Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes
JAHRBUCH 1991
Redaktion: Siegwald Ganglmair
S. 20 – 32.

ANDREAS MAISLINGER

DER FALL FRANZ JAGERSTÄTTER

Die Geschichte des österreichischen Bauern Franz Jägerstätter scheint kurz und unkompliziert zu sein. Der amerikanische Soziologe Gordon c. Zahn, der erste Biograph Jägerstätters, faßt das Leben des österreichischen Landwirtes wie folgt zusammen:

"Franz Jägerstätter wurde am 20. Mai 1907 in St. Radegund, einem kleinen oberöstereichischen Dorf, geboren. Er war noch ein Kind, als sein natürlicher Vater im Ersten Weltkrieg fiel; seine Mutter heiratete später, und ihr Mann adoptierte den Knaben.

In seiner Jugend stand Franz im Ruf eines Raufbolds; im allgemeinen aber verlief sein Leben damals genauso wie das der meisten österreichischen Bauern.

Im Jahr 1936 heiratete er ein Mädchen aus einem Nachbardorf, und ihre Hochzeitsreise machten sie nach Rom. Katholisch von Geburt an, erfuhr er - offensichtlich um die Zeit seiner Heirat - ein religiöses Erwachen; er übernahm später die Mesnerstelle an seiner Pfarrkirche. Nach dem Einmarsch der Truppen Hitlers in Österreich 1938 war er der einzige Mann im Dorf, der gegen den Anschluß stimmte. Obwohl er keiner politischen Organisation angehörte und sogar eine kurze militärische Ausbildung mitgemacht hatte, blieb er ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus und erklärte öffentlich, er würde in Hitlers Krieg nicht kämpfen.

Nach mehrmaligem Aufschub erfolgte im Februar 1943 Jägerstätters Einberufung zum aktiven Wehrdienst. Damals hatte er drei Töchter, die älteste kaum sechs Jahre alt. Er beharrte auf seiner Weigerung, für das Dritte Reich zu kämpfen, und wurde daraufhin zuerst in Linz, dann in Berlin in Haft gesetzt. Nach einem Kriegsge-richtsprozeß wurde er am 9. August 1943 enthauptet." 1)

Der Leser könnte fragen, warum sich der Herausgeber eines Buches über Nationalsozialismus in Österreich ent-schied, Franz Jägerstätter einen ganzen Beitrag zu widmen. Jägerstätter war schließlich nur eines von Millionen Opfern des NS-Regimes. Als Teil einer Antwort auf diese Frage kann gelten, daß Franz Jägerstätter in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien der weithin bekannteste österreichische Gegner und das bekannteste Opfer der Hitler-Ära ist. In der Öffentlichkeit tauchte Jägerstätters Name im anglo-amerikanischen Raum erstmals nach der Veröffentlichung von Gordon C. Zahns Jägerstätter-Biographie auf. In der Folge sollte Jägerstätter als der einzige österreichische Dissident der NS-Ära Gegenstand von englischsprachigen Büchern und Broschüren werden. Die eben erwähnten Entwicklungen allein rechtfertigen jedoch nicht völlig die Entscheidung des Herausgebers, einen eigenen Beitrag über Franz Jägerstätter miteinzubeziehen. Jägerstätter ist in den Verein-igten Staaten und in Großbritannien für viele auch eine wichtige religiöse Figur. Dwight Macdonald hat Jäger-stätter einen der "wenigen moralischen Helden" des zwanzigsten Jahrhunderts genannt. 2)

Das Interesse an Franz Jägerstätter geht über den rein katholisch-intellektuellen Bereich hinaus. Experten haben den Taten dieses einfachen österreichischen Bauern Dutzende von Artikeln und Buchrezensionen gewidmet. Israelische und jüdisch-amerikanische Autoren bezogen die Analyse von Jägerstätters Widerstandshandlung in ihre Arbeiten mit ein. Prominente westdeutsche und österreichische Zeitungen, wie etwa die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", schrieben über ihn. Kein anderes österreichisches Opfer der Nazi-Tyrannei hat international eine Beachtung dieses Ausmaßes gefunden.

