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Den NSZwangsarbeitern einen Namen
geben
Linz erinnert sich eines düsteren Kapitels der Geschichte
In Linz an der Donau verkündete Adolf Hitler 1938 den «Anschluss» Österreichs
ans Deutsche Reich. Die aufstrebende Industrie der Stadt beschäftigte
während des Nationalsozialismus Tausende von Zwangsarbeitern. Nach Jahrzehnten
des Schweigens ist das düstere Kapitel der Geschichte nun von einem
Forscherteam aufgearbeitet worden.
mac. Linz, im Januar
Am weitläufigen Hauptplatz von Linz steht das Alte Rathaus mit seiner
Barockfassade. Es ist ein Haus mit Symbolik. Vom Balkon über dem Eingang
hatte Adolf Hitler am 13. März 1938 den «Anschluss» Österreichs ans
Deutsche Reich verkündet. Die Hauptstadt seiner Heimatregion Oberösterreich
– eine von fünf «Führerstädten» – sollte privilegiert behandelt werden.
Von den zahlreichen Projekten sind nur wenige realisiert worden. Der
riesige Industriekomplex der Vereinigten Österreichischen Eisen und
Stahlwerke – der Voest Alpine AG – erinnert aber bis heute an die Zeit,
da in Linz das Industriefieber grassierte. Hermann Göring persönlich
hatte im Mai 1938 den Spatenstich für den Bau der Linzer Niederlassung
der Reichswerke Hermann Göring vorgenommen. An der Stelle einer dörflichen
Siedlung entstand innert kürzester Zeit eine Eisenhütte mit Hochöfen;
daraus entwickelte sich später ein grosser Rüstungsbetrieb.
Annäherungen an die Vergangenheit
Funktionieren konnte der Linzer Industriekomplex während des Krieges
nur dank mehreren 10 000 Zwangsarbeitern aus allen Teilen Europas. Ihr
Schicksal ist Teil einer Vergangenheit, die Linz nach dem Zusammenbruch
1945 verdrängt und vergessen hatte. Zwar war die Existenz der Zwangsarbeit
im Nationalsozialismus seit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen
öffentlich bekannt. Auch hatten in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts
Historiker wissenschaftliche Pionierarbeit geleistet. Das Thema wurde
aber erst wieder im Zuge der Diskussionen um Enteignungen jüdischen
Besitzes und nachrichtenlose Konten virulent. In dieser Situation wollte
sich auch die Voest Alpine, die aus den HermannGöringWerken entstanden
war, der Vergangenheit stellen. 1998 beauftragte sie eine aus ausgewiesenen
Fachleuten zusammengesetzte Kommission mit der Untersuchung der Zwangsarbeit
in den HermannGöringWerken Standort Linz.
Herausgekommen ist, in vorbildlicher Kooperation zwischen dem betroffenen
Betrieb und der Wissenschaft, eine zweibändige Studie, deren Erkenntnisse
kürzlich an einem von der Voest und universitären Einrichtungen durchgeführten
internationalen Symposium in Linz in den Kontext der deutschen Zwangsarbeiterforschung
gestellt wurden. Über die wissenschaftliche Diskussion hinaus hatte
die Tagung zum Ziel, die Anstrengungen der einstigen «Führerstadt» in
der historischen Aufarbeitung darzustellen und die öffentliche Auseinandersetzung
mit der Vergangenheit anzuregen. Mehr als nur symbolisch war deshalb
der Tagungsort, das Alte Rathaus.
Den Zwangsarbeitern von Linz einen Namen zu geben und sie in einer Datenbank
zu dokumentieren – dies war eine der zentralen Aufgaben des Forscherteams
um den Wiener Zeithistoriker Oliver Rathkolb. Der Fund längst vergessener
Lohn und Personalunterlagen der HermannGöringWerke im Keller der Voest
in Linz lieferte einen grossen Teil der dafür nötigen Datengrundlage.
