Der Standard, 25. September 1995

Heftiger Disput um mögliche Seligsprechung Jägerstätters

Braunau - Mehr als 50 Jahre nach seinem Tod erregt Franz Jägerstätter mehr denn je die Gemüter. Verschiedene Zugänge zum Leben des Innviertler Bauern und divergierende Ansichten zur Seligsprechung prallten bei den Braunauer Zeitgeschichtstagen aufeinander - ohne Chance auf Annäherung. Das Diskussionsforum fand vergangenes Wochenende zum vierten Mal statt und stand unter dem Generalthema "Franz Jägerstätter - Not-wendiger Verrat".

Einen Hauptstreitpunkt in der Diskussion um eine Seligsprechung des nach seiner Wehrdienstverweigerung im Zweiten Weltkrieg Hingerichteten bildete die Frage, ob Jägerstätter Pazifist gewesen war. Für Klaus Heidegger, Vertreter von Pax Christi, ist Jägerstätter im Laufe seines Lebens "zum religiösen Pazifismus gekommen" und hätte gewaltfreie Spiritualität gelebt. Heidegger, selbst Wehrdienstverweigerer, sprach sich entschieden gegen eine Jägerstätter-Kaserne aus, über die in Bundesheerkreisen derzeit diskutiert wird.

Ein Verfechter dieser Umbenennung der Kremser Kirchdorf-Kaserne ist Rolf Urrisk. Für den Berufssoldaten und Vizepräsidenten der Arbeitsgemeinschaft katholischer Soldaten war Jägerstätter "kein Pazifist". Jägerstätter hätte "die Gnade der Erkenntnis" besessen, daß Hitler "keinen gerechten Krieg" gefochten hat. Diese Beschränkung auf den Angriffskrieg des Dritten Reiches sei wichtig, denn "der einfache Mann Jägerstätter" hätte für Österreich sehr wohl Wehr und Kriegsdienst geleistet.

Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun vertrat die Ansicht, "daß die Pazifisten Jägerstätter nicht für sich reklamieren können". Die Soldaten könnten hingegen stolz auf ihn sein. Die Bereitschaft zur Verteidigung sei mit Jägerstätter absolut verträglich.

In der Diskussion der Seligsprechung stellte der Theologe und Kirchenhistoriker Georg Denzler die Frage, "ob sich Jägerstätter in der Gesellschaft der Seligen überhaupt wohl fühlen würde". Denzler hat prinzipielle Bedenken gegen Seligsprechungen, die von diesem Papst inflationär oft vorgenommen würden. Unumstritten ist für ihn, daß der Mesner aus St. Radegund "verehrungswürdig" sei.

Jägerstätter habe nach heutigen Erkenntnissen keineswegs beispielgebend gelebt, meinte der Religionswissenschafter Werner Fischer. Aus Aufzeichnungen wisse man, daß seine Ansichten zum Bild von Frau und Familie konservativ traditionell gewesen seien. Seine Frömmigkeit samt düsterer Gottesfurcht entspräche nicht aktuellen Vorstellungen.

Laun trat hingegen für eine Seligsprechung Jägerstätters ein, "außer es gäbe peinliche Dinge, die dagegensprächen". Das Leben vieler Heiliger sei "nicht unfehlbar gewesen", und "manche Heilige würden heute nicht mehr durch den Prozeß kommen".

Sigrid Brandstätter

 
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