Obwohl nicht so bekannt wie Pater Maximilian Kolbe, Claus von Stauffenberg und Anne Frank, nimmt Jägerstätter einen speziellen Rang unter den Opfern des nationalsozialistischen Terrors ein. Im Gegensatz zu den Vorgenannten hatte Jägerstätter eine relativ geringe Schulbildung und handelte als Gegner des Hitler-Regimes für sich allein. Kolbe hatte die Unterstützung der katholischen Kirche Polens und Stauffenberg den Rückhalt einer im deutschen Militärstab verankerten Widerstandsgruppe. Von den bekanntesten NS-Opfern unterschied sich Jägerstätter durch seinen einfachen bäuerlichen Hintergrund und durch seinen Willen, auf sich allein gestellt Hitler Widerstand zu leisten.

Vor der Veröffentlichung von Zahns Buch war Jägerstätter in Österreich vollkommen unbekannt. In den frühen Arbeiten über den österreichischen Widerstand wird er nicht erwähnt. Der Historiker Karl Stadler 3) verfaßte zwei Dokumentationen über die österreichischen Opfer des Nationalsozialismus: Seine erste beinhaltet nicht einen einzigen Hinweis auf Jägerstätter, erst die zweite erwähnt ihn in Form eines aus Zahns "German Catholics and Hitler's Wars" entnommenen Zitats. 4) Vor der Veröffentlichung Zahns , konnten Hinweise auf Jägerstätter nur in einigen katholischen Publikationen gefunden werden. Kurz nach dem Krieg autorisierte die katholische Kirche den Wiener Prälaten Jakob Fried 5) zur Erstellung einer Dokumentation über "Nationalsozialismus und katholische Kirche in Osterreich". Frieds Studie wurde in der Absicht geschrieben, das Verhalten der österreichischen katholischen Kirche während des Zweiten Weltkrieges zu rechtfertigen. Fried untersucht detailliert Leben und Tod Jägerstätters und zieht die Schlußfolgerung, daß der Mesner aus St. Radegund "das heldenhafte Beispiel einer großen Märtyrergesinnung eines braven katholischen Bauern" darstellt. 6) Fried behauptet, Jägerstätter sei nur ein typisches Beispiel eines Mitglieds des Österreichischen Widerstands gewesen, führt aber kein anderes Beispiel eines Widerstandskämpfers aus der österreichischen Bauernschaft an. Außerdem bezieht sich Fried in diesem Fall auf keine weiteren Informationsquellen. 7)

Obwohl dieses Buch weite Verbreitung fand, blieb Jägerstätter bis in die Mitte der fünfziger Jahre relativ unbekannt. Der erste Franz Jägerstätter gewidmete Artikel erschien in Heinrich Kreutzbergs Buch über Pater Franz Reinisch, einen österreichischen Priester, der es abgelehnt hatte, den deutschen Militäreid zu leisten. 8) Der Anhang zu Kreutzbergs Buch enthält eine vierseitige Abhandlung über Jägerstätters Widerstand gegen Hitlers Kriegstreiben. Dieses Kapitel setzte Gordon C. Zahn auf die Spur Jägerstätters. Kreutzberg war Kaplan in jenem Gefängnis, in dem Jägerstätter ein Jahr nach der Exekution Pater Franz Reinischs festgehalten wurde.

Seit dem Erscheinen von Kreutzbergs Kapitel über Jägerstätter wurden drei Bücher über den österreichischen Landwirt und Mesner veröffentlicht. Zahns Buch erschien in vier Sprachen (Deutsch, Italienisch, Griechisch und Französisch), 1986 legten Templegate Publishers eine Neuausgabe von Zahns Originaltext vor. 1980 schrieb der Priester Georg Bergmann das zweite Buch über das Leben Franz Jägerstätters aus einer rein religiösen Perspektive. 9) Die Dissertation von Erna Putz, einer österreichischen katholischen Journalistin, stellt die jüngste ver- öffentlichte Arbeit über Jägerstätter dar.10) Diese Dissertation beinhaltet viele zuvor unveröffentlichte Details.