50 bis 80 Prozent der Beschäftigten der Linzer Grossindustrie hatten
sich in der zweiten Hälfte des Krieges aus Kriegsgefangenen und ausländischen
Zivilarbeitern rekrutiert. Das Ausmass des Zwangs war, wie Ulrich Herbert
(Universität Freiburg im Breisgau) darlegte, nicht einheitlich, sondern
entsprach dem den nationalsozialistischen rassistischen und politischen
Kriterien genügenden System. So gab es «arische Zivilarbeiter », die
ursprünglich vertraglich verpflichtet worden waren und aus rassischen
Gründen bevorzugt behandelt wurden. Süd und osteuropäische Arbeitskräfte,
bei deren Rekrutierung bereits bedeutend mehr Zwang im Spiel gewesen
war, rangierten weiter hinten, aber noch vor KZHäftlingen, Russen («Ostarbeitern»)
und Juden. Ohne die zwangsweise zur Arbeit im Deutschen Reich verpflichteten
Ausländer und die später ebenfalls eingesetzten KZHäftlinge wäre die
deutsche Wirtschaft laut Herbert bereits ab 1940/41 nicht mehr funktionsfähig
gewesen.
Brutale Rekrutierung
Denn mit dem Beginn des Krieges 1939 war eine doppelte Belastung des
Arbeitsmarktes eingetreten: Die immer stärkere Forcierung der Industrieentwicklung
im Dritten Reich hatte bereits Arbeitskräfte absorbiert; der Krieg band
nun zunehmend mehr arbeitsfähige Männer. Ausländer mussten die Lücke
füllen. Der Psychologe Karl Fallend, der als Mitglied der Linzer Historikerkommission
mehrere Dutzend Interviews mit Zeitzeugen geführt hat, schilderte eindrücklich,
wie ein tschechischer Seminarist zur Arbeit in den HermannGöringWerken
zwangsrekrutiert worden war; dieser teilte das Los mit Zehntausenden.
Besonders brutal gingen die Verantwortlichen in den besetzten Gebieten
im Westen der Sowjetunion vor, wie Michael John (Universität Linz) darlegte.
Überdurchschnittlich hoher Arbeitsdruck, Strafen und die Überstellung
in Arbeitslager oder gar an die SS oder die Gestapo prägten das Arbeitsumfeld
in Linz, wo nicht nur prozentual zur Bevölkerung sehr viele Zwangsarbeiter
beschäftigt waren, sondern, so John, auch besonders viele «Ostarbeiter»,
Polen und KZInsassen.
Letztere stellten eine spezielle Kategorie von Zwangsarbeitern dar,
deren Erforschung sich laut Bertrand Perz (Universität Wien) besonders
schwierig ausnimmt. In den Konzentrationslagern stand das Politische
im Zentrum. Die SS war bestrebt, bei Kooperationen mit Rüstungsbetrieben
selbst möglichst viele Fäden ziehen zu können; die Auslagerung eines
Teils der Häftlinge war ihr suspekt. Gleichwohl kam mit den HermannGöringWerken
eine Zusammenarbeit zustande. Auf dem Werksgelände wurden zeitweise
drei Aussenstellen des nahe gelegenen KZ Mauthausen unterhalten. Die
ökonomischen Erwartungen erfüllten sich aber nicht. Die Grenzen des
Zwangs und der physischen Repression zeigten sich hier: Zuletzt brachen
die Häftlinge am Arbeitsplatz zusammen. Einen gewissen Handlungsspielraum
hätten die Unternehmen nach Ansicht von Mark Spoerer (Stuttgart), der
zur Zwangsarbeit bei DaimlerBenz geforscht hat, durchaus besessen. Dieser
wurde aber nur selten ausgenützt.
