeitlebens so dahintun, sonst
geht man vor die Hunde." - "Man muß es auf die Seite legen
können und die schönen Dinge sehen. Da ist es ein Glück,
daß du eine gute Ehe und brave Kinder hast."
Von staatlicher Wiedergutmachung
und manchen Erleichterungen für NS-Opfer haben sie spät oder
gar nichts erfahren. Um die politisch Verfolgten kümmer(te)n sich
Organisationen, sie aber waren ja Einzel"täter" der Menschlichkeit.
- Sie waren Fremden nicht feind!
Heute wieder Angst
Heute haben sie Angst
davor, daß ihre Lebensgeschichte öffentlich wird. Denn schon
tauchen wieder Hakenkreuze auf. Neonazis haben Zulauf. Gegen Schwache
wird getreten. Und manche leugnen allen Ernstes die Tatsache der Konzentrationslager,
die Abertausenden soviel Leid bereitet haben. Schreiben Sie nicht unsere
Namen, bitten die beiden Schwestern. Sie haben zuviel Unvorstellbares
gelitten, daß sie sich nicht vorstellen könnten, daß
wieder eine Zeit grober Unmenschlichkeit kommt.
Ernst Gansinger
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