Die Vereinigten Staaten: Frühe Anerkennung

Die Anerkennung Jägerstätters in den Vereinigten Staaten begann in den sechziger Jahren. 1968 gedachte ein Amerikaner aus Missoula, Montana, des 25. Jahrestages von Jägerstätters Hinrichtung, indem er nächst dem Grab in der Dorfkirche von St. Radegund eine bronzene Gedenktafel anbringen ließ. Der Text dieser Tafel lautet: "Thank God for Jägerstätter: he knew that we are all brothers and that the command of Christ is essential for everyone. He has not died in vain." 11) Im seIben Jahr nahm Thomas Merton ein Jägerstätter-Kapitel in sein Buch "Faith and Violence. Christian Teaching and Christian Practice" auf. 12) In der Einleitung dieser Publikation schrieb Merton:

"In the case of Franz Jägerstätter we have a faith that stood up against an unjust but established power and refused to practice violence in the service of power. On the other side, we have Simone Weil who was a French pacifist before World War II and who later joined the French resistance agarnst th Nazis. 13)

Merton vergleicht Jägerstätter auch mit Pater Alfred Delp, einem bekannten Märtyrer des deutschen Wider-stands.

Jägerstätters Vermächtnis beeinflußte deutlich das Denken prominenter Mitglieder der nordamerikanischen Anti-Vietnam-Bewegung. Daniel Ellsberg erklärte mehrere Male, daß seine Entscheidung, die Pentagon-Papiere zu veröffentlichen, von Jägerstätters "moralischem Widerstand" mitbeeinflußt war. 14) Auch Merton war ein Gegner der Beteiligung der Vereinigten Staaten am Vietnamkrieg. Jägerstätter wurde gewissermaßen zu einem christlichen Helden in einem ganz allgemeinen Sinn. Pater Boniface Hanley führte Jägerstätter als eines der acht "Vorbilder im Verhalten und Leitbilder für reifes christliches Leben" an. 15) Die anderen sind für ihn Charles de Foucauld, Thomas Dooley, Edith Stein, Vincent Lebbe, Miguel Pro, Eva Lavalliere und Titus Brandsma. Für die meisten seiner Bewunderer in den Vereinigten Staaten ist Jägerstätter ein Symbol des moralischen Gewissens. Hanleys Kapitel über Jägerstätter beispielsweise schließt mit dem folgenden Zitat aus einer Rede von Martin Luther King, Jr.:

"Cowardice asks the question, 'Is it safe?' Expediency asks the question, 'Is it politic?' Vanity asks the question, 'Is it popular?' But conscience asks the question, 'Is it right?' 16)

Hanley hält Jägerstätters Verweigerung für richtig.

Die katholische Kirche: Ein langer Lernprozeß

Am 20. Mai 1987 hielt die Diözese Linz eine Gedenkfeier zu Jägerstätters 80. Geburtstag ab. Niemals zuvor hatte die Diözese Linz ihrem Glaubensbruder Franz Jägerstätter eine solche Ehre gewährt. Mitglieder der Friedensbewegung der Vereinigten Staaten waren anwesend, so auch Bischof Thomas J. Gumbleton aus Detroit. Der Linzer Bischof Maximilian Aichern und Bischof Gumbleton leiteten gemeinsam den Gedenkgottesdienst. In seiner Predigt erklärte Gumbleton, die nordamerikanische Friedensgruppe "Schwerter zu Pflugscharen" habe einen Großteil der Inspiration für ihre gewaltlosen Aktionen gegen die amerikanisch-sowjetische Aufrüstung von Jägerstätter bezogen.