Geschlechterspezifische Tabuzonen
Dass das Schicksal der Frauen unter den Zwangsarbeitern eine gesonderte
Betrachtung erfordert, zeigt die Forschung von Gabriella Hauch (Universität
Linz). Sie hat sich mit den rund zehn Prozent weiblichen Zwangsarbeitern
in den HermannGöringWerken Linz befasst und sich in Zonen des Schweigens
vorgewagt. Ihre Studie behandelt nicht nur die Rekrutierung und den
Transport der Frauen sowie den Aufenthalt in Linz mit der spezifischen
sexuellen Gewalt. Sie hat auch den noch stärker tabuisierten Umgang
der Betriebe und der für die Zwangsarbeiter zuständigen Arbeitsämter
mit der Sexualität und der Gebärfähigkeit untersucht. Die Nationalsozialisten
hatten sich mit der Frage von Schwangerschaften bei «Ostarbeiterinnen»
anfangs gar nicht auseinandergesetzt. Spätestens nach der Niederlage
in Stalingrad verlangten sie von den Zwangsarbeitern eine Steigerung
der Produktivität. Weil Schwangerschaften die Einsatzfähigkeit der Frauen
einschränkten, wurden zunehmend Abtreibungen, bis in den siebten Monat,
durchgeführt. Die Frauen waren Übungsobjekte; Widerstand, auch von Ärzteseite,
gab es kaum. Neugeborene wurden den Müttern weggenommen und in «fremdvölkischen
Säuglingsheimen» untergebracht, in denen grauenvolle Zustände herrschten.
Wer die schrecklichen Jahre der Zwangsarbeit überlebte, hatte noch nicht
in jedem Fall die Hölle hinter sich. Viele «Ostarbeiterinnen» und «Ostarbeiter»
sowie Kriegsgefangene wurden nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion
als mutmassliche Kollaborateure in das stalinistische GulagSystem verbannt.
Manchen ehemaligen Leidensgenossen aus ostmitteleuropäischen Ländern
ging es nach der Machtübernahme der Kommunisten in ihren Heimatländern
ähnlich. Es muss ein beinahe unbeschreibliches Schicksal hinter einem
Zeitzeugen liegen, wenn er gegenüber Karl Fallend sagen konnte: «Linz,
das war noch Gold, das war Eden.» Aus der Eindringlichkeit solcher Biographien
heraus hat Fallend ein Theaterstück geschrieben, eine berührende Collage
der Erinnerungsberichte. Die Aufführung des Stücks im Landestheater
Linz ist, wie der Tagungsort, voller Symbolik. Linz, so scheint es,
setzt die Stunde null nicht mehr 1945 an.
Die Reichswerke Hermann Göring
mac. Die HermannGöringWerke Linz waren
Teil eines weitläufigen Konzerns, dessen Zentrale in Berlin lag. Die
ursprünglichen Hüttenwerke, mit deren Bau 1937 begonnen worden war,
befanden sich in Salzgitter bei Braunschweig. Ein Netz von Niederlassungen
und Beteiligungen erstreckte sich über das Deutsche Reich, Österreich,
das Protektorat Böhmen und Mähren sowie das Generalgouvernement Polen.
In die deutsch besetzten Gebiete der Sowjetunion wurden ebenfalls Fühler
ausgestreckt. Auch am Standort Linz wurde rasch kräftig expandiert.
1939 wurden die Eisenwerke Oberdonau gegründet, die sich zum grössten
deutschen Panzerwerk entwickelten. Überdies wurde mit der Alpinen Montangesellschaft
ein wichtiger Rohstofflieferant übernommen. Die SteyrDaimlerPuch und
weitere bedeutende Industrie und Rüstungsbetriebe in Österreich gerieten
ebenfalls unter die Kontrolle der HermannGöringWerke.
Entschädigung für Zwangsarbeiter
mac. Die Aufarbeitung der Vergangenheit
durch die Voest Alpine AG und Linz steht im Zusammenhang mit den intensiven
Debatten um Enteignungen jüdischen Besitzes, um den Handel mit «Raubgold»
und um den Einsatz von Zwangsarbeitern während der nationalsozialistischen
Herrschaft in Österreich. 1998 setzte Österreich als Antwort darauf
eine Historikerkommission ein, die in einer bereits veröffentlichten
Studie die Zahl der in der damaligen Ostmark beschäftigten Zwangsarbeiter
auf 992 900 veranschlagt hat. Unter dem Druck von Sammelklagen wurde
im Jahr 2000 nach Verhandlungen zwischen Beauftragten Österreichs und
der USA sowie Vertretern der ehemaligen Zwangsarbeiter aus Osteuropa
ein Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter eingerichtet («Versöhnungsfonds
»), der mit umgerechnet 650 Millionen Franken dotiert ist. Nach dem
Rückzug der letzten Klagen konnte in der zweiten Hälfte des vergangenen
Jahres mit der Auszahlung an die Opfer begonnen werden.
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