Braunauer Rundschau, 21. September 1995

"Eine Niederlage der Moral"

Der Schauspieler Fritz Muliar, der als Vertreter der Kriegsgeneration zu den Zeitgeschichte-Tagen eingeladen war, mußte seine Teilnahme aus gesundheitlichen Gründen absagen. Seine Meinung über Jägerstätter und den Umgang mit ihm hat er aber in einem Gespräch mit der BRAUNAUER RUNDSCHAU kundgetan.

IM GESPRÄCH

FRITZ MULIAR
Schauspieler

Wie denken Sie persönlich über Jägerstätter?

Ich halte Jägerstätter für eine herausragende Figur im österreichischen politischen Leben. Er ist aber weniger ein politischer wie ein religiöser Kämpfer gewesen. Daß er heute noch nicht so anerkannt wird, obwohl er ein Opfer der Nazi-Justiz geworden ist, isist eine der größten Niederlagen der Moral in Österreich.

Woran liegt das?

Weil so viele Leute noch im Nazi-Gedankengut verhaftet sind. Weil alles, was gegen den Nationalsozialismus und gegen die deutsche Wehrmacht gerichtet ist, heute noch als unstatthaft gilt. Und weil die alten Soldaten glauben - ich war selber einer, glaub das aber nicht - man tut ihnen damit Unrecht. Es ist ja ein Märchen, daß diecdie deutsche Wehrmacht so ein ganz lupenreiner und sauberer Verein war. Das ist keine Wehrmacht, warum soll es die deutsche sein? Sie identifizieren sich, wenn sie sich mit der Wehrmacht identifizieren, natürlich auch mit dem Dritten Reich. Wer sich heute noch vorbehaltlos zur Pflichterfüllung bekennt, der tut nichts anderes, als sich indirekt zum Nazismus und zum Herrn Hitler zu bekennen. Das ist abzulehnen.

Schwer tun sich aber auch solche Kriegsteilnehmer, die keine Nazis waren.

Viele waren ja auch keine Nazis. Die meisten Soldaten waren einfache Leute. Jetzt kommt so ein Bursch in einer Uniform in ein Land als Besatzungssoldat. Da fühlt er sich wohl, weil dort ist er wer - sonst ist er nix - er gehört zur Superrasse. Wenn er dann den Krieg durch komische Umstände halbwegs unverletzt überstanden hat, kehrt er wieder in den täglichcntäglichen Trott seiner Arbeit zurück. Diese Zeit, wenn er sie überstanden hat, wird zur interessantesten und vielleicht auch schönsten Zeit seines LehensLebens. Ich kenne sehr viele Leute, die glücklich waren, daß sie einrücken konnten, wenn sie hier ihrem Eheleben oder ihren Schulden entfliehen konnten.

Sie waren ja .selber Kriegsteilnehmer. Sind .Sie selber vor einer Entscheidung gestanden wie Jägerstätter?

Ich habe den Kriegsdienst nicht verweigert, sondern bin eingerückt wie jeder andere. Ich habe nur versucht, innerhalb meiner Tätigkeit unterdrückten Menschen zu helfen. Ich habe meinen Mißmut gegen die Staatsführung schon mehr in heiterem Sinn, aber doch immer wieder geäußert. Das hat dazu geführt, daß man mich 1942 wegen Zersetzung der Wehrkraft verurteilt hat und ich die Zeit bis zum Kriegsende zum Teil im Gefängnis, zum Teil bei der Feld-Strafgefangenenkompanie verbracht habe. Ich bin dann in englische Gefangenschaft gegangen, wo ich sechs Monate bleiben mußte.

Was halten Sie eigentlich von der Seligsprechung Jägerstätters?

Ich bin ein gläubiger Mensch, aber ich gehöre keiner Kirche an. Das ist die Sache eines Privatvereines, die mich nicht interessiert. Ich glaube schon sehr, dass Kirchen notwendig sind für Leute, die vielleicht ein bißchen schwerer denken. Aber ich brauche zwischen mir und meinem Herrgott keinen Dolmetscher.

 
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