Vor der Feier in Linz waren innerhalb der katholischen Kirche die Meinungen bezüglich Jägerstätter gespalten. Kritiker innerhalb der katholischen Kirche kamen vorrangig aus Österreich selbst. Bis 1963 erlaubte der Linzer Bischof keine Veröffentlichungen von Artikeln über Jägerstätter in der Wochenzeitung der Diözese. 1946 gab Bischof Josephus Calasanctius Fließer folgende Erklärung für seine ablehnende Haltung ab:

"Ich halte jene idealen katholischen Jungen und Theologen und Priester und Väter für die größeren Helden, die in heroischer Pflichterfüllung und in der tiefgläubigen Auffassung, den Willen Gottes auf ihrem Platz zu erfüllen, wie einst die christlichen Soldaten im Heere des heidnischen Imperators, gekämpft haben und gefallen sind. Oder sind die Bibelforscher und Adventisten, die 'konsequent' lieber im KZ starben als zur Waffe griffen, die größeren Helden? Alle Achtung vor einem schuldlos irrigen Gewissen; es wird vor Gott seine Würdigung finden. Für die Pädagogik an den Menschen sind die Beispiele der Helden die aus eindeutig richtigem Gewissen konsequent gehandelt haben, die besseren Vorbilder." 17)

Bis heute verhält sich die kirchliche Hierarchie in Österreich Jägerstätter gegenüber zwiespältig. Der Erzbischof von Wien, Hans Hermann Groer, lehnte es ab, die Tat Jägerstätters bedingungslos zu befürworten und verwies darauf, daß seine Abneigung, ein Urteil über diese Sache zu fällen, aus einem Mangel an Information stamme. 18) Verglichen mit den Stellungnahmen von Franz Kardinal König zu diesem Thema, repräsentiert diese Äußerung einen Schritt weg von der Anerkennung der wahren Natur dieses Falles.

Innerhalb der österreichischen Kirche ist Kardinal König der bekannteste Befürworter Jägerstätters. König vertritt die Meinung, Jägerstätter habe seine Pflicht als Christ erfüllt. König befürwortet selbstredend die verschiedenen Aktionen der Diözese Linz. Natürlich fand diese Identifizierung einiger Mitglieder des österreichischen Klerus mit den Opfern der Nationalsozialisten ihre Kritiker. Einige Einwohner St. Radegunds und der Umgebung drohten ihren Austritt aus der katholischen Kirche an, sollte Jägerstätter heilig gesprochen werden. Alle Priester, die mit Jägerstätter in Kontakt gekommen waren, zählten sich dagegen zu seinen glühendsten Bewunderen. Bei den katholischen Mesnern Oberösterreichs scheint Jägerstätter einen positiven Eindruck hinterlassen zu haben. Im Juli 1984 hielten hundert Mesner der Diözese Linz, größtenteils aus dem Innviertel, einen Gedenkgottesdienst für ihren gemarterten Kollegen ab. Jägerstätters Witwe, die Mesnerin von St. Radegund, nahm an der Veranstaltung teil. Diese Tatsache zeigt offensichtlich, daß die Befürwortung Jägerstätters inner-halb der katholischen Kirche in den niederen Reihen am stärksten ist. Das Schweigen der Österreichischen Bischofskonferenz im Falle Jägerstätters bestärkt die Ansicht, daß die breite Masse der Katholiken mehr an der Propagierung dieses Themas interessiert ist als die kirchliche Hierarchie. Einige ihrer Mitglieder haben aller-dings außerhalb Österreichs ein starkes Interesse an Jägerstätter bekundet. Während des Zweiten Vatikanischen Konzils setzte sich Erzbischof Thomas D. Roberts für ihn mit den folgenden Worten ein: "I plead with the Fa-thers to consider this man and his sacrifice in a spirit of gratitude. May his example inspire our deliberations."19)

Einige Katholiken traten für Jägerstätters Heiligsprechung ein, die ersten Aufrufe dazu gab es nach der Veröffentlichung von Zahns Buch. Aber schon vorher war Jägerstätter mit Sir Thomas More, dem 1535 hingerichteten Kanzler von England, verglichen worden. Heinrich VIII. ordnete Mores Hinrichtung mit der Begründung an, dieser sei ein katholischer Loyalist gewesen. Schon 1952 stellte Heinrich Kreutzberg die Ähnlichkeiten zwi- schen den Hinrichtungen Mores und Jägerstätters fest. In beiden Fällen wurde das Opfer gezwungen, eine Ent-scheidung zwischen der Pflicht gegenüber der Familie und der Pflicht gegenüber Gott zu fällen. Die Opfer stell-ten des weiteren ihre Beziehung zu Gott über ihre Loyalität zum Staat. In jüngerer Zeit bemerkte der britische Pater Bruce Kent, die Parallelen zu Sir Thomas More lägen auf der Hand bis auf den einen Unterschied, „daß

Thomas als internationale Persönlichkeit im Blickpunkt der Welt seiner Zeit stand, Franz dagegen ein Niemand war, der eindeutig damit rechnete, bald vergessen zu werden." 20)

Österreich: Konfrontation mit der Wahrheit

Österreichs zwiespältiger Status als nationalsozialistisches Opfer und als Täter macht es Jägerstätters Mitbürgern oft sehr schwer, über den Stellenwert seines Protestes ins reine zu kommen. Das offizielle Österreich vertritt den Standpunkt, Österreich sei das erste Opfer der nationalsozialistischen Aggressionspolitik gewesen. Trotz der Betonung des Opfer-Status glauben die meisten Osterreicher noch immer, sie hätten während des Zweiten Weltkriegs für die Verteidigung ihres Vaterlandes gekämpft. Fast jede österreichische Gemeinde errichtete ein Denk-mal zu Ehren seiner in beiden Weltkriegen im Kampf gestorbenen Mitbürger. Die Namen der im Ersten Welt-krieg umgekommenen Soldaten scheinen gemeinsam mit den Namen der im Zweiten Weltkrieg Gefallenen auf. Die Denkmäler ignorieren völlig die Rolle Osterreichs als ein nach dem "Anschluß" besetztes Land. Mehr als die Hälfte dieser Kriegerdenkmäler bezeichnet die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten als Helden. Auf dem Denkmal von St. Georgen nächst St. Radegund ist zu lesen: "Heimat gedenke: Für dich gaben wir unser Leben." Diese Inschrift fordert die Österreicher auf, ihren während der "Verteidigung" des Heimatlandes gestorbenen Mitbürgern die gebührende Ehre zu erweisen. Das ist bezeichnend für die Botschaften der Kriegerdenkmäler in ganz Osterreich. 21)

Das Unvermögen österreichischer Behörden, die Beziehung zwischen Osterreich und dem nationalsozialistischen Deutschland klar zu definieren, behinderte auch die durch Franziska Jägerstätter angestrengten Versuche, eine Witwenpension zu bekommen. 1946 erhielt Frau Jägerstätter eine "Amtsbescheinigung", die sie als eine überle-bende Angehörige eines Opfers des nationalsozialistischen Terrors auswies. Zwei Jahre später stellten sich je-doch die österreichischen Behörden auf den Standpunkt, daß das Opferfürsorgegesetz auf Franz Jägerstätter nicht zutreffe, und gaben für ihre Entscheidung zur Aberkennung der Amtsbescheinigung Franziska Jägerstätters folgende Begründung an: Jägerstätter sei zweifellos ein Opfer des Nationalsozialismus, doch er kämpfte nicht im Sinne des § 1 des Opferfürsorgegesetzes 1947 für ein freies und demokratisches Österreich. Gemäß einem Be-richt des Gendarmeriepostenkommandos Ostermiething aus dem Jahre 1948 verweigerte Franz Jägerstätter den Dienst im Heer Hitlers wegen seelischer Depression und religiöser Überzeugung. Diese Faktoren hatten in den Augen der österreichischen Behörden nichts mit dem Kampf für Demokratie und für Österreich zu tun. In einem Brief an Pater Kreutzberg behauptete Franziska Jägerstätter, daß die feindselige öffentliche Meinung in Braunau und Umgebung der entscheidende Anlaß zu diesem Bericht war. Normalerweise hatten Kriegerwitwen wenig oder keine Probleme, eine Pension zu bekommen. Jägerstätters Witwe mußte jedoch zwei Jahre bis zum Erhalt ihrer ersten Pensionszahlung warten. Es war offenkundig, daß sich die österreichischen Behörden mit den Pen-sionszahlungen an Frau Jägerstätter wegen der kontroversiellen Natur der Handlungsweise ihres Ehemannes Zeit ließen. 22)

Wie bereits erwähnt, wurde Jägerstättcr erst nach der Herausgabe der deutschen Übersetzung von Zahns Buch im Verlag Styria (1967) in ganz Österreich bekannt. Etwa hundert Zeitungen im deutschsprachigen Raum rezensierten dieses Buch; auch solche, die dem Katholizismus nicht unbedingt wohlwollend, ja sogar feindlich gegen-überstanden, priesen Jägerstätter in ihren Artikeln. Der Rezensent der "Arbeiter-Zeitung" hielt Jägerstätter für einen Märtyrer im Kampf gegen den Totalitarismus. Derselbe Autor beschuldigte die katholische Kirche der Ka-pitulation vor dem NS-Regime, da sie es versäumt hatte, Jägerstätter zu unterstützen. Erstaunlicherweise brachte auch die kommunistische "Volksstimme" eine Buchbesprechung und zollte Jägerstätter große Anerkennung. Wie die "Arbeiter-Zeitung" kritisierte auch die "Volksstimme" die Haltung der katholischen Kirche Osterreichs ge-genüber Jägerstätter aufs heftigste. Lediglich das "Linzer Kirchenblatt", das offizielle Organ der Diözese Linz, mißbilligte Zahns Darstellung. 23)

Die Ausstrahlung des Films "Der Fall Jägerstätter" am Nationalfeiertag 1971 im ORF-Hauptabendprogramm war ein nationales Ereignis, das das öffentliche Bewußtsein für diese Problematik schärfte. Die allgemeine Reaktion auf diesen Film war überwältigend. Das Katholische Bildungswerk organisierte hunderte Diskussionen zum Inhalt dieses Spielfilms.

Nationalsozialismus: Drei Arten von Opfern

Die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung können nach Gordon C. Zahn einer der drei folgenden Kategorien zugeordnet werden: 1 genetische Opfer; 2 politische Opfer; 3 Gewissensopfer. Juden und Zigeuner waren genetische Opfer, mit einem gewissen Abstand auch die Slawen. Zu den politischen Opfern zählen die von den Nationalsozialisten wegen Teilnahme an einer organisierten Widerstandsgruppe verfolgten Menschen, am häu-figsten die Aktivisten der Kommunisten, der Sozialdemokraten und konservativen Parteien. Gewissensopfer sind Personen, die wegen ihrer individuellen Verweigerung von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Jägerstätter war ein solches Gewissensopfer. Seine Entscheidung beruhte nicht allein auf seinem Bekenntnis zu den christ-lichen Idealen. Als österreichischer Patriot verwarf er die Vorstellung, in einer von der nationalsozialistischen Diktatur bestimmten fremden Armee dienen zu müssen. Diese beiden Faktoren muß man in Rechnung stellen, soll Jägerstätters Entscheidung im richtigen Zusammenhang gesehen und dementsprechend gewürdigt werden. Andererseits ist zu betonen, daß Jägerstätter keinerlei Kontakte zum anti-nationalsozialistischen Widerstand unterhielt.

Das seiner Natur nach dem deutschen ähnliche politische Klima Österreichs nach 1938 machte die Herausbildung einer Opposition hier viel schwieriger als in anderen besetzten Ländern, wie beispielsweise in Frankreich oder Polen. Klemens von Klemperer untersuchte die Beweggründe, die Männer wie Julius Leber, Johann Georg Elser, Ludwig Beck, Carl Friedrich Goerdeler, Graf von der Schulenberg, Graf von Moltke, Dietrich Bonhoeffer, Graf von Stauffenberg und Franz Jägerstätter zu ihrer Entscheidung zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus veranlaßten. Hinsichtlich Jägerstätter kam Klemperer zur Überzeugung, daß dieser sowohl politische als auch moralische Elemente für die Rechtfertigung seiner Widerstandshandlung herangezogen habe. Eine rein moralische Entscheidung würde Jägerstätter, so Klemperer, davon abgehalten haben, seine Familie durch politi-schen Selbstmord aufzugeben. 24)

Im Gegensatz zu den Gegnern des Nationalsozialismus in Frankreich oder Polen hatte Jägerstätter fast keine Möglichkeit, Gleichgesinnte um sich zu sammeln. Das völlige Fehlen des Wortes Widerstand in seinen persönlichen Aufzeichnungen zeigt am deutlichsten Jägerstätters Isolation. Erst knapp vor seiner Exekution erfuhr er, daß ein anderer Österreicher den Dienst in der Armee Hitlers verweigert hatte. Kurz vor der Hinrichtung erzählte ihm Pater Kreutzberg: "Dieser Priester hieß Franz wie Sie, und er war aus Österreich wie Sie. Und wenn Sie schon in den Tod gehen wollen, dann gehen Sie so tapfer und groß wie er hinüber in die Ewigkeit." 25) Pater Kreutzberg bemerkte Jägerstätters moralischen Auftrieb, als dieser von Pater Reinischs Bereitschaft erfuhr , eher sein Leben zu opfern, als den deutschen Militäreid abzulegen. Jägerstätter reagierte auf den Vergleich mit Pater Reinisch mit großer Genugtuung:

'Das habe ich mir doch immer gesagt, daß ich nicht auf einem falschen Weg sein kann. Wenn aber ein Priester sich so entschieden hat und in den Tod gegangen ist, dann darf ich das auch tun.' 26)

Kirche und Kriegsdienstverweigerung: Ein zwiespältiger Standpunkt

Über die Jahre hin hat die katholische Kirche einen zwiespältigen Stand- punkt gegenüber der Kriegsdienstverweigerung eingenommen. Es scheint in ihr drei verschiedene Haltungen zu Krieg und Frieden zu geben. Eine christliche Lehrmeinung vertritt einen pazifistischen Zugang zur Konfliktlösung. Zwei der bekanntesten Propo-nenten von Gewaltlosigkeit in der katholischen Kirche sind Daniel und Phillip Barrigan. Die Doktrin vom ge-rechten Krieg, ein theoretisches Konzept, das von Augustinus und Thomas von Aquin entwickelt wurde, reprä- sentiert einen zweiten Zugang, den katholische Theoretiker bei der Beantwortung der Frage, ob Katholiken an Kriegen teilnehmen sollen oder nicht, wählen. 1) Der Krieg muß von einer öffentlichen Autorität zum Wohl der Allgemeinheit geführt werden. 2) eingerechter Grund muß vorgebracht werden; 3) er muß mit gerechten Absichten ausgetragen werden; und 4) das durch den Krieg verursachte Leid darf nicht über das Gute hinausgehen, das durch ihn in die Welt gesetzt wird. In Anwendung dieser Kriterien wäre ein objektiver Entscheidungsträger gezwungen gewesen, die Aggression des nationalsozialistischen Deutschland als Ursache eines ungerechten Krieges zu erklären. Papst Pius XII. fällte hinsichtlich des Charakters des Zweiten Weltkrieges kein offizielles Urteil.

'In Germany, in 1939, the Roman Catholic hierarchy urged soldiers to support their country and 'to do their duty in obedience to the Führer, ready for sacrifice and with commitment of the whole being.'"

 
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